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depesche an/von A.C.

brmu an A.C.,
haben wieder meeting gehabt – stopp – „Die Pest“ zentrales thema – stopp – angeregte diskussion, teils kontrovers – stopp – paterfigur Paneloux im fokus mit zwei predigten – stopp – emotionale reaktionen auf den sermon in der runde – stopp – sind uneins über deine intentionen – stopp – fragen uns: a) dein roman nur literarische fingerübung als spiegelung deiner welt – stopp - b) intendierte warnung für uns heutige – stopp – was meinst du?
gez. brmu/mitglied / 7. Feb. 2017

A.C. an brmu,
monsieur, je suis mort! – stopp – lesen Sie bei Roland Barthes nach – stopp – der autor ist tot – stopp – ich auch – stopp - bleibe es auch – stopp – ihr müsst selbst denken – stopp – viele einsichten wider trübe aussichten!
macht’s gut, Albert / 8. Feb. 2017

 

frustgedicht im spontihirn

da sitz ich nun, ich armer tropf
und bin nicht schlau mit grauem schopf.
heiße mich autor, heiße doktor gar
und schreibe schon in dem zehnten jahr,
hinauf, hinab und quer und dumm
meinen lesern die regale krumm -  er hält sich raus, der Albert. ich soll selbst denken!  – aber was, bitte schön? sein nach dem zweiten weltkrieg erschienener roman ist bestimmt auch ein produkt seiner zeit. aber fast siebzig jahre danach, was soll da noch für uns verwertbar sein?

da steckt sicherlich mehr dahinter. dieser pater namens Paneloux hält zwei predigten, die eine im selbstgerechten stil der alten kirche, in der die pest eine strafe gottes sei für den abfall vom glauben. alle sinken auf die knie, keiner denkt.

dann aber wird dieser bigotte typ in die hilfsmaßnahmen für die kranken integriert und er erlebt direkt die brutalität der wirkung der pest ohn‘ anseh’n der person. das leiden eines kindes lässt ihn nicht los, führt zum aufkeimenden zweifel. in einer zweiten predigt mit schon weniger zuhörern bekennt er, dass er nichts ergründen kann, aber umso fester glauben will. er stirbt später mit dem kreuz in der hand.

das strickmuster der machtausübung kennen wir doch: man kreiere in kritischer situation (hier: epedemie) einen äußeren feind (hier: pest) und rufe die lage als prüfung (hier: gerechte und böse) aus. jeder will zu den gerechten gehören und unterwirft sich den forderungen der prediger (hier: pater) transzendentaler macht (hier: gott). das denken wird eingestellt (hier: kniefall), und damit die analyse der situation und die daraus ableitbaren auswege. das ist fatalismus pur, eine tatenlose ergebenheit in die gegebenheiten.

der arzt Rieux hingegen hat keine gewissheiten, keinen glauben, er zeigt haltung. er bewertet die ist-situation als eine absurde, er meint: die ist wie sie ist und lässt sich in seinem impuls zu helfen nicht beirren. hier hilft wohl der eid des Hippokrates, den die ärzte als berufsethos ablegen, als eine übergeordnete, ethische orientierung. Rieux fusst also auf säkularer, praktisch-pragmatischer ebene, er ist geerdet, er benötigt keine göttlichen weisheiten, die in der gegebenen situation ohnehin nichts bewirken können.

und wir heute, wie fallen wir auf diese strickmuster herein? haben wir gewissheiten aus postfaktischem glauben à la tweetendem trampeltrumptrompeter oder stehen wir in unserem persönlichen ethos der hilfsbereitschaft, fußend auf der ethik der condicio humana angesichts des absurden? es liegt an jedem einzelnen. es winken weder lohn noch verdammnis – nur der blick in den spiegel des eigenen tuns! möge es viele geben, die diesen blick nicht senken müssen. Albert Camus ist so gegenwärtig wie eh und je! il est mort, et voilà il vit pour toujours.

© 08.02.2017 brmu

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absurdes glück

die runde war klein und fein, wir hatten eine gute diskussion über frühe und späte texte des autors unseres interesses: Albert Camus. auf der heimfahrt via autobahn passierte es dann:

er:        ihr habt eben ganz schön intensiv miteinander debattiert.

ich:      wer spricht?

er:        wer wohl, ich, Albert!

ich:      waaas? monsieur Camus? wie um alles in der welt …

der blick nach hinten gelang nicht, weil mich schon seit tagen eine nackenstarre ärgerte. per rückspiegel war niemand auf der rückbank auszumachen. das radio war ausgeschaltet.

er:        ganz einfach, ich bin in deinem schädel, also keine aufregung und s’il vous plait, regardez le trafic! es ist doch bekannt, was mir damals passiert ist.

ich:      oh herr im hemde, bin ich jetzt psychomäßig gespalten?

er:        man kann sich aber auch für jede kleinigkeit in die hose machen. na­türlich sind wir alle gespalten im absurden. natürlich fragen wir uns immer wieder: ex oder hopsassa.

wahrscheinlich war ich nur überdreht. die diskussionsrunde hatte einen ja auch ganz schön gefordert. viele beiträge waren wie lose fäden zu einem gewebe zu verknüpfen.

ich:      diese vielen argumentationen aus allen möglichen perspektiven über deine texte kurbeln den denkapparat ganz schön an.

er: c’est ça, la vie. mit der runde glück gehabt.

ich:      was ist das eigentlich für ein zustand: glücklich sein, wie siehst du das - ich darf dich doch duzen, wo wir uns so intensiv mit dir be­schäftigen?

er: qui, einer hat mir einmal gesagt: du wirst nie glücklich sein können, wenn du weiterhin zu erfahren suchst, worin das glück besteht. und glücklich bin ich, weil ich nicht verstehe, das glück dadurch zu erreichen, dass ich nach seinen bestandteilen forsche.

ich:      so ähnlich hat das vor dir ein gewisser Goethe auch gemeint und dafür den ausdruck „anschauung“ geprägt.

er: dem bin ich hier schon begegnet, ziemlich von sich überzeugt, der mann. überall hat er um sich herum diese uralt-griechischen plasti­ken stehen. völlig aus der mode. aber was ich noch hinzufügen will, ist dies: glück und absurdität sind kinder ein und derselben erde. sie sind un­trennbar. ein irrtum wäre es, wollte man behaupten, dass das glück zwangsläu­fig der entdeckung des absurden entspringe. ebenso gut kommt es vor, dass das gefühl des absurden dem glück entspringt.

die plötzlich aufscheinenden, grell-roten bremslichter des vor mir fahrenden autos forderten jetzt meine ganze aufmerksamkeit. ich kapierte daher die letzten ausführungen von Albert nicht.

ich: wie meinst du das?

er: encore une foi : wir gewöhnen uns an das leben, ehe wir uns an das denken gewöhnen. wir haben so getan als glaubten wir, dem leben einen sinn abzu­sprechen führe notgedrungen zur erklärung, das leben sei es nicht wert, gelebt zu werden. in wahrheit gibt es zwischen diesen beiden urteilen keine zwanghafte verbindung. diese entzweiung zwischem dem menschen und seinem leben, zwischen dem handelnden und seinem rahmen, genau das ist das gefühl der absurdität.

ich:      und was bedeutet diese entfremdung, die ja auch schon Karl Marx vor dir ins rennen geworfen hatte, in letzter konsequenz?

er:        je connais monsieur Charly Marx, einen grausligen bart hat der. aber höre, das ist mir noch sehr wichtig: der absurde mensch sagt ja, und seine anstrengung hört nicht mehr auf. wenn es ein persönliches geschick gibt, dann gibt es kein übergeordnetes schicksal oder zumindest nur eines, das er unheilvoll und verachtenswert findet.

ich:      du meinst, der zwangsläufig in der absurdität lebende mensch ver­söhnt sich mit seiner situation und geht sie positiv an. das meinst du doch mit dem „ja“.

er:        qui, exactement. in mir selbst versöhne ich alles miteinander. ich bin der versöhner.

ich:      aha, du kannst dir alles zurechtbiegen?

er:        nicht alles. selbstverständlich kann ich keine äußeren widersprüche beseitigen. sie sind die essenz des lebens.

er wollte wohl noch weiter sprechen, jedoch trat unvermittelt eine redepause ein. in das summen meines autos, nach dem über­­hol­­­vorgang, hörte ich seine stimme wieder.

er:        tatsächlich, ich leide darunter, wie ich unter jedem widerspruch leide.

ich:      wer tut das nicht?

er:        d’accord, aber ich denke über diese widersprüche nach, ich denke über das leben nach, und ich verzweifle, denn über das leben nachdenken heißt, immer noch am leben sein.

ich:      gewiss, denken ist eine funktion des hirns als bestandteil eines lebenden körpers. wer denket, der lebt, wer lebt, der muss aber nicht denken, zumindest merken das andere nicht immer.

er:        ha! ich verrenne mich in dieser sackgasse und begegne dort anderen umherirren­den, die wie ich all jene beneiden, die nicht denken und sich dort in großen zügen an der sonne laben.

ich:      tja, lieber Albert, es gibt viel zu viele ohne verstand, die in der sonne lümmeln und sich laben.

er:        bien sure, ich meine dies: gegen den verstand kann man nichts machen, es ist unmög­lich, sich dagegen aufzulehnen.

ich:      du meinst die allgegenwärtige denkerei im hirne? das muss nicht un­bedingt von verstand zeugen, finde ich.

er:        peut-être, meinen verstand kann ich nur vergessen, wenn ich selbst bin. also warum analysieren, warum sich auflehnen?

ich:      eben.

er:        et maintenant: ob die erde sich um die sonne dreht oder die sonne um die erde – das ist zutiefst gleichgültig. um es genau zu sagen: es ist eine nichtige frage. hingegen sehe ich viele leute sterben, weil sei das leben nicht für lebenswert hal­ten. andere wieder lassen sich paradoxerweise für ideen und illusionen umbrin­gen, die ihnen einen grund zum leben bedeuten.

ich:      das finde ich absurd.

er:        mein absurdheitsbegriff ist weiter gefasst. aber darüber wollen wir jetzt nicht disputieren. je répète: also warum analysieren, warum sich auflehnen? ist leben nicht revolte genug?

ich:      leben wider das erkannte absurde des lebens, das scheint mir ein indivi­dueller widerstand voller courage zu sein. revolte als zivile courage, das hat was. am leben bleiben wollen, obwohl das alles sich ins nichts auf­lösen wird. eine frage der philosophie.

er:        exactement: sich entscheiden, ob das leben es wert ist, gelebt zu werden oder nicht, heißt auf die grundfrage der philosophie antworten – mon cher ami.

beinahe hätte ich die abfahrt zu dem nest, in dem ich wohne, ver­passt. das hätte einen längeren umweg bedeutet. der leichte schreck hat Albert wohl irritiert und ihn gänzlich verstummen lassen. beim aus­steigen kam mir auf der rückbank ein kleiner zettel in den blick. ich betrat das haus, ging in mein arbeitszimmer, knipste das licht an, um den zettel lesen zu können. als ich ihn neugierig entfaltete, stand dort eine kleine notiz zu lesen:

so sehe ich in deiner bibliothek die bücher, die du besonders liebst: sie lehren dich, die bücher zu verachten. das ist unfassbar.

was sollte das denn? aber dann, allmählich, sah ich mich mit anderen augen um. alles, was dort stand, erschien mir nun wie eine gigantische denkonanie desjenigen teils der menschheit, der vorgibt denken zu wollen und zu können. ein um- und umwälzen dessen, was wir welt nennen, aber sie nicht ist.

das gefühl von glück kroch mir den nacken hoch. mit leichter hand strich ich mir die gesträubten haare glatt.

© 09.10.2016 brmu
zitate im schrägdruck wiedergegeben. sie entstammen einer arbeits­vorlage von Holger Vanicek für das treffen am 4.10.2016:

- Albert Camus, Zwischen Ja und Nein – Frühe Schriften, Gustav Kiepenheuer Verlag 1986, Intuitionen, I Delirien, seite 108 – 113;

- Albert Camus, Mythos von Sisyphos – Ein Versuch über das Absurde, rororo tb90, Rowohlt 1961, IV Der Mythos von Sisyphos, seite 98 – 101

die verwendeten zitate wurden A.C. in den mund gelegt, alles in ein und demselben kopf, der sich das ausge­dacht hat.

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e-mail an Albert Camus

Von:                Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

Gesendet:        Dienstag, 04. Februar 2016

An:                  Albert Camus

Cc:                  alle

Betreff:           Camus und …

Anlagen:         mein gedächtnis

hallo Albert, nun geht es mit dir auch schon wie mit dem alten Goethe: Camus und x; x = rest der welt. Roland Barthes käme mit dem skalpell und würde hurtig schneiden. für ihn steht das geschriebene und nicht die/der schreiber/-in im fokus!

du hattest nachgefragt, ob mein interesse erlahmt sei. ich möchte dir versichern: keineswegs, nur schieben sich immer wieder andere angelegenheiten wie tektonische beben übereinander und gegeneinander und verdrängen die gedanken an dich und deine werke. das bedauere ich. aber nun reiß’ i’ mi’ z’amm’ und notiere dir ein paar gedanken zu einem speziellen thema, das mich schon lange umtreibt.

wenn man in mitteleuropa geboren ist, dann lässt es sich nicht vermeiden, „christliches“ abzubekommen, je nach der spielart, die gerade vor ort ihren einfluss ausüben kann. das habe etwas mit sozialisierung zu tun. da du aus Algerien stammst, mag das etwas anders gewesen sein, zumindest findet man in deinem werk nur indirekt hinweise auf religiöses, aber viel einer schwärmerei an die natur. wie auch immer: man wird als junger mensch geschult und hört ständig etwas von einem gott, als den schöpfer von allem und schluss, keine frage, wer ihn denn geschöpft habe und so weiter.

und genau da habe ich so meine probleme. ich meine das jetzt für alle götterarten, die aus dem nichts etwas „schöpfen“ (also ohne fass, ohne inhalt, ohne schöpfkelle) ins seiende sein. die alten mythologischen vorstellungen sind natürlich heute schon längst megaout, aber es hat sich im prinzip nichts geändert.

wir haben eine milliardenteure weltgemeinde der physiker, die mit einer relativ unverdächtigen methode, ich meine die mathematik, hin und her rechnen und auf wundersame resultate stoßen. die versteht natürlich kein normalsterblicher, das wäre ja auch der exklusivität abträglich. aber es gibt immer wieder mitglieder dieser gilde, die es dem rest der welt zu erklären versuchen.

fazit: sie beschreiben, ohne das wort zu benutzen, die totale absurdität, genau das, was du ohne physikstudium schon lange angemerkt hast. aus dem nichts kommt etwas mit schwung ins sein und entfaltet sich dauerhaft. wie aber kann aus dem nichtigen nichts überhaupt etwaig etwas kommen wie raumzeit und dinge und leben, wenn nicht vorher das potenzial dazu drin war? und ist dann potenzial etwa nichts? und ist das nichts dann leer?

um diese akrobatik der gedanken zu umschiffen, haben andere sich anderes ausgedacht und meinen, das sein sei schon immer da gewesen, pulsiere nur oder wachse auf ewig an. tja, aber wie kam dies ewige zustande? ob nun ein universum oder zahllose multiversen, ob nun diese welt oder blasen wie bei einer hefekultur, wir können nicht anders, als an eine verursachung zu denken, weil das aus uralter zeit unser denkmuster zum plumpen überleben ist. das macht kirre, sage ich dir, wenn man keine beruhigende antwort findet, echt. das kann das ganze leben versäuern.

und da kamen schon früh in der geschichte die cleveren religiösen und haben der menschheit in stufungen götter verkauft. erst waren die überall, in jedem baum und strauch, man war quasi umzingelt von denen. dann wurden die götter gepoolt, man sprach von nur wenigen, quasi als kollektivinstitution, hatten aber noch ein überschaubares leben. dann nur von einem, der alle anderen geschluckt hatte wie goldene kälber, aber auch der hatte noch ein familienleben. und dann kam nur noch das prinzip. zu glauben, das soll entlastend sein, aber nur, wenn man sich unterwirft. und das ist für die modernen menschen ein problem.

also schreibst du die hypothese, alles sei absurd und entwickelst das in deinem ganzen werk zur these und letztlich zur theorie, auf dass sich jede und jeder darin einrichten möge, um in einem großen „dennoch“ seinen job zu machen. du nennst diese lebenshaltung revolte. das göttliche nicht mehr ins jenseitige projizieren, sondern zurück holen ins diesseits und weiter noch ins eigene leben, zu sich selbst.

du und die christen, ihr könnt euch nicht vertragen, weil du deren gott, einfach oder dreifach, entthronst, nicht etwa durch nicht-glauben oder ketzerei, nein, das wäre zu billig. einfach durch überflüssig machen. die welt, wie wir sie nur erkennen können, ist und bleibt absurd, weil nicht in allen aspekten verstehbar und in dem verständlichen zu oft widersinnig. das juckt aber nicht, wir machen unsern job, götter gehen uns am rücken vorbei.

das ist echt aufmüpfig, und wer sich diesem gedanken nähert, der wird verdammt unruhig, denn es gibt nun kein ruhekissen mehr, keine gerechtigkeit im jenseits, kein belohnung oder bestrafung in himmel und hölle. das auf erden ungesühnte verbrechen bleibt ungesühnt! die unerkannte gute tat bleibt unbemerkt. das hebelt dich aus, wenn du nicht in dir ruhst, wie es die buddhisten immer predigen.

aber du, lieber Albert, du hast in dir geruht. du hattest die fahrkarte nach hause in der tasche und steigst seelenruhig in dein todesauto ein. dein ruhekissen war wohl die anschauung der natur, wie sie sich so wunderbar im sonnenlicht in wüsten und küsten darstellt, wenn man sie lässt. ich bin immer wieder überrascht davon, nenne das auch gerne schwärmerei. aber es hat einen tragenden kern.

dein motto: sei des absurden deiner welt, ja deiner selbst gewiss – und lächle trotzdem! unser motto: mach deinen job! dafür braucht man hilfreiche wertvorstellungen, aufgrund derer man handelt oder auch nicht handelt. und jetzt schließt sich der kreis. denn diese wertvorstellungen sind nicht nur rationale überlegungen der nützlichkeit, sondern sie sind auch emotional verankert als empathie. so oder ähnlich wirkt die sozialisation im elternhaus, in der gemeinschaft der lebenden. und da spielt eben bis heute die religion eine rolle. wir nennen diese wertvorstellungen mit handlungsanweisung: moral.

besser wäre es, von einer nicht religiös gefärbten ethik zu sprechen. ethik als über allem und allen stehender konsens der menschheit, wie man „ohn’ anseh’n der person“ im „für und wider“ miteinander umgehen will. das würde die immer schneller sich vermehrende menschenmasse bei ihrem zwangsweisen akt des zusammenrückens erträglich machen. es ist auch absurd, dass dies ein wunschtraum ist. offenbar „glaubt“ die menschheit lieber und schlägt sich so nebenbei tot, als dass sie denkt und sich arrangiert.

absurd ist, dass wir keine ahnung haben, was wirklich „seiend“ ist. auch fehlen uns die begriffe und sprachlichen formeln, ein etwaiges verständnis in worte zu fassen.

brmu in stiller traurigkeit

p.s.1 bin dir trotzdem sehr dankbar, dass du mir den jutesack mit der aufschrift „absurdität“ angeboten hast. in den stopfe ich alles, was meinen lebenswillen irritieren könnte, weil ich diverse dinge nicht verstehe oder an der dummheit der menschheit verzweifeln müsste. es ist absurd zu leben, es ist absurd nicht zu leben, es ist auch absurd, gut oder schlecht für andere zu leben. wie man es auch dreht und wendet, der freiwillige akt, beharrlich weiter zu machen ist das, was Sisyphos glücklich macht. es ist seine entscheidung, immer wieder die zu einem felsen kondensierte dummheit der menschen ins höhere zu hieven.

p.s.2 noch ein hinweis. die buddhisten hatten tiefes mitgefühl für die maloche des Sisyphos und verkünden in ihrer allgemeinen befreiungsanleitung, dass man sich durch meditation, also durch’s stillesitzen ohne plackerei, in die offene weite beamen kann und nicht an einen steilhang. leider fallen die so befreiten dann als handelnde faktoren in der absurdität der welt aus. wenn alle meditieren würden, würden auch alle verhungern.

p.s.3 und dies noch: ich glaube, äh, ich bin ganz sicher, dass dein beitrag zum verständnis der welt für die zukunft noch sehr hilfreich sein wird, weil wir mit den alten göttern nicht überleben werden. aus dem „dennoch“ kommt die revolte gegen das absurde, ob nun von menschenhand verursacht oder aus dem, was wir die universelle wirklichkeit nennen. die revolte hält dagegen mit den mitteln, die die wirklichkeit uns per evolution als ein prinzip des lernens erlaubt. wir müssen nur raus aus der selbst verschuldeten unmündigkeit. hast du dich eigentlich mal mit dem kantigen Kant beschäftigt? bis bald.

p.s.4 mit fällt noch ein, dass man „absurd“ auch als akronym auffassen könnte: „alles bleibt sicher und richtig doof“. okay, das war nix, sorry.

© 04.02.2016 brmu

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den menschen so fern / brief7 an Albert Camus

hallo Albert, wir waren im kino, reihe 6, deinetwegen! deine kurzgeschichte1 „Der Gast“ von 1957 wurde fast sechzig jahre danach verfilmt, betitelt mit „Den Menschen so fern“; es war beeindruckend – aber das warst nicht du, denn der regisseur David Oelffen hat ein-/, daneben gegriffen.

und wieder machte ich den fehler, an eine texttreue verfilmung zu denken und wurde wieder eines besseren belehrt. die beiden schauspieler „Daru“ und der namenlose „Araber“ haben congenial gespielt, bravo, die außenaufnahmen des landes waren gewaltig, molto bravo, die handlung passagenweise getreu inszeniert, bravissimo. dann aber wird unsere leseerinnerung geschockt und es werden szenen angeboten, die du wohlweislich nicht geschrieben hast. der spiegel2 spricht von einem western. und das ende ist diametral anders.

bei dir ist der durch ein tötungsdelikt verhaftete araber ein dem schicksal und dem prinzip der blutrache ergebener. als ihn Daru schließlich an die wegscheide begleitet, weil ihn „das sinnlose Verbrechen dieses Mannes empörte …, aber ihn auszuliefern ging gegen die Ehre: der bloße Gedanke daran war eine Demütigung, die ihn rasend machte“ (144), an die wegscheide, die ins gefängnis oder in die freiheit führt, steht der araber da, „hatte sich Daru zugewandt, und so etwas wie panische Angst erfüllte sein Gesicht.“(145) etwas später „entdeckte Daru mit beklommenem Herzen den Araber, der langsam dahin schritt auf dem Weg ins Gefängnis.“ (145) – langsam der sicheren verurteilung zum tode entgegen; auch eine art von selbsttötung.

im film aber entscheidet sich der araber für den weg zu den nomaden, also für die freiheit und damit das leben. obwohl er vorher doch Daru das prinzip der blutrache erklärt hatte, dem er und seine familie ausgesetzt seien und das er nur unterbrechen könne, wenn er sich freiwillig der gerichtsbarkeit stelle, die ihn dann sicherlich töten werde. dann wäre die blutrache unterbrochen und alle könnten unbehelligt weiterleben. du, lieber Albert, du hast das dazu konsequente verhalten beschrieben.

der film aber ist inkonsequent. der araber im film entmündigt sich, weil er sich opportunistisch für das eigenleben entscheidet und somit das seiner zurückbleibenden familie der blutrache ausliefert. das bist nicht du, lieber Albert, wie ich dich verstehe.

oder habe ich da etwas missverstanden? kann oder soll der namenlose gegen das prinzip der blutrache, gegen den blutrausch der in krieg und killertum verluderten menschheit angehen, in dem er sich erhält und weiter existiert. soll er ein weiterer Daru werden, der als ehemaliger offizier der armee nun geläutert in seiner schule den nomadenkindern das lesen beibringt, das lesen zur erweiterung des welthorizontes?

in der kurzgeschichte kehrt Daru in die schule zurück und findet dort eine botschaft an der tafel vor: „Du hast unseren Bruder ausgeliefert. Das wirst du büßen.“ (146) viele lehrer/innen braucht das land, äonen lang, bis diese sätze keiner mehr schreiben kann, weil die worte dazu fehlen.

ergo: lies’ erst den text, geh’ dann zum film, und lieb’ am end’ den text!

© 17.07.2015 brmu
Quellen: 1 Albert Camus, Kleine Prosa, rororo tb441, 1965, seite 132- 146
2 Julian Hanich, In den gewissenlosen Zeiten des Krieges, Spiegelonline vom 9.7.2015

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brief6 an Camus

lieber Albert, ich fasse es nicht! es ist mir unbegreiflich! da geht die Lit.Cologne, dieses literaturevent der extraklasse von autor/inn/en-eitelkeiten und autor/inn/en-lesungen zu ende - sogar im Kölner Dom! - und ich schnalle nicht, dass du dort zu ohren kommst, vielmehr aus deinem werk vorgelesen wird. erst die verspätete lektüre des Kölner Stadt-Anzeigers1 vom gestrigen tage hat mir die augen geöffnet, aber da war es schon längst zu spät. ich bin beschämt.

ich weiß, ich hätte hingehen müssen. aber es ist nicht so einfach, sich aus dem schreibsessel in der provinz zu erheben, mit der kruden bahn in diese krude Stadt Köln zu fahren und dann noch im kalten dom zu hocken. wahrlich, das ist wenig attraktiv. aber der auszug aus deinem buch „Der erste Mensch“2 hätte mich hochkatapultiert, hätte ich es gewusst.

so lese ich nun die zusammen gestoppelte passage, wie Jacques den Munoz verkloppt, weil er ihn angeblich beleidigt hatte. er soll ihn „liebling“ in der klasse gerufen haben, heute würde man wohl „streber“ oder „arschkriecher“ rufen. du hast die szene ausführlich geschildert (seiten 171-175). leider steht in der zeitung nur ein arg komprimierter text, der nicht einmal die auslassungen, wie es journalisten gebührt, markiert. das ist bedauerlich, weil die sensibilität, mit der du die ungewöhnliche erkenntnis des Jacques am ende der schlägerei aufbaust, dadurch gemindert wird.

sie hätten dann auch einfach nur ein zitat schreiben können: „Und so begriff er, daß der Krieg nicht gut ist, da einen Menschen zu besiegen ebenso bitter ist, wie von ihm besiegt zu werden.“ oder noch eingedampfter als aphorismus: siege gegen menschen sind bitter.

das ist aber wohl für einen halbwüchsigen schon eine verdammt reife erkenntnis philosophischer qualität. da, lieber Albert, glaube ich, dass du deine lebenserfahrung hast nachträglich einfließen lassen, quasi auktorial. denn diese erkenntnis kommt nur über den verstand, on the long run sozusagen. zunächst ist ein sieg – wie im sport auf der ganzen welt gelehrt – eine süße sache. sie erhöht das ego auf dem siegerpodest. außerdem gibt’s nach all den adrenalin produzierenden aktivitäten, sei es in der schlägerei oder im sport, im hirn einen kick. das fühlt sich toll an und belohnt uns mit guter laune und einem breiten lachen.

und dann kommst du und versaust uns dieses siegergefühl mit einem schweren wort: krieg! wieso ist immer alles gleich krieg? die beiden haben sich doch nur gekloppt, kräfte gemessen, claims abgesteckt. das ist reines revierverhalten. wer eins auf die nase bekommt, der hat sich zurück zu ziehen und gut is’ – oder?

aber du denkst ja weiter und bist deswegen ein guter schriftsteller, der am leser rüttelt. was ist, wenn der sieg den verlierer so verwundet hat, sein inneres, das ego oder ich oder selbst (wer die wahl hat, hat die qual), oft als gesichtsverlust bezeichnet, was ist, wenn der verlierer auf heimtückische rache schwört. dann haben wir die blutrache als krieg, sieg wird verlust wird sieg wird tod und verderben. man muss nur die perspektive höher hängen, dann erkennt man schnell die absurdität eines sieges.

aber wir leben ja in der froschperspektive und finden siege als teil von konkurrenz klasse. wir konkurrieren hin und her und überall. dabei könnte uns die natur lehren, dass kooperation, sieglosigkeit, viel harmonischer und nachhaltiger zu gemeinsamen lösungen führt. man muss nur über die eigene nasenlänge hinaus denken. kooperation aber erfordert vertrauensvolle kommunikation. die beiden hätten ja auch das verhalten von Monsieur Bernard, dem lehrer, zum gegenstand des nachdenkens machen können und mit ihm darüber sprechen, dass eine derartige bevorzung eines schülers in der klasse völlig unprofessionell und schädlich für das lernklima ist. aber das erfordert denkressourcen, geduld, zuversicht – draufhauen geht schneller und klärt gleich.

diese kleine passage in deinen erinnerungen ist programmatisch für deine humanität und den daraus erwachsenen pazifismus als ethische grundhaltung, der gar nicht einmal nur politisch gesehen werden muss, sondern ich verstehe dich so, dass du generell das zusammenleben der menschen meinst, egal mit wem, wo, wie und wann. Albert, ich gebe zu, ich hielt bislang dein buch „Der erste Mensch“ für eine art erinnerungsbuch oder biografie und habe es erst einmal weggestellt. nun bin ich verblüfft, wie sehr ich daneben liege. pardon, lieber Albert, ich werde mich bessern.

© 24.03.2015 brmu
Quellen: 1 Martin Oehlen, Licht und Gold, Artikel im Kölner Stadt-Anzeiger vom 23.3.2015;
2 Albert Camus, Der erste Mensch, rororo500, Sonderauflage 1998

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Camus zitat2

Camus Zitat2-IMG 7387a 
© 2015 Albert Camus Gesellschaft Aachen

Und euch zum Trotze
und wenn ich kotze,
werde ich euch den Namen
sei’s aus dem grabe, amen,
Menschen nicht absprechen.
mögen sich and’re erbrechen.

Wenn wir unserem Glauben
soll ihn keiner uns rauben
treu sein wollen,
in allen rollen
sind wir gezwungen,
sei’s uns gelungen,
das in euch zu achten,
wider das schlachten,
was ihr bei den anderen nicht achtet.
humanität hat keiner gepachtet.

© 15.03.2015 brmu

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Camus zitat1

Camus-zitat-IMG 7382 
© Albert Camus Gesellschaft Aachen

statt zu töten und zu sterben,
dogmen wegen, die wir erben,
um das Sein hervorzubringen,
dem absurden abzuringen
das wir nicht sind,
g’schisse im wind,
müssen wir leben und leben lassen,
die humanität mit händen fassen,
um zu schaffen, was wir sind.
menschlich bleiben, wie ein kind.

© 15.03.2015 brmu

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brief5 an Camus

jetzt hat es mich erwischt, lieber Albert,

das ist zwar albern, aber die ganze grübelei hat ein hexenschuss unterbrochen, knall auf fall. das rackern eines stubenhockers im garten vor der türe war zuviel auf einmal. dabei wollte ich nur gegen das chaos der sich verschlingenden äste und eufeulianen ankämpfen, quasi ein garten-sisyphos. und du wirst es mir glauben, ich bin sogar mit den dummen schmerzen zufrieden, du würdest wohl glücklich sagen, weil der garten nach all den jahren wildwuchs nun endlich wieder so ist, wie ich ihn mir immer vorstelle.

als ich da so untätig im stufenbette lag, des hexenschusses wegen, die beine hoch und ein heizkissen unter dem hintern, da ging das mit dem simmelieren wieder los und ich habe im kopf all das gesammelt, was mir absurd erscheint. das will ich dir nicht verschweigen und schreibe dir nun dies:

das nichts. die astrophysiker beobachten mit viel aufwand, dass sich das universum ausdehnt. nun kann unser hirn sofort die gedanken rückwärts richten und fragen, was ist, wenn ich die entwicklungslinien zurückverfolge. und siehe: sie kommen an einen punkt, den sie urknall nennen. der punkt also der seinswerdung unserer realität. und nun kann man, ohne physik studiert zu haben, einfach wieder fragen, was war vorher? die antwort ist: nichts. das ist ganz unbefriedigend! denn wie soll aus dem nichts, das leer ist und sich keiner kategorie der beschreibung öffnet, irgendetwas werden, schon gar ein unknall? das ist absurde zauberei.

die kondensation. im anfang war nur ungeheuer heiße energie, die sich abkühlt, ergo kondensiert, zu licht wird und zu plasma, letztlich zu atomen und molekülen. aber warum kühlte der blitz ab? etwa weil nach überschreitung der schwelle aus dem nichts keine weitere energie zugeführt wird? diese energie könnte ja nur aus dem nichts stammen, wie der blitz selber. dann aber wäre das nichts nicht nichts. ist das nicht absurd zu denken?

die organisation. aus heißer energie wird also kalte materie, dem prinzip der entropie folgend, die sich um und um wandelt: kreislauf der winde, kreislauf des wassers, kreislauf der gesteine und dabei kräfte entwickelt, die sich wechselseitig nach den inhärenten prinzipien auswirken. woher aber kommen die prinzipien, nach denen sich die materie, im besonderen die verschiedenen materialien, richten? nur weil ein paar elektronen auf schalen kreisen, die gar keine sind? war das im blitz des urknalls angelegt? Goethe wollte immer wissen, was die welt im innersten zusammenhält. völlig falsch! sie zerfällt unaufhaltsam. das ist doch absurd, oder?

das leben. dann aber kommt ein punkt wider die entropie, an dem auf einmal bestimmte atome zu molekülen zusammentreten, diese zu bestimmten aggregaten und zu organisierten clustern, sprich: eine schleimige schicht über allem. plötzlich ist leben im spiel, das sich aus den eigenschaften der einzelnen elemente, aus denen es zusammengesetzt ist, nicht ableiten oder vorhersagen lässt. diesen zauber nennt man emergenz und man staunt über so viel entgegen gesetzte absurdität.

die seele. lebewesen bestehen aus einem dauerhaften oder wandelbaren korpus, der alle zum leben notwendigen zellen, gewebe, organe in der geeigneten weise zusammenhält, damit es sich in seiner umwelt behaupten kann. je höher ein lebewesen entwickelt ist, umso komplexer ist seine organisation. ab einer nicht vorhersehbaren stufe emergiert das konglomerat der zellen, gewebe und organe zu einem körper, dessen funktionsprinzip ich in toto als seele bezeichne. die seele ist also das übergeordnete prinzip seiner teile. es ist absurd, dass eigenschaften aus etwas enstehen, die nicht aus den einzelteilen ableitbar sind.

das bewusstsein. das leben selber entfaltet sich mittels lebewesen gänzlich unterschiedlicher art und weise, also nach belieben und den zwängen der äußeren realität. es folgt dabei dem prinzip der variation und tradition: was funktioniert hat, wird beibehalten, was nicht klappt, gestrichen. das geht immer noch so, wobei der mensch als primat wohl am differenziertesten erscheint, weil seine gehirnarchitektur wuchert und ganz plötzlich bewusstsein als neues prinzip in der realität auftaucht. das ist absurd, eine nicht dingliche zauberei.

die komplexität. nach dieser zündung im kopf gab es kein halten mehr: der mensch denkt und lenkt. er erdenkt sich aus der realität die seinen welten, viele, und handelt für diese, und sei es gegen andere menschen nach unkalkulierbarem, dreifachen prinzip: bei gefahr wird (a) gekämpft, (b) geflüchtet, (c) geduckt. aus diesem einfachen mechanismus ist unser komplexes hier und jetzt gebaut. komplexität als ein merkmal der grundsätzlich nicht planbaren zukunft. das ist eine verblüffende zauberei: gewissheit nur im augenblick, wie absurd.

der geist. das hört sich jetzt so anthropomorph an, weil wir menschen es so denken (müssen), aber da ist kein telelogisches ziel, schon gar nicht die krönung der schöpfung im spiel. es ist allerdings ein spiel der möglichkeiten. woher kommt diese spielerei? war das nichts doch nicht leer, sondern voller potenzialität und über den blitz kam etwas in unsere realität? damit wir menschen nicht wirre handeln, emergiert im gehirn eine gesamtschau des erlebten, erinnerten und geplanten: die komplexe tätigkeit des hirns, das denken, gebiert den geist, der uns mit beobachtungen, erkenntnissen, mustern, hypothesen, theorien versorgt. alles ein kunstprodukt der denkmachine, die nur einen teil der realität registriert, ergo: mit mängeln behaftet. aber der geist ist alles, was wir haben, um in der realität nicht irre zu werden. wieder eine zauberei der absurden sorte und ich staune immer noch.

nun, lieber Albert, habe ich dich strapaziert und dir meine wilden gedanken zugemutet. aber ich weiß, dass du ein denker warst und dich auch unfertiges angeregt hätte. mir war nur so danach, das absurde, von dem du sprichst, in meinen grübeleien zu verorten. und ich bin deiner meinung, man kann ein gutes leben leben, auch angesichts dieser absurden, uns um­geben­den realität, wenn man sich bewusst für das leben entschieden hat. ich denke mir mal, die seele ent­scheidet, der geist rationalisiert und wirkt auf die seele erziehend, wenn er denn werthaltige maßstäbe für ein gutes leben hat. die suchen wir stets aufs neue.

© 14.03.2015 brmu

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brief4 an Camus

lieber Albert,
wir beide entstammen dem analogen zeitalter und schreiben uns also noch nach altväter sitte briefe, eine weise, die angesichts der digitalen infiltration zum aussterben verurteilt ist, obwohl wir keine reitenden boten mehr brauchen, wie sie weiland Goethe noch genutzt.

dass ich jetzt schon wieder metaphorisch zur feder greife, hat seinen grund: ich habe die halbe nacht nicht schlafen können – deinetwegen. bewahre, das ist kein vorwurf, nein, es ist nur ein hinweis: die lektüre deiner bücher wühlt mich auf und macht mich ratlos.

ein freund aus schülertagen, mit dem wir, es ist schon über eine generation her, schon damals über dich diskutiert haben, nächtelang hin und her schwankend zwischen Sartre und dir, tat einen griff in seine bibliothek und drückte mir den „Sisyphos“ in die hand. hier, lies mal, sagte er – und das tat ich. und nun kann ich nicht schlafen.

ich will dir gerne erklären, warum. du wählst den Sisyphos, den steinewälzer am hang, als metapher für deine botschaft des absurden und schreibst gegen ende: Darin besteht die ganze verschwiegene Freude des Sisyphos. Sein Schicksal gehört ihm. Sein Fels ist seine Sache. (100) das sehe ich anders! ich will dir meine sicht der dinge erklären und hoffe auf eine eingebung von dir.

Sisyphos ist nicht alleine in der absurden, von göttern entthronten welt. er arbeitet an einem ungesicherten hang am berge. er rollt als demo dieser seiner selbstfindung einen schweren felsbrocken den hang hinauf bis zu einem kipppunkt, an dem seine körperkräfte schwinden und der stein den hang wieder hinunter donnert. er arbeitet also in immer wiederkehrender art und weise an einer erfolglosen tat, während unten am fuß des berges die gaffer (was is’n da los?), die raffer (was kriegt der dafür?), die defätisten (hab’ ich doch gesagt, klappt nicht!), die schadenfrohen (das hat er davon.), die idioten (häh?), die besserwisser (der muss mit’n keil arbeiten.), die besorgten (wenn da man nix passiert.), kurz: die ganze menschheit in ihrer dümmlichkeit steht und auf eine sensation scharf ist, eine viertelstunde nur.

und was passiert: am kipppunkt donnert der felsbrocken zu tal, reißt weiteres gestein mit sich, wird zur wahnsinnig breiten hanglawine, unaufhaltsam bricht eine wand tödlicher materie­massen auf die menschen nieder. es muss so sein, das sagt die gesetzlichkeit der natur. das überleben nur wenige. dieses szenario, lieber Albert, verschweigst du. ist das die verschwiegenheit der freude des Sisyphos, seine rache? das macht mir schlaflose nächte. als auditor für arbeitssicherheit müsste man Sisyphos das handwerk legen, denn er handelt vorsätzlich in der ewigen wiederholung der gefährdung seiner mitmenschen – aus purem stolz der eigenen sache. unverantwortlich!

kannst du dir jetzt vorstellen, lieber Albert, nach dieser ausdeutung der von dir gebotenen metapher, dass ich dein buch nervös auf den nachttisch gelegt habe und des grübelns kein ende war. und wenn du jetzt meinst, du wolltest doch nur mahnen, nicht locker zu lassen und auch gegen widrigkeiten zu kämpfen, dann frage ich dich, warum denn dann so stur und ohne jeden lernansatz, ohne jede variation der handlung, ohne jede chance auf überzeugung. selbst wenn Sisyphos kein ziel hatte, in dem sinne, den felsbrocken auf die bergesspitze zu hieven, sondern sein ganzes trachten und tun auf das rollen gerichtet ist als fanal seiner eigenständigkeit im absurden, so entbehrt dies tun nicht der einfalt und muss darum verwundbar sein.

mir ist das prinzip bekannt, einen fehler dürfe man machen, aber denselben nicht wiederholen, das wäre ein zeichen von dummheit, weil nichts gelernt wurde. demnach ist Sisyphos ein ausbund an dummheit. und hier kippt die metapher in ihr gegenteil, oder nicht? die tumbe menge am fuße des berges lacht sich jeck, bis sie wieder von der lawine erschlagen wird. dann auf zur nächsten show. damit ist doch kein weiterkommen in der welt. so geht das doch jahr für jahr bis zum heutigen tag.

die natur als ganzes macht es dir anders vor, lieber Albert, sie lernt stetig, wir nennen das evolution, vom so genannten urknall an bis heute, in allen bereichen des seins. alles verändert sich, es gibt keinen ruhepunkt, keine wiederholungen desselben, nirgends und nie – bis auf Sisyphos!? und den nun soll ich mir als einen glücklichen Menschen vorstellen. (101) ich muss da etwas überlesen oder wahrscheinlich nicht verstanden haben. so einen groben webfehler in deiner textur hätte man dir nicht durchgelassen. ich bleib’ dran.

© 12.03.2015 brmu
zitat: Albert Camus, Der Mythos von Sisyphos – Ein Versuch über das Absurde, rororo90, 1961

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brief3 an Camus

lieber, verehrter, hochherziger Albert,

jetzt kann ich verstehen, wenn dich damals die
leute bewunderten wie einen säkularen heiligen
an der front jener beschissenen welt – sieh’ mir
bitte diesen rüden ausdruck nach, aber die welt
war krude im ton und maßlos im handeln. ich
kann dir verraten: es ist nicht besser geworden
mit ihr. das ist fürwahr ein faktum eo ipso.

ich habe mich nun gefragt, was also denn das
bewundernswerte an dir sei, was diesen glanz
der stillen verehrung ohne klimbim von
glocken und schellen und scheuernden füßen
auf stein und teppichen ausmacht, der dich
umgibt.

die quelle ist sicherlich das konvolut deiner
texte in bestem französisch, was ich immer
zu faul war richtig zu lernen. auch das mögest
du mir gütig verzeihen. ich greife ergo zu den
übertragungen deiner manuskripte, artikel und
aufzeichnungen aus anderer hand und dort
fallen mir deine antworten auf einen fragebogen
kurz vor deinem tode in den blick, gleichsam
wie dein geistiges oder spirituelles testament.

auf die zeitlich gezielten fragen gibst du in
grandioser gelassenheit zeitlose antwort, die
das herz erwärmt bei kühlem verstand. auf die
summierende frage, was man nun tun könne,
um diese welt freier zu machen, antwortest du,
1960, man könnte meinen, wie ein heiliger:

Geben, wenn man kann. Und nicht hassen,
wenn das möglich ist.
1

das ist dein letzter, gedruckter satz in dieser welt.
alle tiefschürfende philosophie schrumpft aus
jeglicher theorie in die tägliche praxis der menschen.
geben, wenn möglich, das ist ein praktikables gebot
ohne wenn und aber. und das mögliche liegt in
jedem menschen begründet gemäß seiner ethik und
der ethik seiner gemeinschaft oder gesellschaft. das
meint kein „du musst“ wie die götterbefehle alter
zeiten, auch das „du sollst“ wird ausgehebelt durch
„du kannst, wenn du kannst“. das geben aus inneren,
freien stücken und aus der momentanen möglichkeit.
und wenn kein geben erfolgen kann, dann lauert nicht
die verdammnis, sondern die nächste chance einer
erneuten gebemöglichkeit, ohne den servilen habitus
des wiedergutmachens, ohne schlechtes gewissen.
was für ein hohes gut deine antwort doch spiegelt:
der souveräne mensch gibt in abwägung all seiner
möglichkeiten. gier, interessen, raffsucht, taktik …
das gibt es, aber hat keinen einfluss, wenn man kann.

und was für eine hohe forderung, den diskurs über
die adäquate ethik und ihren daraus abgeleiteten
maximen immer wieder zu führen und umzusetzen.

was du, lieber Albert, zur materiellen ebene unseres
menschlichen zusammenlebens sagst, das wird von
dir auch für die gleich wichtige emotionale beziehung
empfohlen. auch hier formulierst du nach unseren
möglichkeiten als menschen, die du so gut kennst.
du sprichst nicht überhöht von liebe als einer utopie,
weil die in den sternen der religionen steht, sondern
vom alltäglichen hassen, weil das so irdisch ist und
du uns die abwesenheit von hass schon für eine
besserung durchgehen lässt.

beide empfehlungen – oder sind es nicht doch eher
forderungen im namen der humanität für das ziel einer
besseren welt? – von dir, verehrter Albert, können
immer und überall realisiert werden, in den zwiebel-
schichten der gesellschaften, in allen winkelstuben
der vernunft, auf allen wiesen der gefühle – es gibt
keine ausrede, wir sind alle, ohn' ansehn der person,
selbst verantwortlich für unser tun und lassen,
jetzt und immerdar.

© 11.03.2015 brmu
zitat 1: Lou Marin, Albert Camus – Libertäre Schriften (1948 – 1960), LAIKA 2013, seite 363-364

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