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krit(ik).erien

lesen sie bücher, …

  1. um in darstellungen der realen welt etwas über das wirkliche leben zu erfahren?
  2. um in beschreibungen von fiktiven welten das leben um sie herum einmal zu vergessen?
  3. um ernsthafte themen humorvoll abgehandelt zu wissen?
  4. um lustige themen auch seriös literarisch behandelt zu wissen?
  5. um stellen zu markieren und notieren, an denen die lektüre sie völlig überrascht hat?
  6. um eine resonanz zu den elementen des buches wie sprache, stil, geschichte, personen zu erfahren?

wenn sie dazu konkrete anworten haben, dann sind sie auf dem wege eines privaten kriterienkataloges für literatur, die sie gut und gerne lesen möchten. zur auswahl finden sie dazu eine spur dann im titel, im umschlagtext, in buchbesprechungen und in den empfehlungen von menschen, die ihnen wichtig sind. und nicht zuletzt in buchhandlungen, denen ihre kunden noch wichtig sind.

© 26.02.2018 brmu
angeregt durch den fragenkatalog des autors Andrea De Carlo in Vogue 2/18, Fragen ohne Antwort, seite 162

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brecht der hecht

AR Exil MG 2480

© 08.01.2018 foto brmu: Andreas Rumler, Exil als geistige Lebensform, buchcover1

Anne Burgmer, freie journalistin in der kulturredaktion des Kölner Stadt-Anzeigers2, startet die wöchentliche rubrik „Mein Kanon“, das jahr 2018 soll zum „Jahr der Lyrik“ erhoben werden. zum auftakt dient das gedicht „Erinnerung an die Marie A.“ von Bertolt Brecht. wer diese Marie A. denn sei, ist ihr „ehrlich gesagt völlig gleichgültig“. das „lyrische Ich“ versuche, das „Dilemma der Liebe auf den Punkt zu bringen“. will heißen, der text zählt und nicht der autor oder seine liebschaften. das hat schon im letzten jahrhundert Roland Barthes als revoltierender rezensent gemeint. der autor sei tot, das war seine parole.

aber dennoch interessieren uns immer wieder autobiographische details, lebensumstände, die die autorinnen und autoren so und nicht anders zum schreiben brachten. im falle von Brecht stillt Andreas Rumler unsere neugier. sein essayistischer band „Exil als geistige Lebensform – Brecht + Feuchtwanger – Ein Arbeitsbündnis“ gibt reich recherchiert in einer großen zahl an zitaten beredte auskunft über die lebensumstände in der zeit des exils dieser beiden, sich verbündet habenden autoren.

das exil als erzwungener blick von außen auf das dem nazismus verfallenden deutschland, auf das sterben einer großen, literarischen tradition, derentwegen dann Feuchtwanger auch in vergessenheit gerät. das erzwing anpassung bis fast zur selbstaufgabe. als exempel dafür sei „Hollywood“ als aktuelles beispiel zitiert:

Jeden Morgen, mein Brot verdienen / Fahre ich zum Markt, wo Lügen gekauft werden./ Hoffnungsvoll / Reihe ich mich ein unter die Verkäufer. - Die Stadt Hollywood hat mich belehrt / Paradies und Hölle / Können eine Stadt sein: für die Mittellosen / Ist das Paradies die Hölle (112)

auf 153 informationspraller seiten wird das arbeitsverhältnis, das Rumler „Arbeitsbündnis“ nennt, um die besondere enge zu verdeutlichen, dieser beiden so unterschiedlichen autoren Lion Feuchtwanger und Bertolt Brecht von anbeginn bis in die nachkriegszeit skizziert, wobei Brecht gut profitiert. das leben im exil (hier Paris) schärft seinen geist in angelegenheiten des schreibens, die noch heute im angepassen sinne geltung haben.

Brecht verfasst den aufsatz „Fünf Schwierigkeiten beim Schreiben der Wahrheit“ (83). als da sind: mut zur wahrheit, klugheit zum erkennen, kunst der agitation, urteil zur auswahl der agierenden und list zum verbreiten der wahrheit.

das gilt nicht nur für literaten. diese fünf aspekte lassen sich auch auf journalisten anwenden: mut zum investigativen journalismus, klugheit zum erkennen der umstände, kunst des recherchierens, urteilskraft über die erkenntnisse und list der diktion in den artikeln. wer wirkung will, muss oft seine angst erwürgen.

Rumlers „Exil“-buch ist kein roman zweier locker beschriebener lebenswege, es ist eine tief recherchierte fundgrube mit bezügen zu auch heutigen zeiten. wer die intention von Brecht verstehen will, der verstehe seine sozialisation, von der Lion Feuchtwanger ein bedeutender teil war. Andreas Rumlers buch kann auskunft geben. Roland Barthes drückt eine auge zu.

© 08.01.2018 brmu
1 Andreas Rumler, Exil als geistige Lebensform - Brecht + Feuchtwanger - Ein Arbeitsbündnis, Edition A B Fischer 2016
2 Kölner Stadt-Anzeiger vom 8.1.2018: Anne Burgmer, Die ganze Welt in ein paar Worten, seite 22

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Löffler läuft und läuft und ....

 KL Camino Portugese 2012

© 01.06.2012 foto Kay Löffler: kühlung auf dem Jakobsweg

Mir tut das linke Bein weh. Mir tut das rechte Bein weh. Ich will nach Hause. (5) das soll mit einem augenzwinkern der lapidare, innere aufbau vieler Camino-bücher sein, behauptet eine dame, die sich auf diesen weg gemacht hatte. Manchmal ist es auch andersrum. (5) kontert salopp der autor Kay Löffler und hat dabei eine erfrischende idee.

ihm gelingt eine untypische anthologie zu diesem thema (Die den Weg fanden1), die eindrücke in form von authentischen fotos, prosaischen beschreibungen, lyrischen reflektionen und aphoristischen gedankensplittern zu dem generalthema „weg“ versammelt. 132 seiten voller reflektionen zu einem durchaus mühevollem und körperlich anstrengendem unterfangen. darum kommen dann auch in der anthologie die einen oder anderen wehwehchen vor.

der zentrale aspekt ist die geh-methode als eine möglickeit zur selbsterkenntnis, die der autor selbst durchlebt, und die ihn zu einer änderung seines lebens veranlasst. die versammel­ten elf autorinnen und autoren haben den Jakobsweg in unterschiedlicher länge und an unterschiedlichen orten selbst erlaufen.

Martin Thull und Ingrid Fischer z.b. stellen sich dort mehrfach die frage, warum man dies oder jenes getan oder unterlassen habe und Fischer kommt zu dem ernüchternden schluss: Und es war wieder einmal zu spät. (46) selbsterkenntnis ist ein wichtiger aspekt der laufarbeit. eine parallele zur geh-meditation des Vipassana in der Theravada-Traditon des Buddhismus ist offensichtlich – nur werden hier viel kürzere strecken im rund umlaufen.

beeindruckend auch der nur 800 meter lange Jakobsweg durch Leipzig, beschrieben von Michael Oertel mit seinen skeptischen gedanken. man muss nicht bis nach Spanien laufen, um sich die kernfrage - wie leben wir? – vor augen zu führen. Ja, der Gott des Konsums ist in Geberlaune. Unbemerkt, für viele, nimmt er aber auch. (98/99) auf dem Jakobsweg zwischen marketing und meditation. und was der konsumgott nimmt, das muss jeder für sich erkennen – und hoffentlich abstellen können.

in diese richtung weist auch das gedicht von Isaban Sabine Römmer-Speer mit dem intertex­tuierenden titel Und ob ich schon wanderte. sie beginnt mit der zeile Er kannte den Weg nicht und lief und er lief, … und endet mit: Er rannte vor seine Wand. (111) das kann passieren, wenn sich der innere durchbruch nicht einstellt, der kopf nicht frei wird.

dem geht Löffler gegen ende der anthologie mit seinen gedanken nach und versucht ein fazit: Es findet eine … eine Entschleunigung3 statt. … Und so, quasi losgelöst von der Zeit, setzt plötzlich das Denken ein. Du denkst über das Leben nach, über das Leben der anderen und über dein Leben. Du analysierst und merkst, wo du stehst. Und dann kommt es nur darauf an, ob du alles wirklich erkennst und auch bereit bist, die Konsequenzen zu ziehen. (123) das kann erschütternd sein und jahrelang wegedrückte emotionen wie einen erdrutsch loslösen: und ich habe geweint wie noch nie seit meiner Kindheit. Und das war der Moment …(123) der moment der konsequenzen.

diese anthologie zeigt in kleinen texten unprätentiös die macht der selbsterkenntnis auf. wer auch immer den Jakobsweg beschreiten möchte, möge es vorher lesen und sich prüfen, ob er die geh-meditation nicht nur körperlich, sondern vor allem auch emotional und spirituell aushält.

© 02.01.2018 brmu
1 Kay Löffler (Hrsg.), Die den Weg fanden – Geschichten über den Jakobsweg, Engelsdorfer Verlag 2017
2 siehe: Psalm 23.4 „Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück…“
3 das hat Goethe auch gemeint mit seinem aphorismus: „Wer sichere Schritte tun will, muss sie langsam tun.“

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McCarten im film

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© 12.11.2017 foto brmu: Anthony McCarten „im gespräch“ mit Joachim Frank im Schauspiel Köln - Depot 1

Köln ist einen filmclip wert! besonders, wenn man als autor des diesjährigen preises „Das Buch für die Stadt“ verhindert ist. die professionalität der macher versöhnt mit diesem fauxpas. das geplante gespräch in der matineé im Schauspiel Köln wurde kurzerhand vorher im frage-antwort-modus aufgezeichnet und uns vom moderator Joachim Frank (KSTA) im pingpong locker präsentiert.

so konnte das publikum einen eindruck davon gewinnen, wie ein buch über die erfolgsschiene einer begeisterten leserschaft und eines fleißigen literaturbetriebes, dank des multitalentes des autors, in anderen medien seinen niederschlag findet wie im film, im musical und als drama im theater.

davon träumen andere autorinnen und autoren – oder nicht? ist die durchkommerzialisierung etwa auch ein nachteil? zeitdiebstahl durch lesungen, durch pr-maßnahmen, durch matineés, die vom eigentlichen ablenken, dem schreiben? trotz seiner abwesenheit scheint das bei McCarten nicht der fall zu sein, denn er erzählt, dass er das manuskript zu „Superhero“ in nur zwanzig tagen niedergeschrieben habe. das muss man durchhalten können.

natürlich wurde auch über den inhalt gesprochen. und McCarten meinte, seine lieblingsszene sei gewesen, als vater und sohn sich zum ersten mal nahe kommen, in dem sie einen joint rauchen, tatsächlich geweint habe er beim schreiben der sterbeszene, weil die gedankliche übertragung auf seine familie ihn emotional erschüttert habe.

offenbar eine schlüsselszene in dem werk, die sich mehrmals zu lesen lohnt. denn dann kommt man wohl auch zu dem schluss, dass es sich nicht um ein buch um und über den tod eines jugendlichen handelt, sondern um eine anleitung zum leben angesichts des todes. eine absurde situation würde Camus sagen und dasselbe meinen: lebe!

es wäre eine gute tat, den interviewfilm am stück zugänglich zu machen, um die vielen hinweise des autors aufnehmen und verarbeiten zu können. die leiterin des Literaturhauses Köln, Fr. Bettina Fischer, will sich dankenswerter weise darum bemühen. erfolg sei ihr beschieden.

© 13.11.2017 brmu

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Wiebicke wandert

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© 06.11.2017 foto brmu: Jürgen Wiebicke im Kaisersaal des Brühler Rathauses

die stimme kennt jeder, der regelmäßig WDR5 hört, vor allem „Das Philosophische Radio“. Jürgen Wiebicke verleiht der sendung seinen ruhigen charme als katalysator von meinungen und stimmungen, immer treu am ausgewählten philosophischen thema entlang. das ist sein journalistisches talent, das wir nun auch in persona am 6. November 2017 im Kapitelsaal des Brühler Rathauses in einer mischung aus lesung und vortrag und gespräch erleben konnten. die veranstaltung wurde von der VHS Rhein-Erft und der Buchhandlung Brockmann ausgerichtet, denen mein Dank gilt.

sein thema war das eigene buch mit dem titel „Zu Fuß durch ein nervöses Land“, in dem der autor auf „der Suche“ ist „nach dem, was uns zusammenhält“, getreu seinem motto: Man lernt immer am meisten, wenn man sich als Fragender durch die Welt bewegt. (15) er bewegte sich im sommer 2015 per pedes durch NRW und hat sich mit vielen leuten unterhalten, geplant und spontan, aus der mitte und vom sogenannten rand der gesellschaft. in 27 kapiteln wird unser land mittels dieser gespräche gespiegelt und in summa vom autor als „nervös“ reflektiert: Angst ist der Rohstoff des Populismus. (320) die aktuellen entwicklungen lassen den autor als männliche Kassandra erscheinen.

dieses buch kann eine hohe resonanz in richtung leserschaft entfalten, weil „wir“ mit einfachen meinungen ungeschminkt darin vorkommen. es wäre als pflichtlektüre für all jene geeignet, die sich „für uns“ politisch engagieren wollen, denn repräsentative Politik muss erst wieder die Nähe zu denen suchen, die sie repräsentieren will. (322) Wiebickes buch fühlt den puls von NRW.

darum ist auch an die adresse der bürgerschaft der auffordernde satz gerichtet: Der Abschied von der Zuschauerdemokratie beginnt vor der eigenen Haustür. (322) das meint die intervenierende demokratie des unverbrüchlichen bürgerlichen engagements, sei es als einzelner wie der arzt Rieux in Albert Camus’ „Die Pest“, sei es kollektiv in form von bürgerbegehren oder bürgerentscheiden gemäß GO NRW. nicht „die da oben“ sind wie zu kaisers zeiten die bestimmer, sondern „wir da unten“ reden mit. das auf der basis eines wertekanons, den alle mittragen. der muss aber kommuniziert werden, auch in persönlichen gesprächen von tür zu tür, von nachbar zu nachbar.

insofern unterscheidet sich die wanderung des autors deutlich von denen anderer, die zum zwecke der selbsterkenntnis oder „erleuchtung“ unterwegs waren, der Jakobsweg blitzt auf. ganz anders will es Jürgen Wiebicke: er will beleuchten, was im lande ist und wie es ansätze geben könnte, das licht heller strahlen zu lassen. möge dem buch eine breite rezeption vergönnt sein, es täte uns allen gut.

© 07.11.2017 brmu

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Versnetze_Neun

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© 2016 foto brmu / cover der anthologie „Versnetze_Neun“

es klingelt und der postbote überreicht ein buchpaket: eine spannende geste. heute landet ein ganz besonderes paket an: Versnetze_Neun von Axel Kutsch und das direkt vom Ralf Liebe Verlag, der seine liebe zur lyrik nicht verheimlichen kann - noch vor dem offiziellen erscheinungstermin ende Juni 2016. litbiss macht also per interview und kurzbeschreibung noch vor dem offiziellen start neugierig auf den neuen lyrikband des Bergheimer lyrikers und autors Axel Kutsch.

versnetze, was meint der anthologist Kutsch damit? verse, untereinander vernetzt aus dem netz der postleitzahlen des ganzen landes, gesammelt in einem speziellen netz für verse, auf das ihm und damit uns nichts entgehe? dazu mehr in dem interview mit Axel Kutsch hier auf „info“ mit dem titel „Kutsch im netz9“.

ich bin’s zufrieden, zwei meiner eigens für die anthologie geschriebenen gedichte haben gnade gefunden vor seinen augen. das macht mut. sie finden sich auf seite 171. eins davon sei hier notiert:

lyrikmodus

wörterfäden im
satzspiegel flattern
beim klirren der
bedeutungsschalen
ein ping pong spiel
mit der leserschaft

diese „ping-pong-spiel“ mit der leserschaft betreiben alle autor/inn/en in dieser anthologie – falls sich die leser/-innen auf die lyrik einlassen und nach den bedeutungsschalen suchen. nicht alles ist offensichtlich, nicht alles ist von anfang an hineingedacht, nicht alles klingt beim ersten anschlag.

da scheint die prosa einfacher, sie schränkt die fantasie durch ausufernde beschreibung und handlung ein wie der film die prosa durch plot und bilderfolge einschränkt. kann man gedichte verfilmen? wenn ja, so haben wir mit Versnetzte_Neun ein weiteres drehbuch lyrischer weltbeschreibung in den händen. wenn nein, so haben wir unsere resonanzfläche zu den lyrischen kleinodien, das gemeinte im geiste aufscheinen zu lassen. beides dank Axel Kutsch mitten aus unseren landen gefischt, abseits des elitären literaturbetriebs, mit der schreibhand am puls der basis.

© 20.06.2016 brmu
Axel Kutsch, Versnetze_Neun, Verlag Ralf Liebe, 2016, 326 seiten

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Kutsch im netz9

Axel Kutsch (AK), lyriker und anthologist aus Bergheim/Erft, hat sich neben seinen zwölf gedichtbänden auch mit seinen anthologien einen namen gemacht. die aktuelle reihe trägt den titel „Versnetze – Deutschsprachige Lyrik der Gegenwart“ und erscheint im Verlag Ralf Liebe. band neun ist in bearbeitung. aus diesem anlass hat litbiss (lb) ein gespräch mit Axel Kutsch geführt.

lb: hallo, herr Kutsch, zum neunten male wird von ihnen ein netz nach versen ausgeworfen. die metapher lädt geradewegs zu der frage ein: fühlen sie sich als dichterfischer?

AK: durchaus! talente zu entdecken und von etablierten dichterinnen und dichtern neue gedichte an land zu ziehen, das ist meine intention.

lb: der innere aufbau der Versnetze nach postleitzahlen und jahrgängen hat eher nichts mit lyrischen aspekten zu tun. was versteckt sich hinter dieser struktur?

AK: wenn man jahr für jahr möglichst die ganze breite und vielfalt unserer gegenwärtigen lyrik quer durch die generationen und regionen „fischen“ will, sollte man keinen filter setzen wie etwa thematische kapiteleinteilungen, die dann oft etwas gequält bestückt werden. es geht mir um die vernetzung aller altersstufen und schreibweisen. dabei ist es interessant, eventuell herauszufinden, ob es stilistische oder inhaltliche unterschiede zwischen autoren aus dem ostem, norden, westen oder süden gibt. so spielen beispielsweise die folgen der wiedervereinigung in gedichten, die im osten entstanden sind, noch immer eine rolle, während sie in anderen regionen nicht mehr thematisiert werden.

lb: ein fischernetz wird in vermuteten reichen fischgründen ausgeworfen, natürlich in der hoffnung auf einen guten fang. haben sie schon kapitale fänge gemacht?

AK: ich unterscheide bei meiner auswahl nicht nach großen und kleinen fischen. gute gedichte von weniger bekannten verfassern sind genau so willkommen wie solche von renommierten poeten wie Ulrike Draesner, Ulla Hahn, Manfred Peter Hein, Günter Kunert, Friederike Mayröcker, Kathrin Schmidt oder Martin Walser, die bisher von mir „vernetzt“ worden sind.

lb: mit anderen worten: was ist das attraktive an ihrem konzept für die gedichtlieferantinnen und –lieferanten, nennen wir sie mal so?

AK: unabhängig von konzepten ist es vor allem für junge talente wichtig, dass sie ein seriöses und beachtetes forum für ihre gedichte finden. manche von ihnen, die inzwischen mit nennenswerten literaturpreisen ausgezeichnet worden sind, haben mir gesagt, dass frühe veröffentlichungen in meinen anthologien ihnen mut gemacht hätten, den begonnenen schriftstellerischen weg intensiv fortzusetzen. und in fast jeder ausgabe kommen weitere talente hinzu. aber auch für viele ältere autorinnen und autoren ist es wichtig, neue texte in diesen sammelbänden zu veröffentlichen. hier erreichen sie in der regel mehr leser als mit eigenen gedichtbänden. schon lessing schrieb vor 250 jahren: wir wollen fleißiger gelesen sein. das gilt nach wie vor gerade bei lyrik, der literaturgattung der meistenteils  kleinen auflagen.

 

lb: im literaturbetrieb hat vieles seinen auftritt. in letzter zeit setzen sich die absolventen aus literaturakademien stark in szene. wie sehen sie das in bezug auf ihr konzept der versnetze-anthologien?

AK: in denen auch akadamie-absolventen veröffentlicht worden sind und werden, so in der neuen ausgabe Bertram Reinecke und Ulrike Almut Sandig, die am renommierten Deutschen Literaturinstitut Leipzig studiert haben. während ich bei so manchem einsender keinen akzeptablen text finde, sind unter den gedichten, die von diesen akademisch geprägten poeten eingereicht werden, immer beiträge, die mich angesichts ihrer dichterischen qualität und frische überzeugen. das gilt natürlich auch für viele lyrikerinnen und lyriker ohne solchen hintergrund. man kann allgemein feststellen, dass unsere gegenwärtige dichtung ein bemerkenswert gutes niveau aufweist, sowohl in der jungen generation als auch bei älteren jahrgängen. einschränkungen lassen sich am ehesten in der sogenannten engagierten literatur machen. gerade verfassern politisch orientierter lyrik kommt es oft darauf  an, plakativ ihre meinung zu äußern, ohne sich eingehender um sprachliches oder inhaltliches raffinement zu kümmern. wenn mir auch bei der auswahl der texte bewußt ist, daß nicht jedes gedicht, das ich aufnehme, ein kleines meisterwerk ist, lege ich doch wert auf sprachliche originalität. platt formulierte meinungsäußerungen, hausbackene schreibweisen oder abgedroschene metaphern haben keine chance.

lb: originalität will gedruckt werden. die versnetze erscheinen im Verlag Ralf Liebe, dem sie unverbrüchlich die treue halten. was ist der grund dafür?

AK: Ralf Liebe ist ein begeisterter drucker und verleger. bei ihm habe ich alle freiheiten dieser welt. er redet mir nicht rein und lässt mich uneingeschränkt  editorisch schalten und walten. das hat man in der maschinerie großer verlage selten, eigentlich  nie. unser verhältnis basiert auf gegenseitiger loyalität.

lb: was in verlagen so intern los ist, das hat Hanns-Josef Ortheil in seinem roman „Die geheimen Stunden der Nacht“ von berufener seite gut nachvollziehbar beschrieben.

AK: nur ein beispiel in diesem zusammenhang: das von Christoph Buchwald hauptverantwortlich seit 1979 herausgegebene sehr bekannte „Jahrbuch der Lyrik“, in dem ich auch einige male als autor vertreten war, machte in den vielen jahren geradezu eine verlagsodyssee. anfänglich bei Claassen erschienen, wurde es dann der reihe nach bei Luchterhand, C.H. Beck. S. Fischer und zuletzt bei der Deutschen Verlags-Anstalt (DVA) veröffentlicht. nun muss kollege Buchwald mal wieder einen neuen verlag suchen. soviel mir bekannt ist, hat er bis jetzt noch keinen gefunden. das ist ein jammer. für lyrik ist in vielen größeren verlagen kaum noch platz. da bin ich bei Ralf Liebe besser aufgehoben.

Ib: wann wird der neue fang, sprich band „Versnetze_neun“ erscheinen, damit man sich darin versenken oder daran reiben kann?

AK: man kann, darf und soll sich sogar an dem einen oder anderen text reiben. ich verspreche wieder, ein zitat von Thomas Kling aufgreifend, einen abwechslungsreichen „wellenritt in riffreicher zone“, bei dem es neben ruhepunkten auch turbulenzen gibt. glatt und langweilig waren meine anthologien noch nie. und mehr als verwunderlich wäre es, wenn bei der vielfalt der gedichte und schreibweisen allen alles zusagte. allerdings waren die zahlreichen rezensionen in den medien bisher fast ausnahmslos positiv.  erscheinen wird die neunte ausgabe, die einen umfang von rund 320 seiten haben wird,  voraussichtlich ende juni 2016. in den kommenden wochen wird sie in der bewährten weise bei Ralf Liebe gedruckt und verlegt – für die treue leserschaft.

dazu gehört auch litbiss. vielen dank für das gespräch, herr Kutsch. im sinne aller beteiligten sei ihnen erfolg aus fairer rezension und interessierter leserschaft gewünscht.  

© 25.05.2016 brmu

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versnetz, die 8.

 Versnetze8-IMG 0426

© 2015 foto brmu

kurz und bündig sei’s hier gebracht
hab’s wieder ins versnetz geschafft
mit zweien meiner gedichte

blätter mal und zu gesichte
kommen sie dir auf einsfünfacht
das blättern hat mir spaß gemacht:

ein freund
                   ist einer der
runneln kann, quer
die panzerung durchbricht
er schicht um schicht
zum kern der sache: ego
tripp und trapp der
nachtigall gesang den
will ich nutzen und
zwei hände treffen sich
zum schwur

© 15.09.2015 brmu
Axel Kutsch, Versnetze_8, Verlag Ralf Liebe, 2015, 369 seiten

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versnetze_7

 Kutsch Versnetze-IMG 6988a
© foto 06.01.2015 brmu

nun liegt schon der siebte band der erfolgreichen anthologiereihe Versnetze, "Versnetzte_sieben -Deutschsprachige Lyrik der Gegenwart“ vor, herausgegeben von Axel Kutsch, 2014 im Verlag Ralf Liebe erschienen. das konzept hat sich über jahre sehr bewährt: nach postleitzahlen geordnet, versammeln sich bekannte und unbekannte lyriker deutscher zunge mit den unterschiedlichsten produkten ihrer dichtkunst. in einem anhang „Kleiner Grenzverkehr“ sind darüber hinaus deutschsprachige lyriker aus Österreich, der Schweiz, Frankreich, den Niederlangen, Belgien, Finnland und den USA versammelt, also ein durchaus internationaler anspruch für das deutschsprachige gedicht.

hier kann man abseits vom diktum des literaturbetriebes und seinen übermächtigen meinungs­machern eigenständig appetit auf mehr entwickeln und für sich auf 326 seiten in der lyrik­welt stöbern. so findet man sogar ein gedicht des verlegers Ralf Liebe, das auf seine lange wande­rung auf dem Jakobsweg anspielt (s. 122). und natürlich auch kostproben des herausgebers Axel Kutsch (s. 168-169), sowie 218 weitere autor/innen.

es ist eine auszeichnung, dabei sein zu können. mit dem mut des zuversichtlichen sind dem herausgeber auch von mir einige gedichte auf den tisch geflattert, von denen er zwei für wert hielt, in dieser anthologie zu erscheinen. eines davon sei hier zitiert (seite 159):

reifung

acht stunden arbeiten
für anderer leut’s ego
acht stunden dösen
für das eigene selbst
acht stunden schlagen
für’s Freud’sche ich
aus drei mach’ eins
im übergang reifen
gedichte

© 06.01.2015 brmu

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litbiss: der geist der strophen wirbelt...

einen literaturblog zu schreiben ist eine sache, einen lyrikband zum druck zu bringen eine andere. ich habe dabei eine menge gelernt, wie man es nicht machen sollte und wie es dann doch erfolgreich funktioniert. dabei möchte ich allen, die mir dabei selbstlos mit rat und lektorat geholfen haben, aus vollem herzen danken.

litbiss geist-gedichtband

mein debüt hat den titel „litbiss: der geist der strophen wirbelt dich herum“. drei aspekte haben mich beseelt. der eine steckt im begriff des debüts, gemeint ist keine eintagsfliege vorzulegen, es sollen noch weitere werke folgen. die notizbücher sind voll. der andere zitiert den blog litbiss, der mir eine liebe und wichtige, tägliche übung ist. und drittens wollen meine gedichte wirbeln: resonanz erzeugen und innere wirkung auslösen.

liebe leserin, lieber leser, schreiben sie mir als kommentar, ganz unkompliziert, ob mir das mit meinem lyrikband gelungen ist. konstruktive sätzte in den kommentaren (rezensionen) sind schätze im geiste der autoren.

© 16.04.2013 brmu
ergänzt 30.4.2013, ergänzt am 06.9.2014:

auszug aus der rezension vom 3.7.2014 bei amazon:

"Gedichte haben keine Konjunktur, ... Deshalb überrascht es immer wieder, dass Autoren ... sich die Mühe machen, Ideen und Erfahrungen in gebundener Sprache, ..., zu formulieren. In dem vielstimmigen Chor neuer deutscher Lyriker ist hier mit Bernhard Ulbrich ein Autor zu entdecken, der knapp und präzise, mit Witz und Verve, schlagfertig und sensibel, stets pointiert und originell in seinen Ansätzen oder Wort-Findungen und ungewohnten Kombinationen, seine Gedanken zu Papier bringt. Spaß macht es, mitzuerleben, wie er seine mitunter bizarren intellektuellen Volten schlägt, scheinbar Altbekanntes neu sehen, durchschauen und erkennen lässt. ..."

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das goldene dachl

das Goldene Dachl (um 1500) ist das wahrzeichen Innsbrucks. ein spruchband mit unbekannten schriftzeichen ist bis heute nicht enträtselt. in der tiroler tageszeitung (tt) vom 10. Juni 2009 steht über das Goldene Dachl geschrieben: "Jetzt dürfen sich Kreative den Kopf zerbrechen."

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