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arbeitsbündnis im exil

exil-literatur ist nicht etwa eines der vielen verkaufsträchtigen genres im literaturbetrieb heutiger zeit, sondern ein sammelbegriff für die werke all jener autor/-innen, die in der dunkelzeit nazi-deutschlands vertrieben wurden oder noch rechtzeitig vor dem tode fliehen konnten. die tatsache, dass es diesen begriff gibt, ist eine immer noch nachwirkende schande. kein wunder, dass auf dem wege der verdrängung kein aufhebens davon gemacht wurde.

aber in der dritten generationen nach der stunde null ändert sich das bild allmählich. exil-literatur ist in der diskussion, auch dank solch informativer sachbücher wie Rumlers „Exil als geistige Lebensform1. und das ist dringend nötig, weil die aufarbeitung literarischer vergangenheit wie in dem roman „Sunset“2 die unterfütterung von fakten benötigt.

herrscht in den aktuellen romanen zu diesem thema die zuzubilligende freiheit des autors vor, fiktion und fakten zu vermengen, wer sich mit wem wie wo wann unterhalten hat et cetera, so präsentiert Rumler klare kante. das am prominenten beispiel des arbeitsbündnisses von Bertolt Brecht, dem emporstrebenden, mit Lion Feuchtwanger, dem arrivierten seiner zeit.

es ist erstaunlich, beide verband lebenslang eine symbiose auch oft spannungsreicher zusammenarbeit, von der vor allem Brecht profitieren konnte. während sein literarischer tutor, türöffner bei verlagen bis hin zum kritischen lektor und co-autor, dem gedächtnis der heutigen leserschaft entschwand, ist er dank seiner politischen ausgerichteten werke noch immer präsent. das mag daran liegen, dass Feuchtwanger österreichischer herkunft war und bis zu seinem tode in den USA lebte. Brecht hingegen in die damalige DDR umsiedelte und dort furore machte. das war im deutschunterricht der schulen des letzten jahrhunderts, hüben wie drüben, allemal ein gefundenes lesen und interpretieren.

Andreas Rumler bietet der leserschaft in verständlicher sprache und im ausgewogenen fokus eine menge von daten und werkhinweisen beider autoren, so dass man sich ein gutes bild machen kann, wovon Modick in seinem roman eigentlich schreibt. „Exil“ ist ein gut lesbares, historisch-essayistisches buch von handhabbarem umfang, angereichert mit nicht alltäglichem bildmaterial dieser beiden granden der deutschsprachigen literatur.

© 22.11.2016 brmu
1 Andreas Rumler, Exil als geistige Lebensform – Brecht+Feuchtwanger – Ein Arbeitsbündnis, Edition A B Fischer, 2016
2 Klaus Modick, Sunset, eichborn 2011

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In Memoriam

woran denken lyriker/-innen, wenn sie schreiben - an sich, ans werk, an andere, an die leser/-innen? in seinem neuen programm „In Memoriam“ an der VHS (29.10.2016) klärt Manfred Michael Bohn diese frage: er gedenkt der lyriker/-innen, die während der dunklen ns-zeit verfolgt, vertrieben oder vernichtet wurden.

er gab litbiss ein kurzinterview. wie kam Manfred M. Bohn zum schreiben? hier seine antworten:

> gestatten, mein name ist Manfred Michael Bohn, einen alias-namen als autor habe ich nicht. damit will ich warten, bis mir die tägliche fan-schlange vor dem hause zu lästig wird.

ich wurde in eine zeit geboren, die mich heute noch tief erschüttert, verstärkt durch zwei reisen nach Wolgograd (ehem. Stalingrad), an den ort einer schlacht mit weit über einer million toter, obwohl das geschehen schon beendet war, bevor ich geboren wurde.

als junger mensch habe ich erkannt: hilf dir selbst, dann hilft dir Gott oder auf amerikanisch: „getting things done“. seit dem ist alles, was mir wichtig erschien, gelungen. dabei inspirierten mich immer eine vielzahl von sprüchen, aphorismen, axiome und zitate. zum beispiel: „das gegenteil von gut, ist gut gemeint“ oder „denken ist schwer, darum urteilen die meisten“ oder „die absicht jeden verhaltens ist positiv“ oder „die annahme, andere denken wie wir, ist eine illusion“ oder „die landkarte ist nicht das territorium“ u.s.w.

meine beruflichen ausbildungen haben mir ein erfülltes leben beschert. so kam es dann, dass ich heute schätze eines besonderen reichtums besitze.

mein erstes buch fand ich so gut, dass ich ein zweites folgen ließ. ich nahm an, mit dem erstwerk einen zugang zu erfahrenen „kollegen“ zu finden. doch ein kreis mit einigen eingebildeten fand mich nicht würdig. übrigens geht ein drittes buch wohl noch in diesem jahr in druck. das literarische schreiben hat für mich einen wert, dem ich jeden tag mit freude begegne.

wenn sie meine neue lesung „In Memoriam“ hören, wünsche ich ihnen, mitgefühl für die autorinnen und autoren, die im so genannten Dritten Reich verfolgt, gequält und getötet wurden. sie werden in der sache folgendes erkennen: „nie wieder!“ und heute? parallelen zur Weimarer Republik?

über mich finden sie in meinen büchern authentizität, sensitivität, angelsächsisch anmutenden humor, satire oder schlicht menschliches. von der leserschaft habe ich zuspruch, dank, freude, berührtheit, interesse und sogar geld erhalten (!) <

und er überließ litbiss exklusiv dieses gedicht:

Donnerstag

wacher blick,
menschenglück.

geschliffener verstand,
ergebnisgespannt.

verschmitztes lachen,
daraus was machen.

für mich
oder dich?

sympathie-ton,
wahrnehmungs-lohn.

ab und an da zu sein
im förderverein,

es läuft die zeit,
der freund zu weit.

zum tv gehen,
„bio-noten“ sehen.

zu zweit mit gästen,
besser erst testen.

traum schwebt mir vor,
bei dir im tresor.

darauf die antwort aus der litbiss-feder:

im tresor

     da landen die krusten
der lebenstätigkeit von hoch
erhoffter wertesteigerung -
für die nachkommen parat

viel besser jedoch ist das weiche
des puren lebens im rhythmus
des pulses offener neugier -
und auch wagemut apart

darum lasset uns fröhlich schreiben
für heute und vielleicht morgen
weiter reichet die zeit nicht im
komplexen wimmelbildbuch

und wem das alles viel zu obskur
verlege sich auf das lesen
das in seinem inneren zweck
feine spiegelung ist – huch!!

© 19.09.2016 brmu

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Versnetze_Neun

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© 2016 foto brmu / cover der anthologie „Versnetze_Neun“

es klingelt und der postbote überreicht ein buchpaket: eine spannende geste. heute landet ein ganz besonderes paket an: Versnetze_Neun von Axel Kutsch und das direkt vom Ralf Liebe Verlag, der seine liebe zur lyrik nicht verheimlichen kann - noch vor dem offiziellen erscheinungstermin ende Juni 2016. litbiss macht also per interview und kurzbeschreibung noch vor dem offiziellen start neugierig auf den neuen lyrikband des Bergheimer lyrikers und autors Axel Kutsch.

versnetze, was meint der anthologist Kutsch damit? verse, untereinander vernetzt aus dem netz der postleitzahlen des ganzen landes, gesammelt in einem speziellen netz für verse, auf das ihm und damit uns nichts entgehe? dazu mehr in dem interview mit Axel Kutsch hier auf „info“ mit dem titel „Kutsch im netz9“.

ich bin’s zufrieden, zwei meiner eigens für die anthologie geschriebenen gedichte haben gnade gefunden vor seinen augen. das macht mut. sie finden sich auf seite 171. eins davon sei hier notiert:

lyrikmodus

wörterfäden im
satzspiegel flattern
beim klirren der
bedeutungsschalen
ein ping pong spiel
mit der leserschaft

diese „ping-pong-spiel“ mit der leserschaft betreiben alle autor/inn/en in dieser anthologie – falls sich die leser/-innen auf die lyrik einlassen und nach den bedeutungsschalen suchen. nicht alles ist offensichtlich, nicht alles ist von anfang an hineingedacht, nicht alles klingt beim ersten anschlag.

da scheint die prosa einfacher, sie schränkt die fantasie durch ausufernde beschreibung und handlung ein wie der film die prosa durch plot und bilderfolge einschränkt. kann man gedichte verfilmen? wenn ja, so haben wir mit Versnetzte_Neun ein weiteres drehbuch lyrischer weltbeschreibung in den händen. wenn nein, so haben wir unsere resonanzfläche zu den lyrischen kleinodien, das gemeinte im geiste aufscheinen zu lassen. beides dank Axel Kutsch mitten aus unseren landen gefischt, abseits des elitären literaturbetriebs, mit der schreibhand am puls der basis.

© 20.06.2016 brmu
Axel Kutsch, Versnetze_Neun, Verlag Ralf Liebe, 2016, 326 seiten

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im frühjahr zum ARE, wir zieh'n fallera

man muss es zugeben, das ehemals mäusisch wimmelnde Mauseum lebt nun von altem glanze; die mäuse sind massenhaft ausgewandert zu Eckernförders gestaden. das hat aber das publikum nicht davon abgehalten, den drei autoren des Autorenkreises Rhein Erft (ARE) in der Frühjahrs-Lesung interessiert zuzuhören.

den reigen eröffnete der neuling im ARE, Rainald Hahn. er trug uns seine gedanken zu dem so genannten „Richterfenster“ im Kölner Dom vor, betitelt: „Kunst, Kreativität und Zufall – Kultur als Streit vertreibender Zeitvertreib“, die es in sich hatten. auf den punkt gebracht: mit einfachen algorithmen, sinnbild für unbegrenzte optionen, hat der künstler Gerhard Richter einen auswahlprozess gestaltet, der letztlich zu der völlig abstrakten und stochastischen anordnung der farbflächen in dem domfenster führte. das schöpferische sei also ein schöpfen aus unzählbaren möglichkeiten, die sich dem kreativen menschen darbieten. das essay als eine im ARE neue form des literarischen ausdrucks wurde im rahmen der kontroversen diskussion um das Richterfenster angefertigt.

den gedankenschweren boden verließ Rolf Polander mit seinen leicht-luftigen gedichtperlen. sie schwebten davon wie ein luftballon aus clownesker dichterhand, die den neuesten lyrikband „In Versen verzettelt“, 2016 im Shaker Media Verlag erschienen, geschrieben hatte. mit scharfer beobachtungsgabe hielt er uns den spiegel hin, auf dass wir uns in seinen kurzen, sich reimenden sentenzen wiedererkennen mögen mit all unseren macken. in der diskussion beteuerte er, nicht zwanghaft nach den reimen zu suchen, sondern die ihm zufliegenden den gewünschten aussagen entsprechend locker zu arrangieren. also nicht: reim’ dich oder ich fress’ dich als maxime. dennoch, wer heute in gefälliger form nachdenkenswertes darbietet, der gerät immer wieder in die frage der übereinstimmung von form und inhalt. die modernen haben sich vorgenommen, die gedichtformen bis zur unkenntlichkeit zu zertrümmern, um die zerütteten zeiten zu repräsentieren – das ist nicht das ding von Polander. in einer schmeichelnden verpackung bietet er menschheitskritisches an. in der hoffnung, es bliebe so besser haften.

das ding von Andreas Schnabel sind tote. tote am laufenden bande in seinen inzwischen sieben krimis im umfeld von Mallorca, seiner zweitheimat. als intimer kenner der verhältnisse dort traut er sich nicht nur in das metier von mord und totschlag, sondern packt auch brisante, unbewältigte themen der dunklen zeiten spaniens an. wer die krimis in der reihe ihres erscheinens liest, der wird feststellen, dass sein protagonist Michael Berger, deutscher ex-kriminalist, eine entwicklung vom traumatisierten mann aus privatem unglück zum humorvollen bräutigam erneuter, glück verheißender beziehung zur gräfin Rosa von Zastrows durchmacht. mehr wird nicht verraten. lesen sie selbst: „Tod unter Pinien – Mallorca Krimi“ aus dem emons-Verlag, 2016 erschienen. es lohnt, launig leichtes zu lesen, wie geschaffen als urlaubslektüre an der naht von sand und meer.

will man ein fazit ziehen, so war der nachmittag für das treu eingeschworene publikum wieder bunt und anregend.

© 20.06.2016 brmu

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Kutsch im netz9

Axel Kutsch (AK), lyriker und anthologist aus Bergheim/Erft, hat sich neben seinen zwölf gedichtbänden auch mit seinen anthologien einen namen gemacht. die aktuelle reihe trägt den titel „Versnetze – Deutschsprachige Lyrik der Gegenwart“ und erscheint im Verlag Ralf Liebe. band neun ist in bearbeitung. aus diesem anlass hat litbiss (lb) ein gespräch mit Axel Kutsch geführt.

lb: hallo, herr Kutsch, zum neunten male wird von ihnen ein netz nach versen ausgeworfen. die metapher lädt geradewegs zu der frage ein: fühlen sie sich als dichterfischer?

AK: durchaus! talente zu entdecken und von etablierten dichterinnen und dichtern neue gedichte an land zu ziehen, das ist meine intention.

lb: der innere aufbau der Versnetze nach postleitzahlen und jahrgängen hat eher nichts mit lyrischen aspekten zu tun. was versteckt sich hinter dieser struktur?

AK: wenn man jahr für jahr möglichst die ganze breite und vielfalt unserer gegenwärtigen lyrik quer durch die generationen und regionen „fischen“ will, sollte man keinen filter setzen wie etwa thematische kapiteleinteilungen, die dann oft etwas gequält bestückt werden. es geht mir um die vernetzung aller altersstufen und schreibweisen. dabei ist es interessant, eventuell herauszufinden, ob es stilistische oder inhaltliche unterschiede zwischen autoren aus dem ostem, norden, westen oder süden gibt. so spielen beispielsweise die folgen der wiedervereinigung in gedichten, die im osten entstanden sind, noch immer eine rolle, während sie in anderen regionen nicht mehr thematisiert werden.

lb: ein fischernetz wird in vermuteten reichen fischgründen ausgeworfen, natürlich in der hoffnung auf einen guten fang. haben sie schon kapitale fänge gemacht?

AK: ich unterscheide bei meiner auswahl nicht nach großen und kleinen fischen. gute gedichte von weniger bekannten verfassern sind genau so willkommen wie solche von renommierten poeten wie Ulrike Draesner, Ulla Hahn, Manfred Peter Hein, Günter Kunert, Friederike Mayröcker, Kathrin Schmidt oder Martin Walser, die bisher von mir „vernetzt“ worden sind.

lb: mit anderen worten: was ist das attraktive an ihrem konzept für die gedichtlieferantinnen und –lieferanten, nennen wir sie mal so?

AK: unabhängig von konzepten ist es vor allem für junge talente wichtig, dass sie ein seriöses und beachtetes forum für ihre gedichte finden. manche von ihnen, die inzwischen mit nennenswerten literaturpreisen ausgezeichnet worden sind, haben mir gesagt, dass frühe veröffentlichungen in meinen anthologien ihnen mut gemacht hätten, den begonnenen schriftstellerischen weg intensiv fortzusetzen. und in fast jeder ausgabe kommen weitere talente hinzu. aber auch für viele ältere autorinnen und autoren ist es wichtig, neue texte in diesen sammelbänden zu veröffentlichen. hier erreichen sie in der regel mehr leser als mit eigenen gedichtbänden. schon lessing schrieb vor 250 jahren: wir wollen fleißiger gelesen sein. das gilt nach wie vor gerade bei lyrik, der literaturgattung der meistenteils  kleinen auflagen.

 

lb: im literaturbetrieb hat vieles seinen auftritt. in letzter zeit setzen sich die absolventen aus literaturakademien stark in szene. wie sehen sie das in bezug auf ihr konzept der versnetze-anthologien?

AK: in denen auch akadamie-absolventen veröffentlicht worden sind und werden, so in der neuen ausgabe Bertram Reinecke und Ulrike Almut Sandig, die am renommierten Deutschen Literaturinstitut Leipzig studiert haben. während ich bei so manchem einsender keinen akzeptablen text finde, sind unter den gedichten, die von diesen akademisch geprägten poeten eingereicht werden, immer beiträge, die mich angesichts ihrer dichterischen qualität und frische überzeugen. das gilt natürlich auch für viele lyrikerinnen und lyriker ohne solchen hintergrund. man kann allgemein feststellen, dass unsere gegenwärtige dichtung ein bemerkenswert gutes niveau aufweist, sowohl in der jungen generation als auch bei älteren jahrgängen. einschränkungen lassen sich am ehesten in der sogenannten engagierten literatur machen. gerade verfassern politisch orientierter lyrik kommt es oft darauf  an, plakativ ihre meinung zu äußern, ohne sich eingehender um sprachliches oder inhaltliches raffinement zu kümmern. wenn mir auch bei der auswahl der texte bewußt ist, daß nicht jedes gedicht, das ich aufnehme, ein kleines meisterwerk ist, lege ich doch wert auf sprachliche originalität. platt formulierte meinungsäußerungen, hausbackene schreibweisen oder abgedroschene metaphern haben keine chance.

lb: originalität will gedruckt werden. die versnetze erscheinen im Verlag Ralf Liebe, dem sie unverbrüchlich die treue halten. was ist der grund dafür?

AK: Ralf Liebe ist ein begeisterter drucker und verleger. bei ihm habe ich alle freiheiten dieser welt. er redet mir nicht rein und lässt mich uneingeschränkt  editorisch schalten und walten. das hat man in der maschinerie großer verlage selten, eigentlich  nie. unser verhältnis basiert auf gegenseitiger loyalität.

lb: was in verlagen so intern los ist, das hat Hanns-Josef Ortheil in seinem roman „Die geheimen Stunden der Nacht“ von berufener seite gut nachvollziehbar beschrieben.

AK: nur ein beispiel in diesem zusammenhang: das von Christoph Buchwald hauptverantwortlich seit 1979 herausgegebene sehr bekannte „Jahrbuch der Lyrik“, in dem ich auch einige male als autor vertreten war, machte in den vielen jahren geradezu eine verlagsodyssee. anfänglich bei Claassen erschienen, wurde es dann der reihe nach bei Luchterhand, C.H. Beck. S. Fischer und zuletzt bei der Deutschen Verlags-Anstalt (DVA) veröffentlicht. nun muss kollege Buchwald mal wieder einen neuen verlag suchen. soviel mir bekannt ist, hat er bis jetzt noch keinen gefunden. das ist ein jammer. für lyrik ist in vielen größeren verlagen kaum noch platz. da bin ich bei Ralf Liebe besser aufgehoben.

Ib: wann wird der neue fang, sprich band „Versnetze_neun“ erscheinen, damit man sich darin versenken oder daran reiben kann?

AK: man kann, darf und soll sich sogar an dem einen oder anderen text reiben. ich verspreche wieder, ein zitat von Thomas Kling aufgreifend, einen abwechslungsreichen „wellenritt in riffreicher zone“, bei dem es neben ruhepunkten auch turbulenzen gibt. glatt und langweilig waren meine anthologien noch nie. und mehr als verwunderlich wäre es, wenn bei der vielfalt der gedichte und schreibweisen allen alles zusagte. allerdings waren die zahlreichen rezensionen in den medien bisher fast ausnahmslos positiv.  erscheinen wird die neunte ausgabe, die einen umfang von rund 320 seiten haben wird,  voraussichtlich ende juni 2016. in den kommenden wochen wird sie in der bewährten weise bei Ralf Liebe gedruckt und verlegt – für die treue leserschaft.

dazu gehört auch litbiss. vielen dank für das gespräch, herr Kutsch. im sinne aller beteiligten sei ihnen erfolg aus fairer rezension und interessierter leserschaft gewünscht.  

© 25.05.2016 brmu

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Polanders verse verzettelt

im literaturbetrieb rangieren gedichte quasi in der hintersten buchreihe, unter dem kleinen label „Lyrik“. und tatsächlich, es sind denn auch viele moderne gedichte wohl nur den urhebern noch verständlich, wenn sie im wort- und silbenstakkato ihr innerstes schriftlich fixieren – oder auch das nicht einmal.

ganz anders bei Rolf Polander in seinem neuen gedichtband „In Versen verzettelt“, Shaker Media, 2016 erschienen. ihm sitzt der schalk im nacken und nicht im inneren. er hat eine klare feder, will also verstanden werden und dabei fleißig necken. wen? die leserschaft - und das nicht ohne koketterie. Aus meinem Munde ringelt / kein Natz sich aufs Papier und Ich bin nicht Robert Gernhardt versichert Polander in dem gedicht „Bekannte Dichter und ich“ (91).

die humorvollen verse, gelesen sind sie ein ohrwurm, der uns kitzelt, auf das wir lächeln. wir adaptieren schnell die reime, den sound, die scherze und erinnern uns an ähnliche muster, wenn schon nicht Joachim Ringelnatz und Robert Gernhardt, dann doch Wilhelm Busch. und meinen, der könnt’ ihm auch noch ein veritables vorbild sein.

so eingestimmt fühlen wir uns wohl, als sieger, wir haben ja sein kochrezept erkannt. dann kommt das gedicht „Dem Sieger“. peng! herausgerissen aus der idylle, müssen wir es zweimal lesen: Die kleinen Wegwunder / hast du zertreten. // Das Zielband zerreißt, / wenn du es erreichst. // Was also / bleibt dir? (20) das ist ja ein zischender säuretropfen!

keine gewissheit! eben schien noch alles so klar, gut sortierbar, eingängig. jetzt diese schärfe, der schalk ist vom nacken gerutscht, das seziermesser blinkt. die aufgeworfene frage schwebt noch im raum, da kommt der nächste wachrüttler in „Wertschätzung“: Den zu kurz gekommenen, / … // Ihnen sagen wir: / Ihr seid nicht überflüssig. / Wir brauchen euch./ Jeder einzelne von euch ist wertvoll. // An seinem Platz. (21)

und während du noch darüber nachdenkst, was wohl mit der textlich abgesetzten und damit betonten einschränkung „An seinem Platz“ gemeint sein kann, blättert deine hand neugierig weiter und findet diese warnung: „Über den Tellerand gesprochen“. hier lauert die demaskierende erkenntnis: Und ab und zu / schielt einer auf den Teller des anderen, / ob da nicht etwas zu holen sei. Ist das die / Perspektive, // die ihr meint? (22)

nein, sagst du unwillkürlich, nicht die perspektive der Global Player, die das betäubende mantra „wachstum“ rezitieren. es muss doch horizonterweiterung gemeint sein, jenes prinzip, dass alle einschließt, egoismen mindert und damit mildert, damit die kleinen Wegwunder eben nicht zertreten werden. An seinem Platz (und an allen anderen plätzen, setze ich hinzu), soll jede und jeder wertvoll sein dürfen, können und sollen.

die dichterische idylle ist gründlich aufgemischt und man zögert, weiter zu lesen. das ist ernüchterung pur, erfordert ein durchatmen und einen neuanfang. und wirklich tragen uns die nun folgenden gedichte artig durch das buch. ein kleiner fingerzeig in „Ungereimt“ noch entschuldigt sich für die unannehmlichkeit eben. Ich / reimt sich nicht auf Du. / Und trotzdem! / Oder gerade deswegen? (28) alles relativ, erschütterungen der leseerwartung von gedichten können vorkommen, wir sind eben unterschiedlich.

der schock zerläuft sich. gegen ende dann noch einmal in „Geschützter Standpunkt“ ein gut gemeinter rat in obiger sache. Regentropfen / stürzen sich / kopfüber / in das Spiegelbild / ihres Himmels, // hinterlassen auf Pfützen / ständig wechselnde / Interferenzmuster. // Aber die / sollte man sich / lieber vom Fenster aus / betrachten. (80) die verwerfungen der welt aus sicherer entfernung ansehen, via buch, das bietet der literaturbetrieb. was ein zeitkritischer roman auf hunderten von seiten um und um illustriert, das schafft in vier gedichten komprimiert auch dieser gedichtband.

unwillkürlich frage ich mich, ob Polander die komponierten 73 gedichte als wiese hat aufwachsen lassen, um den vier eruptiven orchideen der erkenntnis den wirkhintergrund zu schaffen. wer die wiese der reime für altbacken hält, der kann in diesem werk von Rolf Polander über seinen tellerand hinaus blicken lernen.

© 02.02.2016 brmu

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versnetz, die 8.

 Versnetze8-IMG 0426

© 2015 foto brmu

kurz und bündig sei’s hier gebracht
hab’s wieder ins versnetz geschafft
mit zweien meiner gedichte

blätter mal und zu gesichte
kommen sie dir auf einsfünfacht
das blättern hat mir spaß gemacht:

ein freund
                   ist einer der
runneln kann, quer
die panzerung durchbricht
er schicht um schicht
zum kern der sache: ego
tripp und trapp der
nachtigall gesang den
will ich nutzen und
zwei hände treffen sich
zum schwur

© 15.09.2015 brmu
Axel Kutsch, Versnetze_8, Verlag Ralf Liebe, 2015, 369 seiten

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versnetze_7

 Kutsch Versnetze-IMG 6988a
© foto 06.01.2015 brmu

nun liegt schon der siebte band der erfolgreichen anthologiereihe Versnetze, "Versnetzte_sieben -Deutschsprachige Lyrik der Gegenwart“ vor, herausgegeben von Axel Kutsch, 2014 im Verlag Ralf Liebe erschienen. das konzept hat sich über jahre sehr bewährt: nach postleitzahlen geordnet, versammeln sich bekannte und unbekannte lyriker deutscher zunge mit den unterschiedlichsten produkten ihrer dichtkunst. in einem anhang „Kleiner Grenzverkehr“ sind darüber hinaus deutschsprachige lyriker aus Österreich, der Schweiz, Frankreich, den Niederlangen, Belgien, Finnland und den USA versammelt, also ein durchaus internationaler anspruch für das deutschsprachige gedicht.

hier kann man abseits vom diktum des literaturbetriebes und seinen übermächtigen meinungs­machern eigenständig appetit auf mehr entwickeln und für sich auf 326 seiten in der lyrik­welt stöbern. so findet man sogar ein gedicht des verlegers Ralf Liebe, das auf seine lange wande­rung auf dem Jakobsweg anspielt (s. 122). und natürlich auch kostproben des herausgebers Axel Kutsch (s. 168-169), sowie 218 weitere autor/innen.

es ist eine auszeichnung, dabei sein zu können. mit dem mut des zuversichtlichen sind dem herausgeber auch von mir einige gedichte auf den tisch geflattert, von denen er zwei für wert hielt, in dieser anthologie zu erscheinen. eines davon sei hier zitiert (seite 159):

reifung

acht stunden arbeiten
für anderer leut’s ego
acht stunden dösen
für das eigene selbst
acht stunden schlagen
für’s Freud’sche ich
aus drei mach’ eins
im übergang reifen
gedichte

© 06.01.2015 brmu

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philofili

das un/wahre kann man
            nicht denken
            nur behaupten
            auch erleiden
dennoch rinnt das denken
            nach regeln
            daraus die logik
            sich empfiehlt
            und schlüsse
            zulässt, die
            für wahr
            gehalten werden

doch nur axiome
sind besser als gar
nichts anzunehmen
für das leben mit
seiner denkmanie

die welt kann wahr
sein im möglichen
nichts mit dem mensch,
ein seil, das zwischen
dem tier und dem logiker
gespannt ist
auf dem
wir alle balancieren so
viele fallen

© 20.12.2014 brmu
lies nach bei P. Solterdijk, Philosophische Temperamente, Diederichs 2009, seite 126

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jedes wort muss klingen

„Ein Schelm ist das Gedächtnis, es erzählt uns immer nur von den Streichen, die es uns spielt.“ (8)

„So ist das, es ist die ureigene Bewegung des Schreibens. Kaum hat man einen Satz begonnen, da lässt er einen Dinge sagen, auf die man nicht gefasst war, da führt er einen in Gegenden, an die man nicht gedacht hat, an Orte, von deren Existenz man bisher nicht einmal etwas ahnte.“ (9-10)

„…, als wäre nicht jedes Wort durch übereinandergeschichtete Ablagerungen von Sinn, durch jahrhundertelange Oxidation, ein Denkmal der Durchtriebenheit.“ (12)

„Realismus bedeutet Erstarrung in der Kälte des Spiegels.“ (59)

gefunden in: Jean Rouaud, Schreiben heißt, jedes Wort zum Klingen bringen, SchirmerGraf 2004 Verlag 2011, seite in klammern

© 03.11.2014 brmu

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