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Wie hoch die Wasser steigen

Ein Debüt ist oftmals eine Überraschung. Anja Kampmann debütierte nun zum zweien Mal. Vor vier Jahren mit ihrem Gedichtband „Proben von Stein und Licht“ in Hanser Verlag 2016. Daraus dies Gedichtzitat:

Leichthin / ist der Sommer / Ferne schreibt / die Buchstaben deines Gedächtnisses / mit leichter Hand / Während ein einzelnes Riesenrad / Gondel um Gondel / in die Luft steigen lässt // so ist auch die Nacht / nämlich das Aufsteigen / einer ungefähren Sprache

In dem titellosen Gedicht sind Schlüsselworte angelegt, die uns in dem Debüt-Roman „Wie hoch die Wasser steigen“ weiterhelfen können. So gesehen, scheint der Roman ein Ausbruch in die literarische Welt zwischen Lyrik und Prosa, in die poetische Epik zu sein. Also kein Roman als Einladung, flott dahin zu lesen und sich in einer Geschichte zu aalen! Wahrlich nicht! Es gibt Momente, herausgeschnitten aus jedem Lauf der Zeit (129), die uns als Leser*innen irritieren, weil vieles wie ein zerfleddertes Puzzle entschlüsselt werden muss, um die Rahmengeschichte, um die Protagonisten, um die Symbole in ihrer Bedeutung zu verstehen.

Dieser Roman will offenbar mit Konventionen brechen. Keine auktorialen Hilfen für die Leser*innen. Vieles en bloc, in einem durchgeschrieben. Ein Beispiel: Waclaw weilt auf Malta und hat dort ein lockeres Verhältnis mit einer Irene. Irgendwann fragt sie ihn: Weißt du, woran ich in letzter Zeit manchmal denke? (156) Dann erzählt sie etwas von ihrer Großmutter, die ihr zum Abschied folgenden Satz sagte: Wir leben doch immer in der großen Welt. (157) Und Irene: Ich glaub‘, ich versteh‘ jetzt erst langsam, was sie meint. (157) - Cut. -Waclaw auf der Wendeltreppe mit einem Erinnerungsschub unklarer Verortung. Und man fragt sich: Was soll das? Hat er etwas verstanden wie Irene? Was wäre das?

Der Leserschaft wird also alles abverlangt: Genaues Lesen, Gedächtnis, Geduld, wiederholtes Lesen, Kombinationsgabe und die Liebe zum Erinnerungspuzzlespiel. Kurz vor der Frusthürde ertüchtigt einen dann ein wunderbarer Satz, ein poetischer Gedankensplitter als vages Signal auktorialer Erzählposition.

Waclaw Groszak (26) stammt aus dem Ruhrpott, genauer Bottrop, noch genauer aus dem Umfeld der Zeche Prosper. Diesem engen Milieu unter und über Tage entflieht er mit Milena, seiner ersten Liebe, in ihr polnisches Heimtatdorf. Aber das ist keine Lösung für ihn. Du bist in der ganzen Welt und ich bin in einem Dorf, das geht nicht. (182) Das ist Milenas Analyse seines unsteten Wesens.

Waclaw, auch öfter Wenzel genannt, verdient das Geld für ihren Lebensunterhalt als LKW-Fahrer, das bringt ihn aus dieser Dorfenge etwas hinaus, aber das Geld reicht nicht. Er sattelt um, zunächst zum Hafenarbeiter (157), dann für zwölf Jahre (174) zum Arbeiter auf Ölbohrinseln (Rigs). Aus der Enge in die Weite. Dann trifft er auf Matyas Pasztor (101), ebenfalls Wanderarbeiter wie er, der aus sich selbst heraus zu schwimmen schien, eine Nadel, ein innerer Kompass (234). Es entwickelt sich eine innige Freundschaft, man könnte meinen, dass sie homophile Facetten entwickelt.

Auf den irrlichternden Stationen seines Lebenswegs werden neben den zahlreichen Erinnerungsblitzen an Milena auch andere Frauen erwähnt, die er nach dem Tod seines Freundes Matyas auf der Bohrinsel „Ocean Monarch“ abklappert, das auf der Suche nach etwas, was ihm scheinbar nicht recht klar ist. Wie soll es uns Leser*innen klar werden?

Es bleiben nur die Textanalyse und die Kombinationen aus den intensiv vermischten Erzählebenen aus Aktuellem und Erinnertem. Die Position der auktorialen, also allwissenden Erzählerin wird fast nicht eingenommen. Wir lesen die Dinge als lebten wir im Hirn des Protagonisten Waclaw. Erinnerungssplitter, ausgelöst durch äußere Umstände. Erzählungen aus diesem Mix sind nachträglich konstruierte, korrigierte, vermeintlich erinnerte Geschichten.

Entwurzelung und Zerrissenheit des Protagonisten mögen auch als Zeichen unserer heutigen Zeiten verstanden werden. Der Held Waclaw, der sich bis zum Schluss gegen diese Erosion des in sich ruhenden Menschen wehrt, aber dann doch verliert. Der Romanschluss ist offen und verwirrend. Die Erinnerungen waren ein unruhiges, ziehendes Volk, das nirgendwo ankommen konnte. (335) Noch besser lässt sich Waclaws Lebensgefühl nicht beschreiben und durch die billige Meterware der Vorhänge hatte ein gleichgültiges Licht zu ihm herabgeschienen. (335) Hier klingt die Absurdität des Lebens à la Camus an.

Eine Bedeutungsklärung unterlässt die Autorin Anja Kampmann nicht. Als Lyrikerin setzt sie Wortbilder (Metaphern) ohne erklärenden Rahmen. Rig is a rig is a rig is a rig, so könnte man eine berühmte Verszeile von Gertrude Stein aus ihrem Gedicht „Sacred Emily“ (1913) variieren. Vielleicht ist ihr Roman eigentlich ein Riesengedicht. Das erinnert an Ransmayr’s „Der fliegende Berg“, nur der hat uns wenigstens noch als äußeres Erkennungszeichen den Flattersatz gelassen.

© 09.09.2020 brmu
Gedichtband: Anja Kampmann: Proben von Stein und Licht, Hanser 2016, S. 28
Roman: Anja Kampmann: Wie hoch die Wasser steigen, btb71789, 2020, Seitenangaben

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Anna Enquist: Die Betäubung

Die Autorin Anna Enquist bietet uns nicht nur Einblicke in die Abläufe eines Krankenhauses und einer Therapeutenpraxis, sondern auch ins Innere der vier Hauptfiguren in ihrem Roman „Die Betäubung“. Nomen est omen. Sie alle leiden unter einer gewissen „Betäubung“.

Drik de Jong ist Psychotherapeut und steckt in einer Krise, seit seine Frau Hanna verstorben ist. Er hat mehr als ein halbes Jahr lang nicht gearbeitet. (8) Er zweifelt an sich und fragt sich: Sollte ich mich womöglich selbst eine Zeitlang in Behandlung geben? (28) Auch hat er ein problematisches Verhältnis zu seinem dementen Vater. Wenn er seinen Vater besucht, setzt er sich zu ihm, versucht, so etwas wie Kontakt zu ihm herzustellen, und spürt, wie die Ratlosigkeit ich ihm aufsteigt.(29) Seine Mutter ist bei einer Klippenwanderung mit dem Vater tödlich abgestürzt. Nie ist über diese Dinge gesprochen worden. Kein Wort. Für Vater zu schmerzlich, für ihn zu beängstigend. (31) Verdrängung pur.

Allard Schuurmann (13), Anästhesie-Assistent, ist der erste, neue Patient für Drik, und ausgerechnet dieser ist auf Vatersuche: Ich habe immer Ersatzväter gesucht und sie manchmal auch gefunden. (57) Nebenbei findet Allard als Geliebter auch zu Roos, beide spielen im selben Orchester, und on the job auch zur Mutter von Roose, Dr. Suzan Lagrow, als die ihn ausbildende Anästhesistin. Die Verknotungen der Handlungsstränge kann man allmählich ahnen.

Roos Lagrow, die Tochter von Driks Schwester Suzan, ist an Hannas Krankheit fast kaputtgegangen. (13). Drik und Hanna hatten sich beide für ihre kleine Nichte ins Zeug gelegt, waren neben den Eltern zu wichtigen Bezugspersonen für Roos geworden. (12) Der Vater von Roos, Peter Lagrow, meint sogar: Hanna war eine Art zweite Mutter für sie. (77) Die Frage ist ergo, warum Roos eine zweite Mutter brauchte. Der Grund liegt bei Suzan. Suzan hat ja selbst keine Mutter gehabt, … Sie weiß nicht, wie das ist, wie das geht. (78) - Roos verliebt sich im weiteren Verlauf der Geschichte in Allard, den Violoncellisten. Denn Musik ist eine wichtige Beziehungsebene. Wenn Roos übt, stehe ich mitten im Zimmer und streiche die Saiten, ohne sie zu greifen. Dann vibriert alles, und dann muss ich plötzlich heulen. (49)

Dr. Suzan Lagrow hat ein zwiespältiges Verhältnis zu ihrer Tochter. Wieso … treffe ich mich nicht mit Roos. Meiner widerspenstigen Tochter? Auch bei der Ausbildung ihrer Anästhesie-Assistenten findet sie nicht die rechte Balance. (44) und sie klagt ihrer Freundin Simone: Ich kann das nicht mal mit meiner eigenen Tochter. (45) Und sie räsoniert sogar: Ist ihre Tochter eigentlich das missratene Produkt eines befriedigenden Erziehungsprozesses? (64)

Als Leser*in zieht man wohl die Augenbrauen hoch und argwöhnt bald eine Melange aus Vater-Sohn- und Mutter-Tochter-Konflikten. Mitten drin versucht Allard sein Glück auf der Vatersuche und verheddert sich in Liebesaffären.

Wie diese durchaus alltäglich anmutenden Probleme der zwischenmenschlichen Beziehungen, ob Bekanntschaft, Freundschaft oder Liebesbeziehung, ihr Ende finden, wird hier nicht verraten. Eins jedoch ist gewiss: Wer ans Ende des Romans kommt, der hat viel verstanden von dem, was in einem Krankenhaus aus Sicht der Anästhesie abläuft und was in einem Psychotherapeutenkopf fallbezogen so vor sich geht. Für die praktische Lebensfindung allemal hilfreich. Hier nun die Plotskizze als grobe Orientierung und Gedächtnisstütze:

LKB Enquist Plot 200511 brmu

Man schließt das Buch und denkt über den Titel nach: Betäubung. Was oder wer hat die Romanfiguren wie betäubt? Habe ich mich am Rande von oder in ähnlichen Situationen schonmal befunden? Suzan meint: Ich habe mich nie unschuldig gefühlt. (314)

Und man wird langsam aus der Tiefe der Betäubung auftauchen, in eine unbegreifliche, grausame Welt. (316)

Das erinnert wieder an die Camus-Formulierung der „Gleichgültigkeit der Welt“.

der welt ist all‘s egal
der mensch ist allemal
sein eigenes schicksal
ob glück, ob jammertal

© 22.05.2020 brmu

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Meckels Licht erleuchtet

Vorbemerkung: Die Corona-Krise hat nun auch unseren Brühler Lesekreis bei Brockmann beeinflusst: Wir müssen auf ein Treffen verzichten, um dem Virus kein neues Futter zu liefern. Damit aber die Lust am Lesefutter bleibt, können hier meine Gedanken zu dem ursprünglich am 6.4.2020 geplanten Treffen nachvollzogen werden.

Kommentare im Sinne unserer fruchtbaren Gespräche aus dem Lesekreis sind hier willkommen!

Christoph Meckel (1935-2020) ist ein Besonderer gewesen, Mann der Bilder und der Worte in einem. Diese beiden ästhetischen Aspekte der Anschauung der Welt waren in ihm vereint. Entsprechend poetisch kommt seine Literatur daher. In der Erzählung „Licht“ widmet er sich dem Thema Misstrauen und den daraus erwachsenden Gefühlen der Spaltung und Verunsicherung.

Die Erzählung wird durch eine Rahmenepisode mit dem Stichwort „Brief“ gekennzeichnet. Der Einstieg mit dem ersten Satz ist mehrdeutig: … und wäre jetzt gerne bei Dir. (5) Eine Bekundung des Autors an mich? Bin ich als Leser*in gemeint? Oder wer sonst? Und es geht dann recht eng und vertraulich weiter. Ich brauche kein Glück, ich kann auch ohne Illusion mit Dir lachen.(5) Offenbar kennen sich die Briefpartner sehr gut und nehmen das Leben wie es ist, sie müssen sich nichts vormachen. Und dann die Schlüsselstelle im Brief:

… ich möchte mich immer auf etwas freuen. Ich muß diese Freude empfinden können, wenn ich nicht nur ein Mensch sein soll, der mehr oder weniger einseitig funktioniert. Funktionieren, schon das Wort ist schrecklich. Ich funktioniere nicht. Ich will nichts geschenkt bekommen und ich will nichts auslassen, aber ich will, daß es das jederzeit für mich gibt: Freude, mit oder ohne Grund, mit Dir und allein – vielleicht nur eine Moment lang … (6) - Und gegen Ende: Sag mir, daß wir lebendige Menschen sind. (7)

Wer den Lebenslauf von Chr. Meckel als Multitalent kennt, ahnt, dass sich hier eine autobiographische Lebenshaltung spiegelt. Und wie steht es mit unsriger, die wir das lesen und uns wundern? Ein wirklich nachdenklicher Einstieg.

BU LKB Meckel Licht Plotskizze 200401 brmu

Gil, der Ich-Erzähler, findet eines Tages einen Brief im Laub auf der Terrasse. Seine Enttäuschung ist furchtbar, etwas Verzehrendes. (8) Dieses Verzehrende bis zum bitteren Ende zieht sich durch die ganze Erzählung, eine intensive Beschreibung der Erosion der Liebesbeziehung zwischen ihm und Dole, seiner Lebenspartnerin.

Die Handlung ist weniger spannend als emotional anrührend. Man meint, doch so das eine oder andere mal erlebt zu haben. Der Resonanzfaktor zu uns Leser*innen ist hoch. Hier ein paar solcher Sätze:

Das Wahrnehmen ohne Verdacht, das bejahende Anschaun einer Frau erscheint mir heute als vollkommenes Glück. (14)

Ihr Lächeln setzte mein Vertrauen voraus, aber mein Vertgrauen war nicht mehr das. Sie hat den Bösen Blick noch nicht bemerkt, … (14)

Wer spricht zuerst? Wielange schon hat Dole den Freund verschwiegen? Wird sie je imstand sein, mir etwas zu sagen? Werde ich jemals imstand sein, sie danach zu fragen? Wer zerreißt das falsche Glück? Warum machen wir den Mund nicht auf? (24)

Wir entbehrten nichts, wenn wir allein waren. Nichts fehlt mir von dir und von mir, sagte Dole, falls es das Glück gibt, muß es sowas sein – mühelose Gerechtigkeit für zwei. Unser Alleinsein war unverzichtbar, erste und letzte Voraussetzung für das Glück. Aber wir brauchte nicht Glück, sondern Zeit; nicht Zeit, sondern Freude ohne Betrieb; nicht Freude ohne Betrieb, sondern Unabhängigkeit in nächtlicher Ruhe. … Zeit war nötig, um etwas von ihr zu erfahren, ohne sie danach zu fragen. (32)

In diesem Sinne quälen sich Gil und Dole um das Eigentliche herum: Die Beziehung ist abgekühlt.

Dann kommt die Stelle, die den Titel begründet. Gil erinnert sich:

Ich schlage ihr vor, für ein Wochenende mit mir nach Mauviron zu fahren. (88) Dole ist skeptisch. Ich will das nicht nachträglich verlieren, sagt sie, ich brauche den Sommer noch, das Licht wie es war, unser herrliches Licht - … (88) Camus hat in seinen frühen Erzählungen auch immer von dem mediterranen Licht als Lebensenergie geschwärmt.

Wir wollten ohne Frage und Auskunft allein sein, ohne Begründung allein, uneingeschränkt und restlos uns selbst überlassen, nutzlos und überflüssig und unverwertbar, außerhalb aller Zusammenhänge und nicht zu erreichen. Von Resignation und Hoffnung gleichermaßen entfernt. Wir wollten in Träumerei ohne Inhalte verschwinden und der Zeit überlassen bleiben im Hinblick auf nichts. … Nichts voneinander erfahren zu wollen, setzte voraus, daß wir genug voneinander wußten. Wir waren uns einige ohne Beteuerung. (89/90)

Aber: Die Sorglosigkeit ist nicht mehr da, wir stellen es fest, das ist ein schweigsamer Vorgang. … Unsere Täuschungen sind kein Erfolg. … Dann ist nichts mehr möglich und wir brechen auf. (108) In welche Richtung sich diese Beziehungsgeschichte weiter entwickelt, möge man selber lesen. Das Ende ist nicht offen.

Diese schmale Erzählband ist es wert, mehrfach gelesen zu werden. Er enthält – sagen wir – fast paar-therapeutische Hinweise zur Selbstbeobachtung. In einer absurden Welt ist die absolute Freiheit des einen Individuums die Fessel des anderen. Wie den Ausgleich finden, wenn man keine Fragen stellen kann oder will?

© 01.04.2020 brmu

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Was wirst du tun - so nach dem Lesen?

Die US-amerikanische Autorin Lucia Berlin (1936-2004) aus Alaska war der Kurzform der Literatur verfallen, sie schrieb Stories. Das TB "Was wirst du tun, wenn du gehst?" bündelt 13 solcher Kurzgeschichten, im Laufe von 20 Jahren entstanden, die der Verlag nach dem Tode der Autorin zusammengestellt hat. Damit ist das Vorhandensein eines roten Fadens suggeriert, der schnell im autobiographischen Hintergrund von Lucia Berlin gesucht wird.

Eine Frage der Perspektive ist eher ein einleitendes, kurzes Essay über das Schreiben, das die Leserschaft direkt anspricht. Man merkt auf: Da plaudert jemand aus dem Nähkästchen der Schreibstube und will sich mitteilen. Nun sind wir alle gespannt: Was wird in den folgenden sechs Stories geliefert?

Albern, wer da weint. Es geht um zwei Freundinnen, Carlotta als Ich-Erzählerin und Sally. Letztere hat Krebs: Sie wird sterben (24). Carlotta kümmert sich rührend um Sally, die zunehmend verfällt. Zwischendurch stroboskopische Einblicke ins Familienleben. Carlotta verliebt sich in Basil. Daraus wird aber nichts. Carlotta weint sich bei Sally aus. Ich weinte. Sally und ihre Töchter trösteten mich. Sie hielten mich für albern, weil ich weinte. (30) Die Todgeweihte tröstet die Lebenshungrige. Welch eine Volte! Und im Schädel des Lesers geht das Echo: Das Leben geht weiter!

Bis später. Dort ist die Perspektive der namenlosen Schwester von Sally eingenommen. Es ist unheimlich, wie nah wir uns gekommen sind. (31) Und: Wenn man stirbt, ist es normal, auf das eigene Leben zurückzuschauen, Dinge abzuwägen, zu bedauern. Gemeinsam mit meiner Schwester habe auch ich das in diesen letzten Monaten getan. (33) Und wieder zwischendurch Häppchen der Familiengeschichte inklusive täglicher Telefonate mit dem süchtigen Ex-Ehemann Max. Die Situation mit Sally regt alle an, nachzudenken. Und jetzt ist es der Tod, den ich nicht verstehe. (41) Und wieder ein lapidarer Schluss: Im Grunde ist die Liebe für mich keine Rätsel mehr. (41) Man erwartet nun eine Aufklärung, doch es folgt ein Schock: Max ruft an und sagt Hallo. Ich sage ihm, dass meine Schwerster bald tot sein wird,. Wie geht dir?, fragt er. (41) Im Kopf wirbelt es. Ist das etwa Ignoranz, Arroganz oder was?

La Vie en Rose. Wir lernen Gerda und Claire kennen, zwei pubertäre Mädchen. (43) Der Bezug zum roten Faden ist unklar. Die beiden lassen sich von zwei gut aussehenden Männern anbaggern. Es kommt zur Annäherung mit Küssen, was den Vater von Gerda schwer erzürnt. Er schlägt ihr über den Mund. Schlampe, sagt er. (50)Und geht rauchen. Doch diese rüde Reaktion verfehlt ihren Zweck, denn nur für einen kurzen, glücklichen Moment können die beiden Freundinnen lachen. ... Als er zurückkommt, lesen sie schweigend. (51) Tarnen und täuschen ist das Motto.

Sex-Appeal. Nun ist die Cousine Bella Lynn an der Reihe. Sie will per Flugzeug nach Kalifornien fliegen. Die Reise begann schlecht, wegen ihres Büstenhalters. (53) Oh-ha, was kommt jetzt? Ihre Brüste waren sehr groß. (53) Deswegen trug sie einen Spezial-BH. Wegen des Drucks in der Kabine flog Bella Lynns Büstenhalter in die Luft. Explodierte, meine ich. (53) Verlassen wir das bisherige literarische Niveau, fragt man sich. Bella will der Ich-Erzählerin Little Lou, nur elf Jahre alt, das Prinzip des Sex-Appeals demonstrieren.

Liebe Conchi. Diese Protagonistin wird in „La Vie en Rose“ namentlich erwähnt ohne nähere Identität. In 13 Briefen erzählt die Briefschreiberin ihre Episode zwischen zwei Männern, dem rationalen Bob, er sieht aus wie ein attraktiver Schriftsteller, …, er redet viel über Bücher (63) und dem emotionalen Joe, der mit allen redet. Er will wirklich wissen, was die Leute denken. (62) Joe will die Ich-Erzählerin auch gegen den Widerstand ihrer Eltern unbedingt heiraten, sie aber möchte noch nicht heiraten. (70) Denn: Ich sagte nicht die ganze Wahrheit, nämlich, dass ich das Studium nicht abbrechen will. (70) Es endet krude ohne eine Lösung, er kam nie. (70) …wieder zurück, ergänzt man im Kopfe. Wie blind und herrisch Männer doch sein können.

Melina. Es werden wieder Männertypen gegeneinander abgewogen. Der Ehemann Rex war Doktorand (72), wieder ein verkopfter Typ und schweigt viel. Der zufällig Bekannte Beau war Dichter und Musiker, spielte Saxofon. (72) Und: Beau hatte ein Bedürfnis zu reden. Ich fand es wunderbar, jemanden reden zu hören. (73) Und dieser Beau redet viel über eine gewisse Melina. Die Ich-Erzählerin vergleicht: Rex war nicht so schrecklich in mich verliebt wie Beau in Melina. (73) Aber Beau bleibt nicht. Ich war traurig, als Beau ging. Er war wie ein Engel in meinem Leben. Und sie fragt sich: Ich weiß nicht, warum ich diese stillen Typen heiratete, wenn Reden doch das ist, was mir am besten gefällt. (75) Die Ich-Erzählerin heiratet erneut, David, einen Jazzpianisten diesmal. Aber auch ihm muss sie alles aus der Nase ziehen. (75) Aber über eine Sache redet er gern: Die Frau im Gras, in die er sich verliebt hatte. Sie war wie niemand sonst auf der Welt. (76) Aber sonst ist nichts weiter passiert. Seine Frau ist erfreut, mag seinen irgendwie kitschigen Gesichtsausdruck. Ich mochte Liebesgeschichten aller Art. (76) Da sich die weitere Geschichte in der Musiker-Szene abspielt, gibt es oft Besuche von anderen Musikern. Eines Tages kommt Trompeter Paco mit Frau Melina und Sohn und bleibt eine Wo­che. In dieser Zeit kommen sich die Frauen näher. Ende vom Lied: es wird klar, dass sie Beaus Melina war. (77). Ich war eifersüchtig auf sie. Und jetzt kommt weibliche List. Ich erzählte ihr ihre Lebensgeschichte. (78) als Wahrsagerin. Das konnte sie, weil Beau viel ausgeplaudert hatte. Melina, die davon natürlich nichts weiß, ist geschockt und flüstert: Du bist eine Hexe. Du bist ein Wunder. (79) Und die Verblüffung taucht wieder in den letzten Zeilen auf. Als das Haus wieder still war, meint David abends im Bett: Sie war das. / Sie war was? / Melina. Sie war die Frau im Gras. (79)

Das schlägt auch beim Leser ein wie eine Bombe. Also nicht nur der von ihr angehimmelte Beau hatte was mit Melina, sondern auch ihr zweiter Mann David – und sei es nur in Gedanken. Verblüffung pur. Erneut ein unerwarteter Perspektivenwechsel. Warum dickleibige Romane, wenn es Stories schneller auch auf den Punkt bringen?

Blaue Lupinen. Maria hat einen Brieffreund, Dixon, den sie besuchen will. Nick, ihr Sohn, ist besorgt. Sie erklärt ihm: Er mochte meine Gedichte und hat mich gebeten, sein Buch ins Spanische zu überset­zen. (81) Es sei wie eine Einladung in den Himmel. (82) Aus dem sie bald hinausfällt. Sie erlebt ein paar schöne Tage mit Dixon. Die Beziehung kommt aber an ihre Grenzen. Denn sie gesteht ihm: Ich habe die philosophischen Implikationen im Buch nicht begriffen. (88). Dixon hoffte wohl auf eine Wesensverwandte und poltert: Dann ist dieser Besuch eine Farce. Meine Bücher sind alles, was ich bin. (88) Maria kontert: Es ist nicht zwecklos. Und ich lerne, wer du bist. (88) Aber die Ernüchterung folgt. Dixon zeigt seine manischen Aspekte. Sie fragte sich, ob so viel Leidenschaft von bloßer Wut oder vom Gefühl des Verlorenseins kam. (91) Maria reist ab und ihre Lebensroutinge hat sie wieder. Dreimal im Text tauchen blaue Lupinen auf, ein Signal kühler Ästhetik, so wie Dixons Seele erscheint. Blau: die Farbe der Gefühlskälte.

Freunde. Loretta rettet dem alten Sam das Leben und wird dadurch mit ihm und seiner Frau Anna näher bekannt. Es kommt zu häufigen Besuchen. Was immer der Grund sein mochte, sie merkte, wie sie immer stärker in Sams und Annas Leben einbezogen wurde. (95) Loretta fühlt sich für die beiden Alten als Helfende verantwortlich. Die gegenseitige Abhängigkeit des Ehepaars, ihre Verletzlichkeiten betrübte und berührte sie. (99) Als Anna ernstlich erkrankt, verstärkt sich noch dies Gefühl. Dann aber diese Volte: Loretta verspätet sich und bekommt dadurch ein kurzes Gespräch von Anna und Sam mit: Armes Ding. Sie ist so einsam. Sie braucht uns. Wir sind wirklich ihre einzige Familie. (99) Fehleinschätzungen auf beiden Seiten!?

Teenage Punk. Eine Episode aus dem Leben von Sally’s Schwester im ersten Jahr als Lehrerin. Ihre vier Söhne Ben, Keith, Nathan und Joel werden erwähnt (s. Bis später, 31). Ben hat Jesse zum Freund. Jesse ist ein Hippiejunkie (101), der die Schule schon geschmissen hat. (101) Ausgerechnet der will die Kraniche im Morgengrauen am Klarwassergraben (101) sehen. Das gelingt. Dann verschwanden die Vögel plötzlich ins Weiße mit dem Geräusch von Karten, die gemischt werden. (103) Jesse meint: Das war beängstigend. (103) die Mutter von Ben bestätigt das. Darauf Jesse: Ach ja. Frau Lehrerin? Und auktorial wird ergänzt: Er ließ sich damals schon nichts sagen. (103) Der zarte Versuch einer Reintegration in die Gesellschaft ist verpufft.

Lass mich dein Lächeln sehen. Eher eine Erzählung, gibt diese in diverser Weise Einblick in das Leben der Alkoholikerin Carlotta, sicherlich mit autobiographischen Anklängen an die Auto­rin. Sie genießt das freie Leben mit Jesse, dem Freund ihres Sohnes Ben. Eines Tages werden sie auf dem Flughafen als Sicherheitsrisiko (113) angesehen und in Gewahrsam genommen. Dabei spielen sich gewalttätige Szenen ab, Carlotta schlägt einen Polizisten nieder. Sie kommt in U-Haft. Jesse besorgt einen Verteidiger, Jon Cohen, der im Rahmen seiner Verteidigungsstrategie allmählich in das Leben von Carlotta und Jesse integriert wird. Das Zusammensein mit ihnen brachte eine positive Seite in mir zum Vorschien, eine gefühlvolle Seite. (129) Die Verteidigungsstrategie klappt. Wir gingen zurück in den Gerichtssaal, wo der Richter … alle Anklagepunkte gegen Carlotta Moran fallen (143) ließ. Carlotta bedankt sich bei Jon: Aber noch viel mehr bedeutet es uns, dass wir dich kennengelernt haben und du uns mochtest. Und wir lieben dich. (143) Dann geht man seiner Wege und Jons Ehe in die Brüche.

Schritt. Auf Langes folgt Kurzes. In dieser Story wird die Alkoholabhängigkeit Carlottas nun in einer Entzugsklinik bekämpft. Die 20 Insassen befinden sich in der Art Höhle und verfolgen einen Boxkampf im TV, bei dem alle Insassen mit dem Boxer Benitez mit fiebern, der hält sich wacker, aber verliert in der fünfzehnten Runde. Carlotta flüstert: Lieber Gott, hilf mir. (150) Klarer kann man den Kampf in der Alkoholarena, der sich durch viele der Stories in diesem Buch zieht, gegen sich selbst nicht illustrieren.

Hier ist es Samstag. Resozialisierung aus der Alkoholabhängigkeit ist das Hintergrundthema, das Schreiben als Therapieansatz. Der alte Chaz, Ich-Erzähler, wird zum wiederholen Male in das Bezirksgefängnis eingeliefert. Er habe sich endgültig blöd gesoffen. (151) Mac, der leitende Deputy weiß, dass ich gerne schreibe, besorgte mir einen gelben Block und einen Stift. Sagte, …, dass ich wegen Einbruch und Diebstahl saß und eine Weile bleiben würde. (153) So ist es und Chaz nimmt an einem Schreibkurs teil. Komisch, welche Macht manche Leute haben. (154) Chaz‘ Gedanke bezieht sich auf das Verhalten der Sträflinge, hat jedoch eine weitere Bedeutung, wenn man ihn auf die Leiterin des Schreibkurses, Mrs. Bevins, bezieht. Die bringt bei den Sträflingen eine alternative Sicht der Dinge bei: Ich bin hier, um Schreiben zu unterrichten. Tatsache ist, dass man lügen kann und trotzdem die Wahrheit sagt. (158)

Der Kurs entwickelt sich interessant. Ein andermal sagte sie, dass es keinen großen Unterschied gibt zwischen der Denkweise eines Verbrechers und der eines Dichters. (159) Wenn das kein Schock für die Leserschaft ist! „Es geht darum, die Realität besser zu machen, deine eigene Wahrheit zu finden. (159) Sich also Schlechtes gut reden? Das ist eines philosophischen Disputes würdig. Dazu ein Hinweis: „Sie alle können eine Lüge wittern.“ (160) Die Kurse haben Wirkung. Der Schreibkurs veränderte meine Freundschaft mit Karate Kid. Wir schrieben jede Nacht in unserer Zelle und lasen uns unsere Geschichten vor, wechselten uns mit Vorlesen ab. (160)

Und es geht wieder um die Alkoholabhängigkeit. Chaz schreibt dazu eine Geschichte „Mein Baumstumpf“. Und die Kursleiterin bemerkt dazu: Die Aufgabe scheint albern … ein Baumstumpf. Aber das ist tief empfunden. Ich sehe einen Alkoholiker, der krank und müde ist. Der Stumpf ist so, wie ich ihn beschrieben hätte, bevor ich mit dem Trinken aufhörte.“ (160) Hier drängt sich der Gedanke auf, dass es Spuren der Autobiografie der Autorin in der Person der Kursleiterin gibt. Das gemeinsame Hängen am Alkohol und am Schreiben darüber. Und es folgt eine wichtige Botschaft an die Betroffenen: Zuerst müsse ich glauben, dass ich kein hoffnungsloser Fall sei, dann könne ich aufhören. (161) Und es wird nicht mit Anerkennung gegeizt: Alle von uns schrieben ein paar gute Sachen. „Das ist großartig“, sagte Mrs. Bevin einmal zu Karate. „Du wirst jede Woche besser.“ Und: Schreiben ist kein Wett­kampf. Du kannst deine Arbeit nur immer noch besser machen. (162) Chaz erkennt die Absicht: Sie macht das mit uns allen. Aber sie macht das subtil. Wer weiß, vielleicht werde ich trocken. (162) Das Generalthema ist tief verwurzelt.

Die Stories werden gedruckt, … keiner von uns hatte gewusst, wie es sich anfühlte. Unsere Arbeit gedruckt zu sehen. (165) Das Ziel allen Schreibens? Sich als Autoren gedruckt, reflektiert zu sehen, um die eigene Wahrheit zu finden? Also doch letztlich ein therapeutisches Schreiben?

Diese letzte Story Hier ist es Samstag hat es in sich. Als Leser*in kommt man ins Schwimmen. Wer hat nun „Hier ist es Samstag“ geschrieben? Etwa der kryptische CD, der von Mrs. Bevin das Thema im Knast-Schreibkurs aufgegriffen hat. Oder die Autorin, die uns diese Story mit selbem Titel offeriert? Und welche Funktion hat die Kursleiterin, die dem toten CD die Zeitung durch das Gitter schiebt?

Das literarische an der Welt ist, dass sie geformt wird bis wir Resonanz dazu entwickeln. Die absolute Wahrheit gibt es nicht, wir wissen, dass wir wenig wissen, dass wir als Elemente des Systems Dasein dieses in toto nicht erkennen können. Also suchen wir auf ewigen Wahrheiten. Die Literatur hilft dabei in angenehmer und annehmbarer Weise.

Lucia Berlin ist so ein Fall. Ihre späte Entdeckung durch die Leserwelt mag daran liegen, dass ihre in den Bedeutungen versteckte Botschaften auf ein entsprechend sensibles Lesepublikum treffen muss. Literatur ist auf alle Zeit dekodierbar, auch wenn man die Autorin, den Autor nicht kennt oder längst vergessen hat. Denn Literatur ist ein Symbol menschlichen Erzählgeistes von Urzeiten an.

Die Übersetzerin Antje Rávic Strubel arrangiert die Stories so, dass uns Lucia Berlin in der ersten Story den Buchdeckel aufklappt, uns einen Einblick in Ihre Schreibkunst gewährt wie auch mit der letzten Story, die das Buch wieder zuklappt.

© 10.03.2020 brmu
Zitate aus: Lucia Berlin, Was wirst du tun, wenn du gehst, Arche Literatur Verlag TB 2018

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Roman im Dauerregen

Karen Duve legte 1999 ihr Romandebüt „Regenroman“ vor. Der Titel weist nicht nur auf einen Dauerregen hin, sonder auch im alliterativen Anklang auf das Aufregen der Leserschaft. Denn er bietet nicht nur seltsame Figuren, sondern auch heftige Szenen, die viele im Lesekreis als eklig eingestuft haben. Darüber muss man erst einmal hinweglesen, bevor sich die Romanwelt öffnet.

Einen Blick in den Plot gibt die folgende Skizze.

BU LKB Plot Regenroman 200211 brmu

Es agieren die Pärchen. Die Eltern von Roswitha Voss, Mutter Renate und Vater Dieter, sind keine Kuscheleltern. Roswitha fühlt sich nicht gut aufgenommen.

Roswitha lernt den Dichter Leon Ulbricht kennen und verliebt sich in ihn. Leon war der erste Mann, in den Martina sich richtig verliebt hatte, und der erste Mann in ihrem Leben, der kein Geld besaß. (39) Sie heiraten und sie nimmt den Namen Martina Ulbricht an. Und da Leon auch noch ein Dichter war, hatte Roswitha sich auf der Stelle in ihn verliebt und sich von da an Martina genannt. (41)

Martina gelangt wieder nach Hamburg zum Leidwesen von Leon. Martina war weg! Seine letzte Chance. (266) Sie setzt ein Zeichen der Ablösung von allem, sie lässt den Wagen ihrer Demütigung als junge Frau in Flammen aufgehen. Leon verendet im Moor. Wie gut es war, Moder unter Moder zu sein. Leon sank zurück in den Schoß seiner wahren Mutter. (297)

Harry Klammt und Benno Pfitzner sind im Hamburger Reeperbahn-Milieu verortet. Leon glaubt Harry als Freund zu haben. Leon nimmt den Auftrag an, für Benno Pfitzner, den Kiez-Boxer und Kiez-King, eine Biographie zu schreiben. Es gibt einen ansehnlichen Vorschuss: 50.000 DM und einen ausgedienten, schwarzen Mercedes.

Martina und Leon ziehen aus Hamburg weg in eine mitteldeutsche Moorlandschaft (46) nach Schlicknitz. Dort herrscht Dauerregen vor und sumpfiges Gelände. Das Haus ist von unten her feucht und in schlechtem Zustand.

Die Ehe gerät in Krisen und zerbricht. Ihr dämmerte, daß sie nicht besonders viel über Leona wußte oder über die Dinge, die ihm wichtig waren. … Dann stützte sie die Hände auf das Fensterbrett, sah hinaus in den dünnen Regen und wünschte sich in die Stadt zurück. Sie hätte sich gerne erbrochen … (129) Martina litt an Bulimie, verbunden mit dem Spruch: Vater, ich habe gesündigt (69). Am Ende das Bekenntnis: Ich hasse ihn, sagte Martina.(253)

In unmittelbarer Nachbarschaft wohnen zwei Schwestern, Kay Schlei und Isadora Schlei, in einer alten Villa. Im Laufe der Handlungen verguckt sich Kay in Martina und die dicke Isadora hat Sex mit Leon.

Nur der Krämer Kerbel aus Priesnitz ist solo und verdächtig. In seinem Auto findet man ein Kleid, das einer Toten gehört.

Die dünne Rahmenhandlung befasst sich mit einer Frauenleiche und einer Hundeleiche. Er mußte einfach wissen, ob die Haut reißen würde. Sie riß tatsächlich. (299) In der Tat riss die Geduld bei manchen. Die Figuren waren alles andere als aufmunternd und spontan identifikationsfördernd.

Soweit so ernüchternd. Dann ergeben sich im Laufe der Handlung noch zwei Dreiecksverhältnisse besonderer Art. Da Leon wegen eines Bandscheibenvorfalls mit dem Schreiben in Verzug gerät und somit in Streit mit seinem kriminellen Auftraggeber, startet der mit Harry eine Strafexpedition. Pfitzner schlägt Leon zusammen und Harry vergewaltigt Martina auf sein Geheiß. Und Leon macht keine Anstalten, seine Frau zu schützen. Er war ein Niemand, das wußte er nun. Ein formloses Etwas ohne Kern. Ohne Wert. (243)

Das erfährt Kay, die Liebesgefühle für Martina hegt, und rächt sie. Ein Flammenwerfer beendet das Leben der Kiez-Verbrecher. Frauen waren in Wirklichkeit viel härter als Männer. Das hatte er schon immer gewußt. (249)

Alles in allem eine Spiegelung menschlichen Verhaltens in all seiner Bandbreite: von Heldentum bis Feiglings Untergang. Man fragt sich unvermittelt, um welches Genre es sich nun handeln könne. Kriminalroman wegen der Frauenleiche am Anfang und den Ermittlern am Ende? Oder einen Gesellschaftsroman (… darüber sollten Sie schreiben – was aus der DDR geworden ist. So Kerbel an Leon, 200) wegen der Verflechtungen von Stadt und Land und den extremen Spannungen dazwischen? Oder einen Liebesroman, in dem die Liebe erbärmlich und kläglich scheitert? Oder einen Entwicklungsroman, der beispielsweise die Wandlung von Roswitha zu Martina beleuchtet? Oder eine Novelle, in der die Martina eine Krise durchlebt, und nach der Katharsis sich von ihrer Vergangenheit befreit durch das Anzünden des Autos, in dem Sie erniedrigt worden war. Oder einen Abenteuerroman einer Expedition aufs Land, den dortigen Situationen und Problemen und dem schließlichen Scheitern lebt? Am Ende gar ein erotischer Roman, der von extremen Sexsituationen handelt, ummantelt von allerlei Geschichten? Es ließe sich noch weiter spekulieren.

Duves Regenroman fordert die Leserschaft eindeutig heraus, nach dem anfänglichen Schreck und Ekel ihn nochmals zur Hand zu nehmen und nach weiteren Bedeutungsschichten zu suchen. Im Kopf der Leser/innen bilden sich die Tendenzen nach eigenem Erleben und eigenem Wertesystem. Genau das will Literatur bewirken. Keinen erhobenen Zeigefinger, so solle es sein, sondern irritierende Situationen, die uns Lesende zwingen, selber ins Grübeln zu kommen.

Die breite Diskussion im Leserkreis bei Brockmann in Brühl hat uns wieder gemeinsam den Blick erweitert.

© 11.02.2020 brmu
Zitate aus: Karen Duve, Regenroman, RM Buch und Medien Vertrieb GmbH 1999 (Lizenzausgabe)

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Bärfuss und die Ballerinas

Zum Auftakt des neuen Lesekreisjahres 2020 bei Brockmann in Brühl lag der 2017 erschiene Roman „HAGARD“ von Lukas Bärfuss auf dem Tisch.

Der Titel gibt Rätsel auf. Im englischen Sprachraum beschreibt „haggard“ eine ausgezehrte Person, im heutigen Verständnis wohl eine Person, die einem Burnout nahe ist. Schnell kommt man als Leser/in auf die Idee, dass diese Bedeutung ein Hinweis auf den Protagonisten Philip sein könnte. Ein Gelegenheits-Stalker, der in einer Ausnahmesituation völlig irrational handelt.

LB HAGARD Plot

Die ganze Geschichte spielt sich wahrscheinlich in Zürich an zwei Tagen im März 2014 ab. Ein Geschäftstermin ist geplatzt und der Immobilienmakler Philip hat unerwartet etwas Zeit. Da fällt sein Blick auf ein Paar pflaumenblauer Ballerinas, in denen eine junge Frau mit guter Figur steckt. Ihr Gesicht kann er nicht sehen und den ganzen Roman über wird er es nicht sehen können.

Neben diesem befremdlichen Verhalten der Romanfigur gibt es auch eine weitere ungewöhnlich Angelegenheit. Der Autor spricht mit der Leserschaft, teilweise aufklärend oder belehrend wie etwa hier: Im Schatten einer Frau zu bleiben, sie im Verborgenen zu studieren, ihren Körper, Ihren Bewegungen zu betrachten, während sie ihre Besorgungen erledigte, sich an ihrer Arglosigkeit zu ergötzen war vielleicht reizvoll, aber es war verdorben und gehörte sich nicht. (26)

Doch Philip gerät in den Sog seines eigenen Stalking-Verhaltens, kappt seine Verbindungen zu Belinda, der Tagesmutter seines Sohnes, zu Vera, seiner Assistentin. Er hat nur noch die Unbekannt mit den Ballerinas im Kopf. Es folgte eine Odyssee durch die Stadt per pedes, per Bahn, per Taxi mit Übernachtung im eigenen Wagen.

Aber es nützt alles nichts, er wird der Frau nicht angesichtig. Doch wer ihn sieht, erkennt seinen rapiden Verfall zum Penner-Look. Ein erfolgreicher Geschäftsmann verkommt innerhalb von zwei Tagen zum Looser. Eine weitere Metapher für das Geschäftliche an sich: Erfolg und Verlust gehen Arm in Arm. Auf der letzten Seite ist alles offen und für ihn zu Ende. Philip meint, die Frau in einer bestimmten Wohnung zu orten. Er steht auf dem Dach des Hauses und …

Drei Meter tiefer der Balkon, … Er wagt den Sprung. Liegt auf dem Balkon. … dieses Bild sehe ich, aber was da leuchtet, sind keine Sterne. Es sind kalte, ferne Augen, die mich betrachten und auf eine Antwort warten. Hier ist sie. Hier ist meine Nachricht. Eine Nachricht an das Universum. Eine Nachricht an meinen Schöpfer. Ich sterbe, aber ich verschwinde nicht. Dies ist das Ende, und hier will ich beginnen. (173)

Und der Leser blicket stumm, auf dem ganzen Blatt herum. Im Todeskampf noch eine Botschaft abgesetzt an das Universum, an den Autor als seinen Schöpfer, er sterbe zwar im Roman, werde aber in den Köpfen der Leser/innen als ein absurdes Verhaltensmuster nicht verschwinden. Damit ist das vordergründige Ende im Roman ein steter Neubeginn bei allen Leser/innen.

Was für eine Botschaft über die Wichtigkeit der Lesenden.

© 18.01.2020 brmu
Lukas Bärfuss, HAGARD, btb 2019

 

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Brühler Lesekreis bei Brockmann floriert

LKB Artikel a 200106 ksta

Kölner Stadt-Anzeiger vom 6.1.2020

Es ist kaum zu glauben, aber Gutes währt auch mal lange. Nun schon im achten Jahr findet der Brühler Lesekreis bei Brockmann (BLbB) statt, eine professionelle Plattform für Lesehungrige und Leselustige. Dem Brockmann-Team sei Dank dafür.

Und wir schaffen es in gut monatlichen Abständen immer wieder, unseren Resonanzraum zu den gelesenen Büchern zu vergrößern. Man kommt mit bestimmten Vorstellungen und Ansichten über den Text herein und geht mit erweitertem Horizont wieder hinaus. Und das durch die konstruktive und begeisterte Diskussion aller Beteiligten. Zugegeben: Männer sind in der Minderheit. Das kann sich ja im Jahre 2020 vielleicht ändern.

Es ist ein Freude, diese Runde zu moderieren.

© 06.01.2020 brmu

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Vor dem Fest und auch danach

Ab und an. Neues, Überraschendes. Wir wünschen das. Im Lese.Kuschel.Kokon. Sonst sind wir traurig. Aber wir sind froh. Da ist was. Das. Buch.

Sasa Stanisic hat "Vor dem Fest" geliefert. In 102 Kapiteln unterschiedlichster Länge wird ein von ihm nachempfundenes Dorfleben in der Uckermark. Es wird so beschrieben: Wenn bei uns irgendwo ein Fenster eingeschlagen wird und offen seht, dann haben wir mehr Angst vor dem, was entkommen sein könnte, als vor dem, der vielleicht eingestiegen ist. (163) Es gilt Vieles unter der Decke des Relativierens und Vergessens zu halten. Da sind uralte Bräuche wie Hexenverbrennungsfeste hilfreich.

Das Dorf wird stroboskopisch beleuchtet, denn es ist die Nacht vor dem Fest mit den Wurzeln bis ins Mittelalter. Die Dorfbewohner sind beschrieben als huschten sie durchs spärliche Licht. Praktisch keine Haupthandlung, nur gesplitterte Einzelaktionen. Wie von einem Beobachter mit variierendem Fokus.

Dann stößt man auf seltsam formulierte kurze Kapitel, die offenbar Transformationen von uralten Dokumenten sein sollen. Symbole der Verwurzelung des Dorflebens im Vergangenen. Verbindung zur vor- oder nachherigen Aktion aber nicht gegeben. Man neigt schnell dazu, sie zu überblättern. Wo nur ist der Faden der Geschichte? Ach ja, das angebliche Archiv, dessen Inhalt niemand kennt, außer Frau Schwermuth, die dem Namen gemäß depressiv ist.

Und noch eine Namenssymbolik. Der Herr Schramm, ehemaliger Oberstleutnant der NVA (25). Er wird in den neun Kapiteln seines Dorflebens immer wieder mit denselben Worten vorgestellt, wie eine militärische Meldung vor der Truppe. Herr Schramm ist ein kritischer Mann mit Haltung und Haltungsschäden. Der Haltungsschaden kommt sicher nicht vom Herumdrucksen. … Der Haltungsschaden kommt davon, dass er lange Zeit vor den eigenen Fehlern auf den Knien gerutscht ist. Kommt davon, dass er zum Schaden anderer die Wahrheit gesagt hat und dass die Wahrheit schwer gewogen hat. (168) Symbol: Im Dorf ist immer alles Dasselbe.

Er schrammt so durch sein alterndes Leben, rammt den Zigarettenautomaten (270) von der Wand, schrammt sein Auto vor den Baum, schrammt an der Selbsttötung vorbei. Er ist lebensmüde. In Wilfrid Schramms Haushalt finden sich im Schnitt mehr Gründe gegen das Lebens gegen das Rauchen. (27) Der Fährmann meint, am Ende brauchst du einen bequemen Sarg. (35) Den hat er offenbar nicht, denn Anna rettet ihn, die mit Abstand sympathischste Figur.

Anna ist im Dorf geboren, hat auswärts studiert, ist weltoffen und nun zurück und rettet Herr Schramm, lässt sich die Knarre aushändigen, wirft diese in ein uraltes Grab unter einer entwurzelten Eiche. Wenn das man nicht symboltriefend ist. So ist sie halt, die Retrospektive eines vor sich hin dümpelnden Lebens ohne aufregende Perspektive: Es wird alles glorifiziert oder mythologisiert, erhält dadurch nachträglich Sinn. Solange die Dörfler in der Kneipe darüber reden und sich kloppen, so lange funktioniert das Dorfleben so halbwegs.

Dieser historisch angehauchte Dorfroman konterkariert das Stadtleben mit seiner Hektik, seiner Zielorientierung, seiner Jetzt-und-Hierbezogenheit. Und dann noch diese Leserveräppelung: All das war Vorgeplänkel. (311) Am Ende erfahren wir, dass wir grad am Anfang stehen. Das Fest mit an die zweihundert Menschen (311) beginnt mit der Auktion eines Bildes, dass die Frau Kranz gemalt hat. Es ähnelt verblüffend dem, was wir vorher in den hundert Kapiteln gelesen haben.

Also gar kein bodenständiger, heimattriefender Dorfroman. Wir sind entschlossen, entspannt, entrückt, Fürstenfelde ist das. (313) Sondern eher entrückt eine üppig-fantasievolle Idylle als Bildinterpretation? Es ist, als würden die Leute, pflanzengleich, überall dort aus dem Wasser sprießen, wohin unser Blick schweift. Fürstenfelde ist das. (314)

Wie auch immer, die Auktion beginnt und endet mit: Wir sind froh, …, wir bieten zwölf. (315) Wohlgemerkt, das „Wir“ im Roman meint nicht uns als Leser*innen. Es meint das diffuse Kollektiv, über Generationen hinweg, aller Dörfler im fiktiven Fürstenfelde in der Uckermark in der Ex-DDR in der nahen und fernen Vergangenheit.

Da auch der bis zuletzt unbekannt bleibende, sporadisch auftretende Adidas-Mann (252) als Einbrecher des Westens in die Idylle des Dorfes für das Bild nicht mehr bietet, bleibt es an uns, höher zu bieten: 19,99!

© 11.12.2019 brmu
Saša Stanišić, Vor dem Fest, btb74989, 2015, 8. Auflage

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Christian Berkels Apfelbaum

Wenn man vom Baum der Erkenntnis isst, zeigt sich die Welt danach anders – sofern man ihn erklimmen kann und an die Früchte kommt.

Christian Berkel hat das mit seinem Debüt-Roman „Der Apfelbaum“ bewerkstelligt, wenngleich er zu Beginn das Gleichgewicht verlor. Ein Sturz wie ein Schreck. … Noch während ich fiel,…, sah ich ihn in seiner schlichten Schönheit. … Er stand noch. Allein. Gar nicht verloren. Trotzig. Mein Apfelbaum. (9) Uns Leser/innen wird klar: Es muss sich um ein Symbol handeln, aber wofür steht es?

Das wird uns auf den nächsten 400 Seiten klar, nach seiner Erforschung seiner generationenlangen Familiengeschichte vor dem Hintergrund tatsächlicher Historie. Auf der letzten Seite, bei einem Familientreffen mit den Überlebenden der Shoa, schafft der Ich-Erzähler* (zweifelsfrei der Autor Ch. Berkel) es: Die Musik spielte, alle Stühle waren besetzt, nur ich rannte und rannte und rannte im Kreis um sie herum. … Ich sprang dazwischen. Und von dort hinauf. Hinauf auf den Apfelbaum. (411) Das ist der Heureka-Effekt, in der Rückschau die Selbsterkenntnis: Ich bin ein Teil dieser ungewöhnlichen Familiengeschichte – aber nicht gefesselt in Erinnerungsdramen, sondern die Gedanken sind frei.

Wir haben uns also mit einem Familienroman bis zurück in die Ur-Großelterngeneration vor einer gesellschaftlich-historischen Folie zu tun. Damit ist auch die Frage müßig, ob es sich nur um eine Fiktion handele, die mit historischen Fakten angereichert sei, oder um eine Dokumentation, die mit Fiktionalem garniert sei. Es gilt beides, wirkt ineinander, denn nur so funktioniert das Erinnern. Wirklichkeit ist eine auf die vorgefundenen Tatsachen bezogene Interpretation, schosse es mir durch den Kopf, ein Konstrukt. (214) Wo sich viele Familienmitglieder erinnern, da werden unterschiedliche Geschichten zu ein und denselben Fakten erzählt. Und alle Versionen haben einen Funken Wahrheit in sich, eine Melange als Fakten und Fiktion.

Exemplarisch sei diese Passage: Wonach suchte ich wirklich? … Ich war ein Deutscher, mit oder ohne jüdische Wurzeln. Einer, der damals nicht gelebt hatte, der weder schuldig noch unschuldig war, einfach nur deutsch, mit einer deutschen Geschichte – der deutschen Geschichte, die alle Verbrechen der Menschheitsgesichte in den Schatten stellte. (215) Auf der Suche nach der Wahrheit findet man oft ernüchternde Tatsachen.

Die Methode der Suche ist im Roman ausgebreitet. Zunächst wird die noch lebende Mutter Sala befragt. Sie ist offensichtlich dement und kann nur noch bruchstückhaft Auskunft geben, dabei ihre Erinnerungslücken clever überbrückend. Der Ich-Erzähler Berkel spielt mit und entlockt ihr so weitere Erinnerungen. Die Lücken werden mit zum Teil aufwendigen Recherchen gefüllt. Die Gespräche der längst Verstorbenen in der Retrospektive passen zum Thema, sind natürlich fiktional im Rahmen des Wahrscheinlichen. Sie geben dem Roman die Lesbarkeit und Nähe, die man braucht, um Resonanzen aufbauen zu können.

Man will berührt sein, so oder so. Letzteres zum Beispiel in der Passage über den Lehrerberuf. In Deutschland interessieren sich die Lehrer nicht für ihre Schüler. Nicht zu meiner Zeit. Sie waren Beamte. Mäßig interessiert, mäßig gebildet, mäßig überzeugend. Man konnte sie duzen. Das lag mir nicht…. Zwischen uns lagen Welten, die ich nicht betreten wollte. (404) Halt! Es gibt auch viele positive Erinnerungen an „die Lehrer“ aus dem eigenen Leben. Die Einschränkung „zu meiner Zeit“ mildert den Eindruck der Pauschalität wenig. Es ist zwar ein persönlicher Eindruck im Vergleich zu seinen französischen Lehrern, der im Autor haften blieb. Leider hallt er im vorletzten Kapitel des Romans nach und ist mir eine Irritation in dem ansonsten gelungenen Debüt. Auf dem Apfelbaum darf man irren.

© 12.11.2019 brmu
Christian Berkel, Der Apfelbaum, Ullstein TB 06086, 2019, Seitenangaben

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Fontanes zeitlose Heldinnen

Theodor Fontane wurde vor 200 Jahren geboren und begann seine Schriftstellerkariere vor 135 Jahren. Lang, lang ist’s her, wird man sagen. Und: Wer liest den heute noch?, wird man fragen. Burkhard Spinnen hat’s gemacht. Er hat Fontanes Romane aufs Gegenwärtige und nicht aufs Überkommene hin (11) aus übergeordneter Perspektive gelesen und darüber ein essayistisches Buch geschrieben: „Und alles ohne Liebe1.

Spinnen meint, zum Abschluss meiner Familienaufstellung (101), so nennt er seine Analyse, Fontanes differenziertes Frauenbild skizzieren zu können. Denn in meinem Arrangement treten ihre Unterschiede deutlich hervor; ihre Eigenschaften überstrahlen ihre gemeinsame Rolle als Opfer der Gesellschaft. (13) Es wird deutlich, dass der gesellschaftliche Bezug den Hintergrund abgibt.

Spinnen hat für diese Überzeugung eine eigene Begründung: in einem Roman geschieht nur, was sich die Figuren wahrhaft verdient haben. (106) Der Autor Fontane bestimmt also einerseits das Schicksal seiner Figuren, andererseits ist deren Schicksal verknüpft mit den beschriebenen, tatsächlichen Verhältnissen, die den Schluss nahelegen, es handele sich um „Opfer“ dieser Verhältnisse.Das Ambivalente dabei ist die Tatsache, dass der Autor denselben gesellschaftlichen Verhältnissen entstammt.

Auf dieser Basis und anhand von elf Beispielen namens Therese, Sophie, Manon, Effi, Cécile, Stine, Lene, Corinna, Jenny, Melanie und Mathilde wird analysiert. Das Ergebnis unserer Diskussion komprimiert im Überblick:

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Letztlich schafft es nur Melanie, den Zwängen der gesellschaftlichen Verhältnisse und Erwartungen mittels eigener Ausbildung zu entkommen und eine Selbstständigkeit zu leben. Uns wurde in der Diskussion schnell klar, dass Ort und Zeit zwar vergangen sind, die Muster menschlichen Zusammenlebens aber so oder ähnlich weiter existieren und rückbezüglich das Leben einzelner bestimmen, auch wenn sie es eigentlich nicht so wollen. Es bedarf der persönlichen, inneren Revolte gegen die Fesseln des „Was-man-tut“, und daraus abgeleitet der fesselbefreienden Aktionen. Melanie steht auf eigenen Füßen, weil sie einen Beruf ausübt und sich unabhängig macht. Ein sehr modernes Muster unserer heutigen Gesellschaft.

Es wäre auch interessant, eine Arbeit zu lesen, die die Männerfiguren in den von Spinnen analysierten Romanen durchleuchtet. Sie machten uns durchweg einen eher schwachen Eindruck als Handlanger gesellschaftlich verkrusteter, überkommener Regeln und Rituale. Auch hier wird von Fontane ein kritischer Blick auf das Traditionshafte geliefert.

Zum Schluss stellten wir fest, dass es horizonterweiternd ist, auch einmal gut geschriebe Sekundärliteratur zu lesen, jedoch sollten die zugrunde liegenden Romane als Primärliteratur bekannt sein. Es lohnt sich also, Fontanes Werke mal wieder in die Hand zu nehmen und darin nach Resonanzen zu suchen. Als da wären als Basis von Spinnen’s Analyse die Gesellschaftsromane: Die Poggenpuhls, Effi Briest, Cécile, Stine, Irrungen und Wirrungen, Frau Jenny Treibel, L’Adultera und Mathilde Möhring.

© 13.10.2019 brmu
1 Burkhard Spinnen, Und alles ohne Liebe – Theodor Fontanes zeitlose Heldinnen, Schöffling & Co. 2019

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Kehlman vermisst welten

die welt vermessen zu wollen, ist das nicht vermessen? kann man diesen anspruch lesbar machen, ohne sich im historischen, biografischen, naturwissenschaftlichen faktengestrüpp zu verheddern? man kann!

Daniel Kehlmann hat den nachweis mit seinem roman „Die Vermessung der Welt1 vorgelegt. das ganz nach seinem motto: Der historische Mensch selbst ist gewissermaßen ein Magnet, und um ihn herum ist ein Feld, indem man sich erfindend bewegt.2 was die erfindungen anbelangt, so konnten wir dem kritiker Hubert Winkels mit seiner meinung, es fehle an literarischem Mut, an Spiellaune, Erfindungsgabe und Gegenwartsbezug3 nicht folgen.

die biografischen hintergründe der hauptprotagonisen Alexander von Humboldt (1769-1859) und Friedrich Gauß (1777-1855) sind romanhaft verändert, ebenso die handlungsfelder. beide helden der wissenschaft stellen ein spannungsfeld dar, wie die pole eines magneten. der eine weltoffen, weltsüchtig und der andere verschlossen, eher sozial inkompetent. in diesem magnetfeld entfaltet sich der roman und erzählt uns etwas aus einer längst vergessenen zeit, angereichert durch weitere historische personen wie Immanuel Kant, der als altersschwaches, nur noch „Wurst“ (96) forderndes idol von Gauß beschrieben wird.

diese mischung lässt schmunzeln, ungläubig schauen, auch mal recherchieren und staunen. das kommt alles nicht langweilig an, denn es blitzen immer wieder daseinsbezüge auf, frei nach des autors eigenem anspruch: Es muß immer … nun ja, ein Element existentieller Wahrheit geben, eine Berührung mit den Grundtatsachen unseres Dasein.4

Humboldt steht vor den resten eines tempels und kommt mit einem arbeiter ins gespräch, der ihm schier unfassbares über die damaligen zeremonien menschlicher Schlachtungen (201) erzählt. darauf Humbold:

Zwanzigtausend an einem Ort und Tag, das sei undenkbar. Die Opfer würden es nicht dulden. Die Zuschauer würden es nicht dulden. Ja mehr noch: Die Ordnung der Welt vertrüge derlei nicht. Wenn so etwas wirklich geschähe, würde das Universum enden. – Dem Universum, sagte der Arbeiter, sei das scheißegal.“(202)

abgesehen, dass die antwort des arbeiters sehr an Camus‘ „Der Fremde“ erinnert, dem verkünder des gleichgültigen universums, die er aber noch gar nicht hat lesen können, weil vor der zeit lebend, hat die jüngere geschichte uns gelehrt, dass in den lagern des faschismus die zahl der opfer in die millionen gingen, ohne dass das universum einen mucks tat oder tut. es ist sache der menschen in dem universum, dies zu vermeiden oder zu verhindern. ein ernüchternder anker aus dem roman, in die zeit der leserschaft geworfen.

und noch ein beredtes beispiel: Humboldt ist gast bei Thomas Jefferson (1743-1826), einer der gründer der USA. bei dem gastmahl trinkt er

einen Schluck Wein und kam auf die Last des Despotismus und die Ausbeutung der Bodenschätze zu reden, welche einen sterilen Reichtum erzeuge, von dem die Volkswirtschaft niemals profitieren könne. Er sprach über den Alpdruck der Sklaverei. (212)

wenn das mal nicht mitten in unserer zeit einschlägt. wir müssen nur die metaphern leicht umdeuten. Despotismus in diktaturen, aber auch im freien konsumwahn. Bodenschätze für die stromgier und das digitale bigdata-business. Ausbeutung in allen varianten, ob urwald oder näherinnen. Reichtum war schon immer nur dazu gut, mehr reichtum anzusammeln, um damit macht auszuüben im sinne eines despotismus, eine rückbezügliche sucht. Humboldt nennt ihn subtil „steril“, also die belange der „Volkswirtschaft“, ein aufrüttelnder, unzeitgemäßer begriff in dem roman, werden nicht bedient. das geld kommt nicht bei denen an, die es benötigen. ein wahrer Alpdruck der Sklaverei, wir sind gemeint, die konsumsklaven im globalen dorf der gegenwart. spätestens hier ist die schelte, es fehle am gegenwartsbezug, leider ein signal der interpretationsschwäche des scheltenden.

aller guten dinge sind drei: Friedrich Gauß und A. von Humboldt unterhalten sich über die sterbestatistik und Gauß meint: Man denke, man bestimme sein Dasein selbst. … Man meine, man habe alles selbst entschieden. Erst die Mathematik zeige einem, daß man immer die breiten Pfade genommen habe. Despotie, wenn er das schon höre! … Die wahren Tyrannen seien die Naturgesetze. – Aber der Verstand, sagte Humboldt, forme die Gesetze! – Der alte kantische Unsinn. Gauß schüttelte den Kopf. Der Verstand forme gar nichts und verstehe wenig. … Die Welt könne notdürftig berechnet werden, aber das heiße noch lange nicht, daß man irgend etwas verstehe. (219/220)

das ernüchtert ungemein, nach einigem nachsinnen im hauch der philosophie keimt die ahnung auf, dass dies eine brutale wahrheit sein könnte: realität ≠ welt.

zum schluss tröstet uns Kehlmann mit einer elegant versteckten selbstkritik aus dem munde von Gauß: Künstler vergäßen zu leicht ihre Aufgabe: das Vorzeigen dessen, was sei. Künstler hielten Abweichungen für eine Stärke, aber Erfundenes verwirre die Menschen, Stilisierung verfälsche die Welt. … Romane, die sich in Lügenmärchen verlören, weil der Verfasser seine Flausen an die Namen geschichtlicher Personen binde. (221)

ist der roman eine flause? wir halten ihn für ein kunstprodukt zwischen biographie und fiktion.

© 10.09.2019 brmu
1 Daniel Kehlmann, Die Vermessung der Welt, Rowohlt 2005, 11. Auflage, seitenangaben ()
2 Daniel Kehlmann, Diese sehr ernsten Scherze, Wallstein 2016, 5. Auflage, seite 26
3 Hubert Winkels, Kann man Bücher lieben? , Kiepenheuer&Witsch 2010, seite 265
4 D. Kehlmann, Diese sehr ernsten Scherze, Wallstein 2016, s. 12

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Grünbein erinnert sich

wer hat schon seine kindheit im zoo verbracht? besuche: ja. aber dort leben: nein. es kann also nur ein wortbild sein für das, was uns Durs Grünbein in seinem buch „Die Jahre im Zoo“ von seiner kindheit erzählt.

Einmal die Kindheit aufzuschreiben, das hatte ich mir lange vorgenommen. Der Wunsch ist fast so alt, wie ich es nun selber bin. Ging es denn nicht um die Ausdehnung der Kindheit mittels Schrift und Erinnerung? (212) diese frage bleibt unbeantwortet. vielleicht ist sie rhetorisch gemeint.

Der Mensch ist, was er nun einmal ist, einzeln und abgeschottet gegen die anderen, dank seines komplexen Gehirns. (211) wir leser/innen, im lesekreis unsere jeweiligen hirne gebrauchend und keineswegs gegenseitig abgeschottet, versuchten eine ahnung zu entwickeln.

Kennst du das? Wenn du plötzlich nicht mehr mit Bestimmtheit sagen kannst, wer du bist. Wenn dir klar wird, daß du vergessen hast, wer du einmal warst? So viele Bewußtseinsstadien, Situationen des Lebens, so viele Ansichten von ein und derselben Person – und stets war sie ein anderer und sagte und schrieb dabei doch immer treuherzig: Ich. (358)

wir meinen, es geht um die selbstvergewisserung des autors, daher die autobiographie früher jahre, garniert mit reflektionen essayistischer art mit bezügen zu dem heutigen leben.

Erinnerung funktioniert wie ein Kaleidoskop…. Das meiste aber verschwindet und taucht nur durch Zufall wieder auf, wenn Prosa den Zauberstrahl findet, das Funkeln der Kristalle am Boden des Spielzeugs zu bündeln weiß. … Die Muster liefert das Kurz- oder Langzeitgedächtnis, als wäre das menschliche Hirn konstruiert wie ein optischer Apparat. (358)

die verspieltheit mit wissen wird dem lyriker Durs Grünbein nachgesagt, auch in seinen gedichten. dabei spielt das gehirn natürlich die entscheidende rolle, als ort der erinnerung und der verarbeitung selbiger. das vorgelegte buch, im Untertitel „Ein Kaleidoskop“ genannt, spiegelt das verfahren auch. so wird der etwaig schwächelnden leserschaft die dekodierung des begriffs „Zoo“ gegen ende des autobiografischen werkes geliefert.

Tiere hinter Gittern, das hat noch keinen gestört. Man ging in den Zoo, wie man zur Wahlurne ging …Damals begann es, daß sie lernten, hinter Gittern zu leben, Großstädter in ihren Wohnställen, Bürger eines Landes, das seit kurzem ein Eiserner Vorhang trennte vom Rest der Welt. (371) wer diese ahnung entwickelt hatte, der wird nun bestätigt. wir haben es nicht nur mit einer idyllischen kindheitserinnerung zu tun, sondern auch mit einer milden, gesellschaftskritisch-historischen betrachtung zwischen den zeilen. wer es nicht ahnte, muss nochmals von vorne anfangen zu lesen, um diesen gehalt in sich aufnehmen zu können. ein lesekreis ist hierfür goldes wert.

und Grünbein? für ihn ist sein kreuzworträtsel erfindender opa das schlüsselerlebnis zum schriftstellertum. Es war der Beginn einer namenlosen Erregung, von der ich glaube, daß sie geradewegs in die Dichtung führte. (393) das aber mit einer längeren anlaufbahn, die uns der autor andeutet.

In den Stunden größter Einsamkeit, hoch verdichteter, konzentrierter Einsamkeit, meldet sich die Stimme. … Und sprach allerlei Kauderwelsch, Halbgedachtes, Halbgefühltes, sprach in Andeutungen Sätze …Ich mochte sie nicht, ihre Einflüsterungen, lieber sprach ich mit mir selbst. (226) und: Dies frühe Alleinsein und Alleinseinwollen, ich kann nicht sagen, wozu das gut war. … Er ist das typische Einzelkind. (227) und: Noch war sie nicht stachelig geworden, nicht zur Belastung für alle anderen, diese traurige Gabe der Einsamkeit. (233)

und: Die Nomadenjahre der Kindheit neigten sich ihrem Ende zu. Nun waren es die Bücher, die für jede Enttäuschung aufkommen mußten. Das Lesen entführte uns in ganz andere Regionen. (245) und: War das der Kern der Kindheit gewesen, dies Unvordenkliche, Ungebundene, Unsagbare? (259) weiter: … die Gewohnheit des lyrischen Selbstgespräches … (262) … in meinen Meditationen …(264)

diese überlegungen und fragen gehen bis an die grenze. Im Grunde war alles ganz einfach. Der Mensch mußte sterben, dazu war er geboren, und das wußte er, von Anfang an und empfand es mitunter scharf. (265) es folgen eine reihe von geschichten, die das illustrieren. abschließend notiert Grünbein: Zum ersten Mal in meinem Leben hatte ich das historische Gefühl … der Ohnmacht vor etwas viel Größerem, dem Tod als solchem … (354)

in einer einfühlsam und illuster geschriebenen zeigeschichte im Dresdner stadtteil Hellerau in der alten DDR (Kalter Krieg, Eisener Vorhang) wird der philosophische bogen literarisch von geburt zum tod geschlagen. dazwischen die erweckung als kind zum dichter mittels ein paar bedeutungsschwangeren signalen: zurückgezogenheit als gabe der einsamkeit, wiederkehrende träume und innere flüsterstimmen, bücher lesen, wortbedeutungen erschließen, lyrisches selbstgespräche und meditationen darüber.

wem dass bislang auch passiert ist, der darf sich ermutigt sehen, in dieselben fußstapfen zu steigen – oder?

Grünbein schreibt in seinem essay „Warum schriftlos leben?“ diesen satz: Im Grunde sind Schriftsteller selten so abgebrüht, wie sie tun. Was sie antreibt, ist eine Heidenangst vor dem allgegenwärtigen Nichts.

Das klingt auch in einem frühen gedicht in dem band „Schädelbasislektion“ an:

Was du bist steht am Rand
Anatomischer Tafeln.
Dem Skelett an der Wand
Was von Seele zu schwafeln
Liegt gerad so verquer
Wie im Rachen der Zeit
(Kleinhirn hin, Stammhirn her)
Diese Scheiß Sterblichkeit.

© 11.07.2019 brmu
Durs Grünbein, Die Jahre im Zoo, Suhrkamp TB 4818
Durs Grünbein, Warum schriftlos leben – Aufsätze, SV 2435, Seite 61
Durs Grünbein, Schädelbasislektion – Gedichte, Suhrkamp 1991, Seite 11

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kundera und das sein

Milan Kundera1 ist ein literat, der nicht nur als romancier in erscheinung tritt, sondern auch als essayist, über seine werke und seine art zu schreiben reflektierend. er meint in seinem essayband „Die Kunst des Romans“: Erkenntnis ist die einzige Moral des Romans. (14)

Mit Descartes sei das denkende Ich als Grundlage von allem zu verstehen. Mit Cervantes sei die Welt als Ambiguität [Mehrdeutigkeit] zu verstehen, statt mit einer einzigen absoluten Wahrheit … konfrontiert zu sein. (15)

Dieses „Entweder-Oder“ zeugt von der Unfähigkeit, die essentielle Relativität der menschlichen Dinge zu ertragen, … Auf Grund dieser Unfähigkeit ist es schwierig, die Weisheit des Romans … zu akzeptieren und zu verstehen. (16)

Meine Romane sind nicht psychologisch.(35)

… der ganze Roman ist nichts als eine lange Befragung. Die meditative Befragung … ist die Grundlage, auf der alle meine Romane aufgebaut sind. (46)

… die Imagination des Lesers [ergänzt] die Imagination des Verfassers automatisch. (49)

Die Schwäche als sehr allgemeine Kategorie der Existenz. (55)

Nachdem … in den Wissenschaften und in der Technik Wunder gelungen sind, wird [dem Menschen] plötzlich bewußt, daß er nichts besitzt und weder Herr der Natur ist noch der Geschichte, noch seiner selbst. … Der Planet wandert völlig herrenlos im Leeren. Da haben wir sie, die unerträgliche Leichtigkeit des Seins. (55)

das erinnert stark an Albert Camus2 … wurde ich angesichts dieser Nacht voller Zeichen und Sterne zum erstenmal empfänglich für die zärtliche Gleichgültigkeit der Welt. (114) die absurdität des seins erhält hier eine fast lyrische ausdrucksweise.

mit diesem Rüstzeug näherten wir uns nun dem rätsel seines romans „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins3“. es treten zwei hauptprotagonisten in die erzählerische welt: Tomas, der erotomane mit unzähligen one-night-stands, verliebt sich in Teresa, die sensible, und fühlt sich so an sie gebunden. Er empfand damals eine unerklärliche Liebe für dieses Mädchen, das er kaum kannte. (10) … Die Liebe zwischen ihm und Teresa war schön, … Sieben Jahre war er an Teresa gekettet gewesen, … Er befand sich auf einmal im magischen Feld des Parmenides: er genoß die süße Leichtigkeit des Seins. (32) diese seine leichtigkeit hätte einen gegenpol. Denn: Es gibt nichts Schwereres als das Mitgefühl. (33) Aber: Tomas verspürte nicht das geringste Mitgefühl. (37) für Teresa.

aber Teresa leidet zunehmend unter dieser steten untreue des Tomas, kann aber auch signale der unabhängigkeit senden. An jenem Abend … gestand er ihr endlich zu Hause, daß er eifersüchtig war, weil er sie mit seinem Kollegen hatte tanzen sehen. (55)   Leider wurde sie sehr bald selber eifersüchtig. Für Tomas war ihre Eifersucht … eine Last, der er sich erst ein oder zwei Jahre vor seinem Tode entledigen sollte. (56)

in der nebenhandlung tauchen Franz, der geradlinige, und Sabina, die souveräne, auf. die beiden frauen bilden die brücke zu den zwei handlungssträngen, denn auf bitten von Tomas verhilft Sabina, die ab-und-an-geliebte des Tomas, der Teresa zu einem job in der zeitung. sie entwickelt sich zur fotografin und dokumentiert die geschichtlich realen geschehnisse um den Prager Frühling 1968 und dessen niederschlagung. das ist die verankerung des romans in der geschichtlichen zeit und der anspruch, ernst genommen zu werden.

das ist letztlich der grund, warum Tomas und Teresa die Tschechei verlassen und sich in der Schweiz niederlassen. aber auch dort kann Tomas als Libertin (25) nicht von den anderen frauen lassen. Teresa fühlt sich bei ihm schwach und will zurück zu den schwachen, sie geht wieder in die Tschechei zurück.

vier tage später folgt ihr Tomas und letztlich erleidet das paar die wohl bekannte härte von dissidenten in einem regime, sie landen verarmt in einem abgewrackten dorf auf dem lande. dort, in der rückgezogenheit und einfachheit des lebens, kommen sie sich näher und machen ihren frieden miteinander. als leser/innen ziehen wir die augenbrauen hoch. was passiert da denn jetzt?

herbeigelesene urteile entpuppen sich als vorurteile. man staunt: Teresa sagte sich, daß sie ihr Leben lang ihre Schwäche gegen Tomas mißbraucht hatte. … Ihre Schwäche war aggressiv und zwang ihn fortwährend zur Kapitulation, bis er scließlich aufhörte, stark zu sein und sich in ein Häschen in ihren Armen verwandelte. (298)

die ambiguität des lebens wird klar, in dem die den roman hindurch als schwach geltende Teresa, stets von Tomas durch seine weibergeschichten entwürdigt, sich als die starke frau herausstellt, denn sie gesteht, sie habe ihre schwäche gezielt gegen Tomas eingesetzt. und der so starke hallodri Tomas entpuppt sich nun als der geschwächte am ende. zwei jahre können sie noch diesen zustand der inneren klärung erleben, dann kommen beide bei einem unfall ums leben.

dieser wendepunkt war so fesselnd, dass wir uns mit den anderen beiden protagonisten Sabina und Franz nicht intensiv beschäftigt haben. der roman ist trotz seiner geschichtlichen verwurzelung um das jahr 1968 auch heute noch eine fundgrube menschlichen lavierens zwischen den polen von gut und schlecht, ehrlich und verschlagen, leicht und schwer.

auktorial heißt es zur situation der Sabina: Das Drama eines menschlichen Lebens kann man immer mit der Metapher der Schwere ausdrücken. … Ihr Drama ist nicht das Drama des Schweren, sondern des Leichten. Auf Sabina ist keine Last gefallen, sondern die unerträgliche Leichtigkeit des Seins. (118) in der nebenfigur der Sabina liegt also der titel des romans begründet.

und noch mehr nachdenkliches liefert der autor in seinen ich-botschaften und auktorialen eingriffen: Für Sabina ist „in der Wahrheit leben“, …, nur unter der Voraussetzung möglich, daß man ohne Publikum lebt. Von dem Moment an, wo jemand unserm Tun zuschaut, passen wir uns … den Auen an, die uns beobachten, und alles, was wir tun, wird unwahr. Ein Publikum zu haben, …, heißt, in der Lüge zu leben. Sabina verachtet die Literatur, inder ein Autor alle Intimitäten über sich und seiner Freunde verrät. (109) das kann auch auf die situation des schreibenden und den literaturbetrieb bezogen werden.

der hang des autors, sich mit philosophischen einsprengseln und essayistischen betrachtungen eine aura zu verschaffen, endet bei Parmenides, der die welt in ihrem hin und her zwischen den extremen polen begriff. zur ruhe kommt man nur, wenn sich das leben mittig einpendelt, extreme vermieden werden. das war für Teresa und Tomas für zwei jahre in der dörflichen bescheidenheit offenbar der fall. dann kommt der tödliche unfall und die leichte oder schwere seinsart hat ihr absurdes ende gefunden (s.o.).

F. Ricard4 schreibt in seiner Auseinandersetzung mit Milan Kunderas heute vorliegendem Werk (7): In diesem Sinn vor allem kann Kunderas Werk als die Erforschung einer verwüsteten Welt gelesen werden ,das heißt der Welt, wie sie dem exilierten Bewußtsein dauernd erscheint. (27) folgt man Camus, dann sind wir alle exilanten in einer sinnfreien, absurden welt, die wir zu verstehen suchen und doch nicht können. sich dann ethisch zu verhalten ist seine parole.

dazu noch ein zitat aus der „unerträglichen Leichtigkeit des Seins“: Teresa … sagt sich, daß die Menschheit genauso von der Kuh schmarotzt, wie der Bandwurm vom Menschen: sie hat sich wie ein Blutegel an ihrem Euter festgesaugt.  ... Der Mensch ist nicht etwa Eigentümer, sondern lediglich Verwalter dieses Planeten, und er wird eines Tages für diese Verwaltung zur Rechenschaft gezogen werden. (275) ein geradezu dystopischer bezug zur lebensweise der menschheit heutiger zeit. Kunderas romane bergen noch viele andere schätze, die gehoben werden können.

© 19.06.2019 brmu

1 Milan Kundera: Die Kunst des Romans, Hanser 2007
2 Albert Camus: Der Fremde, Fischer Bibliothek 1983
3 Milan Kundera: Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins, Fischer TB 1998
4 François Ricard: Agnes‘ letzter Nachmittag – Milan Kundera und sein Werk, Hanser 2003

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die hauptstadtfrage

gut vierzehn tage vor der europawahl haben wir uns vom „Brühler Lesekreis bei Brockmann“ (BLbB) in ein provokantes buch von Robert Menasse mit dem titel „Die Hauptstadt“ vertieft. wir haben uns gefragt, um welches genre es sich handeln könnte und sind zu dem schluss gekommen, dass ein sittenbild der europäischen politik und ihrer administration gezeichnet wird. der plot weist nach Brüssel, der titel allerdings woanders hin.

wohin, das wird gegen ende des romans aus dem polit-genre klar: Die Europäische Union muss eine Hauptstadt bauen, muss sich eine neue, eine geplante, eine ideale Hauptstadt schenken. (393) und wo? diese frage beantwortet der rand-protagonist Prof. Alois Erhart (384) so: In Auschwitz muss die neue europäische Hauptstadt entstehen, geplant und errichtet als Stadt der Zukunft, zugleich die Stadt, die nie vergessen kann.“Nie wieder Auschwitz“ ist das Fundament, auf dem das Europäische Einigungswerk errichtet wurde. (394)

die struktur des romans besteht aus einer zentralen erzählung aus dem politischen betrieb der verwaltung der EU, ein bild, das von prolog und epilog eingerahmt wird. schon im prolog werden alle hauptprotagonisten namentlich eingeführt, inklusive eines schweines, das durch Brüssel rüsselt. eine schillernde metapher: schwein gehabt oder schweinerei, aber wofür? aus dieser frage speist sich die spannung.

im zentrum steht ein projekt zur feier des 50 jährigen bestehens der EU. mit dessen planung wird Martin Susman von seiner chefin Fenia Xenopoulou (Martin Susan konnte Fenia nicht ausstehen. 48) beauftragt. So war Martin Susman in die Falle getappt. (64) ein auktorialer, neugier erregender hinweis, wie sich die dinge zu seinem nachteil und den des Big Jubilee Project (51) entwickeln werden.

hunderte von seiten erklären uns nun, wie eine an sich treffende, ja visionäre idee durch das klein-klein der politik und den frappierenden eigennutz der politisch agierenden hinterrücks zerstört wird. es kommt einem immer wieder der alte spruch in den kopf, politik sei ein schmutziges geschäft.

und dennoch: es gibt in dem roman protagonisten wie Martin Susmann und Prof. Erhart, die letztlich scheitern müssen, weil die realität außerhalb des romans ernüchternd ist, andernfalls wäre der roman eine utopie, uns aber dennoch hoffen lassen.

denn in den köpfen der leserschaft bilden sich meinungen und hoffnungen und wünsche. darauf zielt offenbar der autor Robert Menasse ab, der aus dem munde von Prof. Erhart in der letzten sitzung der Reflection Group (384) offensichtlich auktorial spricht über die Theorie der nachnationalen Volkswirtschaftslehre von Armand Moens. (385) einen zeitzeugen, der nicht existiert:

Das 20. Jahrhundert hätte die Transformation der Nationalökonomie des 19. Jahrhunderts in die Menschheitsökonomie des 21. Jahrhunderts sein sollen. Das ist auf so grauenhafte und verbrecherische Weise verhindert worden, dass danach die Sehnsucht neu und noch dringlicher wiedererstand. Allerdings nur im Bewusstsein einer kleinen politischen Elite, deren Nachfolger bald beides nicht mehr verstanden: die kriminelle Energie des Nationalismus und die Konsequenzen, die aus den Erfahrungen mit dem Nationalismus bereits gezogen worden waren. (386) und er provoziert die kollegen:

Sie suchen nicht nach der Wahrheit, weil Sie den Mainstream für den letzten Stand der Wahrheit halten. … Und ich sage, dass wir ihr nicht unbedingt näher kommen, wenn wir uns am Zeitgeist orientieren, also an den gegenwärtig machtvollen Interessen von Wenigen, für die die Mehrheit der Menschen nur ein Abschreibposten in der Buchhaltung ist. (387) und er legt noch eins drauf beim abschluss seiner streitrede:

Sie alle sind Mitläufer. … Wir diskutieren über die Weiterentwicklung der Europäischen Union – einer nachnationalen Gemeinschaft, geboren aus der Einsicht in den historischen Fehler, den Sie wieder für „normal“ halten: So ist die Welt, so sind die Menschen, sie wollen sich über die Zugehörigkeit zu einer Nation definieren, sie wollen definieren, wer dazugehört und wer die anderen sind, und sie wollen sich besser fühlen als andere und sie wollen, wenn sie sich vor andern fürchten, diesen den Schädel einschlagen, das ist ganz normal, so sind die Menschen, Hauptsache das nationale Budget ist im Rahmen der vereinbarten Kriterien. (391)

Und die Pointe seiner radikalen Intervention (391) ist diese: Konkurrierende Nationalstaaten sind keine Union, auch wenn sie einen gemeinsamen Markt haben. Konkurrierende Nationalstaaten in einer Union blockieren beides: Europapolitik und Staatspolitik. Was wäre jetzt notwendig? Die Weiterentwicklung zu einer Sozialunion, zu einer Fiskalunion – also die Herstellung von Rahmenbedingungen, die aus dem Europa konkurrierender Kollektive ein Europa souveräner, gleichberechtigter Bürger machen würde. Das war ja die Idee, das war es, wovon die Gründer des europäischen Einungsprojektes geträumt haben … (392)

in der rezeption dieses romans drängt sich die feststellung in den vordergrund, dass die dem zitierten W. Hallstein, begründer der EWG, zugeschriebenen zitate so nicht von ihm gesagt worden sind. diese diskussion lenkt von dem eigentlichen ab und soll hier auch nicht weiter erörtert werden. denn: literatur ist immer eine mischung aus fakten und fiktionen zum zwecke der anregung zum selberdenken.

in den fünf jahren, die der BLbB sich nun schon regelmäßig zusammenfindet, hat es kein aktuelleres buch gegeben. die europawahl steht unmittelbar bevor. vielleicht hilft es zur bewusstseinsbildung, in welche zukunft wir robben wollen.

zu dem thema einer renovierten EU hat Robert Menasse auch essays geschrieben (Der Europäische Landbote). wer seine auffassung von literatur erfahren möchte, kann das in dem essay „Was ist Literatur? – Ein Miniatur-Bildungsroman“ erfahren.

© 18.05.2019 brmu
Robert Menasse, Die Hauptstadt, Suhrkamp TB (st 4920) 2018
Robert Menasse, Der Europäische Landbote, Zsolnay Verlag 2012
Robert Menasse, Was ist Literatur?, Bernstein Verlag 2015

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könig im exil

eine einmütig positive resonanz war im letzten lesekreis bei Brockmann zu erleben. Arno Geigers buch „Der alte König in seinem Exil“ hatte auf breiter linie an unsere gefühle gerührt und einigen teilnehmer/inne/n war das thema der demenzerkrankung angehöriger durchaus vertraut. man konnte aus eigner erfahrung schöpfen und somit das beschriebene nachvollziehen. in kürze:

ort: Österreich, bundesland Vorarlberg, bezirk Bregenz, städtchen Wolfurt (ca. 8.000 einwohner/innen) – es kann aber überall passieren

zeit: geburtsjahr des vaters 1926 bis etwa 2009 mit diversen zeitangaben wie etwa, dass der vater um 1995 zeichen von demenz erkennen lässt (1995 – um diesen Dreh herum hatte das ganze Schlamassel angefangen.) (109)

handlung: vater des autors erleidet in zunehmendem maße die Alzheimer krankheit. drei phasen werden beschrieben: a) unverständnis der familienangehörigen, die gedächtnislücken werden ihm angerechnet, es kommt zu einer entfremdung zwischen autor und vater; b) diagnose der krankheit als wendepunkt; c) verständnisvoller umgang mit vater, gemeinsame pflege und wieder annäherung in der vater-sohn-beziehung

figuren: hauptprotagonist ist der vater August Geiger, der aus der wahrnehmung seines sohnes Arno Geiger beschrieben wird. nebenfiguren stellt die familie wie den großvater, der Arno ab 1974 nicht mehr erkennt und an demenz verstirbt.

sprache: zentrale rolle des würdeerhalts des vaters - bei einer immer gravierender verlaufenden krankheit - spielt die eleganz seines sprachgebrauchs. wenn auch die logik zu äußeren dingen verloren geht, so bleibt eine gewisse innere logik der sätze erhalten.

stil: einfühlsame schreibweise der sensiblen beobachtung des väterlichen verhaltens, durchsetzt mit essayistischen einsprengseln, um der leserschaft hinweise zu geben oder positionen des autors zu erläutern.

Arno Geiger hat keinen herkömmlichen familienroman geschrieben, er hat überhaupt keinen roman geschrieben, sondern eine in phasen unterteilte, empathische beobachtung der allmählichen veränderung eines ihm sehr nahestehenden menschen, seines vaters. ihm geht es darum, zu beschreiben, dass und wie ein seine persönlichkeit verlierender mensch dennoch seine würde erhalten kann, das eher unbewusst durch seinen sprachgebrauch. die kurzen, verblüffenden dialoge zwischen vater und sohn sind die herzstückchen des ganzen buches.

man mag so nebenbei auch lernen, wie man sich dementen menschen gegenüber richtig verhalten sollte, aber es geht dem autor um mehr. der vom vater sehr häufig wiederholte wunsch, „nach hause“ zu gehen, obwohl er ja daheim ist, zeigt die grundlegende innere verunsicherung durch die krankheit.

in einem der auktorialen einsprengsel notiert der autor: Alzheimer ist eine Krankheit, die, …, auch Aussagen über anderes als nur über sich selbst macht. Menschliche Eigenschaften und gesellschaftliche Befindlichkeiten spiegeln sich in dieser Krankheit wie in einem Vergrößerungsglas. Für uns alle ist die Welt verwirrend, und wenn man es nüchtern betrachtet, besteht der Unterschied zwischen einem Gesunden und einem Kranken vor allem im Ausmaß der Fähigkeit, das Verwirrende an der Oberfläche zu kaschieren. Darunter tobt das Chaos. Auch für einen einigermaßen Gesunden ist die Ordnung im Kopf nur eine Fiktion des Verstandes. … Gleichzeitig ist Alzheimer ein Sinnbild für den Zustand unserer Gesellschaft. Der Überblick ist verlorengegangen, das verfügbare Wissen nicht mehr überschaubar, pausenlose Neuerungen erzeugen Orientierungsprobleme und Zukunftsängste. … Angesichts dieser mir während der Jahre heraufdämmernden Erkenntnis lag es nahe, dass ich mich mit dem Vater mehr und mehr solidarisch fühlte. (57/58) und warum das?

Denn die traditionelle Gesellschaft, in der mein Vater und seine Geschwister ihre Kindheit verbracht haben, ist zerfallen. Es gibt noch bäuerliche Arbeit, aber kein bäuerliches Leben mehr. Der sogenannte Strukturwandel hat aus Wolfurt eine Wohn- und Industriegemeinde gemacht, … (169) der begriff „strukturwandel“ hat es inzwischen zu fetischistischer verbreitung gebracht!

mit diesen reflektorischen gedankengängen ist das buch wie eine große metapher auch eine an den verstand appellierende beschreibung des zustandes unserer gesellschaft – und nicht nur eine vordergründige, an die gefühle gerichtete krankengeschichte.

so sollte literatur sein: die leser/innen bei den gefühlen packen, sie wringen und wiegen, um dann beim ab- oder weglegen des buches den eigenen verstand zu wecken, zum selberdenken zu animieren. nur so finden wir täglich aus der „selbstverschuldeten Unmündigkeit“ à la Immanuel Kant heraus.

das leben an sich ist absurd, wie Albert Camus notierte, die ethik für ein gutes leben müssen wir daher selber finden und praktizieren. das kommt nicht von oben. würdevolles sprechen und verhalten, wie es der demente August Geiger auch unter verlust der bedeutungen des gesagten beibehielt, ist ein guter start dazu.

© 12.03.2019 brmu

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Díaz überrascht mit Oscar: wow!

ein wort vorab.

im Brühler Lesekreis bei Brockmann (11.2.2019) bin ich gefragt worden, wie ich denn auf dieses buch gekommen sei. frank und frei gab ich zu, dass es eine übrig gebliebene lektüre aus einem literaturseminar (QIV/2018) von Sabine Wegner bei ZfW war. in diesem sinne ist die zusammenfassung unserer diskussion probehalber in einer anderen form abgefasst:

wer in der welt der literatur etwas werden will, der muss einen langen atem haben, gute kritiken einfahren, oder er wird preisträger. Junot Díaz war in den USA als talentierter autor für kurzgeschichten bekannt. sein romandebüt "Das wundersame Leben des Oscar Wao" öffnet ihm nun die szene, denn im jahre 2008 erhält er den Pulitzerpreis „Winner in fiction“. wir haben seinen roman diskutiert, eine zusammenfassung folgt:

ort. New Jersey/USA und Dominikanische Republik (DR) sind als handlungsorte im roman schnell ausgemacht. historisch-politische verhältnisse in der DR sind praktisch unbekannt.

zeit. die zweite hälfte des letzten jahrhunderts ist als zeitfenster der handlungen präzise in den sechs titeln angegeben: 1944 – 1995, für viele von uns ein großteil der eigenen lebensspanne.

handlung. der hauptprotagonist heißt Oscar de Léon, Woa genannt. er wird ab dem siebten lebensjahr nach einer gescheiterten „ménage à trois“ (23) allmählich zu einem fetten, sex-frustrierten nerd, der sich in eine ersatzwelt der Science-Fiction verliert. eine fast schon an klischees heranreichende story.
um diesen kern ranken sich vorherlaufenden, vom DR-regime der familie de Léon menschenverachtend zugefügten katastrophen.
man könnte vorschnell annehmen, die beschriebene persönlichkeitsentwicklung von Oscar, im prinzip novellistisch, sei die rahmenhandlung für den eigentlich schwer verdaulichen teil des romans über den fukú americanus. (13) obwohl in getrennten kapiteln behandelt, wirkt die vergangenheit mittelbar oder unmittelbar auf Oscar ein und in ihm.
dem Fukú-Fluch kann man nur mit einem "Zafa" entkommen. Was das ist, wie sich der Zafa gestaltet, darauf entwickelt sich alles hin.

figuren. die vom schicksal (fukú = fluch) in der DR malträtierte mutter Beli de Léon gibt sich herrisch, gemütskalt und gegenüber der welt hasserfüllt. der sohn Oscar leidet darunter, bleibt aber passiv. seine schwester Lola revoltiert erfolgreich gegen die mutter und stützt Oscar nach kräften, kann aber sein abdriften in die sci-fi-blase nicht verhindern. nur dort fühlt er sich aufgehoben und wohl. Lola unterhält eine prekäre liebesbeziehung zu Yunior, der sich zeitweise um Oscar kümmert. es folgen die figuren der familie und ihre schicksale.
im finale wird die begegnung Oscars mit der prostituierten (puta) Ybón Pimentel (314). Was Frauen anging, besaß er einen Geist wie ein Yogi. Er sprang auf sie an und dabei blieb es. Als er dann abends ihr Haus verließ …, war er verloren. (318) diese begegnung wird zum radikalen wendepunkt in seinem leben. Oscar wurde richtig liebeskrank. (322) Ich habe endlich ein Mädchen geküsst. (343)
der autor selber meldet sich in diesem stadium zu worte, wenn er schreibt: … aber das hier soll der wahre Bericht über das kurze wundersame Leben des Oscar Wao werden. (321) und liefert damit den titel des buches.
Yunior erweist sich nun nicht nur als rückblickender erzähler des schicksals von Oscar, sondern erlebt ebenfalls einen wendepunkt in seinem leben. Zurzeit schreibe ich viel. Das habe ich von Oscar gelernt. Ich bin ein neuer Mann, wisst ihr, ein neuer Mann, ein neuer Mann. (362) doch eine novelle?

sprache. erwartungsvoll graben wir uns in die 370 seiten und sind verwundert: längenweise fußnoten, umfängliches glossar spanischer ausdrücke. das glossar braucht man auch, will man in die feinheiten eintauchen, denn der text - auch in der übersetzung - ist durchwuchert mit uns fremden worten. dieser derbe, provokante latino-diskurs, der auch in der runde teilweise abscheu erregt hat, spiegelt eine männliche macho-sprache von testosteron überschwemmter gemüter. wir älteren tun uns etwas schwer, aber beißen uns durch, überlesen einfach ein paar passagen. das hilft.

erzählweise. der in zeitlich nicht linearer weise rückblickende erzählweise wird der leserschaft auch noch multiperspektivisch dargeboten. ungewöhnlich: der autor versichert uns seiner bemühungen (321), der ich-erzähler wird gegen ende offenbar: Yunior. der auktoriale erzähler lauert überall und besonders in den fußnoten und dem glossar. wahrlich keine leichte kost.

botschaft. die wird direkt ausgedrückt: Er sagte ihnen, dass es falsch war, was sie taten, dass sie der Welt eine große Liebe nehmen würden. Liebe war etwas Seltenes, sie wurde leicht mit tausend anderen Dingen verwechselt, und wenn das irgendjemand wusste, dann er. Er erzählte ihnen von Ybón und wie sehr er sie liebte und wie viel sie riskiert hatten und dass sie angefangen hatten, die gleichen Träume zu träumen und die gleichen Worte zu sagen. Er erzählte ihnen, dass er nur dank ihrer Liebe hatte tun können, was er getan hatte, etwas, das sie nicht mehr aufhalten konnten. (357) die revolte des Albert Camus trifft sich hier mit dem liebesappell Jesu. das hat universellen anspruch. auf Oscar projeziert führt sie zu einer geplanten, souveränen handlung.

gattung. was die gattung anbelangt, ist man hin und hergerissen, denn einerseits bietet die „rahmenhandlung“ klare merkmale einer novelle (reifung der persönlichkeit Oscars: krise, wendepunkt, schock), andererseits ist die romanhafte familiengeschichte derart präsent, dass sie oft den vordergrund beherrscht. der umfang legt die literaturgattung „roman“ nahe.

genre. in toto wird ein familienepos erzählt mit transkulturellem anspruch, der aus den grundmustern der handlungen destilliert und auch in unsere heutige situation übertragen werden kann – und soll. legt man das gewicht auf ein familienmitglied, den Oscar de Léon, dann wäre das genre eines Heldepos nahliegend.

der Pulitzerpreis ist eigentlich ein journalistischer. der roman von Díaz ist mit seiner beschreibung gesellschaftlicher verbrechen auf der individuellen ebene zutiefst journalistisch. er passt mahnend bestens in unsere zeiten des egoismusses, ob einzeln oder als nation, und der geistigen wirrnis vieler.

aber es wäre nicht literatur, diese mischung aus fiktion und realität, wenn man nicht auch einfach sagen könnte, dass der autor J.D. mit hinreichend autobiographischer untermalung den wandel seines ego vom schüchternen autor Oscar in den selbstbewussten autor Yunior beschreibt. denn schreiben ist immer der ritt über den wendepunkt in die offene weite der literatur.

© 15.02.2019 brmu
Junot Díaz, Das kurze wundersame Leben des Oscar Wao, Fischer TB18862, 2010, seitenangaben

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clox - die ewige uhr

Christoph Ransmayr ist ein künstler im vermischen von fakten und fiktionen und das in eloquenter, fast lyrischer sprache. das kann schon mal nerven, wenn man sich am fortgang der handlung orientieren will. aber die sprache erzieht und lädt zum verweilen ein, zum bewussten lesen.

so auch in seinem roman „Cox oder Der Lauf der Zeit“, in dem sich eine historisch belegte person namens James Cox als figur namens Alister Cox von London aus per segelschiff ins ferne chinesische reich des kaisers Qiánlong reist, um seine fantastischen uhren anzudienen. aber: Der Kaiser wollte kein Spielzeug. (25)

das schiff legt im hafen an, mitten in eine bestrafungsorgie geratend. Jetzt verloren diese gierigen Säue nach ihrem Gesicht endlich auch ihre Nasen! Und das war noch eine milde, zu milde Strafe dafür, daß sie an den Börsen in Beijing und Shanghai und Hang zhou wertlose Papiere verkauft und den Schwindel mit Steuergeldern, dem Gold des Kaisers!, zu decken versucht hatten. (15/16) schon hier wird deutlich, dass die geldgeilheit lange wurzeln hat und das kaiserreich eine erschreckende nähe zu den despotischen systemen der neuzeit. diese mixtur bildet die hintergrundfolie des romans.

im laufe der handlungen treten dann drei figuren in den vordergrund: Alister Cox, der begnadete uhrenbauer (17ff), Josef Kiang, der übersetzer, vermittler und letztlich mahner (27ff), und der göttlich verehrte kaiser Qianlong, himmelssohn und herr über die zeit (71ff). der unberührbare kaiser nähert sich Cox und seiner kunst der zeitmessung in vier auftritten, erweist sich dabei immer mehr als mensch. er liebt uhren, schreibt gedichte, liebt frauen und spielt seine machtrolle zurückgezogen.

bei diesen vier treffen kommen sich die protagonisten Qianlong und Cox auf der basis der bewunderung des symbols uhr näher. Cox hatte sich der Maßlosigkeit und den Allmachtsansprüchen eines Herrschers noch nie so nahe gefühlt … (214) Cox fühlt sich ihm verwandt (217) und glaubt, seine gedanken erraten zu können. Oder war es tatsächlich möglich, daß ein Uhrmacher und Automatenbauer aus England und der nicht nur eine halbe Welt, sondern ein ganzes Universum von ihm entfernte Kaiser von China gleichzeitig denselben Gedanken gefaßt hatten? (217)

inwieweit die brutalität des systems gegen verdächtigte bürger/innen ihm persönlich anzulasten ist oder dem machtapparat, das kann man nur erahnen. auch hier sind die bezüge zur heutigen zeit frappierend. zum beispiel die spitzel für geheimdienste: Wie leicht konnte über den Bericht eines vermeintlich gleichgesinnten Zuhörers, der noch am selben Tag von einem Offizier bezeugen konnte, was er eben gehört hatte, der Lebensweg eines Flüsterers in den Untergang führen, die Karriere des Zeugen dagegen hoch hinauf in einen Abglanz imperialen Lichts. (248)

der roman kulminiert in der frage: wird der kaiser die uhr, die das Cox-team „Clox“ (244) nennt, und die aufgrund ihrer bauweise übermenschliche längen der zeitmessung ermöglicht - es klingt der begriff perpetuum mobile (222) an -, wird der kaiser diese uhr in gang setzen?

© 17.01.2019 brmu

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Brühler Lesekreis bei Brockmann

Martin Mosebach beschreibt in einem Interview (KSTA 13./14.7.2013) wie er zum Autor wurde: Indem ihn sein Vater zum „enthusiastischen, verehrungsbereiten Leser“ gemacht habe, habe er ihn „zum Schreiber“ gemacht, was bedeute, dass für ihn das Schreiben vor allem ein Weg sei, „auf das Gelesene zu antworten“.

Die richtige Einleitung zu unserem >Brühler Lesekreis bei Brockmann<. Genau das wollen wir auch: Uns gegenseitig zu enthusiastischen Lesern/innen zu fördern, um dann vielleicht auch das Schreiben zu wagen.

Vom Start im Jahre 2013 bis zum Corona-Stopp im März 2020 wurden bislang 72 Bücher gelesen und in aufschlussreichen Diskussionen besprochen.

Werfen Sie einen Blick auf die Homepage der Buchhandlung Brockmann in Brühl, die diesen Lesekreis ausrichtet:

BLbB handzettel-130715-bu

© 15.07.2013 / 26.8.2020  brmu

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