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Mosebachs "phantasterei"

diesmal stand ein literat der alten schule auf der agenda: Martin Mosebach mit seinem roman "Mogador". der hauptprotagonist des romans, ein promovierter literaturwissenschaftler namens Dr. Patrick Elff, tut einen tiefen fall: er wird via consultant ein banker und schlittert in seinem job in ungesetzliche zonen ab.

das rächt sich und er meint spontan, während einer befragung als zeuge aus dem kommissariat fliehen zu müssen: aus dem fenster nach Marokko, wo sein vermeintlicher retter Pereira lebt. dem hatte er einmal beim transfer von millionen summen einen illegalen dienst erwiesen. diese zwielichtige gestalt ist Elffs große hoffnung auf ein gelingendes untertauchen in Mogador.

neben der veralteten orthografie im roman auch hier die alte benennung einer stadt, die heute Essaouria heißt. dort wartet der gescheiterte banker, versetzt in alte zeiten, auf seine chance eines treffens mit Pereira.

diese zeit nutz der autor und fordert unsere ein. wir verlassen den krimi und tauchen ein in eine fantastische erzählung um die zweite protagonistin, Khadija. ihre märchenhafte welt des alten Magador wird uns ausgiebig in aller sprachlichen virtuosität, in erzählerischer wucht und sprachgewaltiger ziselierung, ergo in geradezu ausschweifender, orientalischer erzählmanier näher gebracht, gemäß dem auktorial früh angekündigten motto: Was gestern war, das hätte der junge Mann jetzt durchaus erzählen können, aber wie einem Roman, mit Wirklichkeiten gemischt und doch selbst ihm im Ganzen unwahrscheinlich. (18)

nicht jedem konveniert diese mischung. man muss geduld ansammeln und in seine lesekapsel (Hanns-Josef Ortheil) flüchten, um alle sprachlichen windungen der erzählung über Khadija in der an sich recht ereignislosen rahmen-krimi-erzählungen zu genießen. adverbien und adjektive in den wortbildern werden dominant und lassen mit hilfe der fantasie der lesenden ein üppiges bild entstehen.

erzählen, um des erzählens willen. die alte kultur des geschichtenerzählens scheint auf. wer allerdings diese geduld und/oder fantasie nicht (mehr) hat, wer also den sachlich-zielorientierten neueren literaturen der subjekt-prädikat-objekt-sätze anhängt, der legt das buch schnell weg.

da es keine klassische krimi-lösung gibt, kann man auf der suche nach der botschaft des romans nur noch summieren: flucht vor der eigenen unzulänglichkeit nützt nichts. in dieser situation des protagonisten Patrick Elff passiert ihm die umwertung aller werte.

die ethik zerfällt: Was, wenn er umsonst davon gelaufen wäre? Von Schuldbewusstsein überwältigt, obwohl eine so übermäßige Schuld gar nicht vorlag? … War das Stehlen wirklich so schlimm? (339) und etwas später die relativierung pur: Etwas Böses erhielt durch das Hinzutreten eines noch viel Böseren einen anderen Platz. Er fühlte sich auf einmal allen Fatalitäten eines Betrugs- oder Veruntreuungsprozesses gewachsen, … (341)

nach über 300 seiten üppiger schreibkunst erfolgt nicht die (erhoffte) katharsis des Patrick Elff. das scheint eine gewollte, harte spiegelung unserer zeit in der rahmenhandlung. und die bordellbesitzerin Kadhija in dem zentralen „märchen“ steht auch vor einem trümmerhaufen. die polizei stellt ihr etablissement auf den kopf und die ausbalancierte partronage des geben und nehmens ist in gefahr. Wer sich in der Einschätzung seiner Umstände sicher glaubt, muß oft erfahren, wie wenig vonnöten ist, um alles umzuwerfen, was er für wahrscheinlich und möglich hielt. (333) sie wird von ihrem dämon aus kindertagen umarmt.

alle erzählstränge, auch die der nebenfiguren, bleiben offen. ergo: außer schöner sprache nichts gewesen, keine klärung der kriminellen handlungen. was bleibt als orientierung?

der autor ist offenbar ein wortverliebter „phantast“, den die krude sache wenig interessiert, nur vehikel ist, seine sprachgirlanden aufhängen zu können. von uns leserinnen und lesern wird ein hohes maß an lesekompetenz in sprachlich abgehobenen regionen eingefordert.

Khadija fühlt nach der polizeiaktion einen unerträglichen werdenden Schmerz. Wenn auf der erkalteten Erde ein letzer Mensch lebt, wird sein Schmerz das einzige im Weltraum sein, was noch eine Bedeutung hat. (364) möge es kein leseschmerz sein.

© 21.02.2018 brmu

 

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