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Broichers Wind von Westen

littreff.medio beschäftigte sich am 26. August 2016 mit dem autobiografischen familienroman „Wind von Westen“ von Cordula Broicher. die autorin gab uns auch bereitwillig auskunft über ihr werk.

Broicher erzählt in dem roman aus vier jahren (1793-1796) ihrer eigenen, familiären vergangenheit, dies vor dem hintergrund des ersten koalitionskrieges zwischen frankreich und den kaiserlichen (1792-1797). das bäuerliche leben spielte sich auf zwei ebenen ab, den reichen pächtern großer ländereien der kirche, Halfe genannt, und den ärmeren kleinbauern, die unter der soldateska wesentlich empfindlicher litten.

uns wird das leben auf dem Kirchhof in Niederwesseling einfühlsam und ungeschminkt beschrieben, fußnoten, karten und erläuterungen helfen den leser/-innen. die junge Halfin Agnes Krauser vom Kirchhof ist verwitwet und eine neue zweckehe steht an. „Kein vernünftiger Mensch heiratet aus Liebe!“(13) sagt bruder Max zu Balthasar Broicher, der sich schon früher in Agnes verliebt hatte und deswegen nun die chance nutzen und den maroden hof übernehmen will. „Die Liebe ist keine Grundlage für eine gute Ehe. Liebe vergeht, aber den Hof, den du übernommen hast, hast du den Rest deines Lebens am Hacken.“ (14) warnt ihn Max.

aber Balthasar gewinnt das rennen beim alten Jacob Frings und heiratet Agnes, geborene Frings, die bereits den sohn Gottfried in die ehe einbringt. anfängliches misstrauen seitens Agnes schafft Balthasar mit seinem klugen verhalten um hof und herd zu vertreiben, sie liebt ihn allmählich auch. „Und plötzlich war ihm klar: Er war angekommen.“ (65)

diese ankunft betrifft aber nur die neue familie nebst gesinde auf dem hof. im dorf sind die leute vom Kirchhof verdächtig, weil Paul, ungestümer bruder von Agnes, sich den französischen revolutionstruppen angeschlossen hat. von ihm erhalten die kirchhofer den klugen rat, französisch zu lernen, was vor allem Balthasar beherzigt, und später während der besatzung lässt Paul den hof unter schutz stellen. so entgehen sie plünderungen und anderen negativen auswüchsen der französischen truppen.

Lisbeth, jüngere schwester von Agnes, bricht den bann und rettet den ruf der familie durch einen beherzten schlag ins gesicht eines französischen soldaten, der während eines gottesdienstes rüde störung verursacht hatte. das geht noch gerade gut.

jetzt gilt: „Balthasar war angekommen.“ (234) nun auch im dorf. Balthasar ist also der protagonist, der die balance zwischen loyalem verhalten den eigenen leuten und klugem abwägen den machtverhältnissen gegenüber das richtige händchen hat. dass er dolmetschen kann ist ein weiterer trumpf.

aber nicht nur die bauernschlauheit (er führt modernere methoden ein) macht ihn erfolgreich, auch seine intellektuellen reflektionen weisen auf einen modernen menschen hin. von den Jesuiten erzogen, liest er bücher, besitzt einige und liest den anderen vor. sein credo: „Mit der Geburt werden wir alles auf unseren Platz gestellt und was wir dann aus unserem Leben machen, längt von den Entscheidungen ab, die wir treffen.“ (99) hier wird schon die individuelle verantwortung aus der aufklärung seiner zeit ins eigene denken gepflanzt.

gegen ende des romans dann die abrundung in form einer kirchenkritik: „Wir können nicht immer alles als gottgegeben hinnehmen. Gott hat uns nicht nur unseren Platz, er hat uns auch unseren Verstand gegeben. Er wird wollen, dass wir ihn einsetzen.“ (263), um aus der selbst verschuldeten unmündigkeit hinauszufinden, wie es Emmanuel Kant so schön formuliert hat.

und eine weitere figur, Tilla, die jüngste schwester von Agnes, die allerdings frei erfunden ist, wie Cordula Broicher uns gesteht, weist ebenfalls in die zukunft, hinaus aus den tradierten verhältnissen. Tilla ist noch ein kind, das keine ironie versteht. wenn einer sprichwörtlich den bock zum gärtner machen will, so notiert die autorin: „Wieder einmal verstand Tilla nicht, was ein Bock im Garten zu suchen hatte …“ (238) sie versteht die sprüche direkt und naiv, dabei aber eine große unschuld und direktheit verkündend. „Warum lässt Gott es zu, dass sich die Menschen gegenseitig totschießen?“ (271) eine frage, die frömmelei und bigotterie ganz nebenbei gnadenlos entlarvt. folgerichtig erkennt sie auch die situation ihrer schwestern in den zweckehen und meint: „Am liebsten würde sie gar nicht heiraten, sondern zur Schule gehen. Nach Köln ins Gymnasium. …“ (310) also nicht ins kloster wie damals üblich.

Tilla wird am rande dieses romans entwickelt. sie gibt uns auktorial viel information aus dem munde eines kindes. das kam gut an. im gespräch lies Cordula Broicher durchblicken, dass eine fortsetzung des familienromans bereits im kopfe ist und dabei wird Tilla eine gewichtige rolle spielen.

wir wünschen der autorin die kreativität, aus den wenigen überkommenen akten der eigenen familiengeschichte eine spannende fortsetzung des romans zu gestalten, der wieder leichtfüßig und unaufdringlich korrekte historie und stilvolle fantasie kombiniert – uns zum genüsslichen lesen mit aha-effekten.

© 27.08.2016 brmu
Zitate per Seitenzahl aus: Cordula Broicher, Wind von Westen, Books on Demand 2014

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zettel ververst

 Polander WP 20160701 006a

2016 foto C. Zielosko: brmu mit Rolf Polander im gespräch

littreff.medio beschäftigte sich am 1. Juli 2016 mit dem neuen gedichtband von Rolf Polander (RoPo), In Versen verzettelt. der autor gab uns bereitwillig einblick in seine dichter-werkstatt, hier als fiktives interview wiedergegeben. die antworten des autors entstammen seiner kurzen rede vom blatte.

brmu:              wer gedichte schreibt, der möchte etwas ausdrücken. sie auch?

RoPo:              Die allzu oft gestellte Frage nach dem Inhalt, dem Sinn oder der Aussage eines Gedichts muss beinahe zwangsläufig ins Leere laufen, weil das Gedicht immer ein Ganzes ist, keine mit beliebigem Sinn oder Inhalt gefüllte Form.

brmu:              wollen sie uns das näher erklären?

RoPo:              Um es einmal mit einem banalen alltäglichen Bild auszudrücken: ein Gedicht ist kein Topf mit etwas drin, das Sie, wenn Sie den Deckel heben, sehen, riechen und schmecken können. ein Gedicht funktioniert – wenn es denn funktioniert – genau in entgegengesetzter Weise.

brmu:              die wäre?

RoPo:              Das, was Sie von ihm als Erstes wahrnehmen und was seinen „Geruch“ und seinen „Geschmack“ ausmacht, ist nicht die Suppe, sondern der ganze Topf.

brmu:              aha! ich übersetzte: beim lesen keine reduktionistische sicht anlegen.

RoPo:              Sie erleben die Form, das rhythmische Klangbild immer zusammen mit dem, was ihm vielleicht – vielleicht auch nicht – an Bedeutung anhaftet. das Gedicht ist, wenn sie es hören, Klang und Rhythmus. Das spüren Sie auch noch beim Lesen gedruckter Verse, die ja nichts anderes sind als eine mit Buchstaben gemalte Abbildung eines Klangbildes.

brmu:              das ist jetzt eine anleihe bei der musik, da zählt der gesamte eindruck eher emotional. haben denn gedichte keine rationalen anteile?

RoPo:              Wenn Sie darauf bestehen, so etwas wie Sinn oder Inhalt in einem Gedicht zu suchen, dürfen Sie das natürlich tun, und irgendetwas werden Sie sicherlich auch finden. Das wird vielleicht wenig mit dem zu tun haben, was der Dichter selbst sich dabei gedacht hat, es ist oft einfach das, was Sie sich dabei denken, und das ist überhaupt nicht schlimm. Niemand kann Ihnen verbieten, sich etwas dabei zu denken! Die Dichter allerdings sind so rücksichtsvoll, dass sie den Leuten nicht gerne vorschreiben, was sie denken sollen und verstecken sich lieber hinter ihren Versen.

brmu:              schlau. schlau. wörter und satzkonstruktionen bewusst einer unschärfe der bedeutung anheim fallen lassen. was dachte sich Gertrude Stein wohl bei der berühmten verszeile: „rose is a rose is a rose is a rose“?

RoPo:              Nun, mir scheint dieser Satz die Aufforderung zu enthalten, nicht zu fragen, was die Rose bedeutet, sondern die Rose als das zu sehen, was sie wirklich ist, nämlich eine Rose und nichts anderes. Natürlich haben auch Dichter manchmal Gedanken; aber sie wissen: aus Gedanken macht man keine Gedichte, Gedichte werden aus Wörtern gemacht, denn im Gedicht ist Form nicht Gefäß für einen Inhalt, Form und Inhalt sind im Gedicht eins.

brmu:              das kann man anders sehen: wörter sind phonetische gedankensplitter, sätze gedanken, texte gedankengänge. ohne denken geht gar nichts. die poetik kennt gedichtformen oder –gefäße, ich nenne nur einmal das sonnett, die das dialektisches denken gut zum ausdruck bringen.

RoPo:              Der Dichter schiebt, auch wenn er ein Thema hat und über etwas schreibt, die Gedanken darüber erst einmal auf die Seite und greift nach den Wörtern. Er dreht sie hin und her, formt sie zu Versen, lauscht, ob einem Vers ein anderer antwortet, lässt sich vom Rhythmus von Wort zu Wort, von Zeile zu Zeile tragen, und wenn die Wörter ihn in eine andere Richtung führen als er vielleicht beabsichtigt hat, folgt er ihnen willig, denn er weiß, nicht er oder seine Gedanken, die Wörter machen am Ende das Gedicht.

brmu:              also keine analytische herangehensweise? demnach wären die Dadaisten die puren gedichteschreiber, denn die haben sinn und bedeutung bewusst zertrümmert und nur noch phonetik übrig gelassen. ich erinnere auch noch an Ernst Jandl, der den sound der zeilen mochte.

RoPo:              Das analytische Vorgehen überlassen die Dichter gern den Schreibern von Abhandlungen und Essays. Gedichte entstehen durch freies Assoziieren und Aneinanderfügen des Gefundenen. Und weil Gedichte so gemacht werden, getraue ich mich zu behaupten, dass, wer sich ihnen auf ebendiese Weise nähert, sie so hört oder liest, dass er den Wörtern, ihrem Klang und Rhythmus folgt, der wird mehr davon haben als diejenigen, die immer gleich nach Aussage, Sinn und Inhalt fragen.

aussage, bedeutung, inhalt, sinn, und zweck der lyrik werden sehr heterogen erlebt. Heinrich Heine war sicherlich ein an inhalten und sinngebung orientierter dichter, Ernst Jandl eher mehr am lustigen sound und Wilhelm Busch bevorzugte die moritat, also die bedeutung mit lerninhalt. so lassen sich für die verschiedenen aspekte jeweils exponenten in der lyrik finden. mit Rolf Polander haben wir einen vertreter der sprachspieler, wörterwäger, satzsucher als ein medium der vervollkommnung am klangbaume reifender gedichte. hier ein selbstbekenntnis von RoPo:

Bekannte Dichter und ich

Besternt war nie mein Morgen,
weil ich zu lange penn’.
Da darf ich nicht erwarten,
dass mich die Leute kenn’n.

Aus meinem Munde ringelt
kein Natz sich aufs Papier,
und deshalb tut ihr alle,
als wär ich gar nicht hier.

Ich bin nicht Robert Gernhardt,
nie schrieb ich für „Pardon“,
dass ihr mich nicht so gern habt,
das kommt bestimmt davon.

Doch denk ich dran, dass jene
nun Erde deckt, will ich
nicht klagen, noch zu leben,
hat auch etwas für sich.

und als kostprobe der nicht gereimten gedichte eine reflektion über zielerreichung:

Dem Sieger

Die kleinen Wegwunder
hast du zertreten.

Das Zielband zerreißt,
wenn du es erreichst.

Was also
bleibt dir?

Wie auch immer Rolf Polander zu seinen gedichten kommt, per musenkuss beim morgentlichen erwachen oder durch beharrliche suche nach anklängen und ihnen folgenden anbauten von wörtern zu sätzen mit aussagen, die für uns inhalte sind, es lohnt sich, seine launig-luftigen gedichte immer mal wieder zu lesen. im heiteren liegt auch ein körnchen bedeutung.

© 12.07.2016 brmu
Rolf Polander, In Versen verzettelt – 77 Gedichte, Shaker Media Verlag 2016
Zitat: Gertrude Stein, Sacred Emily, 1913 in: Geography and Plays, 1922
(Link: https://en.wikipedia.org/wiki/Rose_is_a_rose_is_a_rose_is_a_rose)

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Macho Man

der gag-schreiber und drehbuchautor Moritz Netenjakob wollte wissen, wie wohl ein drehbuch auch als roman funktionieren kann und legte 2009 sein debüt „Macho Man“ vor, eine wilde mischung aus liebes-, entwicklungs-, familien-, und gesellschaftsroman ohne die schwere der üblichen art.

der protagonist Daniel, sohn eines germanistik-professors, ist „in den 70er-Jahren aufgewachsen, in den Zeiten der Frauenbewegung. Meine Eltern haben mir beigebracht, dass man Frauen achtet und respektiert“ (17). vor diesem hintergrund „kommt Aylin auf uns zu. Mein Herz schlägt schneller, mein Mund wird trocken“. (17) und schon ist es geschehen: „Ich bin verliebt. … Ich kenne diese Frau seit einer halben Minute. Das kann nur eine durch Hormonstau verursachte, chemische Reaktion sein“. (19) in diesem schreibstil geht es nun durch irrungen und wirrungen zweier junger leben, zweier familien, zweier sozialisierungen in Deutschland und der Türkei.

dabei wird den leser/-innen vor augen geführt, was eine macho-kultur ist, dieses „ganze Männlichkeits-Gehabe“ und plötzlich wird dem protagonisten und werbefachmann Daniel „klar, was Werbung und Machos gemeinsam haben: Es geht nur um eine schillernde Oberfläche“. (275) das sollen wir uns als konsumenten merken!

eine souveräne reaktion aus dieser selbsterkenntnis, vermittelt durch den zusammenprall der kulturen, ist natürlich die kündigung bei seiner werbefirma, wobei Daniel uns verrät, was er mit den gewonnenen erkenntnissen anfangen will: „Vielleicht mache ich … eine Kreativ-Firma auf. Oder ich baue Kartoffeln an. Oder ich schreibe meine Erinnerungen auf, nenne sie „Macho Man“ und verkaufe sie als Roman“. (273) wer bis hierhin drangeblieben ist, herzlich lachend und im dauerschmunzelmodus, der bedankt sich für diesen gag, denn sonst hätten wir dies buch nicht in der hand.

lesen sie selbst. so ganz nebenbei erfährt man auch etwas über andere denk- und lebensweisen, etwas über die schwierigkeit aufeinander prallender kulturen, etwas über die chance der gegenseitigen wertschätzung. das ganz klassisch mix der geschlechter der nachkommen jener, die sich ad hoc nicht verstehen (wollen): verliebt, verlobt, verheiratet – das ist seit jahrtausenden das wahre kulturelle von frieden und heiterkeit – bis ins dritte und vierte glied.

© 18.04.2016 / brmu
zitate nach Moritz Netenjakob, Macho Man, KiWi Tb 1154, 2012, 11. auflage

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Ortheils geheime nächte

Hanns-Josef Ortheil schreibt für die von ihm erfundene lesekapsel. seine stets umfangreichen romane locken dich in sie hinein und lassen dich nicht gern wieder hinaus. nicht alle mögen das, diese opulenten, redundanten beschreibungen, die das hirn filmisch in anspruch nehmen.

Die geheimen Stunden der Nacht“ ist ein roman, der der leserschaft einen blumig garnierten einblick in das verlagsgewerbe gewährt. ein patriarchalischer verleger erkrankt ernstlich und sein ältester sohn rangiert sich mit fortune und rancune in die startposition, er will das erbe antreten. dabei steigt er zunehmend in die pantinen seines vaters, in die hotelsuite, das bett, den morgenmantel. er kommt dem alten und seiner liebschaft auf die schliche. das hat nicht immer nette züge. diese story ist wohl ein bild vom machtpoker allgemein.

anklänge an real existierende autoren und verleger stellen sich den belesenen schnell ein. sie zeigen, dass ein verlag zuallererst ein unternehmen ist, dass ein produkt verkauft, welches die hersteller (autor/-innen genannt) ihm andienen. was nicht lesbar ist oder durch lektorat nicht lesbar gemacht werden kann, was nicht ins portfolio passt, das verkauft sich nicht und wird ergo nicht gedruckt. name, image, ruf, vita und werbung rangieren oftmals vor der literarischen qualität, über die sich die lektoren als vermeintliche romanverbesserer im hintergrund lustig machen. folglich wird auch ein lektor letztlich chef des verlages.

diese zentrale erkenntnis hätten wir leser/-innen auch gern in kürzerer form begrüßt. einer novelle etwa über einen, der auszog seinen vater zu beerben. aber novellen kann er wohl (noch) nicht, der professor für kreatives schreiben. das wäre doch eine herausforderung für seine begnadete vielschreibfeder.

© 19.03.2016 / brmu
Hans Josef Ortheil, Die geheimen Stunden der Nacht, btb 73639, 2007

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Schulz und die Dritte Halbzeit

„Eltern haften für ihre Kinder.“ das steht als obligates schild an baustellen und anderen gefahrenstellen, nur nicht an den schauplätzen des vorliegenden romans "Anpfiff Dritte Halbzeit" von Heike Schulz.

wir haben es dort mit der so genannten hooligan–szene zu tun, die im gefolge des fußballsports eines erfundenen Kölner fußballvereins, dem SC Germania Köln 09, ihr unwesen treibt. man poliert sich im nachgang zu offiziellen spielen mit hooligans der gegenseite gerne und freiwillig die fresse und richtet dabei kollateralschäden an.

so auch der protagonist Veit Effertz, „Fighter“ bei Injury Time Co­logne (ITC), jener hooligan-gruppe, die in dem roman eine zentrale rolle spielt. Veit ist ein harter typ mit weichem kern, der in dem mo­ment zutage tritt, als ihm mit Lara, einer cellospielerin, in der s-bahn sprichwörtlich eine andere welt in die arme fällt.

fortan können wir ihn mit zwei wertesystemen kämpfen sehen, denn Benno, sein ihm zugetaner meister in der lehrwerkstatt, mahnt: Keine Ahnung, in was du jedes Mal hineingerätst, aber wenn du so weitermachst, nimmt es noch ein schlimmes Ende mit dir.“ (87) eine spannung aufbauende prophetie.

und es kommt knüppeldick. denn Veit, der gerne spürte, wie sich das Adrenalin in seiner Blutbahn ausbreitete (55), der gerne im Freuden­taumel zu einer tosenden Masse verschmolz, nicht mehr nur ein Einzelner war, sondern zu einem Bestandteil einer einzigen Macht wurde, der sich in diesem Moment geborgen fühlte, in der fast grenzenlosen Energie, die sich unaufhaltsam ihren Weg nach draußen bahnte und entladen wollte (56).

dieser 17jährige muss allmählich erkennen, dass die wochenendbetätigung des ITC einen schweren Schaden verursacht hat. der bruder der angebeteten Lara, Laurien, wird von einem ITC-mitglied brutal niedergeschlagen und liegt im koma.

hat der roman bislang wie eine millieustudie die sprache, denke und handlungsweise einer hooligan-gang illustriert, hat er die schnittstelle zu einer love-story mit Veit zu Lara angerissen, so nimmt er nun krimiaspekte auf, treibt die handlung auf eine dritte ebene. wer war der mörderisch veranlagte hooligan, ja war vielleicht der protagonist selbst daran beteiligt? die handlung entwickelt einen sog.

als es endlich zur beichte kommt und Veit der Lara die ganzen zusammenhänge gesteht, dabei zum ersten mal Ich liebe dich (203) wimmert, wird die spannung noch einmal gesteigert, denn Lara schaut ihn lange an und sagt: Drauf geschissen. (203). wie das nun weitergeht, möge jede/r selber lesen. es bleibt noch genug übrig.

der roman ist zwar für die zielgruppe der jugendlichen geschrieben, aber er zeigt auch deutlich gesellschaftlich relevante aspekte auf. wie kann so ein unwesen des hooliganismus sich entwickeln, wenn nicht elementare fehler in der sozialisierung, beginnend im elternhaus, platz greifen.

hier bietet die autorin nun ein muster des entkommens an: ein neues wertesystem muss her. im falle des romans ist es die liebe zu Lara und die damit einhergehende beobachtung eigener, nicht brutaler wesensmerkmale. Zu beobachten, wie liebevoll sie mit den kleinen Kaninchen kuschelte, wärmte mir das Herz (122), wohl gemerkt das herz des fighters Veit. oder seine künstlerische ader: Wenn ich es richtig machte, hauchte ich dem Holz unter meinen Händen eine Seele ein (125).

diese handlungsalternativen brauchen allerdings ihre anerkennung, sprich die wertschätzende aufmerksamkeit der mitwelt. und daran hapert es oftmals. wenn es aber gelingt, dann gibt es eine gute Gelegenheit also, um einen Neuanfang zu machen. Zum Beispiel ein Leben ohne Schlägerei. (191) ohne einsatz geht es aber nicht: Ich habe selber eine Angst. Eine Scheißangst sogar. (202) zurecht, denn der show down kann im buch nachgelesen werden.

in der diskussion fanden wir den roman von Heike Schulz sehr geeignet, in schulen eingang zu finden, die heutzutage einen großteil der sozialisation übernehmen (müssen). er hat das potenzial wie „Die Welle“ von Morton Rhue (1981) als orientierung für die grundlegenden muster des handelns und unterlassens in der gesellschaft zu fungieren. obwohl, wie die autorin in unserem gespräch betonte, sie keinen erhobenen zeigefinger schreiben wollte. ganz recht, das käme auch nicht an!

bleibt die frage, warum die fußballszene so hooligananfällig ist und andere sportarten nicht. liegt es an der art des sportes, an dem großen geschäft mit fußball oder an der wesentlich erhöhten, öffentlichen aufmerksamkeit durch die medien? wir fanden keine antwort.

© 01.02.2016 brmu

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Erichsens dreh mit dem buch

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© 2015 foto brmu / Uwe Erichsen im gespräch, foto mit seiner erlaubnis gepostet

was ist der dreh an einem buch, das zu einem film werden soll? man kann das studieren, man kann aber auch mit einem profi plaudern. zum jahresabschluss unserer lesekreisrunde haben wir uns neugierig auch auf dieses gebiet der autorenarbeit begeben, zusammen mit einem bestens erfahrenen: Uwe Erichsen, autor zahlreicher drehbücher zu bekannten fernseh-serien.

eigentlich technisch ausgebildet, hat unser gast sich schon von kindesbeinen an mit dem schreiben beschäftigt. das mündete anfang der siebziger jahre in die erste autoren-phase der romanhefte mit an die 240 textbeiträgen zu so bekannten serien wie Jerry Cotton. in den achtzigern entdeckte Erichsen dann seinen schwerpunkt in kriminalromanen: in 10 jahren erschienen an die 20 krimis, das nennt man produktivität. in den neunzigern verlagerte sich sein schwerpunkt erneut, er wurde drehbuch-autor im selben genre der krimiwelt. beiträge zu so bekannten serien wie „Tatort“, „Grossstadtrevier“, „Der Fahnder“ und „Ein Fall für zwei“ stammen aus seiner feder.

Lawrence Kasdan (drehbuch-autor u. a. von Star-Wars-Filmen) sagte in einem interview (ksta 7./8.11.2015, Finsterlinge reizen mich besonders), „Ein Genre ist wie ein Gefäß: Sie können es benutzen, um jede mögliche Art von persönlicher Geschichte zu erzählen.“

daraus die frage: müssen krimi- und drehbuch-autoren kriminelles in sich haben, um erfolg­reiche krimis zu schreiben? Erichsen lacht und meint, natürlich nicht, sie interessierten sich lediglich für einen besonderen aspekt unserer gesellschaft. und in dieser weise versuchten sie, zumindest er, eigene werte durch haltung und verhalten in nebenfiguren zu verankern. neben­figuren deshalb, weil die protagonisten in serien bereits „fixiert“ sind. Goethe hätte in heutiger zeit auch drehbücher geschrieben, denn er war experimentierfreudig und an dem, was um ihn herum passierte, sehr interessiert.

gefragt, für welches opus er einen literaturpreis für ihn selbst empfehlen würde, war die wahl klar: „Das Leben einer Katze“ (1984), wozu er später auch das drehbuch zu dem film „Die Katze“ geschrieben hat. es wäre also ein hypothetischer preis für die kombination „roman- und drehbuchautor“. gibt es diesen preis schon? wenn nicht, so sollte er eingerichtet werden. für ihn!

wir von littreff.medio hatten die vergünstigung, in das original-drehbuch von „Ein Fall für zwei“, staffel 27, episode 9, folge 251, „Wo Freundschaft endet“, einblick zu nehmen mit den notizen und randbemerkungen aus der feder von Erichsen.

es fallen sofort die skizzenhaften beschreibungen der handlung und der orte auf, die der regie viele möglichkeiten der filmischen umsetzung erlauben. ebenso die schnörkellosen, kurzen dialoge. sie implizieren viel, was aus den bildern und der story geliefert wird.

dieses verglichen wir natürlich mit dem danach gedrehten film und kamen gleich in die diskussion, wie viel änderungen ein drehbuch-autor denn „innerlich vertragen“ kann. er muss offensichtlich viel vertragen, denn der änderungen sind viele in dem film, von der abgabe des drehbuchs bis zum fertigen dreh nehmen viele einfluss auf den text: produzent, regisseur, schauspieler, je nach situation und gusto. das kann bis zum letzten drehtag noch geschehen.

ein romanautor wäre längst verzweifelt, denn er würde „sein werk“, von ihm als ein teil seiner identität betrachtet, gegen den lektor verteidigen, ein lyriker sogar mit vehemenz, ist ihm doch jedes wort im gedicht unveränderbar.

ein drehbuch-autor liefert über den dreisprung exposé (kurze, neugierig stimmende zusammenfassung), treatment (beschreibung von ort und handlung) und drehbuch den plot, die handlung(en) und die dialoge, quasi als vorlage für die filmemacher. das äußert sich auch darin, dass er bei den dreharbeiten selten anwesend ist, eher ein störfaktor, denn eine hilfe.

drehbuch-autoren haben größere schnittstellen zu dramatikern als zu romanciers. dennoch: der dramatiker kann gewiss sein: die bühne und deren schauspieler halten sich genau an die texte, das publikum gerät in interaktion und wirkt auf die schauspieler zurück, es ist ein feedback-prozess.

dagegen muss der drehbuch-autor gewärtigen, dass sein buch bis zuletzt hin und hergedreht wird, wenn es der regie gefällt. und er ist außen vor, das publikum jubelt den schauspielern und der regie zu. drehbuch-autoren müssen wahrlich ein robustes autoren-ego haben.

Uwe Erichsen hat das! aus ihm sprechen begeisterung und passion für das drehbuch-schreiben bis ins hohe alter von knapp 80 jahren. wir haben sehr gerne mit ihm geplaudert und wünschen uns weiterhin spannende krimis aus seiner feder.

© 29.11.2015 brmu
der 800. text auf diesem  blog

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Zeilers zweites leben

La vita seconda – das zweite leben. die autorin Charlotte Zeiler legt ihren ersten roman vor, der in ihrem beruflichen umfeld spielt, also ein hohes maß an „faktentreue“ enthält. wir lernen eine menge über die abläufe in und um ein krankenhaus. aber bald merken wir, dass sich zwei zeitebenen miteinander verschränken.

eine junge frau, die ich-erzählerin, liegt irgendwo zwischen Cölln und Jülich lädiert im bett im hause von Wilhelm, dem gastgeber, der ein freund ihres retters Antonio ist. sie fantasiert oder halluziniert, will unbedingt Marco suchen. wir schreiben das jahr 1617.

eine junge frau erleidet in der jetztzeit einen verkehrsunfall, wird von dem rettungs­sanitäter Marc wiederbelebt und anschließend in ein kölner krankenhaus gebracht. dort erwacht sie im intensivraum, wo sich der arzt Oliver und die frisch examinierte krankenschwester Mia um sie kümmern. Mia wird wiederum von der erfahrenen kollegin Lizzy als mentorin betreut. Mia hat ein ambivalentes verhältnis zu dem arzt, weil sie sich an karneval in ihn verliebt hatte, ohne dass der das registriert hatte.

es drängt sich der verdacht auf, dass die eingangs beschriebenen frauen identisch sind und ihren unfall auf zwei zeitebenen erleben. der retter Marco gleicht Marc und spielt die zentrale erlöserrolle. die anderen protagonisten mischen den plot zu einem spannenden handlungsmix auf. man ahnt einen knoten durch die zeiten und ist gespannt, wie er sich lösen wird. mehr werden wir nicht verraten.

wir lesen also eine liebesgeschichte der anspruchsvolleren art, die mit den mitteln des magischen realismuses zeitlich gestaltet ist: jetztzeit und das 17. jahrhundert unserer region. damit muss sich die leserschaft zunächst vertraut machen. das ist aber kein problem, kennen wir doch das prinzip schon von den historisierenden kriminalromanen in und um Köln. somit liegt das buch im trend und dürfte seine erfreute leserschaft finden.

wir im lesekreis littreff.medio hatten die vergünstigung, das noch unveröffentlichte manuskript einsehen zu können. inzwischen ist das buch unter dem pseudonym Charlotte Zeiler erschienen: http://www.charlotte-zeiler.de/lvs_leseprobe.php .

© 21.10.2015 brmu

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Rumlers Goethe

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© foto Jutta Rumler, autor Andreas Rumler stellt sein buch am 17. April 2015 in Weimar vor

das letzte treffen von littreff.medio in diesem halbjahr fand in der Medio Lounge statt. inmitten der geräuschkulisse sehr fein gedresster abiturientinnen und abiturienten des Gutenberg Gymnasiums in Bergheim anlässlich ihres „abi-balles“ haben wir entspannt über Johann Wolfgang (von) Goethe (JWG) gesprochen. ob die abiturienten dazu hätten etwas beisteuern können? wir sind nicht sicher, weil die überhöhung dieses autors zu einer „Existenzform Goethe1“ vielen willigen leser/innen den weg zu ihm verbaut (hat).

zweifelsohne ist JWG eine besondere persönlichkeit, die seine zeit überragt. und das hat Andreas Rumler, im Vorstand der Kölner Goethe-Gesellschaft, in seiner gut lesbaren, modern illustrierten und mit merksätzen versehenen kurzbiografie eindrucksvoll skizziert. damit hat er uns neben all den dickleibigen, ausufernden biografien über Goethe den wichtigen Vertreter der Weimarer Klassik „verdaubar“ nahe gebracht.

der stets auftauchenden frage, ob ich das denn alles wissen wolle, wenn ich eine solche biografie lese, wird in dem buch von Andreas Rumler, "Johann Wolfgang Goethe – Dichter – Staatsmann – Universalgenie“ aus der Weimarer Verlagsgesellschaft (2014) mit verhaltener fülle begegnet. und der in seiner wirkungsgeschichte zum „Olympier“ hochstilisierte JWG erscheint uns als mensch mit besonderen begabungen, aber auch fehlern.

das bringt nähe, macht neugierig. und fördert die bereitschaft, nach all der schulzeit mit oden rauf und runter sich wieder auf sein werk einzulassen. nicht als steinbruch für allfällige zitate, nein, sondern als suche nach mustern seines weltverständnisses. nicht weltbildes! denn dazu war Goethe zu gebildet, zu glauben, es könne ein wahres weltbild jenseits von dogmatischer oder religiöser verblendung geben. JWG sperrte sich jedweder vereinnahmung.

Andreas Rumler erzählte uns, dass die vom verlag und ihm angepeilte zielgruppe für seine biografie nicht die experten, sondern die vielen touristen in Weimar seien, die mit munterer begeisterung die stätten der Weimarer Klassik aufsuchen. sie wollen dort etwas über die größen deutscher literatur erfahren – übersichtlich, komprimiert, dem stil heutiger wahrnehmung angemessen.

das ist ihm sehr gelungen. so fängt man neue leser/innen für eine schon zurück liegende litera­turepoche ein. so kann der kreative geist Goethes auf die interessierten weiter wirken. so kann kultur funktionieren als mahnung wider die wuchernde zivilisation, wie im „Zauber­lehrling“ beschrieben. möge das buch eine weite verbreitung finden und die vielen Goethevereine ins hiesige jahrhundert katapultieren.

ein anfang ist gemacht, denn der amtierende präsident der Internationalen Goethe-Gesellschaft, Dr. Jochen Golz, gab den auftakt für die buchpräsentation im Goethe-Schiller-Archiv in Weimar.

info: das nächste treffen nach den nrw-sommerferien findet voraussichtlich am 14. August 2015 statt. wir haben dann von dem autor aus Köln, Dieter Wellershoff den roman „Der Liebeswunsch“ gelesen und wollen darüber diskutieren. bis dahin eine gute sommerzeit.

© 13.06.2015 brmu
1 zitat aus dem Kölner Stadt-Anzeiger Nr. 133, Bücher Magazin seite 34, artikel von Markus Schwering zu Albrecht Schöne, Der Briefschreiber Goethe; "Es ist die Existenzform Goethes, die dem Leser hier näher rückt als in vielen Werkanalysen oder Biografien."

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Isolde Ahr fasst sich kurz

info: wir treffen uns wieder am Freitag, den 12. Juni 2015 um 16 Uhr in der Stadtbibliothek Bergheim und diskutieren mit Andreas Rumler über „Johann Wolfgang Goethe – Dichter – Staatsmann – Universalgenie“, 2014 in der Weimarer Verlagsgesellschaft erschienen.

am 15. Mai 2015 hatten wir uns mit den kurzgeschichten von Isolde Ahr, versammelt in dem band „Du & andere Irrtümer“ beschäftigt und ausgiebig mit der autorin parliert. die 50 wirklich kurzen geschichten reflektieren alle möglichen situationen des alltäglichen oder auch nicht alltäglichen lebens: von psychologie bis zur fantastik (magischer realismus), von krisen und mutigem verhalten, von gewalt gegen menschen und liebe mit menschen, von katastrophen in beziehungen und sex in allen lebenslagen. wir konnten feststellen, dass die themen um krisen und gewalt den löwenanteil darstellen, in gewisser weise unsere aktuelle gesellschaft spiegelnd.

vielen geschichten ist ein die leser/innen überraschendes bauprinzip inne: die geschichte entwickelt sich auf bekannten wegen zu einem dramaturgischen höhepunkt hin, um sich dann am kipppunkt völlig anders darzustellen. sie wolle das so, meinte frau Ahr. nach einer idee konstruiere sie ihre kurzgeschichten vom ende her, ganz bewusst die verblüffung der leser/innen provozierend und einbeziehend. denn das leben sei ja auch voller überraschungen.

das bauprinzip haben wir an der ultrakurzen geschichte „Die Lichtung“ (seite 70) erfahren:

Als du deinen Arm um mich legtest,
erwachte ich,

war wieder in der kleinen Lichtung mitten im Wald,
spürte die warmen Strahlen der Abendsonne,
fühlte den leisen Wind auf meiner Haut,
sah das lichthelle Grün der Buchenblätter.

Spitze Grashalme bohrten sich in meinen Rücken,
ein Käfer krabbelte über meinen nackten Schenkel.

Wir lagen auf einer Ameisenstraße.

Ach, hättest du nie deinen Arm um mich gelegt.

zunächst erscheint der text wie ein prosagedicht, es geht um gefühle der schönen art, denkt man und schwelgt schon in eigenen erinnerungen. die metaphern der naturverbundenheit wie sonne, wind, blätter, wald auf der haut skizzieren ein wohlgefühl. im übergang dräuen spitze grashalme, aber das ist halt so in wald und wiesen. die leser/innen lächeln seelig weiter. der „nackte Schenkel“ weist auf Amouröses hin, wer wäre nicht da gerne käfer! lässt da etwa Kafka grüßen?

während wir noch darüber grübeln: macht sich die „Ameisenstraße“ bemerkbar, sie nötigt uns ein wissendes grinsen ab: pech gehabt, mir wär’ das aber nicht passiert! Ätzsch!

und das erwachen in die realität ist ein brutaler kipppunkt, der alles in ein neues, anders zu interpretierendes licht taucht. der seufzer, „Ach“, eine schon fast vergessene form der reflexionseinleitung, führt zu der kruden erkenntnis: „hättest du nie deinen Arm um mich gelegt.“ wir sind „angepisst“ wie es die ameisen tun.

man legt die 67 worte entgeistert weg, schaut auf und denkt: was mag da vorgefallen sein, dass die uns so anheimelnd erinnerte vergangenheit des LI (lyrisches ich, geschlecht nicht auszumachen) plötzlich in solche ernüchterung umschlägt. welche lebenslüge steckt dahinter? wollen wir mehr über den prozess des erinnerns erfahren, so nehme man Julian Barnes in die hand, „Vom Ende einer Geschichte“. dort wird auf 182 seiten derselbe prozess in anderem zusammenhang geschildert (lies hier).

lyrikern fließt der stoff über das, was menschen zusammenhält, konzentriert und in wenigen versen kondensiert auf das papier. einen hauch davon erfahren wir in dem „prosagedicht“ von Isolde Ahr, versteckt in ihrer kurzgeschichtensammlung. es gilt noch drei weitere dort zu entdecken. wer suchet, der findet – sich, wie es Isolde Ahr in ihrem bewegten leben mit dem schreiben gelungen ist.

wenn Isolde Ahr vorliest, dann verleiht sie den schlicht beschreibenden sätzen in den kurzgeschichten ihr buntes leben. lyrik erfordert genau das: emphatisches lesen, bühnenreif sozusagen. auch da hat man den eindruck, dass lyrik der autorin nichts unbekanntes ist. man lese in den beiden bänden: „zufrieden und zerrissen“ (2000) und „Trau dich, Frau“ (1998), beide im ferber-verlag köln, eine mischung aus lyrik und prosa, die nicht aufgegeben werden sollte.

in der schublade liegen noch viele andere, unveröffentlichte geschichten, die das strenge lektorat ihres lebenspartners, in sachen lyrik unterwegs, passiert haben. möge sich der verlag durchsetzen und ein weiterer band aus der druckerpresse das licht der leserwelt erblicken.

© 18.05.2015 brmu

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Bode vergisst nicht

info: wir treffen uns wieder am freitag, den 15. Mai 2015 um 16uhr in der Stadtbibliothek Berg­heim, um über das buch von Isolde Ahr, „Du & andere Irrtümer – Kurzgeschichten“, verlag wortundmensch, Köln, zu diskutieren. die autorin wird uns auch besuchen.
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am 17. April sprachen wir über das von Sabine Bode im jahr 2004 vorgelegte buch, „Die ver­gessene Generation“. die autorin hatte leider keine zeit, unserer diskussion beizuwohnen.

traumata sind keine bloß bösen träume, sondern durch einschneidende ereignisse verursacht, tiefgehende, emotionale irritationen, die unbehandelt ein ganzes leben lang anhalten. die ge­ne­ration der im zweiten weltkrieg geborenen und im bombenhagel aufgewachsenen kinder stellten die angepasste und fleißige teil der gesellschaft, der das so genannte "Deutsche Wirt­schafts­wunder" aufbaute.

diese generelle these arbeitet frau Bode in ihrem buch aus. zunächst stellt sie in 15 kapiteln jeweils eine hypothese auf, die sodann im rahmen eines dazu ausgewählten interviews mit betroffenen be­schrie­ben und damit vermeintlich untermauert wird. das ist sicherlich keine wissenschaft­liche vorgehensweise, fehlt doch die statistisch hinreichend große stichprobe und die kontroll­gruppe der gleichaltrigen aus den vom bombenkrieg verschonten gebieten Deutschlands. vorsorg­lich bittet die autorin bei „Unkorrektheiten um Nachsicht derer, die es als Zeitzeugen und Historiker besser wissen.“ (18)

dennoch ist dieses buch wegweisend, weil es eben nicht wissenschaftlich sein will, sondern journalistisch aufrütteln will gegen das bequeme, kollektive vergessen. Sabine Bode sagt im vorwort: „Wahrscheinlich gibt es für meine Neugier nichts Stimulierenderes als kollektive Geheim­nisse.“ (17) ein guter antrieb für journalistische arbeit.

lässt man die formalien beiseite und taucht in den text ein, so erweisen sich die beispiele aus der literatur und die inhalte der interview auch noch nach über 70 jahren, sprich zwei genera­tionen, noch als tief erschütternd. man kann die schicksale nicht in einem rutsch durchlesen. immer wieder nötigt die emotionale überwältigung die leser/innen, das buch zur seite zu legen, es wieder in die hand zu nehmen und sich erneut den traumata dieser kriegskinder als vergessene generation zu stellen.

und die vertreter dieser kriegskinder selber? ihnen „liegt es völlig fern, sich selbst als Opfer zu sehen, auch dann, wenn sie ein oder zwei Jahre lang im Luftschutzkeller gehockt haben.“ (28) sie stellen eine „beschäftigte, tüchtige, …fürsorglich, …unauffällige Generation“ (30) dar, die „im eigenen Land fast sechzig Jahre lang schlichtweg übersehen“ (30) wurde. oft hörte die autorin: „Darüber spricht man nicht. Das erzählt man nicht. Schau nach vorn! Sei froh, dass du noch lebst. Vergiss alles!“ (31)

alle verdrängung in der bemerkung gipfelnd: „Es hat uns nicht geschadet.“ (30) und die profis in psychologie und psychiatrie reagieren auf die vorhandenen syndrome der betreffenden in zynischer unbedarftheit mit der phantasiediagnose „vegetative Dystonie“ (31). kuren en mass sollten das problem der unverdauten erlebnisse lösen oder ruhig stellen. doch wenn die ge­schäf­tigkeit nachlässt, im ruhestand die träume kommen, denn im „Alter rückt die Kindheit wieder näher“ (32), das grübeln und nacherleben des erlebten rumort, dann stellt sich schade ein: psychosomatische syndrome, die zunächst gar nicht mit der damaligen zeit in verbindung gebracht werden.

die im buch zusammengefassten interviews geben beredtes zeugnis des damals erlebten und lassen in leser/innen aus den gleichen jahrgängen viele resonanzen entstehen. vergessenes oder verdrängtes kommt hoch und will verarbeitet werden. dazu ist es gut, sich in zirkeln gleichbetroffener zu organisieren. im austausch liegt die heilung. dazu ist das buch von Sabine Bode als basislektüre bestens geeignet, wie auch die beiden anderen: „Nachkriegskinder“ und „Kriegsenkel“ im selben verlag. aber auch die nachkommen dieser generation können nun befremdende oder wunderliche verhaltensweisen ihrer väter und mütter oder opas und omas einordnen und verstehen lernen – und sei es nachträglich post mortem.

als fazit kann man festhalten, dass sich jede nation, die krieg verursacht oder in kriege ver­strickt oder verstricken lässt, sich „bis ins dritte und vierte Glied“ (2. Mose 20.5-6) traumatisiert. das ist eine wahnsinnige schwächung der positiven möglichkeiten einer humanen gesellschaft. in diesem sinne vertritt Sabine Bodes buch nicht nur einen ethisch-moralischen anspruch des verstehens und heilens, sondern auch einen umfassend gesellschaftlichen appell zur vermeidung dieser unmenschlichen ereignisse: Nie wieder!

© 23.04.2015 brmu
zitate mit seitenzahl aus: Sabine Bode, Die vergessene Generation, Klett-Cotta 2004.

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