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Pollini's Chopin

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© 2017 foto brmu: Maurizio Pollini, bescheiden im applaus

im atrium
unterm leuchtraumschiff

Pollini steht im rund
alt schon, fast gebrechlich
an den tasten aber mächtig

meine ohren haben geweint
ja, freudentränen im glück
ihn gehört zu haben

der hände tönend wirbelwerk
zu sehen: ich war entrückt
am ende dann der volle rausch

stehend ihm
begeistert im applaus

© 11.02.2017 brmu
anlässlich des konzertes von Maurizio Pollini in der Kölner Philharmonie am 10.2.2017, klavierwerke von Frédéric Chopin spielend; man lese im Kölner Stadt-Anzeiger vom 13.2.2017 den artikel von Markus Schwering: Chopins abgründige Traurigkeit

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Röcher warnt die welt

Brandstifter
von Lars Röcher

Diese Welt ist zunderschön
und dazu bereit
lass uns mit ihr Seit' an Seit'
Wunderwirklich untergeh'n.

Ihres Taumels quasi müde
legen wir sie schön in Brand
es wird warm, so reib' die Hand:
lecker Endzeitattitüde

Schießen Pilze in die Höhe
werden wilder Wald aus Rauch
zeigen Menschen ihre Größe
gehen gänzlich darin auf.

Lars Röcher ist ein weit über die grenzen Bergheims hinaus bekannter vertreter einer ganz besonderen art der lyrikpräsentation: poetry slam. das ist eine art dichterwettstreit, also „ein literarischer Vortragswettbewerb, in dem selbstgeschriebene Texte innerhalb einer bestimmten Zeit einem Publikum vorgetragen werden. Bewertet werden sowohl der Inhalt der Texte als auch die Art des Vortrags.“ (zitat aus: MySlam.net)

dichterwettstreite haben eine lange tradition, sie sind schon von den alten Griechen bekannt. der wohl bekannteste dürfte der „Sängerkrieg auf der Wartburg“ sein, der 1207 stattgefunden haben soll. Richard Wagner hat dieses ereignis zu seiner oper „Die Meistersinger“ verdichtet.

die poetry slamer also haben eine lange und berühmte tradition, sind heutzutage jedoch in ihrer art und weise des vortrags nicht an formen gebunden. hauptmerkmal dürfte der sprechgesang sein. Lars Röcher hat litbiss zum jahresauftakt 2017 ein kurzes interview gegeben:

als poetry slammer bin ich sehr viel und lange unterwegs, teilweise monatelang.

als kleines kind wollte ich immer und immer noch großes leisten.   

durch meine ausbildung konnte ich einen neuen kanal öffnen um kreativität auszuleben.

dabei hat mich immer der anspruch begleitet, nicht vergessen zu werden.

so kam es, dass ich heute in weit entfernten städten erkannt werde.

mein erstes poetry slam hatte ich 2008.

einerseits hat das schreiben von lyriks für mich etwas befreiendes, aber auch freude, dass so viele menschen einem zuhören und ich jedem etwas mit auf den weg geben kann.

es hat aber auch andererseits ein leben, das überwiegend nachts stattfindet. 

ein lieblingsthema gibt es eigentlich nicht.

aktuell ist geplant ein neues soloprogramm und eine NRW- oder Deutschland-tour.

wenn sie zum poetry slam kommen, wünsche ich ihnen den " zauber " zu sehen, der mich seit fast neun jahre fesselt, mit dem wissen, auf einer art lesung zu sein, aber das gefühl von einem rock-konzert zu haben.

über mich finden sie in meinen slam-gedichten einen funken von mir , meinen gefühlen und meinen gedanken. manchmal dauert es etwas, bis man die botschaft findet.

litbiss wünscht ihm alles gute und siegreiche dichterwettstreite.

© 08.01.2017 brmu

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Brand animiert philosophie

was haben worte und bilder gemeinsam? sie bewirken in unseren köpfen denkprozesse, die zu vorstellungen werden und schließlich zum wille, daraus etwas abzuleiten – zu handeln oder nicht zu handeln. so haben die kunst der literatur und des films eine schnittstelle in unseren hirnen.

Michelle Brand liebt die philosophie als eine der edlen denkoperationen und hat das bewundernswerte talent, diese in bewegte bilder nachvollziehbar umzusetzen. eine kostprobe bildet ihr zweiter animationsfilm „The journey never starts. The journey never ends.“ er erhielt 2016 in Dresden den „Sonderpreis Animation“ im rahmen „Deutscher Mulitmedia Preis mb21“ in der alterskategorie „21-25 jahre“. hut ab! litbiss gratuliert.

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Michelle Brand, animationsfilm „The journey never ends. The journey never ends.” 2016

der film hat den preis mehr als verdient. er ist philosophisch-poetisch und trifft den nerv der zeit, ein wahrer spiegel des verhaltens. aber immer mit dem blick über den horizont, ja quasi der sehnsucht nach besserem, nach lösungen, nach der heiterkeit der offenen weite.

Michelle Brand war so freundlich und gab litbiss anfang des jahres 2017 ein interview, wie sie zum animationsfilm kam:

hi, mein name ist Michelle Brand, ich bin in Elsdorf-Heppendorf aufgewachsen, zu einer zeit, die mich noch lehrte, draußen im garten zu spielen und die natur wertzuschätzen.

als junger mensch habe ich in der schule am liebsten im kunst- und philosophieunterricht gesessen!

dabei inspirierte mich immer das gelernte selbst. Cézanne hat mich gelehrt das malen zu lieben, Aristoteles und Kant das denken. vieles, was ich dort vor jahren lernte, benötige ich jetzt immer wieder, auch als inspiration.

meine ausbildung als BA Animation Studentin genieße ich jeden tag. mit dem studium ist ein traum in erfüllung gegangen. der arbeitsumfang ist enorm, aber unglaublich erfüllend.

so kam es dann, dass ich in England mehrere animationsfilme produzierte. der film 'The Journey Never Starts. The Journey Never Ends.' ist ein film aus meinem zweiten studienjahr - eine zeit, in der man experimentiert, spaß hat, materialien einfach ausprobiert, und sich selbst und seine fähigkeiten herausfordert. für mich war dieser film selbst ein experiment - von der idee bis zur fertigstellung eine unberechenbare reise.

mein erster animationsfilm war eine herausforderung, in der ich mich selbst prüfte.er stellte zugleich meine facharbeit in philosophie dar, in der verschiedene theorien zum thema glückseligkeit visuell erklärt werden. zuvor hatte ich noch nie eine animation erstellt oder gelernt - ich sprang also ins eiskalte wasser.

das arbeiten mit diesem metier macht einfach spaß. es bleibt immer spannend, jeder film ist anders. bewegung und figuren, alles hat seine ganz eigenen regeln in der filmwelt, und diese einzigartige welt existiert erst durch das betrachten des films.

mein neuer film „The Journey Never Starts. The Journey Never Ends.“ zeigt eine reise durch die gedankenwelt. gedanken kommen und gehen, jede szene existiert nur im moment, er vergeht und führt zu etwas neuem.

sie werden in dem film auch hoffentlich ihre eigenen gedanken wiedererkennen. schließlich war ziel des films nicht, meine eigenen gedanken zu porträtieren, sondern den zuschauer mit auf eine reise zu nehmen, an der er teil hat – „diesen gedanken hatte ich auch schon so oft!“, ist zum beispiel eine schönes feedback, das daraufhin meist zu interessanten, teils philosophischen diskussionen führt.

über mich finden sie im internet auf Vimeo ein paar filmausschnitte und produktionsprozesse, die man gerne besuchen kann. eine website ist zurzeit noch in produktion.

von dem Deutschen Multimediapreis 2016 erhoffe ich mir vor allem viele nette menschen kennenzulernen und interessante, neue werke zu sehen! an solchen festivals sind die anderen filmemacher/medienkünstler eigentlich das schönste, und die ganzen spannenden gespräche, die dort entstehen.

mein nächstes projekt wird ein experimenteller animationsfilm werden, der teils digital und teils traditionell mit acrylfarben erstellt wird. er basiert auf Heraklitus lehre des seins – „wir steigen in denselben fluss und doch nicht in denselben, wir sind es und wir sind es nicht.“ im film wird die flussmetapher visualisiert, und die entstehung von zeit und bewegung im film selbst exploriert. denn animation ist vor allem eins – die illusion von leben und bewegung.

litbiss wünscht ein erfolgreiches studium mit spannender künstlerinkarriere.

© 04.01.2017 brmu

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Andreas Rumler meint ...

als autor bin ich daran interessiert, mich klar und präzise auszudrücken, egal, was ich schreibe (ob lyrik, prosa oder sachtexte) und das natürlich vor allem auch in einer weise, die mich ästhetisch überzeugt und - hoffentlich auch die leser.

als kind wollte ich immer gern & viel lesen, habe das - auch krankheitsbedingt - häufig und ausdauernd getan, mich dabei an anderen texten „gerieben“, die mich interessierten oder eben auch nicht, die mir sprachlich gefielen oder mich eher „kalt ließen“. Karl May begeisterte mich weniger, eher schon die seefahrts-romane von C. S. Forrester über einen herrn Hornblower, der seine schifflein gegen Napoleon in die schlachten führte. märchen und sagen gehörten ebenso zum repertoire wie später ein breiteres spektrum moderner literatur: Goethe, Heine, Büchner, Fontane, Heinrich und Thomas Mann und vor allem Brecht.   

durch meine ausbildung konnte ich diese neigung während des germanistik-studiums in München und Tübingen vertiefen, wobei exilliteratur zunehmend ins zentrum meines interesses geriet.

dabei hat mich immer der anspruch begleitet: realistische literatur zu lesen und nicht schmökernd in „Wolkenkuckucksheime“ zu flüchten.

so kam es, dass ich heute diesem „laster des lesens“ immer noch verfallen bin.

mein erstes buch habe ich mit 39 jahren  geschrieben und dieses vergnügen kontinuierlich weitergeführt.

das schreiben hat für mich einerseits den charakter eines hobbys.

es hat aber auch andererseits ein wenig die funktion eines nebenerwerbs – der allerdings denkbar gering ausfällt.

mein literarisches lieblingsthema ist alles, was mich gerade interessiert und beschäftigt.

aktuell ist bei Edition A B Fischer nun „Exil als geistige Lebensform“ erschienen, was mich freut.

wenn sie das buch lesen, wünsche ich ihnen vergnügen und erbauung damit.

über mich finden sie in dem buch wenig. aber durch meine darstellung von Goethe, Brecht, Feuchtwanger und anderen autoren gewinnen sie vielleicht einen eindruck, was mir literatur bedeutet.

© 18.11.2016 brmu bedankt sich für das lückentext-interview

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Zindler zupft bogen und leier

„Bogen und Leier“, ein titel, sechs bücher (kapitel) als wegweiser in die lyrische welt von gestern und heute. Theo Zindler kennt sich in beiden aus. Vergil und Catull werden elegant übersetzt als rahmen für die eigenen gedichte aus den letzten siebzehn jahren. gedichte von sprachlicher klarheit, einfühlsam die metaphern gewählt und der leserschaft verstehbares anbietend.

das titelgebende gedicht „Bogen und Leier“ wird hier mit der ersten strophe zitiert:

Angespannt
Warten sie
Auf den Pfeil
Und die Hand,
Die die Saiten
Zum Schwingen bringt.

in diesen wenigen zeilen liegt die ganze ambivalenz menschlichen seins. einerseits der pfeil als symbol des gewalttätigen machtanspruches mit tod und verderben in folge und andererseits die tönende saite einer leier als symbol aller kulturleistung der menschheit, von selbiger hand gezupft. wir haben die wahl: das zischen des pfeils oder die melodie der leier – daran wird alles gemessen werden. dieses gedicht ist wortmelodie und macht neugierig auf alle 111 gedichte.

interview. der autor Theo Zindler gab litbiss am 21.10.2016 ein interview:   

als autor bin ich auf dem weg zu mir selbst, um auf geheimnisse zu stoßen, die mir allein gehören und doch auch andere berühren (Präludium, seite 9/10).

ich wurde zu einer zeit geboren, in der die nazis krieg und zerstörung heraufbeschworen, was auf mich lebenslang doppelten einfluss hatte: den politischen „unheils“ und den rettenden „heils“ in der haltung und fürsorge meiner eltern.

als kind wollte ich immer schon verse schreiben wie ich es bei meinen eltern sah, über das, was ich mir erträumte. und als ich erwachsen war, war ich dann immer noch so viel kind, dass ich den traum wirklichkeit werden lassen konnte.

meine ausbildung konnte ich trotz der schulumbrüche in der nazizeit zielstrebig vollenden und wurde nach dem staatsexamen lehrer mit den fächern deutsch und latein sowie fachleiter für das fach deutsch in Kassel.

dabei hat mich immer der satz meiner eltern begleitet: „Du musst Geduld lernen und kannst nicht alles auf einmal erzwingen. Es muss wachsen wie die Bäume in der Natur.“

so kam es, dass ich heute ein schriftsteller bin, der noch immer das zu vollenden sucht, was ich nie zu einem ende gebracht habe und bringen werde.

mein erstes buch habe ich mit etwa 15 jahren geschrieben, eine indianertragödie. nach meiner pensionierung veröffentlichte ich den gedichtband „Außerhalb des Geheges“ 1999, den biographischen rückblick „Heiles im Unheil“ 2006 und den neuen gedichtband „Bogen und Leier“ 2016.

die schriftstellerei hat einen riesenvorteil, denn sie eröffnet einen reflexionsraum, in dem worte spielerisch gestalt annehmen, um etwas zu bedeuten.

sie hat aber auch einen harten nachteil, weil das gestaltete zur veröffentlichung drängt wie ein geprobtes schauspiel zur aufführung und weil der weg dorthin sehr schwer zugänglich ist.

mein lieblingsthema ist das, was menschliche existenz in natur und geschichte ausmacht und was das ringen menschlichen bewusstseins mit den bedingungen unseres denkens bedeutet. dazu gehören notwendige krisen und konflikte sowie momente des einklangs mit der welt, in der wir leben.

aktuell hat der ‘Deutsche Lyrik Verlag‘ nun meinen zweiten gedichtband „Bogen und Leier“ veröffentlicht.

wenn sie „Bogen und Leier“ lesen, wünsche ich ihnen freude beim eintauchen in die verse und innere beteiligung, die erst gedichte zu immer neuem leben erweckt, das sie als leser so mit gestalten.

sie werden in der sache folgendes erkennen: gedichte sind keine mitteilungen. ihr verstehen erfordert miterleben von rhythmus und bildersprache. sie enthalten auch keine zeitlichen abläufe wie erzählungen noch handlungen wie im drama. gedichte sind momentaufnahmen.

einen appell habe ich auch untergebracht, er fühlt sich immer dem ethos eines humanismus verpflichtet, der den menschen in eigenverantwortung der natur und dem gesellschaftlichen miteinander-leben gegenüber sieht.

über mich finden sie in dem buch eine verdichtung des eigenen lebens in momenten existenzieller betroffenheit, nicht in widerspiegelung der konkreten biographie. meine gedichte enthalten ihren anteil an erfahrungen, lebensumbrüchen und erfüllung, an reifungsprozess und persönlicher entwicklung, auch im bezug zu menschen meines lebensumfeldes.

über die leserschaft habe ich ein vertrautes und offenes bild durch zahlreiche lesungen, an denen ich mein publikum auch beteilige.

© 15.11.2016 brmu

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Margriet de Moor in Brühl

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© foto Brockmann: K. Brockmann, M. de Moor, B. Ulbrich (v.l.)

der buchhandlung Brockmann in Brühl, namens frau Karola Brockmann, war in fünfter folge wieder der coup gelungen, die/den autor/-in der literatur-aktion „Ein Buch für die Stadt“ des Kölner Stadt-Anzeigers einzuladen.

diesmal hatte die jury für 2016 ein frühes werk (1993) der niederländischen autorin Margriet de Moor ausgewählt, die nun eine lesung aus ihrem roman-debüt „Erst grau dann weiß dann blau“ (1993) gab.

der leiter des schon im dritten jahre bestehenden „Brühler Lesekreises bei Brockmann“, Bernhard Ulbrich, hatte das große vergnügen, diesen leseabend im voll besetzten „margaretaS Begegnungszentrum Brühl“ zu moderieren.

Margriet de Moor las in bewunderswert akzentfreier aussprache, durchaus auch mit verhaltenem humor,  lebendig, dem publikum zugewandt. sie eröffnete mit passagen, die das eheliche verhältnis der protagonisten Robert Noort und Magda Rezková beschrieben, das sich durch eine gewisse inbesitznahme seitens des ehemanns und einer stummen distanz der ehefrau auszeichnet.

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© foto Ulbrich: M. de Moor im gespräch mit B. Ulbrich

im zwischenstop ergab sich ein kleines werkstatt-gespräch coram publicum. Ulbrich eröffnete mit einem zitat von Roland Barthes aus „La mort de l’auteur“ (1968): „Sobald ein Ereignis ohne weitere Absichten erzählt wird, …, vollzieht sich die Ablösung, verliert die Stimme ihren Ursprung, stirbt der Autor, beginnt die Schrift.“ und weist auf die interview-aussage der autorin (KSTA Magazin v. 5./6.11.2016) hin „Ich schreibe nicht psychologisch. Ich zeige nur.“ frau de Moor bestätigt das voll und ganz.  sie kenne die thesen von Barthes und teile seine position. es ergebe sich ein dreieck „autor – buch – leser“, in dem es ganz gut sei, wenn autoren und leser weniger voneinander wüssten, nur so könne das werk in seiner ganzen vielfalt erkundet werden. Ulbrich folgert: demnach hieße autorschaft, die welt zu spiegeln, ohne den moralischen zeigefinger zu heben.

der hinweis auf das dreieck führte zur kurzen betrachtung des roman-plots. Ulbrich meint, dass zwei beziehungsdreiecke sich zu einer sich gegenseitig beeinflussenden „bienenwaben-konstruktion“ zusammenfügen: Erik und Nelli als ein sich gegenseitig „luft lassendes“ ehepaar mit sohn Gabriel auf der einen seite und Robert und Magda als problembeziehung ohne kind auf der anderen seite. Gabriel als autist ist nicht so recht in der welt und die fehlgeburten von Magda (unerfüllter kinderwunsch) sind es ebenso nicht. es schloss sich die frage an, ob die autorin wie weiland Heinrich Böll ausführliche plot-skizzen zu ihren geplanten romanen anfertige. das sei nicht so, sie habe eher „alles im Kopf“ und komme mit notizen auf kleinem raum wie briefumschlägen zurecht. „Alles entwickelt sich wie bei einer Komposition“, die protagonisten würden sich entfalten wie melodie und variation in diversen tempi.

es folgte eine weitere lesung zu der selbstfindungs-reise von Magda, die eines tages ihre sachen packt und für zwei jahre aus der ehe, aus dem dorf, aus ihrem land entschwindet. nur wir leser/-innen haben teil an ihren reise-erlebnissen und erkundungen, ein auktorialer kunstgriff, der die bedeutung der leserschaft unterstreicht.

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© foto Brockmann: M. de Moor beantwortet fragen aus dem publikum

abschließend kamen eine reihe von fragen aus dem publikum nicht zu kurz, wie etwa der einfluss der in den romanen antönenden nazi-zeit in den niederlanden. Margriet de Moor antwortet darauf bereitwillig mit erlebnissen aus ihrer kindheit, die durchaus ambivalent waren und nicht zu einer einseitigen verurteilung taugten. auch hier erwartet die autorin, dass die leserschaft sich ein eigenes urteil bildet.

Margriet de Moor fordert ihren leser/-innen viel ab, dafür werden wir reich belohnt mit variationen der aspekte menschlicher beziehungen: hier der liebe! 

© 09.11.2016 brmu

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Fritz Karls lesebühne

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© foto 23.10.2016 brmu: Fritz Karl (oben) im kreis des tango-ensembles

Erftkreis Zyklus nennt sich die regelmäßige veranstaltungsreihe in burgen und schlössern des Rhein-Erft-Kreises, durchgeführt vom Hürther Musikseminar (HM), das sich vornehmlich den kleineren formen edler instrumentalmusik verschrieben hat.

in Schloss Loersfeld in Kerpen gesellte sich nun am 23.10.2016 eine beeindruckende sprechstimme hinzu. dem schwerpunkt gemäß wurde nicht nur eine ausgezeichnete tangomusik von dem ensemble „Tango de Salón“ geboten, sondern auch ein stimmgewaltiger kam zu wort: der österreichische schauspieler Fritz Karl lieh dem brasilianischen autor Luis Fernando Verissimo seine eingängige stimme.

die satirischen texte Verissimos aus seinem buch „Du hörst mir ja doch nicht zu …“ enthielten sämtlich eine unerwartete volte, die Karl mit meisterhaftigkeit stimmlich verifizierte, dies im wechsel von lesung und tangomusik. das publikum war hin und weggerissen. der knüller jedoch kam am schluss nach herzlichem applaus in der längeren zugabe.

nun konnten wir den wiener sprechsound von Fritz Karl bewundern, denn er las aus seinen heimatlichen gefilden. mit einer geschichte von Zorro aus dem buch „Im Schatten der Burenwurst“ von dem für seine mundartdichtung landesweit berühmten, österreichischen autor H. C. Artmann, der zeitlebens genau darunter litt, gelesen mit unvergleichlichem wiener schmäh, kam der späte nachmittag zum höhepunkt seiner lockeren stimmung.

es lohnt sich, mitglied im HM zu sein. möge die neue leitung den mut haben, diese art der darbietungen vermehrt anzubieten. ausgebildete stimmen im lesemodus anspruchsvoller texte und musik der kleinen art passen gut zusammen.

© 24.10.2016 brmu

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Ransmayr war in China

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Insa Wilke mit Christoph Ransmayr im gespräch
© 21.10.2016 foto brmu:

Christoph Ransmayr, der wortgewaltige österreichische autor und satzakrobat, hat in schon bekannter manier seine neue reise, wir sollten besser exploration oder exkursion sagen, diesmal nach China, wieder für uns in ein überaus lesenswertes buch verdichtet.

es erscheint erst ende des monats. wer die LitCologne am 21.10.2016 im WDR Funkhaus besucht hatte, der erhielt die chance, dieses buch bereits vorher in händen halten zu können – von des meisters hand signiert. ein schöner schatz in jeder bibliothek.

es sollte gar kein roman werden, so gestand er der abendlichen gesprächspartnerin Insa Wilke, aber dann sei der fluss des schreibens gekommen und dem könne man sich als autor eben nicht entziehen.

im wechsel zu den beiden gesprächsrunden – die gesamte veranstaltung kann am 30.10.2016 im WDR 5 „Lange Nacht der Bestseller“ nachträglich miterlebt werden – konnten wir uns auch von der bemerkenswerten lesekunst des autors überzeugen: ein glück so schreiben und lesen zu können.

worum geht es? in aller kürze der plot des 18. jahrhundert: ein automatenbauer namens Alister Cox aus England liefert dem Kaiser von China die bestellte ware persönlich via segelschiff aus und sieht sich dem allmachtsanspruch des kaisers als herr über die ewigkeit konfrontiert. schafft er es, die aufgabe, eine uhr für die ewigkeit zu bauen, so zu lösen, dass er vom kaiser geduldet werden kann?

mein tipp: lesen sie eine erholsame sprache, die balsam wider das twitter-gewitter ist. hier nur der erste satz des romans "Cox oder Der Lauf der Zeit", der uns auf das kommende einstimmt: Cox erreichte das chinesische Festland unter schlaffen Segeln am Morgen jenes Oktobertages, an dem Qián-lóng, der mächtigste Mann der Welt und Kaiser von China, siebenundzwanzig Steuerbeamten und Wertpapierhändlern die Nasen abschneiden ließ. (9)

warum?  Jetzt verloren diese gierigen Säue nach ihrem Gesicht endlich auch ihre Nasen! Und das war noch eine milde, zu milde Strafe dafür, daß sie an den Börsen in Beijing und Shanghai und Hang zhou wertlose Papier verkauft und den Schwindel mit Steuergeldern, dem Gold des Kaisers!, zu decken versucht hatten.(15-16)

sind die vergehen wirklich aus dem 18. Jahrhundert? nase ab, ick hör dir fallen. wir haben es also nicht mit einem beschaulichen histörchen aus längst vergangener zeit zu tun. es wird spannend sein, wie und was Ransmayr noch hat einfließen lassen, um unsere zeit zu geißeln.

schreiben macht frei und lesen klug – fast immer.   

© 22.10.2016 brmu
zitate aus Christoph Ransmayr, COX oder Der Lauf der Zeit, S. Fischer verlag 2016, seitenangabe

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Goethen auf der spur

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© foto brmu 16.10.2016 J. & A. Rumler im Wirthaus an der Lahn

Jutta und Andreas Rumler, beide langjährig den Goethe-Gesellschaften in Köln und Weimar angehörig, haben sich wieder engagiert und den interessierten mitgliedern eine anschauliche exkursion von zwei tagen auf den spuren des Johann Wolfgang Goethe geboten. eine erfolgreiche planung, gutes arrangement und zügige durchführung gelangen dank ihrer erfahrung.

überall wurden wir freundlich empfangen und mit viel informationen über das verhalten des „dichterfürsten“ unterrichtet. viele ausstellungsstücke illustrierten eindrücklich die damalige lebensweise. der stolz der uns berichtenden personen vor ort, ein haus oder ein zimmer oder einen schreibtisch zu präsentieren, an dem JWG einst gelebt, geliebt und gearbeitet hatte, war unverkennbar. uns spätgeborenen sind das museale informationen, deren gehalt wir unwillkürlich daraufhin abklopfen, was sie denn zu den weltweit anerkannten werken Goethes beigetragen haben mögen.

will man dem auf den grund gehen, so ist eine reise zu seinen wirkstätten erhellend. in diesem jahr 2016 standen auf dem plan: Brentano-Haus in 65375 Oestrich-Winkel im Rheingau, Reichskammergerichtsmuseum in 35578 Wetzlar, Grabmal des Karl Wilhelm Jerusalem dortselbst, „Goethehaus Volpertshausen“ in 35625 Hüttenberg, Goethe auf der Bank in 35583 Garbenheim und zum abschluss einkehr in das „Wirtshaus an der Lahn“ in 56112 Lahnstein.

an einigen dieser orte machte J. W. Goethe verschiedenen damen bei tanz und musik oder im privaten kreis den hof, wurde nicht erhöhrt, und schrieb sich später alles von der seele. literatur als therapie? sicher ist, die damen wären längst vergessen, wäre da nicht ein galanter herr Goethe mit seinen erinnerungen gewesen!

aber auch die freundschaften mit empfindsamen herren der höheren gesellschaft seiner zeit, insbesondere der tod des K. W. Jerusalem aus unglücklicher liebe, inspirierten ihn zu dem damals sensationellen briefroman „Die Leiden des jungen Werther(s)“. man würde heute von einem bestseller sprechen, denn es wurden rund 10.000 exemplare verkauft, nicht gerechnet die raubdrucke.

sein zeitkritisches werk, die gesellschaftlichen verhaltensweisen mit tragischem ausgang spiegelnd, traf den nerv einer breiten schicht der bevölkerung. selbsttötung als revolte, das war unerhört und wider alle lehren von kirche und staat. dazu hat viel später Albert Camus (1942) gemeint, es gebe nur ein wirkliches ernstes philosophisches problem: den selbstmord. und er bietet pragmatischere lösungen an: trotz der absurdität des seins entscheidet sich sein protagonist für das ewige rollen des steins gegen alle gefälle. Werther war früher und noch kein glücklicher Sisyphos!

ohne das gute leben Goethes, arbeitsreich und wohlsituiert, universal interessiert und hoch inspiriert durch der damen charme und schönheit, wäre seine literatur nicht denkbar. insofern wirkte der autor als werkerstellendes medium, mit all seinen besonderheiten gleich welcher art. aber Roland Barthes erhob 1967 mahnend den finger wider den personenkult und sprach davon, dass der autor tot sei (la mort de l’auteur), meinend: er spiele, wenn das werk in der welt sei, keine rolle mehr.

bestand haben jene werke, die gelesen, verstanden und geliebt werden, weil sie etwas zu sagen haben. das hat JWG eindrucksvoll vorgelegt und vorgelebt. auf seinen spuren zu reisen machte uns appetit, seinen „Werther“ mit duldvollen augen erneut oder auch zum ersten mal zu lesen, um muster zu finden, die bei uns heutigen noch resonanzen erzeugen. wären wir als puristen Roland Barthes gefolgt, hätten wir auf die zwei schönen tage im Rheingau und an der Lahn verzichten müssen - ein asketischer gedanke.

© 19.10.2016 brmu

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Von Aufbrüchen und Aussteigern

knapp eine woche vor herbstbeginn lädt der Autorenkreis Rhein-Erft (ARE) zu einer lesung im rahmen der veranstaltung „LiteraturHerbst Rhein-Erft-Lesung“ in das so genannte Mauseum in Bergheim ein.

schaut man auf der homepage vom Mauseum nach (zugriff: 17.9.2016), so wird eine lesung aus dem jahre 2007 als aktueller termin offeriert!? das verwirrt und macht nachdenklich: neun jahre nicht aktualisiert, soll man da dann noch hingehen? ich tat es und war einerseits positiv überrascht, andererseits irritiert.

eine schöne überraschung war der teamcharakter der angebotenen lesungen. autorinnen und autoren des ARE beteiligten sich und lasen szenisch aus den gebotenen texten. das ist eine willkommene belebung der üblichen lesungsmonotonie und signalisiert den gemeinsamen impuls für die literatur aktiv zu sein.

Ahr Lesung-160917-Mauseum
Isolde Ahr sorgte souverän und mit professioneller stimme für das literarische gerüst des nachmittags. drei kurze schilderungen von zuwanderinnenschicksalen aus Russland, der Türkei und Haiti, die in direkter arbeit mit den betroffenen frauen gestalt annahmen, gaben den tenor vor: aufbruch. unangekündigt kam abschließend noch eine kurzgeschichte aus ihrem jüngsten buch „Du & andere Irrtümer“ mit dem titel „Die Caro-Dame“ zum zuge, um auch einen aussteiger zu illustrieren.

Löffler Lesung-160917-Mauseum
Kay Löffler las als auktoriale stimme aus seiner publikation „Krystyna – Eine Ausländerakte“ (1991), die das motto der lesung aus der kalten und unpersönlichen sicht von verwaltung und juristerei aufnahm. dem szenisch gelesenen text liegt eine tatsächliche, umfängliche akte zugrunde. die protagonistin Krystyna wurde überzeugend in ton und tenor von Heike Schulz gelesen. überhaupt überzeugten eher die beiden autorinnen Ahr und Schulze im sinne der verinnerlichung und identifikation mit den protagonist/inn/en.

Streich Lesung-160917-Mauseum
Jürgen Streich bestritt den dritten teil der lesung durch eine komprimierte wiederholung seines programms im Königsdorfer Literaturforum (litbiss berichtete), in dem er sich ausführlich dem science-fiction-autor H. G. Wells widmete. sich mit dessen großem werk zu beschäftigen erfordert zeit. die fehlte jedoch. leider geriet der vortrag zur ablesung und ermüdete. dennoch: Wells gilt es neu zu entdecken, beschreibt er hellsichtig unsere drängenden weltprobleme und propagiert - durchaus umstritten - weltregierungslösungen dafür.

irritierend war, dass der titel der veranstaltung dem neuesten buch von Kay Löffler entlehnt ist („Von Aufbrüchen und Aussteigern“), jedoch aus diesem das motto bedienenden texten gar nicht gelesen wurde.

und noch etwas sei angemerkt. leider klappte die choreografie nicht immer (wer ist jetzt dran?), die tontechnik hatte ihre tücken (rückkoppelung), das timing erschien verbesserungwürdig (verspäteter beginn, überzogene pausen). man sollte in diesen dingen an das publikum denken und es durch professionalität besser würdigen, damit es gerne wieder kommt.

die moderation durch „Prof. Dr.“ Gynter Mödder (tipp: im literarischen bereich ist es völlig unüblich, sich mit titeln darzustellen!) war leider fahrig und ging wenig auf die texte und deren verknüpfungen untereinander ein. „tja“, wie Mödder zum vortrag von Streich meinte, tja, seine eigene „mödderation“ war schon mal besser.

das mag der tatsache geschuldet sein, dass das private Mauseum aus tausenden von exponaten rund um die maus eigentlich gar nicht mehr in Bergheim existiert, sondern längst nach Eckernförde verlagert wurde. die lesung fand eigentlich im echo dieser originellen sammlung statt.

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ein deprimierendes bild hängt im beengten lesungsraum, auf der die „Mauseums-Maus“ wie ein menetekel am galgen baumelt. ob das ein gutes ohmen für die zukunft des ARE ist? litbiss meint, der ARE sollte sich schnell daran gewöhnen, dass die mauseums-zeiten beendet sind und dass unter neuer führung ein neuer ort im öffentlichen raum (nicht privat!) zu neuen ufern führt. es wäre den rührigen autorinnen und autoren, die eine moderne, anregende art der lesung darboten, herzlich zu wünschen.

© 18.09.2016 brmu
Isolde Ahr, Du & andere Irrtümer, wort und mensch Verlag 2015
Kay Löffler, Krystyna - Eine Ausländerakte, Amazon Distribution  o.J.
Kay Löffler, Von Aufbrüchen und Aussteigern - Science Fiction Stories, Amazon Fulfillment 2016

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