litbiss.de

Bohm entfaltet

die welt sei aus den fugen geraten
mitnichten, liebe nichten
keine fugen weit und breit
nie welche gewesen
einbildung ist keine bildung
alles ein blumenkohl der
immer weiter evolviert
aus impliziter ordnung
nichts, was sie zusammen hält

© 01.07.2017 brmu
David Bohm, Die implizite Ordnung, Dianus-Triakont Verlag 1985

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leseteppichtripp

schön, wie der leseteppich fliegt
über den brillenrand ungeschärft
der blick in welten weit hinab
bücher sind auch keine anker
derweil das haar im winde wallt
weiß vom alternden schädel

© 28.06.2017 brmu

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ich möchte ...

              mal wieder schönes dichten
reime und verse ästhetisch wichten
wie einst die alten es getan

doch schau‘ ich mir die welt so an
da find‘ ich schönes nur mit ach und krach
aber menschen, die milliardenfach

erlahmen will mein wille
resthoffnung nur in stille
des alterns und der ruhe –

wo sind jetzt meine schuhe

© 02.06.2017 brmu

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trampeltrump2

und nächtens grüßt der tweeter, schier
verrückt auf deinem tragaltar:
kein klimaschutz mit „covfefe
denn geheim ist alle tumbheit

lies einfach nur von hinten ‘rum
aus dem >efef< zieht man bilanz:
>varying operation costs<
als dealer groß, als denker klein

und wahr ist’s: sehr viel teu'rer kommt
der klimaschutz - so man ihn nicht
viel ernster nimmt, denn arroganz
plus ignoranz, die komm‘ zu fall

► im verlauf der nächsten tage ?

© 01.06.2017 brmu
zitate nach meldungen aus dem Kölner Stadt-Anzeiger vom 01.06.2017

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federnd der ball

(der einzigen)

einst spielten wir federball
küsse flogen hin und her
nun werfen wir die jahre all‘
sie werden uns schon schwer

doch klage soll nicht sein
das wäre gar nicht fair
du, mein jungbrunn‘ fein
läufst mir nimmer leer

© 26.03.2017 brmu

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again against

top down ein
phantom
buttom up ein
syndrom
make something
great again
and again
and against …

© 05.03.2017 brmu

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klittern mit twittern

lass‘ ihn raus
den twitter-furz
denn er ist so
herrlich kurz
brauchst auch nicht
zu denken
gar worte gut
zu lenken
alles scheint erlaubt
was anderen
den atem raubt

ach, post-faktisch
so nennt man
diesen mist
aus dem handy
hingepisst
wo‘s doch contra
heißen muss
dieser post fuck
tische stuss

bedenke
nach dem fakt
da stehst du nackt
für alle zeit im
#tweet-kostüm

© 04.03.2017 brmu

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keine pläne

hast du feine pläne
bist du noch ein kind
hast du deine pläne
bist du erwachsen
hast du eil’ge pläne
bist du im alter
hast du reine pläne
dann wär‘st du ein mönch

wahrlich, wenn ihr nicht
planlos werdet, dann …

© 04.03.2017 brmu

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rosen montag

eine rose ist
eine rose am montag ist
eine rose am montag im zug ist
eine rose am montag im zug im strauß -
aber bitte mit kamelle

so vergessen wir die delle
die uns ins gemüt geschlagen
bejubeln laut die mottowagen
worauf all‘ uns‘re ängste hocken
gebannt in puppen die uns schocken
rennen in die kneipe, ab zum wirt
bis der nubbel helle brennen wird

eine rose war
eine rose am montag war
eine rose am montag im zug war
eine rose am montag im zug im strauß -
leider ohne kamelle

© 27.02.2017 brmu

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jeck um 11:11

jet jeck simmer all
das is’n klarer fall
un jede jeck is anders
im winter wie sommers
drum loss de jeck elans
ein zeichen von toleranz
und im karnevaltrubel
wird’s klar: auf der kugel
der erde leben wir alle
wie in einer großen falle
auf gedeih und verderb
köbes, ‘n kölsch, aber derb

© 23.02.2017 brmu

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beste lebensregel

haut     -farbe
haar     -farbe
augen  -farbe
körper insgesamt:
völlig irrelevant

auf dein hirn, da kommt es an
wenn reingefurzt da einer hat
macht‘s dein ganzes denken platt
drum achte auf dein hirn recht gut
selber denken, das macht mut

© 16.02.2017 brmu

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das sein

absurd, dass etwas ist
denkst du
wenn nächtens du mal pisst

absurd, wenn’s nicht mehr ist
denkst du
wer wär‘, der es vermisst'

© 16.02.2017 brmu

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Valentin hat's verpennt

verschwiegen hast du deinen tag,
Valentin, du schlapper sack!
den gestern wir doch feiern sollten.
oh wie arg wurd‘ ich gescholten:

wo denn meine liebe bliebe,
ob’s mir wäre einerlei.
und es drohten wörterhiebe
aus der jahre allerlei.

wo nur waren meine sinne,
dass auf ihn ich hatt‘ gesetzt
mich zu erinnern, hier und jetzt?
er jedoch pennt vor sich hinne!

muss zur buß‘ gedichte schreiben,
bis sie wieder gut mir ist
in eintracht, ohne diesen zwist.
will lieben ohne leiden.

für Valentinstags heißen kuss
ich den tag mir merken muss.
geht sonst das ganze wieder los!
wo, kalender, bist du bloß?

© 15.02.2017 brmu

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natur im alten stile

wenn du machst die augen auf
und aus lüften fällt der schnee
sanft auf alles bunte drauf
dann monochrom ich seh‘
was eitel einstmals farbig war

doch frühling wird es schaffen
die welt uns zu beleben
und off’nen munds wir gaffen
farben sich erheben
zu meisterbildern wunderbar

© 11.02.2017 brmu

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trübnis

reiher auf dem schuppen
dach vollendet getarnt in
flutender trübnis wie
grau in grau zerflossen
die teiche versiegelt von
mürbem eise spiegellos

wo ist oben und unten
zu suchen in diesen so
kaltherzigen welten

© 23.01.2017 brmu

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trampeltrump1

es gab eine bewerbung
in anderen landen,
die mich sprachlos gemacht.

twittersprüch‘ in hirne geschlagen,
klauen in meinem herzen versenkt,
was ist das wirkliche leben?

menschen erniedrigen
und offiziöse lügen verbreiten:
kochrezept zukünftiger gewalt!

aus machtkalkül gehoben,
sickert in unser aller leben
primitiv die respektlosigkeit.

wir brauchen als damm
den prinzipientreuen teil
der presse wider das fluten.

denn die wahrheit tut weh!
take your broken heart
make it into art.

© 10.01.2017 brmu
unter verwendung einiger passagen (schrägdruck) der von Christian Bos übersetzten rede von Meryl Streep anlässlich der verleihung des Cecil B. DeMille Award im Golden Globe in New York (Kölner Stadt-Anzeiger vom 10.1.2017, the original speech in: The New York Times, Jan, 8, 2017)

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manchmal, wenn

ich schreibe, fürchte ich,
niemand könne lesen
und meine zehn finger
landen auf den tasten
formen texte, soweit
mein denken eben reicht
es ist mein einsames gefühl

© 09.01.2017 brmu
angeregt durch: Peter Stamm, Ungefähre Landschaft, Arche Verlag 2001, seite 169

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Epirrhema anders

müsst im lit’raturbetrachten
immer dies für wichtig achten:
nichts nur drinnen, nichts nur draußen;
denn was innen, scheint nach außen.
so begreifet ohne träumnis
eilig, offen das geheimnis.

freunde nicht des baren scheins,
nicht auch des ernsten spiels:
kein geschriebenes ist eins,
immer auch ein vieles.

© 08.01.2017brmu
J. W. Goethe: Gedichte – Ausgabe letzter Hand, Cotta, 1827, Gott und die Welt, gedicht „Epirrhema“ in anderem gewande

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Ringelnatz hat's

Vier Treppen hoch bei Dämmerung1
rhetorik in vier stufen

Du musst die Leute in die Fresse knacken.
stufe 1: bring einen knüller in die runde,

Dann, wenn sie aufmerksam geworden sind, –

stufe 2: wenn der fokus dir gehört

Vielleicht nach einer Eisenstange packen, –
stufe 3: noch einmal überspitzen

Musst du zu ihnen wie zu einem Kind

stufe 4: dann wähle deine worte,

Ganz schamlos fromm und ärmlich einfach reden

hier und heute, in aller einfachheit

 

Von Dingen, die du eben noch nicht wusstest.
regel 1: tu so als seist du überrascht

Und bittst sie um Verzeihung – einzeln jeden –,

regel 2: ström empathie in massen ab

Dass du sie in die Fresse schlagen musstest.

regel 3: quetsche tränen bei dem satz

Und wenn du siegst: so sollst du traurig gehen,

regel 4: sei konsequent bis in den schluss

Mit einem Witz. Und sie nie wieder sehen

hol witzig alle ab auf nimmer wiedersehn

© 17.12.2016 brmu
1aus: Joachim Ringelnatz, Kuttel-Daddeldu, Kurt Wolff Verlag München,1920, s. 190

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grolland in sicht

jetzt wieder die neider!
die spielen polköpptreiber,
wo so viel fleißigkeit
gar nichts mit dreistigkeit
am schwarzen hute hat.


es zahlt der vorweggeher
dem landestagessteher
für luftig halbe arbeit -
und er find‘ das so gescheit -
deftig ganzes salaire.


für uns ist gut zu wissen
auf welchem luderkissen
die wählerstimmen ruhen.
ja und: was soll man tuen?
die wahlurnen meiden?


nein! in die fresse knacken,
bis auf’s knie sie sacken.
reingegrätscht in die partei,
durchgerührt das allerlei
von ethos, ehre, eid.


nur des bürgers einmischung
zwingt nötige erfrischung
in das polköpppokerspiel.
neupartei, die bringt nicht viel,
ist bald krumm wie alle!


einmischung, wie sieht die aus?
das ist arbeit, oh du graus!
viel zu lesen, denken, auch
im ausschuss sein, das zu hauf,
dass mauschelei nicht sei.


bürger hat gewiss verdient,
was sich sonst so nicht geziemt.
seine faulheit immerdar,
sich die feigheit noch gebar:
lässt sich ja nichts ändern.


© 14.12.2016 brmu

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weihnachts-run

ach, du lieber weihnachtsmann,
bitte gehe du voran

prügel steckst dann du nur ein,
wenn’s geschenke war nicht fein
oder gar ganz völlig falsch
einer das kriegt in den hals

im erstehilfekasten
whiskyflaschen tasten
das ist wider die moral
helfen tut es allemal

ach, du lieber weihnachtsmann,
los jetzt! du gehst heut‘ voran!

© 15.12.2016 brmu

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aus dem ff

die faulheit mit der
feigheit ist immer
aus der erfahrung
die unglückspaarung

schleichend ganz bieder
grüßt sie heut‘ wieder
trottelt ohne zwang
richtung untergang

© 22.11.2016 brmu

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in den binsen

weiß man keine antworten mehr
fällt man über den frager her

liegt der dann still am boden
wird die sache verschoben

bis sie selber dazwischen fährt
denn schweigen ist immer verkehrt

© 15.09.2016 brmu

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silizium-fall

silizium am end' -
es fand sich neues:
paper-based-medium
man kann es blättern

sie gestatten noch?
"buch" ist mein name
regalspeicherung
wohnlich zumeist

bin den elektronischen
über, umweltlich
kein elektroschrott
in kinderhänden

merke: meine besten
seiten schmeicheln
den leserhänden
und dem verstand

ergo: buchlesen
ist der status der
zukunft in neuer
kulturtechnik

© 11.10.2016 brmu
dazu lese man: Thomas Thiel, Das nächste große Ding, Frankfurter Allgemeine Feuilleton vom 16.09.2016

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knall auf fall

meine augen möcht’ ich schließen
mich an die warme hauswand lehn’
und ruhe soll in mir zergehn’

möcht’ auch meine ohren schließen
viel länger als ich’s tue meist
auf dass stille flute meinen geist

und der stift in meinen händen
er soll nicht schaben auf papier
versinken will ich ganz allhier

bis der knall von einem auspuff
mir hässlich ’geist aus kopf bläst weg’ -
ach, hat die übung einen zweck?

© 06.09.2016 brmu

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afd

758.000.000
weltenweit
annallfabethen
alle fern der
les’kompetenz

denen man ’was
vormachen kann
im pressespiegel
per visagenkult

die man oftmals
alle für dumm
halten - folglich
alle für doof
verkaufen kann

viele auch sind
wieder unter uns
und schreien was
von lügenmesse

big meck&pomm
zurzeit leibgericht
alle feiern doch
und spielen nur:
alle fürs deutland

protest-wähler meinen
>Aber fick Dich<
wohin, wenn nicht
ins eigene knie

an der wahlurne, doch
da gilt auch für dich
erst lesen und denken:
alle für demokratie!

© 06.09./11.10.2016 brmu
nachtrag: man lese den brief von Stephan Hebel: "Sehr geehrter AfD-Wähler!"

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glück zieht

glück ist eine schwade
die durch’s hirn mir zieht
heiter ist’s, nie schade
dass man’s mir ansieht

© 30.08.2016 brmu

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situation

sterne | ich sage euch
sie sind abzählbar

sterne | ich sage euch
ihr seid abwägbar

sterne | ihr aber meint
wir sind hinnehmbar

von flüchtiger natur

© 19.08.2016 brmu

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zeit im fluge

doppeldecker im
marmorisierten himmel
nähmaschinenmotor
nötigt ein augenpaar
zeiten im fluge vorbei

© 29.07.2016 brmu

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Hombroich im regen

kunstinsel mit
inselkunst

in steinernem hall
die präziosen von
begnadeter hand

hängen stehen liegen
in holz und stein und
blinkemetall

gerahmtes papier
im druckermodus
auch farbige wände

mammutbaum wurzelt
gichtig im teich
sprosse im huckepack

außen der regen bei
hingeblätterter natur
tröpfchen für dröpken

unter dach und fach
dann bleiern der stift
in der bretterfurche

sein name plinkert
toison d’or in b
sei mir goldene feder

inseldunst in
regenkunst

© 24.07.2016 brmu
besuch auf der Museums Insel Hombroich am 23.7.2016

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weltenbrille

ein korn am pflug
aus ackerland
wird korn im flug:
dreck an der hand

so wandelt sich
die welt für dich

© 04.07.2016 brmu

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aus geld gemacht

trommelschläge der welt in
den idylleschein von
selbstgerechter attitüde

die anderen kippen mit
mann und maus auf

dem grund aber sind
wir alle gleicher im
tod der illusionen

scham hilft auch nicht
weiter rollt der rubel

© 31.05.2016 brmu
titel: zitat aus Dietmar Dath, Sämtliche Gedichte, Suhrkamp 2009, s. 23

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mit verspätung

(der besten ehefrau von allen)

liebgewonnen
hatte ich dich
und du mich
und wir uns
und vice versa
vor langer zeit
war’n zugedröhnt
von uns mit allem
was wir sind für
uns ob nah ob
fern von hier
und das hält an

bedenklich:
geburt sszz tage
hat man im alter
immer weniger
vor|sich|t

© 28.3.2016 brmu

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dawarwas

manchmal rollt
ein zug durch deine
nacht - auf dem gleise
d|er|innerung – leise
hunderte meter lang
mit einem husch
von verlustig
|sein| wird
immer
was

© 26.03.2016 brmu

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welttag der poesie

marketing gag im
abgesang der flatter
texte gibt es jede
menge zwischen
den zeilen liegt die
würze auch in dem
gedicht.

© 21.03.2016 brmu
von der UNESCO seit 2000 ausgerufener 21. März d. J. als "Welttag der Poesie".

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Clausnitz hitz

im schwitzkasten das kind
zu seinem schutz natürlich
wo denken wir denn hin
da könnt’ ja jeder kommen

blühende landschaften mit
viel kohl bepflanzt aus dem
solidaritäts zu schlag en
das wollen sie wieder und

reißen das maul auf wie
weiland in scheißbrauner
tunke das gröhlen und
funkenschlagen – nichts

haben sie gelernt – alles
vergessen und frauen
und kinder wieder vor
wutverzerrten fressen

mob gährt, wenn man
menschenverachtung
ordinäres gehabe und
biederkeit kombiniert

das im land der dichter
und denker - wo doch
Weimar nicht so weit
entfernt sein dürfte

das volk aber sind
79 734 753 leute*
nicht ihr da am rande
unserer zivilisation

von kultur wollen wir
schon gar nicht reden
unsere passt doch nur
auf christen !mensch!

© 22.02.2016 brmu
*nach: http://www.countrymeters.info/de/Germany/

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schülersein

hervorragendeschüler
strebenhöchstewahrheitan
imvollstenselbstvertrauen

hör:falschistnichtimmerfalsch
richtignichtimmerrichtig
imursprungistalleseins

mittelmäßigeschüler
lernengernvonanderen
dochfehltsanselbstvertrauen

hör:wennduanmeinungklebst
istderkleinsterunterschied
euchschonunüberbrückbar

wenndiraberdiehülle
vorgefastermeinungfällt
wirstduerkennenkönnen

hör:woistdanochdersinn
äußerlichkeitzubemühn

selbstgelehrigsteschüler
erleidenhöllenqualen
wennsieessenznichtberührn

© 13.02.2016 brmu
nachdichtung aus: Nyogen Senzaki, Keine Spuren im Wasser – eine Einführung in Zen, Theseus-Verlag 1992 / Shodoka (Yoka Daishi) Verse 14 und 39

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Kölscher mummenschanz

aus der reihe "Goethe und ..." hier ein aktueller beitrag zum karneval in Köln:

oft das alter, wie wir wissen,
ist der torheit schlechter bann;
also ist es gut zu wissen,
was in Köln so abgehn kann:

dort am Rhein, zu aller frommen,
ist vermummt die schar nicht schlecht;
flux im zuge aufgenommen,
so zu sichern spötters recht.

auch dem greise füllt erträglich
sich das kölschglas oft zur hand
und so ist es doch verständlich,
kommt der außer rand und band.

löblich wird ein jeckes streben,
wenn es kurz ist, selbst mit sinn;
heiterkeit und wolkenschweben
ist im rausch des wirts gewinn.

häufelt nicht an diesen tagen
tumber torheit fratzgesicht,
lasst mit uns die nachwelt sagen:
war das herrlich! oder nicht?

© 05.02.2016 brmu
umdichtung von J. W. Goethe, Der Kölner Mummenschanz, 1825

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Alle für Dummheit

auf der jagdstrecke
geblasen: petrys heil
wird da gar nichts

jesse stand auch so
seine arme erhoben
mit kreuz im rücken
nicht popolistig er
mit dem warndreieck
schießen treffen töten
wollt ihr den totalen

knalleffekt ≠ werbegag
ach sind wir wieder geil
alle für dummheit

© 01.02.2016 brmu

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deutsch im pack

Dräsdn, weißt du noch
damals in aschbrauner zeit

der himmel war unten
mit christbaumgeflacker
flüchtlingspulks in brand
bei lamettageflatter

die hölle jetzt oben
aus tiefem vergessen
schrille pegidabrunst
mit dummheitstressen

sie sei voller hass
so geifert ’ne schranze
laut ins mikrophongehör
hass gleich einer lanze

alle müssten raus
spuckbohnen fliegen
besser heut’ als morgen
sie am kragen kriegen

wohlan, nur welches land
nimmt deutschpack auf

© 11.01.2016 brmu

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befleckte sylvester

herr unbekannt
aus niemandsland
hörte es knallen und krachen
dies im sylvesterlogen

wie könn’ die dabei nur lachen
christbäume waren’s seiner zeit
mit wurzeln sprenghaft in die breit
dies in bausch und bogen

vergessen bloß
das kriegerlos

könnte neues kommen

© 03.01.2016 brmu

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Brodsky's januargefühl

die kings bar deiner alt-adresse,
kein stern scheint auf zu imponier’n.
das ohr ergibt sich, unter zwang,
des blizzards bohrendem gebrüll.
die schatten fallen hinter dich,
du löscht die kerze, haust dich hin,
kalender kann mehr nächte packen
als dafür kerzen wär’n.

was das soll? schwermut? ja, vielleicht.
’ne melodie, die niemals stoppt.
gut gekannt im rauf und runter.
stets gleiche dudelei
vom kommenden, in dunkelzeit,
für augen und lippen ganz groß,
weshalb es sie manchmal anhält,
sich dem fernen hinzuwenden.

hochgeblickt ins wolkenlose,
weil deine socke leer ausging,
verstehst bald diesen geiz: er passt
zum alter; bar jeder kränkung.
viel zu spät ist’s für ’ne ahnung,
für wunder, für den weihnachtsman.
plötzlich wirst du dann erkennen, du bist
dir selbst ein wahres geschenk.

© 2015 brmu nachdichtung von "January 1, 1965" aus
Joseph Brodsky, Nativity Poems, Farrar, Straus and Giroux, New York 2001, page 9

© 01.01.2016 brmu

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letzter tag

dinge
von den ersten können
wir nichts wissen wie
auch
     von
          den
               letzten
                       nichts
                                 o
                           gilt
                     das
             auch
       für
tage
wir glauben lieben hoffen …
an im auf das nächste jahr
zweitausendundsechzehn

© 31.12.2015 brmu

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kinterliches winderlied

(für alle schneemänner)

schneeflöckchen, weißröckchen
wo bleibst du dies jahr’
du bleibst in den wölkchen
das ist doch nicht wahr

komm’ setz’ dich aufs fenster
wir sehen dich gern’
der winter, wo bleibt der
er ist uns noch fern

schneeflöckchen, du fehlst uns
nichts weißes bringt ruh’
wir laufen wie schlunz
braune erde am schuh’

schneeflöckchen, weißröckchen
komm’, wenn auch als hauch
wir kratzen mit stöckchen
oder schaufeln dich auch

aber wenn du nicht gleich fällst
dann sprießen die blum
durch die lande, da gellt es
der winter wässert 'rum

© 30.12.2015 brmu
nach dem Kinderlied „Schneeflöckchen, Weißröckchen“

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ein traum von baum

du spiegel deiner wurzeln,
verzweigungsmetapher,
bedeutungsblätterstrauß

der du immer noch stehst, ob
wohl im fallen du bist, ob
gleich ein Grass dort saß

sei nicht hohl und morschig
sei ein blättermächtiger
sei ein dichter vogelhort

baum, allein majestetisch,
souveränität gemeinsam über
all die menschenblödheit

© 08.12.2015 brmu

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lernen ad infinitum

(allen unermüdlichen gewidmet)

keine schande ist’s zu lernen
geht es auch mit frust und lärmen
letztlich ist das neue wissen
hilfreich - doch kein ruhekissen
denn die weisheit wieder sinkt
lernen dann von vorn beginnt

© 11.08.2015 brmu

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Heinrich böllert

Heinrich, man sagt, du seiest tot
schon seit dreißig Jahren, das
aber glaub’ ich nicht

in meinem regal da stehst du
aufrechten gangs und in
meinem kopfe böllert es

bringt mich diese welt mal
wieder so richtig zum kotzen:
von dir das aufrechte trotzen

heut’, vor jetzt dreißig jahren
ich mit dem wagen gen Köln
und hatte tränen in den augen

auf dem standstreifen wischte
ich mir deine hoffnung ins
gesichte zum weiteren fahren

danke, danke, danke

© 16.07.2015 brmu

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zehohzwo

und der alte lemmig sprach
erhob dabei sein haupt: er
wittere den rand der welt
:

so lasst uns nieder knien
rief er in die runde
und jetzo innehalten

wir müssen leider ziehn
ist die harte kunde
weil andre mächte walten

müssen lassen stahn
was uns so teuer ist
tornadofluten dräuen

denn wachstum war der wahn
mit haufenweise mist
vor dem wir nunmehr scheuen

ein gas wie das methan
aus dem arsch der rinder
vermischt sich in den lüften

aus kraftwerken entkam
das zehohzwo nicht minder
los jetzt, hoch die hüften

sie alle ab zum kliff
ganz unten tobt die see
die masse schiebt und drängelt

die ersten fall’n ins riff
der rest folgt peu-à-peu
so erde cool bemängelt

und der alte lemmig sprach
bedeckt dabei sein haupt: er
meide doch den rand der welt
.

© 26.05.2015 brmu

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Axel Kutsch 70*

ein hallo an Axel Kutsch
seine jugend, die ist futsch
seine liebe aber nicht
dazu, was ein jeder wicht
„diese lyrik“ nennen mag
aber keine ahnung hat
was das nun wirklich sei

lyrik, die ist ein besteck
das tranchieren ist ihr zweck
 - realitätseinschnitte -
bis hin zu kernes mitte
ja! damit erkennbar bleibt
welt, wo immer sie sich reibt
am huhn - und auch am ei

© 16.05.2015 brmu

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on the trip

(denen gewidmet)

die, die über den wassern wandeln
mit federn nach papieren angeln
und aphorismen dabei stammeln

die mit literatur anbandeln
wörter in texte flux verwandeln
zwischen buchdeckeln fest versammeln

um die, sagt man, muss es sich handeln
die mit der welt um wahrheit rangeln
wider alle, die sie verschandeln

© 14.05.2015 brmu

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