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schreibwahn im kahn

Das Schreiben hat für mich
also ein bisschen etwas Wahnhaftes.1

mag sein
das schreiben sollt‘ haben
etwas zahnhaftes
mit biss wider das dummdümpeln
etwas kranhaftes
mit blick über die denkwüsten
etwas bahnhaftes
auf gutem weg in offene weiten
etwas planhaftes
einzuordnen das selberdenken
etwas schwanhaftes
damit die ästhetik nicht verkommt
das schreiben sollt‘ nicht haben
etwas tranhaftes
wider die verplemperung von zeit

das schreiben hat für mich
also auch ein wenig kahnhaftes
zu rudern in Heraklits strudeln
auf der suche nach einem kolk
zwischen front- und rückendeckel

© 26.09.2019 brmu
1zitate aus: Kölner Stadt-Anzeiger v. 24.9.2019: Petra Pluwatsch im Gespräch mit Romy Hausmann anlässlich der Verleihung des Crime Cologne Awards: „Schreiben hat etwas Wahnhaftes“

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Juli Zeh bekennt:

Beim Schreiben von Romanen gilt für mich immer: erst schreiben, dann denken. Wenn ich einen Essay verfassen würde, wäre der Weg umgekehrt: erst denken und dann schreiben.1

© 18.08.2019 brmu
1zitate aus: PSYCHOLOGIE HEUTE 8/2019, Jenseits von Erfolg und Reichtum - Anne Otto interviewt Juli Zeh

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ge dicht

Dicht verdichtet das Gedicht,
schützt den Kern vor bösen Sinnen.
Schale, wenn der Kern durchbricht,
weis‘ der Welt ein dichtes Innen.1

schlicht vernichtet das gedicht
was im kern ist wider sinnen
g‘rade, wenn der kern durchbricht
sieht die welt sein wichtig innen

© 09.08.2019 brmu
1zitate aus: Hannah Arendt: Ich selbst, auch ich tanze – Die Gedichte, Piper 2015, s. 63, gedicht ohne titel

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erkenntnisse über das prosaschreiben:

Erstens, Details sind nicht nur nicht egal, Details sind alles. Wenn … eine Einzelheit nicht stimmt, hat die Geschichte als Ganzes einen Fehler; die Welt, die sie aufzubauen vorgibt, ist in sich nicht schlüssig. (132)

Prosa hat mit Sätzen zu tun, erzählende Prosa aber immer auch mit Bildern. Ein ganz und gar bildloses Erzählen, das wäre selbst als radikales Experiment gar nicht vorstellbar. Es geht also darum, diese Bilder zu sehen. (133)

Und seltsamerweise sind dann auch viel weniger Beschreibungen nötig, man kann im Visualisieren sparsamer sein als die so an Kleidung, Haartracht und Gesichtszügen interessiert Trivialliteratur, bei der es ja immer darum geht, die Beschreibung zunächst möglichst ausführlich zu erledigen, damit der Autor sich dann ungestört den Ereignissen widmen kann.

Also, die zweite ist ganz einfach. … Gute Literatur, …, müsse notwendig sein, sie müsse ein Element des Notwendigen haben…. Es muss immer ein Element existentieller Wahrheit geben, eine Berührung mit den Grundtatsachen unseres Daseins. Sie muß etwas über uns als Menschen sagen und über mich als den Schreibenden. (135)

Und drittens, … Ein Schriftsteller, …, schließt einen Pakt mit seinem Unterbewußten ab. Du, …, wirst jeden Tag aus deinen unergründlichen Tiefen irgendwelche Einfälle zutage fördern. Ich aber tue die eine Sache, die ich dazu tun kann, ich werde dasein. Ich werde täglich am Schreitisch sein und auf die warten. (135)

ich fasse mal zusammen: 1. detailtreue bildmächtigkeit / 2. relevanz für / resonanz mit der leserschaft / 3. passion zum kreativitätsfang

Ich fand Literatur immer am faszinierendsten, wenn sie nicht die Regeln der Syntax bricht, sondern die der Wirklichkeit. (137)

also noch viertens: kaleidoskop als anstoß zum selberdenken

© 23.07.2019 brmu
1zitate aus: Daniel Kehlmann: Lob über Literatur, Rowohlt 2010, seiten 132 -135

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lyrik: ideale literaturgattung

der Kölner Stadt-Anzeiger hat im jahre 2018 der lyrik eine bresche geschlagen mit der serie „Mein Kanon“. redaktionsmitglieder waren gebeten, ihre lieblingsgedichte zu erläutern. Anne Burgmer zog nun bilanz. daraus ein paar bemerkenswerte auszüge:

In unserer schnelllebigen Zeit, in der unserer Aufmerksamkeitsspanne angeblich kürzer ist als die eines Goldfischs, sind Gedichte eigentlich die perfekte Literaturgattung. … Manche kulturelle Bildungslücke lässt sich nur mit sehr viel Zeit schleißen. Gedichte machen es uns da leichter. … Gedichte sind zwar kleine Diven, die unserer Aufmerksamkeit einfordern, aber sie zwingen uns nicht zu einer stundenlangen Beschäftigung mit ihnen. Sie laden dazu ein. … Worte sind mächtig, ihre Verwendung beeinflusst unser Denken. Doch wir gehen im Alltag oft sehr lieb- und gedankenlos mit Sprache um. Auch da können Gedichte helfen, den Blick zu schärfen. … wer sich auf die Gattung [Lyrik] einlässt, hat einen wahren Schatz gefunden.“

was soll man da noch hinzufügen?

das ist keine scherz
jedes wort weckt,
jeder satz hackt,
jede strophe trackt
dein hirn und herz

© 31.12.2018 brmu
1zitate aus: Kölner Stadt-Anzeiger vom 31.12.2018, Kultur Seite 21, Anne Burgmer, „Manchmal Stiefkind, manchmal Diva“; mit erlaubnis der journalistin vom 10.1.2019 zitiert

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spruch75

wer glaubt,
ein dichter dichtet,
der glaubt auch, dass
ein schriftsteller
schriften stellt

© 19.09.2018 brmu

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metaduft der zwiebel

Grundsätzlich ist bei literarischen Texten von einer Vieldeutigkeit, einer grundsätzlich polysemen Struktur auszugehen. Hierüber entwickelt sich im Sinne von Frage und Antwort der produktive und im besten Falle dynamische Diskurs – und zwar zwischen Text und Leser.

In der scheinbaren Abwesenheit kohärenter Sinnkonstitution erzeugt ein Text, ob Lyrik, Prosa oder Drama, seinen eigenen Metatext, der sozusagen hinzugelesen wird und in literaturtheoretischen und –historischen, in ästhetischen und literaturpraktischen Debatten sehr schnell den Fokus der Auseinandersetzung bildet, hinter dem der gestaltete >eigentliche< Text verschwindet.

© 04.09.2018 brmu
gelesen in: Michael Lentz, Textleben – Über Literatur …, S.Fischer 2011, s. 25/26

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argwohn wider die literatur

Ich beargwöhne die Literatur, ja sogar die ziemlich präzisen Leistungen der Dichtung. Der Akt des Schreibens erfordert immer ein gewisses >Opfer des Intellekts<.  Man weiß zum Beispiel wohl, daß die Bedingungen der literarischen Lektüre unvereinbar sind mit einer äußersten Präzision der Sprache. Der Intellekt fordert gern von der Alltagssprache Vollkommenheiten und Reinheiten, die außerhalb ihrer Möglichkeiten sind. Aber selten sind die Leser, die ihr Vergnügen nur mit gespannten Geisteskräften finden. Wir gewinnen die Aufmerksamkeit einzig dank einiger Kurzweil, die wir bereiten; und diese Art von Aufmerksamkeit ist passiv.

© 27.08.2018 brmu
1zitat: Paul Valéry, Herr Teste, Suhrkamp 1965, Bibliothek Surhkamp Bd. 162, 8

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Bakker: schreiben muss versehentlich geschehen

der niederländische autor Gerbrand Bakker wohnt in der Eifel, betreibt einen eigenen blog und lässt sich in die schreibkarten schauen:

I.         Gestern habe ich das erste Stück Terrasse gepflastert, und das ist nicht einfach, weil die Steine unterschiedlich große sind. Heute wieder ein Stückchen, und morgen und übermorgen. Nicht zu eilig, es darf alles nicht zu schnell fertig werden, immer soll etwas liegenbleiben. In gewisser  Hinsicht wie beim Schreiben eines Romans: nie am Ende eines Schreibvormittags zu einem glatten Abschluss kommen; lieber ein paar Fäden lose lassen, um am nächsten Tag dort anzuknüpfen. Jahrelang bin ich bei Lesungen nach Gemeinsamkeiten zwischen dem Gärtnern und dem Schreiben gefragt worden. Viel mehr, als dass man im eigenen Text „nach Herzenslust jäten, schneiden und sägen“ könne, fiel mir nie ein. In Zukunft könnte ich noch hinzufügen, was ich hier über das Liegenlassen geschrieben habe.

II.        Viel offensichtlicher als eine Gemeinsamkeit zwischen Schreiben und Gärtnern ist in meinem Fall die Analogie zwischen Eisschnelllaufen und Schreiben. In dem Sinne, dass es mir unbeabsichtigt gelingen muss. Ich darf mit nichts rechnen, muss mit den Gedanken woanders sein, darf nicht das Buch der Bücher schreiben wollen. Im Grunde darf ich gar kein Buch schreiben wollen. Es muss versehentlich geschehen.

© 05/07.08.2018 brmu
aus: Gerbrand Bakker, Jasper und sein Knecht, Suhrkamp 2016,
zitat I von seite 240
zitat II von seite 306 (schrägdruck im original)

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Rafik Schami sagt:

                                      Wenn ein Ro-
mancier anfängt zu schreiben, er-
hebt sich ein Puzzlebild – aus sei-
ner Seele, seinen Gedanken, sei-
nen Erfahrungen und Träumen,
Ängsten und Hoffnungen beste-
hend - in die Luft wie ein fliegen-
der Teppich, und mit dem ersten
Satz zerfällt das Bild in tausend-
undein Puzzleteil, die sich in der
Seele der Protagonisten sammeln.
Da mehr, dort weniger. Unabhän-
gig vom Geschlecht der Helden.

© 23.07.2018 brmu
1zitat aus: Kölner Stadt-Anzeiger v. 23. Juli 2018, Angela Sommersberg im gespräch mit Rafik Schami anlässlich der verleihung des Gustav-Heinemann-Friedenspreises an ihn aufgrund seines romans „Sami und der Wunsch nach Freiheit“.

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die zehn gebote

42 Autor/innen wie Ulrike Draesner, Thomas Glavinic, Ulla Hahn, Michael Krüger, Dagmar Leupold, Harald Martenstein, Eva Menasse, Sten Nadolny, Ingrid Noll, Andrea Maria Schenkel, Kathrin Schmidt, Peter Stamm, Ilija Trojanow, Juli Zeh, sie alle verraten in einem kleinen, geheimen büchlein1 ihre zehn schreibgebote, mal im ernst, mal mit augenzwinkern. ich füge meine im halbvollen besitze meiner schwachen kräfte hinzu und vermute hiermit, sie ab und an zu befolgen:

  1. wem ich schreibe, das geht euch gar nichts an.
  2. was ich schreibe, das ist auf meinem mist gewachsen.
  3. wie ich schreibe, das geht auf meine weise.
  4. wo ich schreibe, das ist meine angelegenheit.
  5. wann ich schreibe, das soll euch nicht jucken.
  6. wieso ich schreibe, das binde ich euch nicht auf die nase.
  7. weshalb ich schreibe, das soll euch egal sein.
  8. warum ich schreibe, das geht nur mich ‘was an.
  9. wofür ich schreibe, das ist meine sache.
  10. woran ich schreibe, das werdet ihr schon sehen.

© 10.07.2018 brmu
1bezug: Zehn Gebote des Schreibens, DVA Verlag 2011

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der erste satz sitzt oder nicht

wahrlich, ich sage euch
der erste satz
wird nicht am end‘ geschrieben
nein, motor ist er für die wilde
fahrt durch den fluss der sätze
und beim letzten dann
geht’s auf neuanfang

„Camus hat mit seinem zwanghaften, nicht zu entmutigenden Autor wohl nicht vorrangig eine im Perfektionismus wurzelnde Schreibhemmung darstellen wollen, sonder die heroische und absurde Existenz eines Schriftstellers, der inmitten einer allgemeinen Kataststrophe wie der Pestepedemie an einem Ideal der Vollkommenheit festhält. … Wahrscheinlich deutet man Grands* Versagen sogar richtig, wenn man ihm unterstellt, er habe keine Vorstellung vom möglichen Fortschreiten des Textes gehabt oder sie sei so schwach gewesen, daß sie ihm über seinen Basteleien am ersten Satz verlorenging. So konnte dann auch dieser Satz keine notwendige, einleuchtende Form gewinnen. Denn ob ein erster Satz gelungen ist, zeigt sich nicht nur an ihm selbst, sonder an dem Werk, das aus ihm hervorgeht oder zumindest in ihm angetönt wird. Ein Anfang ist nur ein Anfang und muß als solcher beurteilt werden, also auch von dem her, was ihm folgt.“

aus: Dieter Wellershoff, Der Roman und die Erahrbarkeit der Welt, Kiepenheuer&Witsch 1988, essay „Anfangen zu erzählen und zum Ende kommen“ (477-519), hier: seite 483

*der autor Grand in dem roman von Albert Camus, Die Pest, als beispiel für den gescheiterten „ersten satz“.

© 10.07.2018 brmu

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ackerschollenaufbruch

wenn man bei moderner literatur
vom konkreten abstrahiert und
zum grundlegenden kommt dann
erkennt man die grundmuster
merkt man das immer währende
pflügen des endlosen ackers:
jetziges aus ewig gestrigem in
immer anderen wortkaskaden

(k)ein neues unter der alten sonne
überraschung und begeisterung
kommen aus der auslesung des
je neuen ackerschollenaufbruchs
auswurf der federnden spaten
beredter schriftsteller/-innen und
arglose leserwesen wühlen darin
wie würmer in der edlen scholle

© 09.10.2017 brmu

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alles muss raus

jener dichter so toll
schrieb und schrieb
hieb auf hieb
in die tastatur

ich frage ja nur
so dann und wann
wer’s raffen kann
was diese übung soll

© 23.09.2017 brmu

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gründe zu lesen

(dem lesekreis Brockmann in Brühl gewidmet.)

das lesen, das kann ich doch
die kosten, die trag‘ ich noch
bücher, die löschen neugier
leseruh‘, die schaff‘ ich mir
zeitaufwand: überschaubar
tagesgeschäft: ist doch klar
bleibt vom lesen unberührt
oder fast, wie‘s sich gebührt

das wird dich weiterbringen
das lesen lässt dich springen
zu neuen horizonten
kaum druck auf deine konten
meinung, die werd‘ ich schulen
nicht mit dem mainstream buhlen
lesen, ein wicht‘ger ansatz
schafft für wissen neuen platz

wahre pionierarbeit
im gestrüpp der dämlichkeit
im kampf contra dümmlichkeit
lesen macht allzeit bereit

unter digitalem joch
da beschützt das lesen noch
kannst analog im strome
treiben auf‘m bücherthrone
neuem horizonte zu
glatt in die erkenntnisruh‘

passionierte aber
zerlegen das gelaber
in trivialromanen
und sei es von den ahnen
und platter literatur
lesekreis wirkt wie 'ne kur

befreit vom ganz banalen
entschlackt  vom trivialen
lesen gute bücher wir
horizontverengung hier
wird kräftig überwunden
verständnis unumwunden
schaffen wir im lesekreis
uns macht keiner etwas weis
erweitern die rezeption
lesekompetenz mit krohn‘

lesen stählt in gegenwart
für zukünfte auch macht's hart
eins wird das ergebnis sein
die mustererkennung fein
literatur mit welten
die auch bei uns oft gelten
für deine lebenspraxis
in unserer galaxis

hab‘ den mut auf ein neues
muss ja nicht sein ein teures
buch für die visionen
du kannst auf ihnen thronen

© 01.08.2017 brmu

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essenz sein

Wie die Musik kann die Literatur uns aus unseren täglichen Strukturen herausziehen und zu unserer eigentlichen Menschlichkeit zurückbringen. Dem Gefühl davon, was es heißt zu existieren. Der Essenz des Seins. (82)

in der lesekapsel
im bücherorbit
da bist du allein
hier darfst du sein
tief in der essenz
vom leben an sich
und nichts müssen
und nichts sollen
und nichts wollen
nur lesen dürfen
tiefes tauchen
im wörtersee hier
kannst du mensch
sein im reinformat
bis luft du holen
musst konkret im
diesseitsleben -
husten, wir haben
ein problem

© 05.03.2017 brmu
1 zitat aus: Janne Teller, Komm, Hanser 2012. (seitenzahl)

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lyrik reinigt prosa

sprache sei nicht rhythmisch
per se
sie bedürfe der metrikerhilfe
okay
das nennen alle dichten
ach nee
der rhythmus aber steckt
im vers
die sprachgestaltung dann
so wär’s
im eleganten satze
kein scherz
und in der strophe gar
in erz
gegossene form am end

dichten also ist das
wörtersetzen
dichten ergo wird zum
bilderfetzen
wohltönend in dem hirn
der leser|in
die inn’re stimme klingt
die weberin
im metaphernsingsang

wie der hai den
putzerfisch
so der autor
dichter hat
den rhythmopoios1

© 05.03.2017 brmu
1 Friedrich Georg Jünger, Rhythmus und Sprache im Deutschen Gedicht, Cotta’s Bibliothe der Moderne, Bd. 63, Klett Verlag 1987, seite 19ff.

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gedicht nicht

mein gedicht ist dein gedicht
ist ein gedicht - oder nicht

gedankensplit in strophen
schon gar nichts für die doofen
verse voller metaphern
machen zu puren gaffern
die prosaisten alle
die spucken hoch die galle
aus ihrer wörter fluten
mensch, wir doch sind die guten

sein gedicht ist kein gedicht
ist scheingedicht- oder nicht
 
© 04.03.2017 brmu

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kuss muss

wenn der ruf berufung wird
wie beim rufer in der wüste
kann’s ein beruf leicht werden:
schriftsteller in der wörter
ew’gen permutation

was aber ist der „ruf“ denn nun
ich denk‘, die muse küsst geheim
von außen dich des nachts und
ruft nicht durch die gegend wie
die schreier auf dem markte tun

gewiss, die muse knutscht dich ab
doch muss das gar nichts heißen
wenn nicht der drang von innen
kömmt als selbstaufrufung an das
analoge des papiers vor dir

die neuen schwärmen auch von
digitalen tasten mit dem zaubertrick
worauf am flachen schirm sich
zeil‘ auf zeil‘ zu versen binden -
wie auch immer, kuss muss sein

© 18.02.2017 brmu

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literarische schreibe

einst wurden dichter von der muse geküsst
ein hinlänglich schwerschöner augenblick
im federbett der einsamen entrücktheiten

dann kam sendungsbewusstsein dazu
und der schriftsteller ward geborgen
auszustellen seine schriften hinter glas

worauf autoren um die ecke schlichen
zu zählen diese schriften umsatzmäßig
denn was die können, kann ich auch

so kam der epigone in die welt als
kopie von anderen und seiner selbst
endlos ist die bücherreih‘ im bord

jetzt aber schluss damit und
auf die unibank gesetzt in Kölle
ja, schreiben kann man studieren

denn als handwerk hat doch alles
begonnen mit keilen im ton
jetzt kommt ein laptop hinzu

zum schnelleren löschen oder
war noch etwas anderes dabei
ach ja, das unikat als frucht

des scharfen musenzungenkusses
elektrisch der schlag durch und durch
die entäußerung des eigenen seins

talent ist voraussetzung, spirit die
zündung zum brennenden genius
der rest: die literarische schreibe

am zentralen ort für die literatur
sagt die kulturministerin …

© 17.02.2017 brmu
zitat aus: KSTA v. 7.2.2017, K. Meier, Literarisches Schreiben studieren

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