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essenz sein

Wie die Musik kann die Literatur uns aus unseren täglichen Strukturen herausziehen und zu unserer eigentlichen Menschlichkeit zurückbringen. Dem Gefühl davon, was es heißt zu existieren. Der Essenz des Seins. (82)

in der lesekapsel
im bücherorbit
da bist du allein
hier darfst du sein
tief in der essenz
vom leben an sich
und nichts müssen
und nichts sollen
und nichts wollen
nur lesen dürfen
tiefes tauchen
im wörtersee hier
kannst du mensch
sein im reinformat
bis luft du holen
musst konkret im
diesseitsleben -
husten, wir haben
ein problem

© 05.03.2017 brmu
1 zitat aus: Janne Teller, Komm, Hanser 2012. (seitenzahl)

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lyrik reinigt prosa

sprache sei nicht rhythmisch
per se
sie bedürfe der metrikerhilfe
okay
das nennen alle dichten
ach nee
der rhythmus aber steckt
im vers
die sprachgestaltung dann
so wär’s
im eleganten satze
kein scherz
und in der strophe gar
in erz
gegossene form am end

dichten also ist das
wörtersetzen
dichten ergo wird zum
bilderfetzen
wohltönend in dem hirn
der leser|in
die inn’re stimme klingt
die weberin
im metaphernsingsang

wie der hai den
putzerfisch
so der autor
dichter hat
den rhythmopoios1

© 05.03.2017 brmu
1 Friedrich Georg Jünger, Rhythmus und Sprache im Deutschen Gedicht, Cotta’s Bibliothe der Moderne, Bd. 63, Klett Verlag 1987, seite 19ff.

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gedicht nicht

mein gedicht ist dein gedicht
ist ein gedicht - oder nicht

gedankensplit in strophen
schon gar nichts für die doofen
verse voller metaphern
machen zu puren gaffern
die prosaisten alle
die spucken hoch die galle
aus ihrer wörter fluten
mensch, wir doch sind die guten

sein gedicht ist kein gedicht
ist scheingedicht- oder nicht
 
© 04.03.2017 brmu

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kuss muss

wenn der ruf berufung wird
wie beim rufer in der wüste
kann’s ein beruf leicht werden:
schriftsteller in der wörter
ew’gen permutation

was aber ist der „ruf“ denn nun
ich denk‘, die muse küsst geheim
von außen dich des nachts und
ruft nicht durch die gegend wie
die schreier auf dem markte tun

gewiss, die muse knutscht dich ab
doch muss das gar nichts heißen
wenn nicht der drang von innen
kömmt als selbstaufrufung an das
analoge des papiers vor dir

die neuen schwärmen auch von
digitalen tasten mit dem zaubertrick
worauf am flachen schirm sich
zeil‘ auf zeil‘ zu versen binden -
wie auch immer, kuss muss sein

© 18.02.2017 brmu

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literarische schreibe

einst wurden dichter von der muse geküsst
ein hinlänglich schwerschöner augenblick
im federbett der einsamen entrücktheiten

dann kam sendungsbewusstsein dazu
und der schriftsteller ward geborgen
auszustellen seine schriften hinter glas

worauf autoren um die ecke schlichen
zu zählen diese schriften umsatzmäßig
denn was die können, kann ich auch

so kam der epigone in die welt als
kopie von anderen und seiner selbst
endlos ist die bücherreih‘ im bord

jetzt aber schluss damit und
auf die unibank gesetzt in Kölle
ja, schreiben kann man studieren

denn als handwerk hat doch alles
begonnen mit keilen im ton
jetzt kommt ein laptop hinzu

zum schnelleren löschen oder
war noch etwas anderes dabei
ach ja, das unikat als frucht

des scharfen musenzungenkusses
elektrisch der schlag durch und durch
die entäußerung des eigenen seins

talent ist voraussetzung, spirit die
zündung zum brennenden genius
der rest: die literarische schreibe

am zentralen ort für die literatur
sagt die kulturministerin …

© 17.02.2017 brmu
zitat aus: KSTA v. 7.2.2017, K. Meier, Literarisches Schreiben studieren

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literatura

literatur hat
gitternatur fällt
vieles durch und
durch ein spiel
mit worten auf
neutralem papier
im feuersturm

© 19.08.2016 brmu

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Kutsch in USA

in der bildungsstiftung „International Baccalaureate® (IB)“ in Bethesda, Maryland, US, ist eine entscheidung gefallen: man will das gedicht „Feier des Wortes“ als prüfungsstoff studenten der deutschen sprache vorlegen. warum ist das eine meldung wert?

kein gigant, kein genius oder olympier aus klassikers zeiten hat es geschrieben, sondern ein begabter mensch aus Bergheim, Axel Kutsch, autor und anthologist, der mit und für die lyrik lebt.

lyrik, jenes genre, das die meisten mit wegwerfender handbewegung mit marginalität abstempeln: das liest doch eh keiner. Kutsch ist da ganz anderer meinung, seine innige haltung zu diesem genre hat er litbiss im gespräch kund getan.

nun geschieht ein schritt der anerkennung weit über den deutschen sprachraum hinaus. das ist litbiss ein anlass, sich mit diesem gedicht näher zu befassen.

Feier des Wortes tritt fordernd und selbstbewusst auf, kein hauch von unterwürfigkeit und bittstellerei. der leser hat gefälligst haltung anzunehmen. gleich einer publikumsbeschimpfung fordert das gedicht die leserschaft auf, sich für das gedicht als solches vorzubereiten und für die richtigen rahmenbedingungen zu sorgen. wo hat man solches schon gelesen?

Kutsch’s gedicht mutet wie eine checkliste an. es ist provokant und sagt etwas über das selbstverständnis von lyrikern aus: keine unterwürfigkeit, sondern souveränität des wortkünstlers.

es ist so ungewöhnlich wie fordernd und grenzt sich mit seinem auftreten gegen die prosa als geschwätzigkeit ab. prosa kann man in jeder lebenslage konsumieren, lyrik bedarf des feierlichen eintretens, aber ohne Schuhe, mit gewaschenen Händen. der dreck von hand und fuß als schmutzmetapher der alltäglich platter gedanken soll außen vor bleiben, denn es findet eine feier statt. man ist an religiöse gebräuche erinnert, reinlichkeit vor dem heiligtum. lasche Einstellungen der Alltäglichkeit sollen dem gedicht nicht zusetzen.

der wohlklang der wortfeier, der liturgie der zeilen, harmonie von form und inhalt, soll in den Applaus als signal der resonanz mit dem korpus des gedichtes münden, und das in Respekt und Haltung. als Liederjan der straße wird man sich nicht in die mysterien des gedichtes einführen können.

und wenn diese resonanz eingetreten ist, dann kommt der impuls des redens über das erlebte. wir nennen es interpretation. dafür sei das übliche entfernt, die Zähne geputzt und der mund gespült. Mundgeruch ist fehl am platz, die üblichkeiten der tiefschürferei wissender interpretationen, das schlüpfen ins hirn des dichters, lebend oder tot, soll unterlassen sein.

der genuss am klang der worte, an der tonalität der zeilen, die anhörung des ganzen sei langsam erkundet, wider den hysterisch beschleunigten zeitgeist des raffens und gierens. ein ritual hilft: zeitentrückt sorge man für gedämpftes Licht. so kann man meditieren, wenn die regeln eingehalten werden. dann kommt zeile für zeile und bildet den klangkörper des gedichtes, den einen ton, in dem wir leser genießend aufgehen dürfen.

dies dank der kunst des lyrikers, denn er zentriert auf diesen punkt hin. der prosaist lässt laufen und laufen über hunderte von seiten. eine hatz von protagonist zu protagonist durch ein gewirr von handlungen. nur ab und an ein resonanter satz im textfeld der banalitäten.

möge Axel Kutsch noch lange das mauerblümchen lyrik begießen, möge den studenten sein gedicht eingehen und für sie gute noten erwirken – wenn sie denn genießen können.

wenn sie das gedicht von Sophie Rois im SRF hören wollen, klicken sie auf den titel und dann im neuen fenster auf den starter >.

Feier des Wortes
von Axel Kutsch

Bevor Sie dieses Gedicht betreten,
ziehen Sie sich bitte die Schuhe aus.
Sie werden vom Autor darum gebeten.
Sparen Sie am Ende nicht mit Applaus.

Haben Sie sich schon die Hände gewaschen?
Nein? Dann wird es aber höchste Zeit.
Begegnen Sie Dichtung nicht mit der laschen
Einstellung Ihrer Alltäglichkeit.

Was glauben Sie denn, wo Sie gerade weilen?
Hier findet eine Feier des Wortes statt.
Spüren Sie nicht den Wohlklang der Zeilen,
die der Autor für Sie geschrieben hat?

Da darf er ein bißchen Respekt verlangen.
Nehmen Sie gefälligst Haltung an.
Gerade sitzen! Nicht so durchgehangen
wie ein versoffener Liederjan.

Die Zähne sollten Sie sich auch noch putzen.
Ein Gedicht verträgt keinen Mundgeruch.
Oder geht es Ihnen darum, zu beschmutzen,
was Sie mehr fordert als ein Kalenderspruch?

Lesen Sie langsam. Nehmen Sie sich Zeit.
Sorgen Sie noch für gedämpftes Licht.
Sind Sie jetzt endlich soweit?
Dann genießen Sie dieses Gedicht.

© 22.07.2016 brmu
zitat des gedichtes aus: Axel Kutsch, Wortbruch, Ralf Liebe Verlag 1999 mit erlaubnis des autors; Kulturnotizen (KUNO): http://www.editiondaslabor.de/blog/?p=35411; Kölner Stadt Anzeiger vom 22.7.2016 „Gedicht aus Ahe als Prüfstoff in den USA“ von Dennis Vlaminck

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lyrisches

„Dichtung, einige Dichtung zumindest, muß nicht geschrieben sein, Romane müssen es.“ (44)

„Was skizziert werden muß, ist niederzuschreiben. Wenn das, was im Skizzenbuch steht, nur schnell notiert wurde, um nicht vergessen zu werden, damit es auf den richtigen Zusammenhang warten kann, in den es so wie es ist, gestellt wird, dann darf man sagen, ebendiese Juxtaposition oder Komposition ist die des Lyrischen.“ (45)

lyrisches, allzu lyrisches

da mach’ ich mir ’nen jux
daraus und lass das rumgedrux
so schreib’ ich nieder nix
skizzenbücher zu, aber fix!

© 01.06.2014 brmu / 634
aus Stanley Cavell, Der Anspruch der Vernunft, Suhrkamp verlag 2006, (seite)

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Billers definition

„Denn Wahrheit ist ein anderes Wort für Poesie, und der Schmerz, den sie beim Autor und bei den Lesern auslöst, verwandelt überhaupt erst die Worte in Literatur.“ *

* zitat aus dem artikel „Letzte Ausfahrt Uckermark“ von Maxim Biller in DIE ZEIT, no. 9 vom 20.2.2014, feuilleton seite 46

man kräuselt die augenbrauen: wird doch wahrheit land auf land ab als das aufklärende, faktisch richtige, beweisbare begriffen und poesie im gegenteil als die kreative, erbauliche erfindung. was haben beide denn gemeinsam, sie in worten äquivalent zu setzen? wahrheit als das dahinter liegende eines umstandes lässt sich sehr wohl mit poesie vergleichen, denn diese arbeitet mit hinter den worten liegenden bedeutungen. ergo: das wesensgleiche ist die nicht-offensichtlichkeit, der aufwand, an das zu kommen, was verdeckt ist.

über den schmerz als eine drastische körperliche form der resonanz, die sowohl worte der wahrheit als auch worte der poesie auslösen können, weist die brücke zum verständnis. gehen wir hinüber, finden wir literatur. nun hat die juristische literatur ihren eigenen charme und verschließt sich der laienhaften rezeption. desgleichen oft genug die anspruchsvolle poesie, die literatenliteratur und dort besonders die lyrik, die sich von der alltagssprache weit entfernt. der schmerz des (nicht-) verstehens wandelt die sattsam bekannten worte in literatur, die nach ihren eigenen regeln verstanden werden will. wer den schlüssel der dekodierung nicht findet, bleibt außen vor: vor wahrheit=poesie.

© 21.02.2014 brmu

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zeitlupenprosa

Poesie ist Prosa in Zeitlupe* meint
Baker, nicht der von der street
¡falsch! presst mein hirn dagegen
poesie nutzt worte im tiefgang
changierender bedeutungen
blitzt ins bild millisekunden=
schnell: nichts von langsamkeit
herre anthologist im flattersatz
der fehleinschätzung, aber der
rest liest sich annehmbar: Wenn
Sie etwas zu sagen haben, dann
sagen Sie es. … die Wahrheit
muss gleich auf den Tisch.*
so
sei es auch in dichterlaune

© 14.02.2014 brmu
* zitat aus: Nicholson Baker, Der Anthologist, C. H. Beck 2010, seite 7 und 15

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