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die drei "r"

Cher Albert, lange habe ich nun schon keinen brief an dich abgeschickt. je regrette, mais das hat einen grund: eine krankheit hat mich erwischt. c’est la vie. darum die pause, aber nun bin ich wieder fit und stürze mich erneut mit den anderen in dein werk.

anlässlich der schüler-demos „friday-for-future“ haben wir begonnen, uns mit den bedeutungsschalen deines revolte-begriffes zu befassen und wollen das an drei ausgewählten zitaten mal erfassen. obwohl du sie sicherlich noch in erinnerung hast oder sie schnell herbeizaubern kannst, schreibe ich sie lieber auf – sicher ist sicher.

Il ne suffit pas de vivre, il faut une destinée, et sans attendre la mort.1

La valeur, selon les bon auteurs, «représente le plus souvent un passage du fait au droit, du désiré au désirable (en général par l’intermédiaire du communément désiré».2

C’est la révolte qui est la mesure, qui l’ordonne, la défend et la recrée à travers l’histoire et ses désordres.3

damit hast du uns drei begriffe geliefert, die offensichtlich eine revolte in zaum halten sollen: destinée – valeur – mesure! darüber haben wir uns schon den kopf zerbrochen, was die übersetzungen ins deutsche anbelangt, denn wir denken ja nicht in deiner französischen sprachwelt.

zunächst gibt es zwei offizielle übersetzungen deiner werke aus den 50ger und 60ger Jahren des letzen jahrhunderts. beide stimmen in den übersetzungen der drei begriffe überein: destinée = schicksal; valeur = wert; mesure = maß. aber wir trauen uns auch zu, eigene bedeutungstransfers zu wagen: „destinée“ = berufung, bestimmung; „valeur“ = wert, bedeutung, gewichtigkeit und „mesure“ = (aus)maß, grenze. so versuchen wir aus heutiger sicht deine gedanken zu ergründen. diese sicht ist aber noch nicht ausdiskutiert, wir ringen noch miteinander.

die zusammenhänge der in der diskussion auftauchenden begriffe von revolte (empörung), rebellion (aufstand) und revolution (umsturz), nach meinem verständnis, habe ich dir schon mal in einer graphik skizziert. vielleicht hilft das, die übersicht zu bewahren, denn in solch philosophischen gesprächen kommt es leicht zu einem kuddelmuddel – ach, wie heißt das noch auf Französisch, ach ja: embrouillamini. es kommt also leicht zu einem embrouillamini und alle sind dann frustriert, weil man nichts kapiert.

 lb drei R

ich melde mich wieder, wenn wir über deine nicht leichten textzitate einen interpretatorischen konsens erarbeitet haben. wünsche mir etwas inspiration von dir, lieber Albert. salut!

© 18.07.2019 brmu
1Albert Camus, L’homme révolté, Gallimard folio essais 1988, page 328 - 2 ebda, page 29 – 3 ebda, page 376

Albert Camus, Der Mensch in der Revolte – Essays, rororo tb 22193, 32. auflage 2018,

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assistent of Sisyphus

Elyssa The Chase 2014

© 2014 Elyssa Sykes-Smith, Australia: ‘The Chase’,
recycled timber, sculpture by the Sea Bondi 2014

Albert, bislang dachte ich,
dein Sisyphus maloche allein,
sei glücklich, zu rollen den stein
rauf und runter die berge.

nun hat er wohl hilfe bekommen
vor dem meer zu retten den brocken.
ein sekundant tut neben ihm hocken.
ach ja, Daidalos, der fiel doch rein

ins meer; ist nun wieder an land
da geht er sklavisch dir zur hand
zu retten, was zu retten wäre
wenn nicht …

 

(dedicadet to Elyssa)

Albert, up to now, I thought
your Sisyphus is grafting alone,
beeing happy to move the stone
up and down the hills.

Now, he’s getting some help
to shelter the rock from the sea.
Who is the second man I see?
Oh yes, Daidalos has fallen down

into the sea - and now at land
he’s bearing him a hand quite slaved
to save, whatever can be saved,
unless …

© 30.12.2018 brmu
foto with permisson of Elyssa Sikes-Smith

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Albert Camus Archiv

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© 2018 foto brmu: Matthias Hüffe hat das Albert Camus Archiv – logo kreiert

es ist gut und horizonterweiternd, die werke von Albert Camus zu lesen und sich darüber im gespräch auszutauschen. das bedingt nicht nur seine werke zu kennen, sondern auch diejenigen jener menschen zu lesen, die profund über Camus nachgedacht, also wiederum selber werke geschrieben haben, die sogenannte sekundärliteratur.

ergo hat sich die Albert Camus Gesellschaft in Aachen (ACG) entschlossen, den start zu einem archiv zu wagen, in dem beides vertreten sein soll. nach überwindung all der organisatorischen und sonstigen anfangshürden kann nun ein erster erfolg vermeldet werden. herr Prof. Dr. Dr. Heinz Robert Schlette, philosoph und theologe, hat als erster seine private bibliothek in sachen Camus dem ACA zur verfügung gestellt. weitere werden folgen.

das wollen wir feiern, am Samstag, den 15 September 2018, um 18 Uhr. Dann wird das Albert Camus Archiv (ACA) im Institut Français in der Theaterstraße 67 in 52062 Aachen feierlich eröffnet.

wer die ACG kennen lernen will, der möge einfach vorbeischauen. Camus ist ein echter magnet des denkens in unserer wirren zeit der denkschwächen.

© 04.09.2018 brmu

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Jean Grenier hatte was

hallo Albert, jetzt sind wir ein wenig schlauer!

in der letzten gesprächsrunde in der Aachener-Camus-Gesellschaft haben wir von unserem mitglied Günter Sydow erfahren, welchen enormen einfluss dein gymnasiallehrer Jean Grenier auf dich mental ausgeübt hat und wie du dich dazu gestellt hast.

als du total down warst, wegen der diagnose „tuberkulose“, so mit 17 jahren, und nicht mehr in die schule gingst, was ich gut verstehen kann, da hat er sich um dich gekümmert, dich quasi ins leben zurückgeholt.

als vaterloser heranwachsender war das für dich wohl eine sehr erhebende erfahrung. und als dir drei jahre später sein buch „Die Inseln“ in die hände fiel, warst du hin und weggerissen. diktion und inhalt haben dich so nachhaltig begeistert, dass du sein in literatur gegossenes lebensgefühl, seine sicht des lebens, nennen wir es „philosophie“, übernommen hast. für eine spätere ausgabe hast du sogar einen sehr wohlwollenden prolog geschrieben.

ich erinnere dich an ein paar auffällige sätze von Grenier: Es existiert im ganzen Leben … ein Augenblick, der über alles entscheidet. … Ausgestreckt im Schatten eines Lindenbaumes betrachtete ich einen fast wolkenlosen Himmel, ich sah den Himmel aus dem Gleichgewicht geraten und ins Leere stürzen: Das ist mein erster Eindruck vom Nichts gewesen, und er war so lebhaft, dass ihm ein reiches und erfülltes Leben folgte. … Von der Empfindung des Unendlichen konnte ich mir noch keinen Begriff machen, ebenso wenig von der des Nichts. … Wie kommt es, dass ich mit einer derartigen Veranlagung gegenüber allem nicht indifferent gewesen bin? … Sieht man die Existenz in ihrer Größe, ist sie tragisch; sieht man sie von nahem, so ist sie in absurder Weise armselig. …Gegen meinen Willen komme ich vom Augenblick der Indifferenz zu dem der Wahl. … Da du schon einmal lebst, dann lebe auch! (Die verlockende Leere: 20-24)

was finden wir da nicht alles in deinen schriften so beeindruckend gespiegelt: absurdität des seins mit der sinnleere, wahl zur eigenen sinnsuche, entscheidung zur tat wider den anschein der vergeblichkeit, glück im tun trotz gleichgültigkeit der welt.

Aber ich will nicht behaupten, dass dieses geheimnisvolle Leben uns unbedingt bessert. Es ist eine Möglichkeit zu handeln, … Um ihre Ziele zu erreichen, verfügen die Menschen über viele Mittel, … Die Menschen, von denen ich spreche, sind davon überzeugt, dass … im allgemeinen alle konventionellen Unterschiede zwischen den Menschen nur eine lächerliche Komödie darstellen. Diese Überzeugung … ist … eine intellektuelle Revolte, der Ausdruck einer inneren Wut gegen die klägliche Rolle, die zu spielen des Menschen Schicksal ist und die er so ernst nimmt. ... Aber mitten in diesem elenden Zustand … gelangt man zu einer Wirklichkeit, die einen aus diesem Zustand herausreißt. Der Gedanke, dass wir dazu verurteilst sind,… absurde Aufgaben zu erfüllen, empört uns; … dann sehen wir ein, dass man nur durch Bescheidenheit zu Inspiration gelangen kann. (Die Kergueleninseln, 50-58)

Grenier hat dich also inspiriert und du warst ihm dankbar, wie aus deinem vorwort zu seinem buch „Die Inseln“ erkennbar ist. aber es gibt auch distanz, die man zwischen den zeilen lesen können muss. einer deiner späteren biografen, Michael Onfray, macht uns auf folgendes aufmerksam: Der Name > Jean Grenier < kommt kein einziges Mal vor, selbst dann nicht, wenn vom Gymnasium erzählt wird.“ (Michael Onfray, Im Namen der Freiheit, Knaus 2012:149). du hast leider wegen des tödlichen unfalls 1960 keine zeit gehabt, uns, deiner leserschaft, zu erläutern, warum-wieso-weshalb das so ist. wir dürfen also spekulieren. das will ich aber nicht, da gibt es berufenere.

mir ist wichtiger, und ich hoffe, das kommt deinen intentionen näher, dass sich offenbar in jungen jahren literarisch eine geistige befruchtung zwischen Jean Grenier und dir ergeben hat, eine schöne intertextualität.

es wäre eine gute tat, die gesamten werke von Jean Grenier ins deutsche übersetzen zu lassen und zu veröffentlichen. damit könnte die rezeption deiner werke auf breitere füße gestellt werden. oder man lernt eben deine sprache zu lesen.

© 17.05.2018 brmu
zitate aus Jean Grenier, Die Inseln und andere Texte, Verlag Karl Alber 2015

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Daoud trifft Camus

lieber Albert, so, nun habe ich die zusammenfassung des 16-seitigen vortragsmanuskriptes fertig und möchte es dir als anregung nicht vorenthalten:

als vorbereitung auf das thema der diskussion in deiner gesellschaft am 10. April des jahres, den vergleich deines werkes „Der Fremde“ und das des kollegen Kamel Daoud (K.D.), „Der Fall Meursault – eine Gegendarstellung“, habe ich eine aktuelle pressemeldung aus dem Kölner Stadt-Anzeiger vom 1.3. 2018 zitiert. ein ebenso absurder fall von mord. die realität lässt grüßen.

dann reibe ich mich an dem von dir benutzten begriff der „zarten Gleichgültigkeit der Welt“. er entstammt nach meinem verständnis vordergründig der menschlichen gefühlswelt. aber du nennst diese berühmte formel in einem atemzug mit „Zeichen und Sterne“, woraus ich schließe, dass es um mehr geht. es geht um die universalität des seins und seiner absurdität in toto und nicht nur um einzelschicksale. wir müssen die genannte „Gleichgültigkeit“ eher als neutralität ( = indifferenz) der welt verstehen, du wählst ja den begriff „indifférence du monde“. das erscheint mir passender: „die hintergründige neutralität der welt“, denn alle naturgesetze und –prinzipien sind immanent und inhärent, sie walten im von menschen nicht beeinflussbarem hintergrund.

nachdem ich also die bedeutung deines letzten satzes in „Der Fremde“ erweitert habe, komme ich auf das buch von K.D. zu sprechen. dem rumoren offensichtlich deine werke im kopfe herum, bis er sich befreit und seine gedanken literarisch dazu niederschreibt, dich öfters indirekt oder direkt zitierend. alles muss raus. da es klar ist, dass du die bezugsgröße bist, reden wir nicht von einem plagiat, wir reden von intertextualität, wie sie dein landsmann Roland Barthes verstanden hat. da er das motto vertrat, der autor sei tot, es lebe der leser, passt die situation - dich betreffend - optimal.

das buch von K.D. soll angeblich „eine Gegendarstellung“ sein, was ich nicht glaube. mir erscheint diese behauptung wie auch das lamento über die namenlosikeit des opfers deines protagonisten Meursault ein trick zu sein, aufmerksamkeit der leserschaft zu erheischen. ich bin darauf eingegangen und fand viele spiegelungen und ähnlichkeiten zu deinem buch. daher hätte aus meiner sicht der titel besser gelautet: Der Fall Meursault – eine Erkundung“. denn mir scheint, K.D. hat seine position zu deinem werk innerlich erkundet und das resultat notiert, aus seiner sicht der dinge. sein protagonist fühlte sich auch nicht als „Araber“, was soll also das gedöns um den namen? zu deiner info: „gedöns“ ist flachsprache und meint das sprachliche aufhebens von einer sache.

uns knallt also die individuelle gleichgültigkeit oder gefühlskälte als handlungmerkmal der protagonisten aus beiden werken vor dem hintergrund der absurdität der erfahrbaren welt und ihrer indifferenz in unterschiedlicher weise vor den latz. das ist erschreckend, weil ein zusammenleben der menschen untereinander wie säuretropfen verätzend. es kommt zu anlasslosen, unmotivierten, irren morden – nur mal so eben, und basta.

aber du lässt uns nicht im stich. du empfiehlst die innere revolte und die willentliche entscheidung gegen dieses zerstörerische gefühl. du regst an, den gesuchten sinn selber zu definieren, auf dass wir moralisch handeln. dein gedankengebäude ist gut für eine ethik, die das auch für leute nachvollziehbar macht, die nicht deine bücher gelesen haben. der rote faden wäre: absurdität macht angst, überwindung durch individuelle revolte, daraus sinngebungen für viele, das konsensfähig formulieren und zu einer übergeordneten ethik beschließen. dann können wir der absurdität unseres seins auch ohne selbstmord widerstehen.

abschließend möchte ich mal sagen, dass mich dein buch „Der Fremde“ echt zornig gemacht hat. ich frage mich, wie man so eine depripille auf das papier bringen kann. wenn ich nicht immer „Die Pest“ von dir danebengelegt hätte, dann hätte ich die lektüre eingestellt. schade nur, dass du nicht noch den dritten teil der motivation zur revolte, der liebe zu den menschen, hast ausformulieren können. da war der baum damals bei dem autounfall am falschen platze – aber das hat den baum nicht gestört, und zart war diese gleichgültigkeit sicher nicht.

© 16.04.2018 brmu
hinweis: wen das manuskript interessiert, der möge sich melden, s. impressum

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Camus - Daoud - treff

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Françoise Kaeppelin, "Bernhard", stift auf karte, 8 cm x 5 cm (während des vortrags)

lieber Albert, du wirst dich wundern, was diese kleine zeichnung für eine bewandtnis hat. ich hatte doch tatsächlich den mut, meine laienhaften gedanken zu dem buch von Kamel Daoud mit dem titel „Der Fall Meursault – eine Gegendarstellung“ und deinem „Der Fremde“ zusammen zu tragen und dann am 10. April 2018 den anwesenden mitgliedern der nach dir benannten gesellschaft in Aachen vorzutragen.

dabei berichtete ich anfangs, wie ich das tat: in abgeschlossener arbeitsatmosphäre wie unter einer glocke, auf der „Bitte nicht stören“ gestanden habe. das hat offenbar zu der obigen zeichnung angeregt. du siehst, wie ernst wir dich nehmen, auch wenn wir über andere bücher sprechen, die einen intertextuellen bezug zu deinen haben.

bei abschluss meiner persönlichen betrachtung oder erkundung der beiden bücher kam mir dieses gedicht noch in den sinn:

absurdistan

texte entblättern sich und wirken aus ihrer mitte
in meinem kopf, mal schnell, mal langsam, bitte:
öfters sogar in keiner weise, still ist‘s dann im hirn

sie wirken auf dich anders als auf mich und wenn nicht
so sind wir in holder resonanz miteinander, ganz dicht
gründen beziehungen im rausch der zweisamkeit

bis ein begriff uns wieder trennt, der bedeutung wegen,
bis sich jeder tief verrennt in der sinnsuche eben,
im labyrinth der interpretation: im absurden des seins

was aber ist absurdität denn anderes als das missen
von endgültigem wissenkönnen, denn wir heute wissen
als elemente des systems können wir es nicht begreifen

gleich dem zahnrad im wecker, das nur etwas ahnung
hat von sich und seinesgleichen und der verzahnung -
nur den sinn des weckers wird es nie ergründen

© 12.04.2018 brmu

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Camus' tiefgang

lieber Albert, das neue jahr ist gerade mal angebrochen und wir haben uns wieder intensiv mit deinen texten beschäftigt. es war eine sehr plurale diskussion und ich muss mich, meinem schwächlichen gedächtnis geschuldet, auf weniges konzentrieren.

ein satz von dir ist uns besonders durch den kopf gegangen: Es ist nicht leicht, der zu werden, der man ist und die eigene Tiefe auszuloten.1 das ist schwer verdaubare kost, weil man nicht einer werden kann, wenn man schon einer ist. man kann ein anderer werden als der, der man ist, das ist verständlich. vorausgesetzt, die übersetzung ist korrekt, mutest du uns hier einen scheinbar absurden satz zu.

aber es ist eben gut im team am tisch gemeinsam darüber nachzudenken. das macht die freude und den zugewinn solcher gesprächsrunden aus. das wirst du sicherlich auch zu deiner zeit so erfahren haben, obwohl du in den diskutierten texten aus „Hochzeit des Lichts“ oft und sehr dezidiert von dir allein ausgehst, deine empfindungen, deine sicht der welt, deine hoffnungen.

in der gestrigen runde fanden wir einen anderen ansatzpunkt der interpretation, weg vom grammatikalischen konstrukt. wir machten ein gedankenexperiment und nahmen an, dein satz sei eine botschaft in form eines wortbildes. metaphern sind ja ein beliebtes merkmal von literatur, halten sie lebendig über die zeiten, weil die metaphern immer wieder neu mit bedeutung aufgeladen werden können und somit enträtselungsmaterial darstellen. bestimmt ein bewusster trick von dir. wenn nicht, so melde dich mal auf diesem wege und widersprich!

also, wir helfen uns mit dem nebensatz weiter, der davon spricht, die eigene Tiefe auszuloten. da fällt einem der alte brunnen ein, an dessen grund etwas ist, das gelotet oder geangelt werden kann. oben am rand steht „ich“, der man ist, unfertig und erkenntnissüchtig und man angelt und angelt. man will etwas aus der tiefe nach oben befördern, hat aber keine ahnung, was.

nun kommt dein kryptischer hinweis: es kann nur das sein, was man bei vollendung der selbsterkenntnis schließlich wäre. du drückst das dynamisch futuristisch aus: der zu werden, der final zu werdende. meinst du das etwa teleologisch? das kann ich mir nicht vorstellen, denn das würde ja bedeuten, dass im brunnen mein >ich< fix und fertig in einzelteilen modelliert vorliegt, nur von mir noch zusammengesetzt werden muss. die ganze arbeit an mir selber nur dazu da wäre, eine wie auch immer vorgefertigte schablone auszufüllen. ich protestiere, ja ich revoltiere dagegen!

Es ist nicht leicht, dir in diesem satz zu folgen. also brauchen wir einen anderen ansatz. wir gehen jetzt retrospektiv an die sache heran. du setzt das faktum, man ist, und deutest an, dass zu diesem zustand eine mühevolle entwicklung nötig ist. diese entwicklung bedeutet, der zu werden, der man ist. da stimme ich völlig mit dir überein. es ist verdammt nicht leicht, eine persönlichkeitsentwicklung, manche sagen sozialisierung, zu erdulden. das elternhaus, die schule, die universität oder das unternehmen und viele mehr, alle wollen einfluss nehmen, bilden, zu fähigkeiten und fertigkeiten hinzerren.

und das trifft dann womöglich auf einen, der nur lesen will, deine werke zum beispiel, und daraus auf dem resonanzwege etwas für sich destillieren will. denn die total spannende frage ist doch, was ist noch in dem brunnen, in der eigenen tiefe? leider wird einem das nur spärlich bewusst. zum beispiel, wenn man hier und da mal einen satz liest wie deinen und dann darauf wie elektrisiert anspringt. resonanz kann nur entstehen, wenn ein resonanzkörper vorhanden ist, etwas, das durch etwas anderes in schwingung gerät. huste mal neben einem gut gestimmten klavier, du wirst dich wundern, wie das mithustet in allen oktaven. in diesem falle: ohne klavier keine resonanz. in deinem falle: ohne die tiefe keine entwicklung der persönlichkeit.

was also könnte die Tiefe sein? was ist der brunnen und was ist in ihm zu finden? auf jeden fall dein ganzes werk, dieses meer von sätzen im lichte deiner zeit, die potenzielle resonanzauslöser sein können. man muss sie nur lesen, selber – oder wenigstens zuhören, wenn gelesen wird. und man muss bereit sein, sich von deinen sätzen berühren zu lassen. da ist es gut, sich in einer Albert Camus Gesellschaft in Aachen zu tummeln.

jetzt erlaube ich mir noch eine ganz persönliche anmerkung, bitte verzeih.

ich glaube, dass dir dieser satz mitten aus der seele entschlüpft ist wie ein gebrochenes geheimnis, eher ungewollt, vom lektorat übersehen. der zu werden, der du als journalist, literat, philosoph für deine mitwelt gewesen bist und für uns heutige weiterhin bist, das war für dich wohl nicht leicht. deine obsessive raucherei war ein beredtes zeichen davon. die eigene Tiefe auszuloten, das kann manchmal sogar ganz schön erschrecken. du hast es geschafft und uns mit deiner sicht der welt ein zeichen gesetzt, diese absurde situation mit innerer revolte gegen die verzweiflung zu meistern. dank sei dir.

© 10.01.2018 brmu
1 zitierter satz aus: Albert Camus, Hochzeit des Lichts, Verlag der Arche 1957, 10

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