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Albert Camus Archiv

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© 2018 foto brmu: Matthias Hüffe hat das Albert Camus Archiv – logo kreiert

es ist gut und horizonterweiternd, die werke von Albert Camus zu lesen und sich darüber im gespräch auszutauschen. das bedingt nicht nur seine werke zu kennen, sondern auch diejenigen jener menschen zu lesen, die profund über Camus nachgedacht, also wiederum selber werke geschrieben haben, die sogenannte sekundärliteratur.

ergo hat sich die Albert Camus Gesellschaft in Aachen (ACG) entschlossen, den start zu einem archiv zu wagen, in dem beides vertreten sein soll. nach überwindung all der organisatorischen und sonstigen anfangshürden kann nun ein erster erfolg vermeldet werden. herr Prof. Dr. Dr. Heinz Robert Schlette, philosoph und theologe, hat als erster seine private bibliothek in sachen Camus dem ACA zur verfügung gestellt. weitere werden folgen.

das wollen wir feiern, am Samstag, den 15 September 2018, um 18 Uhr. Dann wird das Albert Camus Archiv (ACA) im Institut Français in der Theaterstraße 67 in 52062 Aachen feierlich eröffnet.

wer die ACG kennen lernen will, der möge einfach vorbeischauen. Camus ist ein echter magnet des denkens in unserer wirren zeit der denkschwächen.

© 04.09.2018 brmu

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Jean Grenier hatte was

hallo Albert, jetzt sind wir ein wenig schlauer!

in der letzten gesprächsrunde in der Aachener-Camus-Gesellschaft haben wir von unserem mitglied Günter Sydow erfahren, welchen enormen einfluss dein gymnasiallehrer Jean Grenier auf dich mental ausgeübt hat und wie du dich dazu gestellt hast.

als du total down warst, wegen der diagnose „tuberkulose“, so mit 17 jahren, und nicht mehr in die schule gingst, was ich gut verstehen kann, da hat er sich um dich gekümmert, dich quasi ins leben zurückgeholt.

als vaterloser heranwachsender war das für dich wohl eine sehr erhebende erfahrung. und als dir drei jahre später sein buch „Die Inseln“ in die hände fiel, warst du hin und weggerissen. diktion und inhalt haben dich so nachhaltig begeistert, dass du sein in literatur gegossenes lebensgefühl, seine sicht des lebens, nennen wir es „philosophie“, übernommen hast. für eine spätere ausgabe hast du sogar einen sehr wohlwollenden prolog geschrieben.

ich erinnere dich an ein paar auffällige sätze von Grenier: Es existiert im ganzen Leben … ein Augenblick, der über alles entscheidet. … Ausgestreckt im Schatten eines Lindenbaumes betrachtete ich einen fast wolkenlosen Himmel, ich sah den Himmel aus dem Gleichgewicht geraten und ins Leere stürzen: Das ist mein erster Eindruck vom Nichts gewesen, und er war so lebhaft, dass ihm ein reiches und erfülltes Leben folgte. … Von der Empfindung des Unendlichen konnte ich mir noch keinen Begriff machen, ebenso wenig von der des Nichts. … Wie kommt es, dass ich mit einer derartigen Veranlagung gegenüber allem nicht indifferent gewesen bin? … Sieht man die Existenz in ihrer Größe, ist sie tragisch; sieht man sie von nahem, so ist sie in absurder Weise armselig. …Gegen meinen Willen komme ich vom Augenblick der Indifferenz zu dem der Wahl. … Da du schon einmal lebst, dann lebe auch! (Die verlockende Leere: 20-24)

was finden wir da nicht alles in deinen schriften so beeindruckend gespiegelt: absurdität des seins mit der sinnleere, wahl zur eigenen sinnsuche, entscheidung zur tat wider den anschein der vergeblichkeit, glück im tun trotz gleichgültigkeit der welt.

Aber ich will nicht behaupten, dass dieses geheimnisvolle Leben uns unbedingt bessert. Es ist eine Möglichkeit zu handeln, … Um ihre Ziele zu erreichen, verfügen die Menschen über viele Mittel, … Die Menschen, von denen ich spreche, sind davon überzeugt, dass … im allgemeinen alle konventionellen Unterschiede zwischen den Menschen nur eine lächerliche Komödie darstellen. Diese Überzeugung … ist … eine intellektuelle Revolte, der Ausdruck einer inneren Wut gegen die klägliche Rolle, die zu spielen des Menschen Schicksal ist und die er so ernst nimmt. ... Aber mitten in diesem elenden Zustand … gelangt man zu einer Wirklichkeit, die einen aus diesem Zustand herausreißt. Der Gedanke, dass wir dazu verurteilst sind,… absurde Aufgaben zu erfüllen, empört uns; … dann sehen wir ein, dass man nur durch Bescheidenheit zu Inspiration gelangen kann. (Die Kergueleninseln, 50-58)

Grenier hat dich also inspiriert und du warst ihm dankbar, wie aus deinem vorwort zu seinem buch „Die Inseln“ erkennbar ist. aber es gibt auch distanz, die man zwischen den zeilen lesen können muss. einer deiner späteren biografen, Michael Onfray, macht uns auf folgendes aufmerksam: Der Name > Jean Grenier < kommt kein einziges Mal vor, selbst dann nicht, wenn vom Gymnasium erzählt wird.“ (Michael Onfray, Im Namen der Freiheit, Knaus 2012:149). du hast leider wegen des tödlichen unfalls 1960 keine zeit gehabt, uns, deiner leserschaft, zu erläutern, warum-wieso-weshalb das so ist. wir dürfen also spekulieren. das will ich aber nicht, da gibt es berufenere.

mir ist wichtiger, und ich hoffe, das kommt deinen intentionen näher, dass sich offenbar in jungen jahren literarisch eine geistige befruchtung zwischen Jean Grenier und dir ergeben hat, eine schöne intertextualität.

es wäre eine gute tat, die gesamten werke von Jean Grenier ins deutsche übersetzen zu lassen und zu veröffentlichen. damit könnte die rezeption deiner werke auf breitere füße gestellt werden. oder man lernt eben deine sprache zu lesen.

© 17.05.2018 brmu
zitate aus Jean Grenier, Die Inseln und andere Texte, Verlag Karl Alber 2015

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Daoud trifft Camus

lieber Albert, so, nun habe ich die zusammenfassung des 16-seitigen vortragsmanuskriptes fertig und möchte es dir als anregung nicht vorenthalten:

als vorbereitung auf das thema der diskussion in deiner gesellschaft am 10. April des jahres, den vergleich deines werkes „Der Fremde“ und das des kollegen Kamel Daoud (K.D.), „Der Fall Meursault – eine Gegendarstellung“, habe ich eine aktuelle pressemeldung aus dem Kölner Stadt-Anzeiger vom 1.3. 2018 zitiert. ein ebenso absurder fall von mord. die realität lässt grüßen.

dann reibe ich mich an dem von dir benutzten begriff der „zarten Gleichgültigkeit der Welt“. er entstammt nach meinem verständnis vordergründig der menschlichen gefühlswelt. aber du nennst diese berühmte formel in einem atemzug mit „Zeichen und Sterne“, woraus ich schließe, dass es um mehr geht. es geht um die universalität des seins und seiner absurdität in toto und nicht nur um einzelschicksale. wir müssen die genannte „Gleichgültigkeit“ eher als neutralität ( = indifferenz) der welt verstehen, du wählst ja den begriff „indifférence du monde“. das erscheint mir passender: „die hintergründige neutralität der welt“, denn alle naturgesetze und –prinzipien sind immanent und inhärent, sie walten im von menschen nicht beeinflussbarem hintergrund.

nachdem ich also die bedeutung deines letzten satzes in „Der Fremde“ erweitert habe, komme ich auf das buch von K.D. zu sprechen. dem rumoren offensichtlich deine werke im kopfe herum, bis er sich befreit und seine gedanken literarisch dazu niederschreibt, dich öfters indirekt oder direkt zitierend. alles muss raus. da es klar ist, dass du die bezugsgröße bist, reden wir nicht von einem plagiat, wir reden von intertextualität, wie sie dein landsmann Roland Barthes verstanden hat. da er das motto vertrat, der autor sei tot, es lebe der leser, passt die situation - dich betreffend - optimal.

das buch von K.D. soll angeblich „eine Gegendarstellung“ sein, was ich nicht glaube. mir erscheint diese behauptung wie auch das lamento über die namenlosikeit des opfers deines protagonisten Meursault ein trick zu sein, aufmerksamkeit der leserschaft zu erheischen. ich bin darauf eingegangen und fand viele spiegelungen und ähnlichkeiten zu deinem buch. daher hätte aus meiner sicht der titel besser gelautet: Der Fall Meursault – eine Erkundung“. denn mir scheint, K.D. hat seine position zu deinem werk innerlich erkundet und das resultat notiert, aus seiner sicht der dinge. sein protagonist fühlte sich auch nicht als „Araber“, was soll also das gedöns um den namen? zu deiner info: „gedöns“ ist flachsprache und meint das sprachliche aufhebens von einer sache.

uns knallt also die individuelle gleichgültigkeit oder gefühlskälte als handlungmerkmal der protagonisten aus beiden werken vor dem hintergrund der absurdität der erfahrbaren welt und ihrer indifferenz in unterschiedlicher weise vor den latz. das ist erschreckend, weil ein zusammenleben der menschen untereinander wie säuretropfen verätzend. es kommt zu anlasslosen, unmotivierten, irren morden – nur mal so eben, und basta.

aber du lässt uns nicht im stich. du empfiehlst die innere revolte und die willentliche entscheidung gegen dieses zerstörerische gefühl. du regst an, den gesuchten sinn selber zu definieren, auf dass wir moralisch handeln. dein gedankengebäude ist gut für eine ethik, die das auch für leute nachvollziehbar macht, die nicht deine bücher gelesen haben. der rote faden wäre: absurdität macht angst, überwindung durch individuelle revolte, daraus sinngebungen für viele, das konsensfähig formulieren und zu einer übergeordneten ethik beschließen. dann können wir der absurdität unseres seins auch ohne selbstmord widerstehen.

abschließend möchte ich mal sagen, dass mich dein buch „Der Fremde“ echt zornig gemacht hat. ich frage mich, wie man so eine depripille auf das papier bringen kann. wenn ich nicht immer „Die Pest“ von dir danebengelegt hätte, dann hätte ich die lektüre eingestellt. schade nur, dass du nicht noch den dritten teil der motivation zur revolte, der liebe zu den menschen, hast ausformulieren können. da war der baum damals bei dem autounfall am falschen platze – aber das hat den baum nicht gestört, und zart war diese gleichgültigkeit sicher nicht.

© 16.04.2018 brmu
hinweis: wen das manuskript interessiert, der möge sich melden, s. impressum

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Camus - Daoud - treff

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Françoise Kaeppelin, "Bernhard", stift auf karte, 8 cm x 5 cm (während des vortrags)

lieber Albert, du wirst dich wundern, was diese kleine zeichnung für eine bewandtnis hat. ich hatte doch tatsächlich den mut, meine laienhaften gedanken zu dem buch von Kamel Daoud mit dem titel „Der Fall Meursault – eine Gegendarstellung“ und deinem „Der Fremde“ zusammen zu tragen und dann am 10. April 2018 den anwesenden mitgliedern der nach dir benannten gesellschaft in Aachen vorzutragen.

dabei berichtete ich anfangs, wie ich das tat: in abgeschlossener arbeitsatmosphäre wie unter einer glocke, auf der „Bitte nicht stören“ gestanden habe. das hat offenbar zu der obigen zeichnung angeregt. du siehst, wie ernst wir dich nehmen, auch wenn wir über andere bücher sprechen, die einen intertextuellen bezug zu deinen haben.

bei abschluss meiner persönlichen betrachtung oder erkundung der beiden bücher kam mir dieses gedicht noch in den sinn:

absurdistan

texte entblättern sich und wirken aus ihrer mitte
in meinem kopf, mal schnell, mal langsam, bitte:
öfters sogar in keiner weise, still ist‘s dann im hirn

sie wirken auf dich anders als auf mich und wenn nicht
so sind wir in holder resonanz miteinander, ganz dicht
gründen beziehungen im rausch der zweisamkeit

bis ein begriff uns wieder trennt, der bedeutung wegen,
bis sich jeder tief verrennt in der sinnsuche eben,
im labyrinth der interpretation: im absurden des seins

was aber ist absurdität denn anderes als das missen
von endgültigem wissenkönnen, denn wir heute wissen
als elemente des systems können wir es nicht begreifen

gleich dem zahnrad im wecker, das nur etwas ahnung
hat von sich und seinesgleichen und der verzahnung -
nur den sinn des weckers wird es nie ergründen

© 12.04.2018 brmu

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Camus' tiefgang

lieber Albert, das neue jahr ist gerade mal angebrochen und wir haben uns wieder intensiv mit deinen texten beschäftigt. es war eine sehr plurale diskussion und ich muss mich, meinem schwächlichen gedächtnis geschuldet, auf weniges konzentrieren.

ein satz von dir ist uns besonders durch den kopf gegangen: Es ist nicht leicht, der zu werden, der man ist und die eigene Tiefe auszuloten.1 das ist schwer verdaubare kost, weil man nicht einer werden kann, wenn man schon einer ist. man kann ein anderer werden als der, der man ist, das ist verständlich. vorausgesetzt, die übersetzung ist korrekt, mutest du uns hier einen scheinbar absurden satz zu.

aber es ist eben gut im team am tisch gemeinsam darüber nachzudenken. das macht die freude und den zugewinn solcher gesprächsrunden aus. das wirst du sicherlich auch zu deiner zeit so erfahren haben, obwohl du in den diskutierten texten aus „Hochzeit des Lichts“ oft und sehr dezidiert von dir allein ausgehst, deine empfindungen, deine sicht der welt, deine hoffnungen.

in der gestrigen runde fanden wir einen anderen ansatzpunkt der interpretation, weg vom grammatikalischen konstrukt. wir machten ein gedankenexperiment und nahmen an, dein satz sei eine botschaft in form eines wortbildes. metaphern sind ja ein beliebtes merkmal von literatur, halten sie lebendig über die zeiten, weil die metaphern immer wieder neu mit bedeutung aufgeladen werden können und somit enträtselungsmaterial darstellen. bestimmt ein bewusster trick von dir. wenn nicht, so melde dich mal auf diesem wege und widersprich!

also, wir helfen uns mit dem nebensatz weiter, der davon spricht, die eigene Tiefe auszuloten. da fällt einem der alte brunnen ein, an dessen grund etwas ist, das gelotet oder geangelt werden kann. oben am rand steht „ich“, der man ist, unfertig und erkenntnissüchtig und man angelt und angelt. man will etwas aus der tiefe nach oben befördern, hat aber keine ahnung, was.

nun kommt dein kryptischer hinweis: es kann nur das sein, was man bei vollendung der selbsterkenntnis schließlich wäre. du drückst das dynamisch futuristisch aus: der zu werden, der final zu werdende. meinst du das etwa teleologisch? das kann ich mir nicht vorstellen, denn das würde ja bedeuten, dass im brunnen mein >ich< fix und fertig in einzelteilen modelliert vorliegt, nur von mir noch zusammengesetzt werden muss. die ganze arbeit an mir selber nur dazu da wäre, eine wie auch immer vorgefertigte schablone auszufüllen. ich protestiere, ja ich revoltiere dagegen!

Es ist nicht leicht, dir in diesem satz zu folgen. also brauchen wir einen anderen ansatz. wir gehen jetzt retrospektiv an die sache heran. du setzt das faktum, man ist, und deutest an, dass zu diesem zustand eine mühevolle entwicklung nötig ist. diese entwicklung bedeutet, der zu werden, der man ist. da stimme ich völlig mit dir überein. es ist verdammt nicht leicht, eine persönlichkeitsentwicklung, manche sagen sozialisierung, zu erdulden. das elternhaus, die schule, die universität oder das unternehmen und viele mehr, alle wollen einfluss nehmen, bilden, zu fähigkeiten und fertigkeiten hinzerren.

und das trifft dann womöglich auf einen, der nur lesen will, deine werke zum beispiel, und daraus auf dem resonanzwege etwas für sich destillieren will. denn die total spannende frage ist doch, was ist noch in dem brunnen, in der eigenen tiefe? leider wird einem das nur spärlich bewusst. zum beispiel, wenn man hier und da mal einen satz liest wie deinen und dann darauf wie elektrisiert anspringt. resonanz kann nur entstehen, wenn ein resonanzkörper vorhanden ist, etwas, das durch etwas anderes in schwingung gerät. huste mal neben einem gut gestimmten klavier, du wirst dich wundern, wie das mithustet in allen oktaven. in diesem falle: ohne klavier keine resonanz. in deinem falle: ohne die tiefe keine entwicklung der persönlichkeit.

was also könnte die Tiefe sein? was ist der brunnen und was ist in ihm zu finden? auf jeden fall dein ganzes werk, dieses meer von sätzen im lichte deiner zeit, die potenzielle resonanzauslöser sein können. man muss sie nur lesen, selber – oder wenigstens zuhören, wenn gelesen wird. und man muss bereit sein, sich von deinen sätzen berühren zu lassen. da ist es gut, sich in einer Albert Camus Gesellschaft in Aachen zu tummeln.

jetzt erlaube ich mir noch eine ganz persönliche anmerkung, bitte verzeih.

ich glaube, dass dir dieser satz mitten aus der seele entschlüpft ist wie ein gebrochenes geheimnis, eher ungewollt, vom lektorat übersehen. der zu werden, der du als journalist, literat, philosoph für deine mitwelt gewesen bist und für uns heutige weiterhin bist, das war für dich wohl nicht leicht. deine obsessive raucherei war ein beredtes zeichen davon. die eigene Tiefe auszuloten, das kann manchmal sogar ganz schön erschrecken. du hast es geschafft und uns mit deiner sicht der welt ein zeichen gesetzt, diese absurde situation mit innerer revolte gegen die verzweiflung zu meistern. dank sei dir.

© 10.01.2017 brmu
1 zitierter satz aus: Albert Camus, Hochzeit des Lichts, Verlag der Arche 1957, 10

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was Meursault meinte

lieber Albert, gestern ist mir eine verrückte sache passiert.

ich hocke mitternachtsschlaflos in meinem bett und lese einen dialog von F. v. Schirach und A. Kluge[1] über Voltaire und sein eingreifen in die affaire Jean Calas, die sich in den sechziger jahren des achtzehnten jahrhunderts abgespielt hat. vielleicht hast du zu deinen lebzeiten mal davon gehört. das erste fehlurteil (vollstrecktes todesurteil gegen Calas), das in Frankreich nachträglich aufgehoben wurde.

in diesem gespräch simmelliert Alexander Kluge vor sich hin: Wir wohnen auf einem Planeten zusammen. Doch der Kosmos ist kalt und uns gegenüber vermutlich gleichgültig. Das ist der Grund für Herzenswärme. (72)

ein hammer ist das! der spruch hat mich elektrisiert, weil ich glaube, nun endlich deinen mir bislang unverständlichen gedanken des Meursault[2] über „ die zärtliche Gleichgültigkeit der Welt“ (114) verstehen zu können.

bislang revoltierte ich gegen dich und dachte mir: wie kann gleichgültigkeit denn zärtlich sein, so offensichtlich im widerspruch zu üblichem empfinden? sie kommt uns menschen immer so kalt rüber bis zum schüttelfrost. und dein protagonist Meursault ist dann auch ein gefühlloser, kalter fisch, völlig indifferent zu der ihn umgebenden mitwelt. das wird ihm in deinem buch auch letztlich im gericht zum verhängnis. da ich das mir unverständliche nicht dir in die schuhe schieben wollte, habe ich das adjektiv „zärtliche“ für einen übersetzungsfehler gehalten. zärtlichkeit ist doch ein ausdruck von herzenswärme, mit der man beglückt wird, und nicht indifferenz.

aber du bist ja ein literat gewesen, verzeih’, wenn ich das in der vergangenheitsform ausdrücke, hattest dir etwas dabei gedacht. deine texte leben weiter. sie existieren und entfalten ihre wirkung – auch wenn sie im regal stehen, sie arbeiten weiter im kopf, wenn man sie einmal gelesen hatte. doch ich fand und fand keinen zugang zu diesem widerspruch. legte alles kopfschüttelnd zur seite - und jetzt diese sätze in einem völlig anderem buch! ein amboss ist das!

ich stand also auf des nachts und suchte im regal deinen französischen originaltext[3], um das verständnisproblem endlich einmal aus dem kopf zu kriegen. dort heißt es: … devant cette nuit chargée de signes et d‘étoiles, je m’ouvrais pour la première fois à la tendre indifference du monde. (84)

ist vom gleichen oder gar demselben die rede? meintest du es so, dass trotz der gleichgültigkeit der welt - du hast sicherlich das universum gemeint - zu allem und jedem, sich der mensch zum anderen menschen zärtlich verhalten kann, wenn er es will – quasi eine revolte gegen die basale, universelle gleichgültigkeit?

und warum hast du den Meursault denn so idiotisch schießen lassen, zum mörder werden lassen, als hätte er weder hirn noch herz in der mediterranen sonnenhelle? sollte seine tat die absurdität, die brutalität der gleichgültigkeit der welt darstellen? Meursault fühlte sich ja im einklang mit dieser indifferenten welt. wenn es so ist, dann verstehe ich auch die gleichgültigkeit, mit der er den tod seiner mutter und schließlich seine todesstrafe hinnimm. Meursault fühlt sich glücklich, weil er sich im einklang mit dem universum wähnt: De l‘éprouver si pareil à moi, si fraternel enfin, j’ai senti que j’avais été heureux, et que je l’étais encore. (84) wie schön für ihn, wie hässlich für uns.

aber was bedeutet das denn für das zusammenleben der anderen menschen auf dieser blauen kugel im universum? können wir uns leisten, uns „glücklich“ im einklang mit der gleichgültigkeit der welt zu fühlen? jegliche ethische norm würde schwinden, denn es ist bekannt, dass sich ein der um- und mitwelt abträgliches verhalten, das nicht gerügt, gestoppt und geahndet wird, rasant verstärkt. unterlassene hilfeleistung zum beispiel. und ein das zusammenleben in dieser welt förderndes verhalten, das nicht gelobt, bestärkt und belohnt wird, schwindet dahin. am ende dröhnt die hölle. dem universum ist das völlig egal. das klimaproblem ist ihm völlig schnuppe, krieg und frieden sind ihm völlig gleichgültig, Gayas ende auch.

aber uns menschen darf das nicht egal sein, schon aus einem selbsterhaltungstrieb heraus. wir brauchen die revolte gegen diese indifferenz. wir brauchen beides, die zärtlichkeit des herzens (Jesus von Nazareth hatte sie gefordert) und den gesunden menschenverstand der aufklärung (Voltaire hatte sie gestartet), der uns ethische regeln auferlegt. ist das die essenz deines buches? heißt der Meursault deswegen „Der Fremde“, weil er mit seiner unzärtlichen, ja geradezu weltallkalten gleichgültikgeit, für die er ja auch büßen muss, auf unserer blaue-kugel-erdenwelt ein fremder sein und bleiben soll?

ich nehme es so erleichtert auf und lege dein buch versöhnt neben mich.
am heutigen morgen wurde ich geweckt mit dem erstaunten ausruf: du liest Camus des nachts?

© 13.12.2017 brmu


[1] Ferdinand von Schirach u. Alexander Kluge, Die Herzlichkeit der Vernunft, Luchterhand 2017
[2] Albert Camus, Der Fremde, Fischer Bibliothek1957
[3] Albert Camus, L’Etranger, Diesterweg 1972

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Caligula, das ekelpaket

sehr geehrter herr Camus,

in unserem letzten diskussionskreis, indem Klaus Blode uns das theaterstück "Caligula" in der nach dir benannten Albert Camus Gesellschaft in Aachen nahe brachte, habe ich dort mit unguten gefühlen gesessen. immer wieder fragte ich mich, wie man als autor so einen abschaum zu papier bringen könne!?

gut, du hast ende der dreißiger jahre des letzten jahrhunderts sicherlich einen anderen menschenverächter übelster sorte namens Hitler heran nahen sehen. vielleicht hat dich das zu diesen kruden zeilen in dem theaterstück „Caligula“ animiert. vielleicht musstest du so, quasi therapeutisch, dich an geist und seele reinigen, in dem du aus der römischen vergessenheit eine patologische figur herauf  beschworen hast. vielleicht wolltest du vor augen führen, wohin es führt, wenn die absurdität des sinnfreien lebens nicht auf dem boden von konsensualen werten erfahren wird. mann, noch während ich das schreibe, würgt es mich. verstehst du jetzt meine förmliche anrede? ich bin distanziert.

dieser Caligula war also ein römischer kaiser oder besser gesagt ein potentat ohne jegliche humanität im geist, ein wahnsinniger, der sich dank seiner ihm attributierten macht austoben wollte und konnte, bis, ja bis es allen endlich zu viel wurde und er umgelegt wurde. als leser denkt man: recht so - und ist darüber erschrocken. wolltest du genau das erreichen, diese bloßlegung der eigenen, im innersten verborgenen ansätze von caligulanismus, den kannibalismus der humanität? wir neigten dazu, das so zu sehen: das werk und seine würgende wirkung.

was du als autor mit uns noch nach gut achtzig jahren mit deinem text anstellst, das ist unfassbar! wie kann jemand, der vom mediterranen licht schwärmt, so ein theaterstück in die welt schreiben? und doch, das muster ist leider nur zu gut bekannt: erst ein ganz normaler, fast liebenswerter mensch (Caligula), ein plötzliches, einschneidendes erlebnis (tod der Drusilla) hat innerhalb von drei tagen (!) ein krasses trauma zur folge, danach das rapide abgleiten in die ethisch-geistige umnachtung eines völlig skrupellosen kaisers.

das hat für andere die schlimmsten folgen: entehrung, enteignung, entmenschlichung, tod und verderben. und der pathologische Caligula freut sich mit den toten über sein krankes hirn, das ihm die macht über die ohnmacht, über die sinnleere, über das absurde vorgaukelt. dabei wissen wir längst, dass auch das reine fiktion1 ist. hier dreht sich die katze immer schneller im kreis, sich dabei in den schwanz verbeißend.

jedoch erhält er, der abscheuliche möchtegern-übergott, Friedrich Nietzsche lässt mit Zarathustra grüßen, sich einen funken zynischer selbstkritik. das habe ich in der diskussion im kreis der interessierten gelernt. Caligula als symbol des machtmissbrauches schlechthin, der posiert vor einem großen spiegel, erkennt seine visage und zertrümmert den typen im spiegel mit seinem schemel, eine art vorweg genommener selbstmord, zu dem er aber zu feige ist. der wird dann endlich von anderen ausgeführt.

eine last fällt von uns leser/-innen. der kann nichts mehr anrichten, denkt man. aber er musste beseitigt werden, das ist das drama. denn die tatsache der brutalen gegenwehr beschwört die frage herauf, was mit den verkappten Caligulas, die ihr unwesen in unserer heutigen welt treiben, denn sei? die können noch mehr mit weniger aufwand anrichten. die moderne waffentechnik bedarf nur noch weniger knöpfe, um die ganze welt ins dunkel der vergessenheit zu schicken. auch das ist absolut absurd in unserem absurdistan.

monsieur Camus, das alles ist äußerst beunruhigend und hat nichts anheimelndes an sich. scheinbar ist ihnen aber im laufe der jahre die brisanz ihres spiegelnden textes aufgegangen. und dafür bin ich ihnen sehr dankbar, wirklich.

in der serie der absurditätswerke reißt uns ihr dr. Rieux aus „Die Pest“ endlich aus der tristess der falsch verstandenen und erlebten absurdität heraus. denn ihn veranlasst die sinnleere nicht zum irrsinn, sondern zu einer entscheidung! nämlich der, sich normal menschlich, hilfsbereit und sinn stiftend zu verhalten. das ist die wahre souveränität, die den speziesnamen „homo sapiens“ verdient. nicht die eines Caligula, der als armseliger wicht am tropf der kaisermacht hing und dort auch schnell verging. 

nun habe ich mich abreagiert, lieber Albert, es geht mir besser. du merkst, ich bin schon wieder netter zu dir. aber es war auch wirklich ein parforce-ritt durch meine gefühlswelt, gar sehr erschröcklich.

und dann, vielleicht zu spät, ist mir ein trick von dir aufgefallen. du schreibst aus dem munde des Caligula schalkhaft: Sei nicht überrascht. Ich mag die Literaten nicht und kann ihre Lügen nicht ertragen.“ (26) wenn das keine volte ist, die realität der welt als lüge zu bezeichnen, dann weiß ich es auch nicht. und wenn man nach der volte dann wieder auf dem boden der realität aufschlägt, dann hältst du uns, deine leserschaft, wie dem Caligula den spiegel per theatertext vor! alles nur absurdes theater oder theater im absurden?

prüfe sich ein jeder, wie viel Caligula in ihm stecke – und es behaupte keiner, da sei gar nichts! dank sei dir, verehrter Albert, für diese sensibilisierung.

© 08.11.2017 brmu
Albert Camus, Dramen, Rowohlt 1997, (seitenzahl in klammern)
1 Gert Scobel, Der fliegende Teppich - Eine Diagnose der Moderne, Fischer Verlag 2017

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du liebst dein land|nicht

ach, Albert, warum hast du dich mit dem wagen fahren lassen, damals, statt mit dem zug zu reisen? was hättest du uns noch alles zu bedenken geben können! uns, die wir irrende narren sind. kleine briefe bergen oft große gedanken. so auch deine vier mahnenden briefe1 an einen imaginären freund aus Deutschland. ich las sie, weil wir uns wieder in der Albert Camus Gesellschaft Aachen getroffen hatten, um darüber zu sprechen, und möchte dir als deutscher fan schreiben, was hängen geblieben ist:

du schriebst von dir selber: wenn der verfasser dieser briefe„wir“ sagt, heißt das … „wir freien Europäer“. … Jeder Leser, der die Briefe an einen deutschen Freund in diesem Sinne liest, als ein Zeugnis des Kampfes gegen die Gewalt, wird mir zubilligen, daß ich auch heute noch zu jedem Wort stehen darf. das darfst du, bei allem, was der menschheit heilig ist, denn sie haben sich aus ihrem zeitbezug gelöst und wirken auch zwei generationen nach ihrem erscheinen immer noch sezierend.

dem tumben vorwurf von der straße, Sie lieben Ihr Land nicht, kommentieren sie, lieber Albert, entschieden. Wenn ich heute an diese Worte denke, würgt mich etwas in der Kehle. ja, so geht es mir auch heute, deine briefe lesend, denn diese so genannte liebe des so genannten vaterlandes ist gnadenlos ausgrenzender art auf verachtende weise der so ausgegrenzten, einem aufgeklärten Europa abgrundtief unwürdiges fühlen und denken. Ins Feuer rennen hat nicht viel zu bedeuten, wenn man sich seit jeher darauf vorbereitet hat und das Rennen selbstverständlicher ist als Denken. ich erlaube mir die präzision: skeptisch selber denken, denn demagogie hat auch ihre denkarbeit.

Denn es steckt immer etwas in uns, das sich dem Instinkt überläßt, der Verachtung des Geistes, der Anbetung der Tüchtigkeit. Wir werden schließlich unserer großen Tugenden müde. Wir schämen uns des Geistes und träumen zuweilen von einem glückseligen Barbarentum, das uns eine mühelose Wahrheit schenkte. wie wahr! einfache rezepte und schlichtes design für die komplexität des weltgefüges, danach lechzen alle im globalen dorf. aber die gibt es nicht zu kaufen - und es wird sie nie geben. das wusstest du, mon cher Albert, das dürfen wir nicht vergessen. was es gibt, wird der stete kampf sein gegen die lüge der einfachheit.

und auch da bist du realist, wenn du sagst: Ich habe nie an die Macht der Wahrheit an sich geglaubt. Aber es ist schon viel, wenn man weiß, daß bei gleichen Kräfteverhältnissen die Wahrheit stärker ist als die Lüge. soweit folge ich dir. aber wenn du meinst, dieses mühsame Gleichgewicht haben wir erreicht, so bin ich anderer ansicht. diesbezüglich, auch nach zwei generationen abstand, müssen wir uns dazu bekennen, außer einem europäischen markt für denkschwache konsumenten, nur ethisch beschriebene papiere erreicht zu haben.

Das Bekenntnis, das ich Ihnen ablegen will, wird es Ihnen zweifellos am besten beweisen. Während dieser ganzen Zeit, da wir hartnäckig und schweigend nur unserem Land dienten, haben wir eine Idee und eine Hoffnung nie aus den Augen verloren, sie stets in uns lebendig erhalten: Europa. und du ergänzt, jener Boden, auf dem sich seit zwanzig Jahrhunderten das erstaunliche Abenteuer des menschlichen Geistes abspielt. Es ist eine einzige Arena, in der der Kampf des abendländischen Menschen gegen die Welt, gegen die Götter, gegen sich selber, heute den Höhepunkt seines wilden Wogens erreicht. das wogen der schlauchboote voller menschen, Albert, die besser leben wollen, ist im sprichwörtlichen sinne seewärts zu finden, vor den häfen Europas, wo wir dich sinnentstellend zitieren: unser Europa ist nicht das eure.

wir müssen uns besinnen auf den kontinuierlichen prozess, den du prophezeit hast: Europa muss immer geschaffen werden. das ist eine frucht, die nicht aus göttlichen spären in den schoß der menscheit fällt. der grund ist einfach, den du auch mutig bekennst: Ich glaube weiterhin, daß unserer Welt kein tieferer Sinne innewohnt. Aber ich weiß, daß etwas in ihr Sinn hat, und das ist der Mensch, denn er ist das einzige Wesen, das Sinn fordert. Diese Welt besitzt zumindest die Wahrheit des Menschen.

und dann, lieber Albert, wirst du zeitlos deutlich, nicht als journalist, nicht als politischer mensch, nicht als literat, nein, als philosoph – und dafür bin ich dir tief verbunden. Aber während ich euer entsetzliches Benehmen richte, werde ich daran denken, daß ihr und wir von der gleichen Einsamkeit ausgegangen sind, daß ihr und wir und ganz Europa die gleiche Tragödie des Geistes erleben.

typisch philosophisch kommst du dann auf das universale dilemma jeder ethik zu sprechen und legst ein bedingungsloses bekenntnis ab, vor dem ich meinen hut ziehe: Und euch zum Trotz werde ich euch den Namen Mensch nicht absprechen. Wenn wir unserem Glauben treu sein wollen, sind wir gezwungen, das in euch zu achten, was ihr bei den anderen nicht achtet.

ja, trotzig den zumutungen von außen und von innen widerstehen, was für eine aufgabe menschheitlicher entwicklung. und du bist kein phantast, sondern ein tiefer realist, wenn du revoltig anfügst: Wir können nicht anfügen, daß wir keine Angst hätten, wir würden nur versuchen, uns zu beherrschen. Aber wir können gewährleisten, nichts zu hassen. ein großes wort, verehrter Albert, vor dem ich mich verbeuge, denn hass ist die alles zersetzende säure im ethischen handeln, im hass nimmt alles die farbe hässlicher taten an.

hass macht blass, dann leer, dann tot – keine basis für Europa.

© 19.10.2017 brmu
1 Albert Camus, Kleine Prosa, darin: Briefe ab einen deutschen Freund, seiten 77-98, zitate aus den vier briefen im schrägdruck.

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Maîtrejean inspiriert Camus

lieber Albert,

in dieser woche haben wir im Logoi Aachen einen erhellenden vortrag von Lou Marin über deine begegnung mit madame Rirette Maîtrejean gehört. LM hat ein profundes wissen, das er auch in seinem buch ausführlich niedergelegt hat und es uns beredt erläuterte.

er berichtete uns, dass ihr anfang der vierziger jahre im letzten jahrhundet des letzten jahrtausends euch in einer zeitungsredaktion kennen gelernt habt und du, offenbar angeregt durch die dramatische lebensgeschichte von Rirette, viele schlussfolgerungen in dein werk „Der Mensch in der Revolte“ hast einfließen lassen.

ich versuche mal zu verstehen, was sache ist, und verzeih mir, wenn ich daneben liege.

die teilnahme an der gesellschaft erfordert ständige wachsamkeit und gegenseitigen respekt. jede/r gesellschaftsteilnehmer/in hat sich so zu verhalten, dass kein/e andere/r geschädigt, gefährdet oder mehr, als nach den Umständen unvermeidbar, eingeschränkt oder behindert wird. du erkennst von deiner hohen warte aus sicherlich die ähnlichkeit zur deutschen stvo §1.

da sind offenbar grenzen angedeutet, gegen die man auch anrennen, revoltieren könnte. du schreibst dazu: Was ist der Mensch in der Revolte? Ein Mensch, der nein sagt. … Was ist der Inhalt dieses „nein“? Es bedeutet zum Beispiel „das dauert mir schon viel zu lange“, „bis hierher und nicht weiter“, „er nimmt sich zu viel heraus“, „es gibt eine Grenze, die er nicht überschreiten darf“. Im Ganzen genommen behauptet dieses Nein das Vorhandensein einer Grenze. … Es kann keine Revolte geben ohne das Gefühl, selbst irgendwie und irgendwo recht zu haben.[1]

und da geht das theater schon los. wenn die, die meinen, für sie seien grenzen überschritten, unethisch handeln und willkürliche attentate ausüben, dann entwickelt sich das, was du auch schon terror genannt hast.

was die grenze nun sei, das kann in aufgeklärten gesellschaften per konsens definiert, deren überschreitung mit mitteln desselben konsenses sanktioniert werden. da gefühle oft trügen, haben sich solche gesellschaften instanzen erschaffen, die einerseits die objektiven markmale jener grenzen definieren (gesetzgebung) und andererseits deren überschreitung sanktionieren (polizei). damit das alles sauber abläuft, gibt es noch die unabhängige instanz der juristerei. es ist also ein gebot des auskömmlichen zusammenlebens, sich in den prozess der konsensbildung einzubringen, ja hineinzustemmen, damit sich die eigenen gefühle beruhigen.

nun, lieber Albert, hast du dich in deinem revolte-buch ausgiebig mit den so genannten anarchisten aus dem anfang des letzten jahrhunderts des letzten jahrtausends beschäftigt, vermittelt durch die vielen gespräche mit Rirette.

die selbstherrlichkeit jener anarchisten der verschiedensten couleur ist schockierend, weil die verhaltensmuster so zeitnah sind, definieren sie doch nach eigenem gusto, was ihre grenzen sind. da die anderen diese grenzen vermeintlich überschreiten, darf man sie dann einfach gezielt oder diffus in der menge töten. kalkulierter mord aus arroganz, aus ignoranz, aus intolleranz! mord aus wahn aller arten! alles eine dystopie-orgie.

die prompte gegenwehr besteht einerseits aus dem anwachsen von sorge, furcht, angst der bedrohten mitglieder einer gesellschaft und andererseits die forcierung der bekämpfung des terrors, wobei dann die grenzen der freiheit für die gesellschaft, dies nolens volens geduldet, eingeschränkt werden. der terror des wahns einzelner bewirkt also letzlich das, was für sie vorgeblich schon sei: unfreiheit, unterdrückung. wenn solch bedrohte gesellschaften nicht rechtzeitig aufwachen, dann finden sie sich tatsächlich in einem zustand der gefangenschaft engster grenzen wieder. quelle desastre.

was tun? revoltieren! Rirette hat entgegen dem zeitgeist die gewalt als mittel der veränderung, der grenzverschiebung verdammt und in der eigenen sozialen nische dieser anarchisten damaliger zeit den mut gehabt, entschieden und offen dagegen zu halten.

sie hat das getan, was du, lieber Albert, später in essayistische worte gefasst hast: sie hat revoltiert, „nein“ gesagt. das leben spielt billard. da kullern zwei kugeln auf dem grünen filz aneinander, es klickt und schon haben sich die impulse der kugeln verändert. das ist auch wohl mit dir geschehen, denn ich glaube, dein wichtiges buch über die revolte verdanken wir solchen klicks.

und es ist besonders heute so wichtig, weil es zeitlos eine systemimmanente art der bedrohung gesellschaftlichen zusammenlebens durch den menschen beschreibt und auch die möglichkeit, den anfängen zu wehren. du schreibst:

Die sich dem Irrationalen zuliebe in die Geschichte stürzen und ausrufen, daß sie keinen Sinn hat, begegnen dort der Knechtschaft und dem Terror und gelangen von dort aus in die Welt der Konzentrationslager. Die sich in die Geschichte stürzen und ihre absolute Vernünftigkeit predigen, begegnen dort der Knechtschaft und dem Terror und gelangen von dort aus in die Welt der Konzentrationslager.[2]

es ist offensichtlich, dass extreme positionen in das gleiche drama führen. deswegen halte ich deine worte für ein plädoyer ausgewogenen handelns. das gefühl mag ein auslöser sein, die vernunft ist die einzige chance, die auswirkungen zu befrieden. und ausgewogenheit kann man nur erlangen, in dem alle mitglieder einer gesellschaft, kritische wie gläubige, die möglichkeit haben, an der konsensbildung in der gesellschaft mitzuwirken. ich füge hinzu: auch die ethische pflicht haben!

denn da man nicht allen alles recht machen kann, muss die kultur der mehrheitsmeinung und der tolerenz der minderheitsmeinung aufrecht erhalten werden, sofern die minderheiten nicht mord und totschlag verüben.

aber was rede ich, lieber Albert, du wirst es in deinem himmel der denker schon längst die weisheit als integralen bestandteil des seins kennen: revoltiere im kopf, mäßige deine rede und dein geändertes tun entspreche dem menschenmaß. was aber ist das menschenmaß?  das wissen, dass ich nichts gewisses wissen kann!

© 25.05.2017 brmu

 


[1] Albert Camus, Der Mensch  in der Revolte, Rowohlt 1953, s. 18

[2] Albert Camus, Der Mensch in der Revolte, Rowohlt 1953, s. 250

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das leben riskieren - wofür?

hallo Albert, du bist immer noch in.

um dich und den werk versammeln sich die unterschiedlichsten menschen und wollen ausloten, was du uns noch heute sagen kannst. da sind vorträge auch eine gute basis, geordnet zu diskutieren.

eine von uns, die Marlene Olbrich, hat jetzt am 2. Mai einen vortrag gehalten mit dem thema, wie viel sicherheit der mensch bräuchte. es war nicht einfach, denn sie hat den level hoch angesetzt, was dir sicherlich kein kopfweh bereiten wird, aber ich musste lange grübeln.

dein konkurrent Jean-Paul Sartre soll gemeint haben, der mensch werde „in die welt geworfen“, eine hübsch geschwollene redewendung dafür, dass der mensch nicht gefragt wird, ob er überhaupt in die welt wolle. er ist es einfach, und basta. damit er aber nicht sofort auf die nase fällt, „ent-werfe“ er sich, er fantasiert sich also sein leben zusammen.

jetzt wissen wir, woher literatur kommt!

bei diesem akt der allmählichen selbsterfindung, die an sich ja absurd ist, wird normalerweise verantwortung übernommen. und da sind wir dann bei dir, lieber Albert, und deinem konsequenten arzt Dr. Bernard Rieux, ein Sisyphos wider die pest. aber lass uns noch etwas über den begriff verantwortung simmelieren.

die vorsilbe „ver“ ist der springende punkt. ver-antwortung meint, zu der sache mit all seinen fragen stehen zu müssen, auch wenn es keine antworten mehr gibt. „ver“ meint eine intensivierung, die besonders wichtige suche nach antwort(en). wenn man keine findet, droht ungemach, dann wird man zur verantwortung gezogen, nicht von göttern, sondern von mitmenschen.

der in die welt geworfene mensch also ist für sich und andere in generi verantwortlich, ob er will oder nicht. wenn er das erkennt, könnte er sich durch selbsttötung dieser welt, dieser verantwortung entziehen. aber, cher Albert, das ist nicht dein ding!

du willst, dass das alles erkannt wird und dann eine entscheidung fällt. stimmt’s? trotz aller absurdität klare verantwortung im weiterleben übernehmen und diesem weiterleben sinn geben.

das kann auch schief gehen, es beinhaltet ein risiko des scheiterns. man muss also das leben an sich riskieren. das macht unangenehme gefühle, etwa wie sorge, furcht, angst, panik. in dieser reihenfolge verlässt uns auch der sonst hilfreiche verstand immer mehr. wir brauchen mut, gegen diese ängste anzuleben.

den mut schöpfen wir auch aus deinen werken, das muss mal gesagt werden!

der schweizer autor Adolf Muschg hat mal geschrieben, der mensch fange da an, wo die sicherheit aufhöre. wer sich im absurden, bar jeder sicherheiten, sinnhaft bewährt, der ist zum wahren menschen geworden. der tod ist dann nur noch eine zeitliche zäsur. mit dieser erkenntnis wird man immun gegen jegliche art von seelenfängern.

© 12.05.2017 brmu

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ich revoltiere, ergo sum

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Aus dem Lesezeichen der Albert Camus Gesellschaft Aachen

Cher Albert,

gestern hatten wir wieder eine anregende diskussion über dein werk und die damit  verbundenen prinzipien. es ist nicht leicht, die bedeutung der von dir verwendeten begriffe klar im kopf zu haben. gerne verwechselt man deine „revolte“ (se revolter) mit einer rebellion oder gar revolution. wer deine schriften kennt, der wird die letzten beiden als sozial-politische begriffe nicht dir zuschreiben.

ich hoffe, ich verstehe es recht, wenn ich behaupte, dass du unter revolte eine nach innen, in das individuum gerichtet veränderung meinst. dahin, wo unser gewissen steckt. es handelt sich dabei um eine motivationale veränderung. es werden einstellungen und damit haltungen bestimmten äußeren umständen gegenüber geändert. die revolte ist demnach intrinsisch.

da die haltung des individuums sich durch die revolte ändert, kann dies als signal oder vorbild bei anderen gewertet werden und ähnliche veränderungen nach sich ziehen. daraus wird das „wir“ gleichgesinnter.

die beiden anderen begriffe hingegen sind nach außen gerichtet, in die politische welt hinein. sie haben umstürzlerische bedeutung. die rebellion meint einen aufstand einer menge mit diversen mitteln gegen einengende oder unzumutbare zwänge, die auf die einzelnen mitglieder (individuen) der menge ausgeübt werden.

Jean Ziegler hat das als einen „Aufstand des Gewissens“ bezeichnet. seine rede, resp. schrift spielte auch eine rolle in unserer diskussion. Ziegler ist der festen überzeugung, dass durch die kraft, ja sehnsucht der individuen zum besseren in gemeinsamer anstrengung eine rettung der welt möglich ist, die zurzeit von mächtigen prinzipien beherrscht wird: markt, wachstum, börse.

diese rebellion (aufstand) kann plötzlich ein zündfunke für einen flächenbrand sein, der in die ungezügelte revolution der massen mündet, in der sich eine ganze gesellschaftsschicht, ein ganzes volk gegen macht ausübende despoten beispielsweise erhebt.

lieber Albert, du hast dich immer gegen diese massenerhebungen gewendet, weil alle, egal auf welcher seite, blut an den händen haben werden. das ist nicht deine ethische basis eines handelns in absurdistan. jeder einzelne muss sich entscheiden, wie du es in „Die Pest“ beschrieben hast. entscheidet er sich für das leben, so möge er ohne dank oder lohn und ohne ansehn der person hilfe leisten nach seinen möglichkeiten.

ich nenne das die „körnige ethik“. die grundlage des guten tuns wird nicht homogen per dekret, per gesetz, per gottesspruch von allen erzwungen, sondern freiwillig und angstfrei aus souveränem reflektieren des einzelnen (menschen=körnchen) heraus geleistet. haben viele diese innere haltung, so ergibt sich ein entsprechend koordiniert handelndes kollektiv.

da im absurden alles sinnlos ist, wird durch das lebensbejahende individuum immer wieder sinn gestiftet durch engagiertes tun. bei religionen winkt immer ein lohn im jenseits, also im himmel oder in der hölle. du bist ehrlicher, es wird keinen lohn geben, denn das nichts, aus dem alles und alle sich entfaltet haben, ist pure absurdität. wer oder was soll da lohnen und wie?

Lieber Albert, das von dir geforderte säkulare verantwortungsprinzip sich selbst und den anderen gegenüber ist das schwerste, was du uns abverlangen kannst. arsch huh, sagen die kölner, wenn sie das verlassen der eigenen komfortzone meinen. lass uns hoffen, dass es immer genügend viele menschen geben wird, die diese aufgabe des Sisyphos stemmen können.

P.S. wer sich über die Camus-szene informieren will, der möge den blog 365 Tage Camus aufrufen, dort auch den kommentar.

© 06.04.2017 brmu

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depesche an/von A.C.

brmu an A.C.,
haben wieder meeting gehabt – stopp – „Die Pest“ zentrales thema – stopp – angeregte diskussion, teils kontrovers – stopp – paterfigur Paneloux im fokus mit zwei predigten – stopp – emotionale reaktionen auf den sermon in der runde – stopp – sind uneins über deine intentionen – stopp – fragen uns: a) dein roman nur literarische fingerübung als spiegelung deiner welt – stopp - b) intendierte warnung für uns heutige – stopp – was meinst du?
gez. brmu/mitglied / 7. Feb. 2017

A.C. an brmu,
monsieur, je suis mort! – stopp – lesen Sie bei Roland Barthes nach – stopp – der autor ist tot – stopp – ich auch – stopp - bleibe es auch – stopp – ihr müsst selbst denken – stopp – viele einsichten wider trübe aussichten!
macht’s gut, Albert / 8. Feb. 2017

 

frustgedicht im spontihirn

da sitz ich nun, ich armer tropf
und bin nicht schlau mit grauem schopf.
heiße mich autor, heiße doktor gar
und schreibe schon in dem zehnten jahr,
hinauf, hinab und quer und dumm
meinen lesern die regale krumm -  er hält sich raus, der Albert. ich soll selbst denken!  – aber was, bitte schön? sein nach dem zweiten weltkrieg erschienener roman ist bestimmt auch ein produkt seiner zeit. aber fast siebzig jahre danach, was soll da noch für uns verwertbar sein?

da steckt sicherlich mehr dahinter. dieser pater namens Paneloux hält zwei predigten, die eine im selbstgerechten stil der alten kirche, in der die pest eine strafe gottes sei für den abfall vom glauben. alle sinken auf die knie, keiner denkt.

dann aber wird dieser bigotte typ in die hilfsmaßnahmen für die kranken integriert und er erlebt direkt die brutalität der wirkung der pest ohn‘ anseh’n der person. das leiden eines kindes lässt ihn nicht los, führt zum aufkeimenden zweifel. in einer zweiten predigt mit schon weniger zuhörern bekennt er, dass er nichts ergründen kann, aber umso fester glauben will. er stirbt später mit dem kreuz in der hand.

das strickmuster der machtausübung kennen wir doch: man kreiere in kritischer situation (hier: epedemie) einen äußeren feind (hier: pest) und rufe die lage als prüfung (hier: gerechte und böse) aus. jeder will zu den gerechten gehören und unterwirft sich den forderungen der prediger (hier: pater) transzendentaler macht (hier: gott). das denken wird eingestellt (hier: kniefall), und damit die analyse der situation und die daraus ableitbaren auswege. das ist fatalismus pur, eine tatenlose ergebenheit in die gegebenheiten.

der arzt Rieux hingegen hat keine gewissheiten, keinen glauben, er zeigt haltung. er bewertet die ist-situation als eine absurde, er meint: die ist wie sie ist und lässt sich in seinem impuls zu helfen nicht beirren. hier hilft wohl der eid des Hippokrates, den die ärzte als berufsethos ablegen, als eine übergeordnete, ethische orientierung. Rieux fusst also auf säkularer, praktisch-pragmatischer ebene, er ist geerdet, er benötigt keine göttlichen weisheiten, die in der gegebenen situation ohnehin nichts bewirken können.

und wir heute, wie fallen wir auf diese strickmuster herein? haben wir gewissheiten aus postfaktischem glauben à la tweetendem trampeltrumptrompeter oder stehen wir in unserem persönlichen ethos der hilfsbereitschaft, fußend auf der ethik der condicio humana angesichts des absurden? es liegt an jedem einzelnen. es winken weder lohn noch verdammnis – nur der blick in den spiegel des eigenen tuns! möge es viele geben, die diesen blick nicht senken müssen. Albert Camus ist so gegenwärtig wie eh und je! il est mort, et voilà il vit pour toujours.

© 08.02.2017 brmu

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