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Daoud trifft Camus

lieber Albert, so, nun habe ich die zusammenfassung des 16-seitigen vortragsmanuskriptes fertig und möchte es dir als anregung nicht vorenthalten:

als vorbereitung auf das thema der diskussion in deiner gesellschaft am 10. April des jahres, den vergleich deines werkes „Der Fremde“ und das des kollegen Kamel Daoud (K.D.), „Der Fall Meursault – eine Gegendarstellung“, habe ich eine aktuelle pressemeldung aus dem Kölner Stadt-Anzeiger vom 1.3. 2018 zitiert. ein ebenso absurder fall von mord. die realität lässt grüßen.

dann reibe ich mich an dem von dir benutzten begriff der „zarten Gleichgültigkeit der Welt“. er entstammt nach meinem verständnis vordergründig der menschlichen gefühlswelt. aber du nennst diese berühmte formel in einem atemzug mit „Zeichen und Sterne“, woraus ich schließe, dass es um mehr geht. es geht um die universalität des seins und seiner absurdität in toto und nicht nur um einzelschicksale. wir müssen die genannte „Gleichgültigkeit“ eher als neutralität ( = indifferenz) der welt verstehen, du wählst ja den begriff „indifférence du monde“. das erscheint mir passender: „die hintergründige neutralität der welt“, denn alle naturgesetze und –prinzipien sind immanent und inhärent, sie walten im von menschen nicht beeinflussbarem hintergrund.

nachdem ich also die bedeutung deines letzten satzes in „Der Fremde“ erweitert habe, komme ich auf das buch von K.D. zu sprechen. dem rumoren offensichtlich deine werke im kopfe herum, bis er sich befreit und seine gedanken literarisch dazu niederschreibt, dich öfters indirekt oder direkt zitierend. alles muss raus. da es klar ist, dass du die bezugsgröße bist, reden wir nicht von einem plagiat, wir reden von intertextualität, wie sie dein landsmann Roland Barthes verstanden hat. da er das motto vertrat, der autor sei tot, es lebe der leser, passt die situation - dich betreffend - optimal.

das buch von K.D. soll angeblich „eine Gegendarstellung“ sein, was ich nicht glaube. mir erscheint diese behauptung wie auch das lamento über die namenlosikeit des opfers deines protagonisten Meursault ein trick zu sein, aufmerksamkeit der leserschaft zu erheischen. ich bin darauf eingegangen und fand viele spiegelungen und ähnlichkeiten zu deinem buch. daher hätte aus meiner sicht der titel besser gelautet: Der Fall Meursault – eine Erkundung“. denn mir scheint, K.D. hat seine position zu deinem werk innerlich erkundet und das resultat notiert, aus seiner sicht der dinge. sein protagonist fühlte sich auch nicht als „Araber“, was soll also das gedöns um den namen? zu deiner info: „gedöns“ ist flachsprache und meint das sprachliche aufhebens von einer sache.

uns knallt also die individuelle gleichgültigkeit oder gefühlskälte als handlungmerkmal der protagonisten aus beiden werken vor dem hintergrund der absurdität der erfahrbaren welt und ihrer indifferenz in unterschiedlicher weise vor den latz. das ist erschreckend, weil ein zusammenleben der menschen untereinander wie säuretropfen verätzend. es kommt zu anlasslosen, unmotivierten, irren morden – nur mal so eben, und basta.

aber du lässt uns nicht im stich. du empfiehlst die innere revolte und die willentliche entscheidung gegen dieses zerstörerische gefühl. du regst an, den gesuchten sinn selber zu definieren, auf dass wir moralisch handeln. dein gedankengebäude ist gut für eine ethik, die das auch für leute nachvollziehbar macht, die nicht deine bücher gelesen haben. der rote faden wäre: absurdität macht angst, überwindung durch individuelle revolte, daraus sinngebungen für viele, das konsensfähig formulieren und zu einer übergeordneten ethik beschließen. dann können wir der absurdität unseres seins auch ohne selbstmord widerstehen.

abschließend möchte ich mal sagen, dass mich dein buch „Der Fremde“ echt zornig gemacht hat. ich frage mich, wie man so eine depripille auf das papier bringen kann. wenn ich nicht immer „Die Pest“ von dir danebengelegt hätte, dann hätte ich die lektüre eingestellt. schade nur, dass du nicht noch den dritten teil der motivation zur revolte, der liebe zu den menschen, hast ausformulieren können. da war der baum damals bei dem autounfall am falschen platze – aber das hat den baum nicht gestört, und zart war diese gleichgültigkeit sicher nicht.

© 16.04.2018 brmu
hinweis: wen das manuskript interessiert, der möge sich melden, s. impressum

 

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