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Jean Grenier hatte was

hallo Albert, jetzt sind wir ein wenig schlauer!

in der letzten gesprächsrunde in der Aachener-Camus-Gesellschaft haben wir von unserem mitglied Günter Sydow erfahren, welchen enormen einfluss dein gymnasiallehrer Jean Grenier auf dich mental ausgeübt hat und wie du dich dazu gestellt hast.

als du total down warst, wegen der diagnose „tuberkulose“, so mit 17 jahren, und nicht mehr in die schule gingst, was ich gut verstehen kann, da hat er sich um dich gekümmert, dich quasi ins leben zurückgeholt.

als vaterloser heranwachsender war das für dich wohl eine sehr erhebende erfahrung. und als dir drei jahre später sein buch „Die Inseln“ in die hände fiel, warst du hin und weggerissen. diktion und inhalt haben dich so nachhaltig begeistert, dass du sein in literatur gegossenes lebensgefühl, seine sicht des lebens, nennen wir es „philosophie“, übernommen hast. für eine spätere ausgabe hast du sogar einen sehr wohlwollenden prolog geschrieben.

ich erinnere dich an ein paar auffällige sätze von Grenier: Es existiert im ganzen Leben … ein Augenblick, der über alles entscheidet. … Ausgestreckt im Schatten eines Lindenbaumes betrachtete ich einen fast wolkenlosen Himmel, ich sah den Himmel aus dem Gleichgewicht geraten und ins Leere stürzen: Das ist mein erster Eindruck vom Nichts gewesen, und er war so lebhaft, dass ihm ein reiches und erfülltes Leben folgte. … Von der Empfindung des Unendlichen konnte ich mir noch keinen Begriff machen, ebenso wenig von der des Nichts. … Wie kommt es, dass ich mit einer derartigen Veranlagung gegenüber allem nicht indifferent gewesen bin? … Sieht man die Existenz in ihrer Größe, ist sie tragisch; sieht man sie von nahem, so ist sie in absurder Weise armselig. …Gegen meinen Willen komme ich vom Augenblick der Indifferenz zu dem der Wahl. … Da du schon einmal lebst, dann lebe auch! (Die verlockende Leere: 20-24)

was finden wir da nicht alles in deinen schriften so beeindruckend gespiegelt: absurdität des seins mit der sinnleere, wahl zur eigenen sinnsuche, entscheidung zur tat wider den anschein der vergeblichkeit, glück im tun trotz gleichgültigkeit der welt.

Aber ich will nicht behaupten, dass dieses geheimnisvolle Leben uns unbedingt bessert. Es ist eine Möglichkeit zu handeln, … Um ihre Ziele zu erreichen, verfügen die Menschen über viele Mittel, … Die Menschen, von denen ich spreche, sind davon überzeugt, dass … im allgemeinen alle konventionellen Unterschiede zwischen den Menschen nur eine lächerliche Komödie darstellen. Diese Überzeugung … ist … eine intellektuelle Revolte, der Ausdruck einer inneren Wut gegen die klägliche Rolle, die zu spielen des Menschen Schicksal ist und die er so ernst nimmt. ... Aber mitten in diesem elenden Zustand … gelangt man zu einer Wirklichkeit, die einen aus diesem Zustand herausreißt. Der Gedanke, dass wir dazu verurteilst sind,… absurde Aufgaben zu erfüllen, empört uns; … dann sehen wir ein, dass man nur durch Bescheidenheit zu Inspiration gelangen kann. (Die Kergueleninseln, 50-58)

Grenier hat dich also inspiriert und du warst ihm dankbar, wie aus deinem vorwort zu seinem buch „Die Inseln“ erkennbar ist. aber es gibt auch distanz, die man zwischen den zeilen lesen können muss. einer deiner späteren biografen, Michael Onfray, macht uns auf folgendes aufmerksam: Der Name > Jean Grenier < kommt kein einziges Mal vor, selbst dann nicht, wenn vom Gymnasium erzählt wird.“ (Michael Onfray, Im Namen der Freiheit, Knaus 2012:149). du hast leider wegen des tödlichen unfalls 1960 keine zeit gehabt, uns, deiner leserschaft, zu erläutern, warum-wieso-weshalb das so ist. wir dürfen also spekulieren. das will ich aber nicht, da gibt es berufenere.

mir ist wichtiger, und ich hoffe, das kommt deinen intentionen näher, dass sich offenbar in jungen jahren literarisch eine geistige befruchtung zwischen Jean Grenier und dir ergeben hat, eine schöne intertextualität.

es wäre eine gute tat, die gesamten werke von Jean Grenier ins deutsche übersetzen zu lassen und zu veröffentlichen. damit könnte die rezeption deiner werke auf breitere füße gestellt werden. oder man lernt eben deine sprache zu lesen.

© 17.05.2018 brmu
zitate aus Jean Grenier, Die Inseln und andere Texte, Verlag Karl Alber 2015

 

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