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plauderei an philosophischem tische

hallo lieber Albert, jetzt waren wir wieder zusammen, gestern, im LOGOI in Aachen, einem philosophentreff, der demnächst sein zehnjähriges bestehen feiert. und es waren eine reihe mir neuer leute an bord. das boot voll besetzt, toll. und wie das so ist, wir sind wegen unerwarteter winde und wellen auf dem meer des lebens vom ursprünglich geplanten kurs abgekommen.

ich hatte dir ja geschrieben, dass wir über deine gedanken zum thema revolte usw. nochmals intensiver nachdenken wollten, hoffte, dich noch mit ein paar einsichten unsererseits erfreuen zu können. mais il en a été autrement!

unser chef de discussion hatte aus aktuellem anlass deinen dritten „Brief an einen deutschen Freund1 und deinen leitartikel im damaligen Combat vom 15.9.1944 mit dem titel „Hitler, die Geschichte und die Niederlage des politischen Realismus2 als diskussionsbasis vorgegeben. denn: Kurt Heiler, bekannt wegen seines engagements gegen nazis war gestorben. wir haben ihn durch eine ausführliche diskussion gewürdigt und uns gefragt, was aufgeklärte/r bürger/innen heutzutage tun können, der verluderung unserer gesellschaft in faschistoide tendenzen etwas entgegen zu setzen.

dabei hat uns deine feststellung in dem zitierten brief:“Wir geben den gleichen Worten nicht den gleichen Sinn; wir sprechen nicht mehr die gleiche Sprache3 ein wertvoller hinweis, wie man die sache anpacken könnte: aufklärung. einer von uns erinnerte sich an den alten Immanuel Kant, der uns schon vor langer zeit den weg aus unserer selbstverschuldeten unmündigkeit weisen wollte. allerdings hat der ja begeistert auf die ratio gesetzt, und wir heutigen merken langsam, dass die emotionen auch sehr wichtig sind, weil sie eine den verstand löschende wirkung haben, wenn man sie nicht kompensieren kann.

aktuelles beispiel, das dir da oben nicht entgangen sein kann: populismus.

das ist diese verheerende, kollektive emotion auf die angstmachende, prinzipiell nicht beherrschbare komplexität des globalen dorfes (oder besser: marktes), in dem wir ja inzwischen (als verbraucher/innen) leben. darauf haben die populisten herrlich einfache antworten: wir schotten uns einfach ab, zur not gewaltsam, weil wir klar besser, wertvoller sind als die anderen, peng, und alles ist wieder einfach. man kann den faschismus, den du ja am eigenen leibe schmerzlich erlebt hast, so generell definieren – oder, was meinst du? lass mal hören, wir nennen das inspiration oder musenkuss. du darfst auch einfach in unserer runde reingrätschen und aus einem unserer münder reden.

ansonsten hegen wir die hoffnung, dass sich die vernunft nicht in den ritzen der geschichte verkriecht oder zwischen den buchseiten der intellektuellen schreiber/innen erschlagen wird. und dass wir wieder zeit finden, uns mit deinen texten intensiver zu befassen. ich muss dabei immer an deinen landsmann Roland4 denken, der sich dafür eingesetzt hat, sich nicht über den biografismus der autoren/innen deren texten zu nähern.

es lohnt sich, denn du hast weit vorausgesehen, weil du grundlegende muster erkannt hast. die gilt es, so meine ich, der ich hier diese gedanken pinsele, aus deinem werk zu heben, zu zitieren und, falls notwendig, in die heutige verständnisebene zu transferieren. denn du hast ja absolut recht, denn auch auf uns trifft zu: wir reden über deine worte und meinen zu oft verschiedenes.

deswegen wollen wir den faden mit deinen drei begriffen revolte, rebellion und revolution exemplarisch wieder aufnehmen – das ist zumindest mein wunsch. mal sehen, ob das noch in diesem jahre klappt.

ich melde mich wieder, cher Albert. salut!

© 04.09.2019 brmu
1 Albert Camus, Kleine Prosa, rororo 441 (1965), seite 90ff.
2 J. Lévi-Valensi (Hrsg.), Albert Camus – Journalist in der Résistance, Bd.1, LAIKA Verlag 2014, seite 140ff.
3 siehe 1, seite 90
4 Fotis Jannidis et al. (Hrsg.), Texte zur Theorie der Autorenschaft, Reclam 18058 (2000), darin: Roland Barthes, Der Tod des Autors, 185ff.

 

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