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Zauderbann VII erkennt

nun hatte der EINE einen Namen, die Elfen hatten ihn Zauderbann genannt, er hatte einen wundersamen Blauen Stab aus dem Flachen Land und allerlei seltsames bisher erlebt. aber das Flache Land hatte er nicht zu gesicht bekommen und was jenseits des riesigen zedernwaldes war, hatte er auch noch nicht erfahren. was sollte er nun tun? umkehren zu seinen lieben und seinen schatz herzeigen oder weitersuchen und sein eigentliches ziel erkunden?

wenn er zurückkehrte, was könnte er seinen leuten denn schon sagen? nichts über den stab und nichts über das jenseits des waldes. also entschloss er sich, seine suche fortzusetzten. stracks wanderte er den nun schon zum pfad ausgetrampelten weg von der lichtung bis zu dem elfentreff wieder zurück, diesmal schon schneller. besonderes fiel ihm nicht auf, der stab blieb stumm, der zwerg im gestrüpp und die elfen im wald meldeten sich auch nicht. so irrte er weitere tage und nächte umher, immer eine eingebildete oder wirkliche helle zwischen den dichten bäumen im auge. manchmal war es nur eine lichtung, manchmal ein windbruch. wenn er die orientierung zu verlieren schien, so kletterte er auf eine besonders hohe zeder und spähte in die runde. bäume, nur bäume, soweit das auge sehen konnte, mal dichter, mal spärlicher.

das zeitgefühl drohte ihm zu zerrinnen, nur noch tag und nacht bestimmten seinen suche. die kleider litten und lösten sich auf, der magen litt und stieß auf, die füße litten und glitten aus, es war eine mühsal. aber die vorstellung vom rande des waldes war wie ein magnet, zog und zerrte. ständig malte er sich aus, was wohl hinter dieser magischen grenze liegen möge. ein fremdes reich von fremden menschwesen? ein wildes land mit unbekannten pflanzen und tieren? ein gähnender abgrund in das brodelnde nichts? keine phantasie reicht aus zu beschreiben, was Zauderbann alles erdachte. so hielt er durch, so verlor die zeit ihr gewicht. die speise des waldes hatte ihn schlank und leicht gemacht, die reise der neugier zäh und willensstark, die träume der vorstellung geben ihm schwingen.

und da!

wieder einmal im gipfel einer zeder wurde das baumgrün schütter in der ferne, dahinter ist es niedrig. nun ist kein halten und kein rasten mehr. allmählich hellt sich das waldesdämmer auf und seine augen können sich rechtzeitig an den anblick des lichtdurchfluteten jenseits gewöhnen. als er endlich den letzten stamm im rücken hat und mit seinen handbeschatteten augen vorausschaut, bricht sich die enttäuschung bahn, seine augen sind fieberblank: da ist nichts, nur gras, ein endloser teppich wogenden grases. ja, es winkt ihm höhnisch zu, verulkt ihn, wellt auf und ab, wimmelt sich hinter sich versteckend. es ist der strichgrüne witz.

so wirkte der schock und verstellte Zauderbann die wirklichkeit. die kräfte seines körpers und geistes waren erlahmt. der EINE knickt ein. er will und kann nun nicht mehr. in seinem schädel summt es und es dauert eine grasflutweile, bis er die botschaft wahrnimmt:

Zauderbann!

lass das gift
enttäuschung nicht
in deinen adern kreisen!

steh‘ und schau‘
hier sehr genau,
was wolltest du beweisen?

zur gänze
doch die grenze
von deinen langen reisen!

nichts weiter,
drum bleib heiter,
zurück zu deinen weisen!

hör‘ dies mann!

der stab, bislang stumm und darob vergessen, hatte gesprochen. also hoch und hingesetzt und nochmal augen auf. nun hatte das grasmeer keine spöttischen grünschäumchen mehr, aber endlos monoton war es immer noch. warum hatte der Blaue Stab ausgerechnet jetzt wieder gesummt und das so fordernd? war er mit diesem land verbunden? hatten die elfen nicht von dem Blauen Stab vom Flachen Lande gesprochen? ja, so war es und bleibt es. gelöst in seinem inneren sitzt er aufrecht mit gekreuzten beinen, stabil, mit halb geschlossenen augen.

stunde um stunde weilt Zauderbann in der anschauung der offenen weite, umsummt von insekten, beschnuppert von mäusen, löst schale für schale seines wesens. nichts ist wichtig, nichts ist unwichtig. einfalten und entfalten, bis ins zentrum löst er sich und bleibt doch er selbst im ganzen. der stab, das land, der wald, die wesen – sie alle sind eines und so weiß er jetzt, was er zu tun hat.

gelassen erhob er sich, verneigte sich respektvoll vor dem Flachen Land und wandte sich wieder dem dichten walde zu. der weg zurück zu den seinen war nun leicht gegangen.

der stab aber liegt wohlbewahrt im Flachen Lande.

© 09.12.2018 brmu

 

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Freitag, 24. Mai 2019

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