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Picknick im Dunkeln

Die Buchhandlung Brockmann ist in Brühl ein wichtiger Kulturfaktor. In Kooperation mit dem Katholischen Bildungsforum Rhein-Erft fand am 7. Oktober 2020 in der Brühler Pfarrkirche St. Margareta eine Lesung mit Markus Orths, Autor des Buches „Picknick im Dunkeln“ statt. Das anschließende Gespräch moderierte Werner Höbsch, Vorsitzender der Karl-Rahner-Akademie.

Wie überall haben die Vorsichtsmaßnahmen der Corona-Pandemie das übliche Format der Brühler Lesungen verändert. Die Lesung fand in der kühlen Kirche statt, mit dem Vorteil des größeren Raumes und den einzuhaltenden Abständen, aber auch mit dem Nachteil des starken Halleffektes. Wer sich jedoch gespannt auf den Autor konzentrierte, konnte trotzdem die Lesung genießen. Der Applaus gab Zeugnis davon.

Markus Orths las, eingehüllt in eine warme Jacke, in drei Etappen mit Zugabe:

  1. Arthur Stanley Jefferson, genannt: Stan Laurel, trifft im schwarzen Tunnel auf Thomas von Aquin und versucht, mit ihm ins Gespräch zu kommen. Das gelingt nur müh­sam. Der erste Satz des Thomas ist: „Ich fürchte mich nicht!“ (21) – und das bleibt doppeldeutig, trivial bezogen auf die konkrete Situation und religiös philosophisch auf die übergeordnete Lage.
  2. Es folgen Erinnerungen der beiden Romanfiguren als Schlüssel zu deren Lebensverständnissen. Stan hat als fünfjähriges Kind zum ersten Mal seine bühnenreife Wirkung erlebt. Thomas wurde im gleichen Alter ins Kloster gegeben und musste dort lernen, das Lachen zu vergessen und sich verbissen ins Denken zu stürzen.
  3. Ein Beispiel ihrer Dialogfähigkeit rankt um den Philosophen Kant, den Thomas gar nicht kennen kann. Aber das Zitat ist erhellend: „Wir können die Welt nur so wahrnehmen, wie sie uns erscheint. Das Ding an sich, sagt Kant, ist uns verborgen.“ (61) Der schwarze Tunnel ist ein treffendes Symbol dafür. Dann kommen sie auf den Tod zu sprechen. Und es fällt das Wort Geistseele. (71) Als: Zugang zu beiden Formen der Erkenntnis. Zum Materiellen des Körpers. Zum Ideellen des Geistes. (72) Nach dem Tode führe Gott Körper und Seele wieder zusammen. (72) Beide kommen zu dem Schluss: Eine Begegnung von Thomas von Aquin und Arthur Stanley Jefferson ist nur hier möglich. Im Zwischenreich der Geistseelen. Derart betrachtet ist die Lage, in der wir uns befinden. (74)
  4. Nach der Diskussion gab es eine Zugabe, die das Lachen als wichtiges Lebensthema skizzierte. Im Gegensatz zu Ihnen, Thomas, finde ich keinen höheren Sinn im Leben. Und deshalb lache ich. … Vielleicht, Thomas, sind das alberne Lachen und der Glaube nur zwei Weisen, sich dem Unerklärlichen zu nähern. Sinnhaft und sinnentleert. (192)

Den Auftakt zur Lesung und den Übergang zum Frage-und-Antwort-Teil gestaltete der Brühler Kirchenmusiker Peter Klasen an der Orgel. Die ersten Fragen stellte Werner Höbsch, dann war das Publikum an der Reihe.

Zusammenfassend ergab sich, dass die beiden Romanfiguren als Antagonisten zueinander finden sollten. Dies in einer völlig absurden Umgebung, dem absolut schwarzen Tunnel. Der Autor wies darauf hin, dass es sich nicht um eine Variante der sogenannten Nahtoderfahrung handele, in der ebenfalls ein Tunnel als Symbol eine Rolle spiele, dieser jedoch im erlösenden Licht ende. Sein Tunnel ist und bleibt lichtlos. Seine Protagonisten sind auch tot und könnten nicht wieder ins Leben zurückfinden.

Die Situation der beiden Gesprächspartner im Tunnel ist also eine gnadenlose, von jeglicher Ablenkung freie Lage des Nichtmehr-Seins. Gespiegelt wird ein Auf-sich-selbst-geworfen-Sein. Und es werden dabei die Fragen über Gott und die Welt erörtert, wissend, dass es keine absolute Wahr­heit geben kann.

Es ist eine fiktive Situation als Folie für philosophische Gedanken. Gemeinsam weiß man mehr als allein. Die Antworten auf unsere Fragen. Vielleicht werden wir sie nur finden, wenn wir sprechen, uns zuhören, voneinander lernen, die Dinge ins rechte Licht rücken! … Ich glaube: Solange wir reden, leben wir. (201) Das ist die Basis für eine existenzielle Kommunikation.

Daher ist der Vergleich zu Albert Camus so erhellend! (48), da die von Camus postulierte Absurdität des Lebens nur mit Sinn gefüllt werden könne, den sich der Mensch als Teilhaber dieses Lebens selber geben müsse.

Ähnlich können die Gespräche im Tunnel gesehen werden. Die sich ergebende Kommunikation ist hier existenziell. Man lese hierzu das Essay „Literatur als existenzielle Kommunikation“ von Markus Orths auf seiner Homepage: http://www.markusorths.de/. Es werden Resonanzen ge­sucht, auf deren Basis sich beide so unterschiedliche Typen näher kommen können. Und das Licht, dass sie so innig suchen und vermissen, müssen sie selber in sich zünden. Das Narrativ einer erhellenden, vom Lachen und Denken gleichsam getragenen Lebensweise ist sinngebend. Ein gutes Leben lässt beides zu, ungläubiges Lachen und lachenden Glauben – das mit Denkleistung verknüpft. Aber Schluss mit dem Tod. Was bleibt, ist das Leben. (229)

Wenn Sie nun wissen wollen, ob im Tunnel nicht doch noch Licht erscheint und Stanley Laurel den Thomas von Aquin zum Lachen bringt, dann greifen Sie zu diesem Buch. Es lohnt sich!

© 08.10.2020 brmu

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Das Lyrik Kabinett München legt den neuen ZilpZalp-Kalender für 2021 vor.

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Der Kalender ist in Zusammenarbeit mit dem Staffelsee-Gymnasium Murnau erstellt worden. Gedichte wurden von den Schüler*innen unter Betreuung ihres Deutschlehrers Norbert Neumann ausgesucht. Inspiriert von den Texten wurden dann von ihnen visualisierende Linolschnitte angefertigt. Aus dem Wort gestaltet sich das Bild, eine verbindende Idee im Rahmen der Lyrik. Der Begriff der Metapher erhält hier eine wunderbar anschauliche Bedeutung. Wie es auch Gertrude Stein in ihrem Gedicht “Sacred Emily” angedeutet hat: Rose is a rose is a rose is a rose (1913)

Es sind berühmte Namen im Kalender vertreten, von Ilse Aichinger bis Fritz Werf. Den Februar 2021 teilen sich Nikolaus Lenau (Winternacht) und Bernhard R.M. Ulbrich (lyrikmodus). Das macht mich stolz mit einem großen Dank an diese kreative Schülergruppe.

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Von tausend Gedichten wird eines gut. Wer auch immer das gemeint hat, es könnte stimmen.

Wer sich überzeugen will und alle Gedicht-Bild-Kunstwerke im Kalender betrachten will, der kann ihn beim Lyrik Kabinett bestellen: hier klicken.

© 05.09.2020 brmu

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Essmann's Temperini - oder Paganini?

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© 2020 brmu: Theres Essmann‘s Debüt als Novelle

Jürgen Krause ist Taxifahrer in Köln, lebt alleine, hat Probleme. Er ist schon länger geschieden. Leon, sein geliebter Sohn, lebt bei seiner Mutter, Jürgens ex-Frau Irene. Vater und Sohn planten eine Tour durch Kanada, was nun der Stiefvater Ulrich mit Leon realisiert. Jürgen fühlt sich abgehängt.

Der Anruf eines Kunden mit Namen Federico Temperini (s. Titel) setzt Änderung in Gang. Er ist ein Mann alter Schule, der Jürgen ausdrücklich als Chauffeur für Fahrten zu Konzerten bucht. Es entspinnt sich eine wundersame Geschichte. Jürgen hat keinen blassen Schimmer, was der Alte wirklich von ihm will, es muss mehr als das Taxifahren sein. Aus den Gesprächen im Taxi erfahren wir etwas über Paganinis enormes, musikalisches Talent. Und peu-à-peu gibt der Alte Informationen auch über sein eigenes Leben preis, mit erstaunlichen Parallelen.

Jürgen beginnt, in Paganinis Biographie zu lesen. So kann er sich auch an den Gesprächen beteiligen, wenn auch etwas burschikos als er meint, Paganini habe seine ganze verdammte Seele in das Geigenspiel gepackt. Der kauzige Alte war ebenfalls ein begnadeter Geiger. Gemäß alter Rezensionen sei sein Geigenspiel kongenial zu Paganini gewesen. Und ebenso wie Paganini musste er seine Karriere wegen der Erkrankung seiner linken Hand aufgeben. Die Ähnlichkeiten mehren sich derart, dass Jürgen ein Aha-Erlebnis hat. Er liest in alten Rezensionen über Federico Temperini, den Solisten. Ich schaute in die schwarze Leere vor meinem Fenster, …, und ich dachte: Natürlich. Natürlich, du Depp.

An dieser Stelle denkt man verwundert: wieso Depp? Und der Blick fällt auf das Cover mit der offenen Hand und auf den Begriff „Novelle“. Im weiteren Verlauf werden die Vermutungen zur Gewissheit. Wer ist wer? Und warum eine Novelle? Wenn Sie nun Antworten erwarten und wissen wollen, wie alles ausgeht, nehmen Sie das Buch in die Hand und lesen Sie selbst. Es lohnt sich!

© 02.06.2020 brmu
Theres Essmann: Federico Temperini – Novelle, Klöpfer.Narr Verlag 2020
Die vollständige Rezension können Sie auf der Homepage „Sätze & Schätze“ von Birgit Böllinger lesen.

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Axel Kutsch und die Lyriker*innen

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© 16./17.05.2020 KStA: Artikel von U. Jürgenssonn über Versnetze_13

Der Kölner Stadt-Anzeiger ehrt den Lyriker und Anthologie-Herausgeber Axel Kutsch zu seinem 75. Geburtstag mit einem Artikel über seine jüngste Ausgabe „Versnetze_13 – Deutschsprachige Lyrik der Gegenwart“ aus dem Ralf Liebe Verlag.

litbiss.de sendet ebenfalls herzliche Glückwünsche!

Der Titel des Artikels ist Programm. Ohn‘ Anseh’n der Person erhalten Lyriker*innen aus dem deutschsprachigen Raum eine faire Chance, einige ihrer Gedichte gewürdigt zu finden. Wer den Kriterien des Herausgebers entspricht, der hat eine reelle Chance, in die engere Auswahl zu kommen. Zu den Kriterien hat sich Axel Kutsch oftmals schon geäußert, auch bei litbiss.de.

An dieser Stelle muss auch gesagt werden, dass es ohne einen engagierten Drucker und Verleger vielleicht keine Versnetze gäbe. Im Ralf Liebe Verlag mit seiner Landpresse ist das Projekt von Axel Kutsch seit vielen Jahren gut aufgehoben. Dafür gebührt beiden, Axel Kutsch und Ralf Liebe, der Dank all jener, die sich trotz des etablierten Literaturbetriebs, der leider der Lyrik von der Basis abhold ist, ab und an gedruckt sehen können.

heimlich ein gedicht im koppe
das erscheint vielleicht schon toppe
und eines auf’s papier getippt
an einer öffentlichkeit nippt
doch ein gedicht sogar im print
ist, was des dichters herz gewinnt

© 17.05.2020 brmu
Weitere Infos zu Axel Kutsch und sein Werk finden Sie auf „KUNO“.

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Ralf Liebe im Gespräch

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© 2018 foto brmu: Ralf Liebe in seiner Druckerei

Anlässlich der Herausgabe der Lyrik-Anthologie Versnetze_13 war der Verleger und Drucker Ralf Liebe zu einem Interview bereit.

Herr Liebe, die neue Ausgabe der „Versnetze“ liegt als 13. Band druckfrisch aus Ihrem Verlag vor. Ist diese langjährige Anthologie-Reihe ein Lieblingsprojekt von Ihnen?

Nein. Ich arbeite seit über zweieinhalb Jahrzehnten mit Axel Kutsch zusammen. Zur Lyrik bin ich gekommen, weil Axel Kutsch die Lyrik liebt. Ohne Axel Kutsch keine Lyrikanthologien, eigentlich ganz einfach.

Die Lyrik hat es besonders schwer im gängigen Literaturbetrieb. Damit kann man wohl kaum großes Geld verdienen. Warum knien Sie sich da so hinein?

Ich empfinde es nicht so, als würde ich besonders viel für die Lyrik tun.

Mittlerweile verlege ich viel weniger Bücher, vielleicht noch so acht bis zehn im Jahr, zu meinen „Hochzeiten“ waren es mehr als doppelt so viele. Und dass ich immer noch relativ viel Lyrik verlege liegt in erster Linie daran, dass ich mit den meisten Autoren gerne mehr als einmal zusammenarbeite. Und da aus der Vergangenheit viele Lyriker dabei sind, sind eben auch noch einige Gegenwartsbegleiter.

Ihr Verlag und Ihre Druckerei sind langjährig ansässig in Weilerswist. Wie würdigt die Stadt Ihr Engagement für die regionale Literatur?

Meines Wissens nicht.

Was reizt Sie, auch den Druck der von Ihrem Verlag Ralf Liebe ausgewählten Werke z. T. persönlich zu übernehmen?

Ich bin aber ganz gut im Setzen, Drucken und Binden von Büchern. Die einzig richtige Bezeichnung, in der ich mich also selbst wiederfinde, für das, was ich hier mache ist Buchmacher. Ich produziere also Bücher, weil das meine eigentliche Profession ist.

Welchen Anspruch erheben Sie an die Produkte Ihrer Druckerei?

Möglichst guter Satz, möglichst guter Druck auf möglichst gutem Papier und zum Abschluss eine möglichst haltbare Buchbinderei. Und dass ganz zu einem möglichst überschaubaren Preis. Meist gelingt es allein deswegen schon nicht, möglichst viel Geld zu verdienen, aber egal.

Was wünschen Sie sich von den Autor*innen, die Manuskripte bei Ihnen vorlegen, in der Hoffnung des Druckens und Verlegens?

Das Grundverständnis, dass die Arbeit eines Autors erst anfängt, wenn das Buch fertig produziert ist. Das Kreative, das Erschaffen eines Werkes, ist zunächst einmal ein unbezahlbarer Vorgang. Aber irgendwann wird aus dem Werk eben auch ein Produkt. Bei Unverkäuflichkeit wird aus dem Produkt, hinter dem das Werk steht, ganz profan Müll. Es gibt – auch in der Literaturszene – grandiose Selbstvermarkter, die mehr oder weniger Müll absondern, aber daraus ein verkäufliches Produkt machen. Und es gibt eben viele, bei denen das umgekehrt ist. So gut wie kein Künstler kann sich darauf verlassen, dass andere ihm in Gänze das Verkaufen abnehmen können.

Wenn ein Manuskript von Ihnen, resp. Ihrem Verlag ausgewählt worden ist, was dürfen Autor*innen sich dann darauf einbilden?

Kein Autor sollte sich etwas darauf einbilden, wenn sein Werk irgendwo verlegt worden ist. Dass er es dennoch tut ist menschlich und auch nicht verwerflich, aber eben nicht zielführend. Ich unterstelle zunächst einmal jedem Autor, dass er von sich dahingehend überzeugt ist, dass er etwas zu sagen hat und sein Ziel von daher auch ist, dass möglichst viele Leser von seiner Botschaft erfahren. Es wäre also von Nöten, dass die ganzen Schreibwerkstätten im Lande sich nicht nur um das qualitätsvolle Schreiben kümmern würden, sondern auch um den aktiven Beitrag des Autors zur Verbreitung – sprich dem Verkauf.

Was wünschen Sie sich von der Leserschaft Ihrer Bücherauswahl, die Sie auf Ihrer Homepage darstellen?

Im Schnitt lese ich ein Buch pro Woche, … in meinem ganzen Leben werde ich also vielleicht so 3000 bis 3500 Bücher gelesen haben. Jedes Jahr erscheinen im deutschen Sprachraum rund 70.000 belletristische Neuerscheinungen, von denen lese ich also weniger als 1 Promille. Und so ein Leser „verirrt“ sich nun also auf meine Homepage. Was soll ich ihm wünschen, was soll ich mir von ihm wünschen? Ich kann ihm eigentlich nur wünschen „Mach keinen Fehler mit Deiner Auswahl!“. Und mir kann ich wünschen, dass ich ihm mit „meinen“ Büchern bei der Fehlervermeidung geholfen habe.

Wie empfinden Sie die enormen Beschränkungen des kulturellen Lebens momentan aufgrund der Corona-Pandemie?

Für viele Künstler und Freiberufler sowie Selbständige: Existenzen gefährdend. Wir haben ein irres Glück, in diesem reichen und halbwegs sozialen Land während dieser seltsamen Pandemiezeiten zu leben. Das absolute Minimum an Essen, Trinken, medizinischer Versorgung sowie Schlafplatz wird jeder erhalten. Dreiviertel der Menschheit haben dieses Privileg der Sicherheit nicht. Das sollte sich jeder vergegenwärtigen. Es wäre ein mittelprächtiges Wunder, wenn alle Kreativen und Kulturschaffenden diese Krise als Soloselbständige überstehen und sie an ihre - schon vorher häufig prekäre – Arbeitssituation lückenlos anknüpfen können. Der Aderlass für die Kulturszene wird bedeutend sein und ich fürchte, dass die Nach-Corona-Zeiten deutlich weniger bunt und vielfältig sind. Das betrübt mich sehr, nicht nur, wenn ich mit diesem Unwissen an mich selbst als Kulturproduzent denke, sondern mich auch als bedürftigen Konsumenten sehe. Denn der Kultur bedarf es.

Ihr Verlag erscheint nicht als rühriger Akteur im etablierten Literaturbetrieb. Ihr Verlag ist eher den „Eingeweihten“ bekannt. Das erscheint mir wenig angemessen. Warum diese Zurückhaltung?

Die Form des „Erscheinens“ oder eben der Wahrnehmung ist nur sehr eingeschränkt steuerbar. Das ist ja auch einer der Gründe, warum es so viel mehr Werbeagenturen als z.B. Buchverlage gibt. Mit viel Geld für Werbung kann man vielleicht eine Weile dieses Wahrgenommenwerden etwas steigern, manchmal hilft einem auch das, was ich den Freakfaktor nenne. Da geht es dann nicht um die Kunst oder Kultur, sondern um das – vermeintlich? – Besondere, was der Mensch dahinter ist. Diese Frage kann ich nicht wirklich beantworten.

An welchem Projekt arbeiten Sie gerade?

Auftragsarbeiten für einen Verlagskollegen, eine Künstlermonographie, ein Erstlingswerk einer jungen Autorin und Malerin.

Können Sie sich vorstellen, Ihr profundes Wissen zur Buchherstellung Interessierten von Seminaren (z.B. bei „Zeit für Wissen“ in Köln) vor Ort anzubieten?

Kann ich mir nicht nur vorstellen, das mache ich hier vor Ort gerne und häufig …

Herr Liebe, das Alleinstellungsmerkmal Ihres Verlages, resp. Ihrer Druckerei, die nachvollziehbare, kreative Buchherstellung, möge sich kontinuierlich bei der Leserschaft herausstellen. Vielen Dank für dies Interview.

© 10.05.2020 brmu

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Axel Kutsch im Interview

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© foto brmu: Axel Kutsch im Gespräch


Herr Kutsch, die neueste Ausgabe Ihrer Anthologie „Versnetze_13“ liegt wieder in beachtlichem Umfang druckfrisch vor. Immer wieder hört man, die Zahl „dreizehn“ soll keine Glückszahl sein. Haben Sie überlegt, diese Zahl in der Reihe zu überspringen?

Bei Lyrik-Anthologien ist die 13 eine Glückszahl. Ich weiß nicht, ob das schon allgemein bekannt ist. Wenn nicht, sei es hiermit verkündet.

Die regionale Literatur hat es schwer, um einiges schwerer noch die regionale Lyrik. Wie, glauben Sie, kann man diesen seltsamen Trend im Literaturbetrieb verändern?

Wer Wert auf regionale Lyrik legt, sollte nach dem Ende der Coronakrise Lesungen mit einheimischen Autorinnen und Autoren organisieren, im Internet aktiv sein, vielleicht mit anderen zusammen eine Zeitschrift oder Anthologie herausgeben und  diese medienwirksam anbieten. Für meine Sammlungen mit neuer deutschsprachiger Lyrik interessiert mich eher das Gesamtbild, das sich freilich aus vielen Szenen zusammensetzt. Von diesen erwarte ich, dass sie sich am guten Niveau unserer neuen Dichtung insgesamt orientieren und mit ihrer Poesie nicht am nächsten Kirchturm hängenbleiben.

Sie sind selber Autor vieler Bücher. Autorinnen und Autoren empfinden sich oft als Konkurrenten um die Aufmerksamkeit der Leserschaft. Wie kamen Sie auf die Idee, die lyrischen Texte der „Konkurrenten“ zu sammeln, zu sichten, zu bewerten und zu publizieren?

Mir geht es bei meiner Herausgebertätigkeit um die deutschsprachige Lyrik der Gegenwart. Da spielen Konkurrenzdenken oder Eitelkeiten für mich keine Rolle. Ich freue mich, wenn mir „Konkurrenten“ gute Gedichte schicken, die ich dann gerne in meinen Sammelbänden vernetze. Gerade Anthologien sind dazu geeignet, einen weitreichenden Überblick über den Stand der aktuellen Poesie zu vermitteln. Und das ist meine Absicht als Herausgeber.

Was reizt Sie an der Gattung der Lyrik, den enormen Arbeitsaufwand der Sichtung tausender von Gedichten auf sich zu nehmen?

Man kann es Leidenschaft für die Möglichkeiten der Sprache nennen, die gerade Lyrik in konzentrierter Form bietet – Erweiterung, Vertiefung, Erneuerung, auch Aufbrechen von Sprache.

Welchen Anspruch erheben Sie sich selbst gegenüber als Anthologist der Versnetze-Reihe?

Keinen Kitsch, keine naiven Wald- und Wiesenverse, keine verbrauchte Diktion oder ranzigen Metaphern einfließen zu lassen.

Was wünschen Sie sich von den Schreibenden, auf Grund der Erfahrung, die Sie mit den Texten machen?

Manche Gedichte, die ich erhalte, sind mir zu oberflächlich. Man merkt ihnen an, dass sie flüchtig hingeschrieben und dann nicht mehr überarbeitet worden sind. Da wünsche ich mir von den Verfassern mehr Professionalität. Schnellschüsse gehen meistens daneben.

Wenn man von Ihnen ausgewählt worden ist, was darf man sich dann darauf einbilden?

Ich meine, dass man sich freuen darf, gemeinsam mit bekannten und weniger bekannten Kolleginnen und Kollegen in einer seriösen Anthologie zu stehen. Aber sich darauf etwas einbilden? Ach nein.

Was wünschen Sie der Leserschaft bei der Lektüre der neuesten Anthologie Vernetzte_13?

Anregende Stunden, Freude an der Sprache, Nachdenklichkeit, auch das Schwierige nicht zu überblättern, sich auf das unterhaltsame Abenteuer Lyrik der Gegenwart möglichst unbefangen einzulassen.

Wie empfinden Sie die enormen Beschränkungen des kulturellen Lebens momentan aufgrund der Corona-Pandemie?

Ich könnte es mir leicht machen und sagen: Lest mehr, vor allem Gedichte. Ja, das wäre schön. Zeit ist ja momentan für viele genug vorhanden. Aber mir tun die Menschen gerade auch im kulturellen Leben leid, denen der Boden unter den Füßen wegbricht. Es ist tragisch. Wo es nur irgendwie geht, sollten die Beschränkungen angemessen reduziert werden.

Über Sie findet man im Literaturbetrieb wenig, Sie arbeiten zurückgezogen. Das erscheint Ihrer Bedeutung nicht angemessen. Warum diese Scheu?

Es kommt darauf an, was man unter Betrieb versteht. Aus Verbänden bzw. Vereinigungen wie VS und PEN habe ich mich immer herausgehalten. Aus dem Autorenkreis Rhein-Erft, den ich jahrelang leitete, habe ich mich 2005 zurückgezogen, bin aber dort noch Ehrenmitglied. Wichtiger als Mitgliedschaften ist mir beispielsweise ein ausführlicher Artikel, der im renommierten Killy-Literaturlexikon über mich steht. Das hat doch auch etwas mit „Betrieb“ zu tun. Und was heißt hier Scheu? Ich liebe einfach meine Zurückgezogenheit. Die bedarf keiner Rechtfertigung.

An welchem Buchprojekt, außer der nächsten Versnetzte-Edition, arbeiten Sie gerade?

Ich werde nach der vielen Arbeit an den neuen Versnetzen erst einmal durchatmen und vielleicht versuchen, das eine oder andere Gedicht zu schreiben. Ein neues Buchprojekt kann warten.

Können Sie sich vorstellen, Ihr profundes Wissen begabten Lyrikerinnen und Lyrikern an Rhein und Ruhr in hilfreichen Seminaren (z.B. bei Zeit für Wissen in Köln) anzubieten?

Vorerst nicht. Vielleicht später. Ich brauche jetzt Ruhe.

Lieber Herr Kutsch, die Ruhe möge Ihnen vergönnt sein, bis zur nächsten Ausgabe von „Versnetze_14“.
Vielen Dank für dies Interview.

© 03.05.2020 brmu
Ein weiteres Interview mit Axel Kutsch finden Sie in FIXPOETRY.

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versnetze 13

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© 2020 foto brmu: fischers Axel fischt frische verse

A.K. ist nimmermüder
gedichtesammler aus
dem raum der sprache
die wir lyrik nennen

ob reim oder nicht
ob klein oder nicht
ob form oder nicht
ob norm oder nicht

wichtig ist nicht
abgenutzt nicht
rausgeputzt nichts
als leichtgewicht

da bin ich zweimal dabei
auf seite einsachtsieben
meine seite denk ich mir
und bin so stolz wie bolle

© 02.05.2020 brmu
Axel Kutsch, Versnetze_13, Ralf Liebe Verlag 2020, S. 187
erste Rezensionen: lyrikgesellschaft

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litbiss: der geist der strophen wirbelt...

einen literaturblog zu schreiben ist eine sache, einen lyrikband zum druck zu bringen eine andere. ich habe dabei eine menge gelernt, wie man es nicht machen sollte und wie es dann doch erfolgreich funktioniert. dabei möchte ich allen, die mir dabei selbstlos mit rat und lektorat geholfen haben, aus vollem herzen danken.

litbiss geist-gedichtband

mein debüt hat den titel „litbiss: der geist der strophen wirbelt dich herum“. drei aspekte haben mich beseelt. der eine steckt im begriff des debüts, gemeint ist keine eintagsfliege vorzulegen, es sollen noch weitere werke folgen. die notizbücher sind voll. der andere zitiert den blog litbiss, der mir eine liebe und wichtige, tägliche übung ist. und drittens wollen meine gedichte wirbeln: resonanz erzeugen und innere wirkung auslösen.

liebe leserin, lieber leser, schreiben sie mir als kommentar, ganz unkompliziert, ob mir das mit meinem lyrikband gelungen ist. konstruktive sätzte in den kommentaren (rezensionen) sind schätze im geiste der autoren.

© 16.04.2013 brmu
ergänzt 30.4.2013, ergänzt am 06.9.2014:

auszug aus der rezension vom 3.7.2014 bei amazon:

"Gedichte haben keine Konjunktur, ... Deshalb überrascht es immer wieder, dass Autoren ... sich die Mühe machen, Ideen und Erfahrungen in gebundener Sprache, ..., zu formulieren. In dem vielstimmigen Chor neuer deutscher Lyriker ist hier mit Bernhard Ulbrich ein Autor zu entdecken, der knapp und präzise, mit Witz und Verve, schlagfertig und sensibel, stets pointiert und originell in seinen Ansätzen oder Wort-Findungen und ungewohnten Kombinationen, seine Gedanken zu Papier bringt. Spaß macht es, mitzuerleben, wie er seine mitunter bizarren intellektuellen Volten schlägt, scheinbar Altbekanntes neu sehen, durchschauen und erkennen lässt. ..."

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das goldene dachl

das Goldene Dachl (um 1500) ist das wahrzeichen Innsbrucks. ein spruchband mit unbekannten schriftzeichen ist bis heute nicht enträtselt. in der tiroler tageszeitung (tt) vom 10. Juni 2009 steht über das Goldene Dachl geschrieben: "Jetzt dürfen sich Kreative den Kopf zerbrechen."

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