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Doris Dörrie gibt Schreibtipps

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© 2019 foto brmu: Gisela Steinhauer im Gespräch mit Doris Dörrie

Trau dich einfach, schreibe, und wenn es auch erst einmal Blödsinn ist. Einfach mit einen Triggersatz starten und los. Das war die zentrale Botschaft im Alten Pfandhaus am 14. Okt. 2019 in dem Podiumsgespräch zwischen Gisela Steinhauer und Doris Dörrie, das das Literaturhaus Köln ausgerichtet hatte.

Doris Dörrie will mit ihrem neuen Buch „Leben Schreiben Atmen“ zum Schreiben einladen. Es bedarf nicht des Musenkusses. Man muss kein Genie sein wie etwa weiland Goethe. Die Einladung ist an Jedefrau und Jedermann gerichtet. So einfach, wie das Atmen.

Keine verkomplizierten Vorstellungen, keine begrifflichen Stolperfallen, keine theoretischen Fallgruben. Einfach Schreiben - und das vorzugsweise per Hand. Nicht am Computer, der alles indirekt macht und ständig zu Korrekturen mahnt. An der Handschrift kann man den Beginn seiner Schreiblust erkennen: Sie wird großzügiger, flüssiger, flotter. Übung gehört natürlich dazu.

Und Papier. Deswegen gab es als Geschenk der Veranstalter ein rotes Notizbuch mit Bleistift mit der Aufschrift „literaturhaus köln“. Ja! Beide wurden auch zweimal gebraucht, denn auf die etwa hundert Anwesenden, zu 90 Prozent Frauen, warteten auch gleich Übungen. Hier eine davon: Ich erinnere mich an …- und los für zehn Minuten. Es hat mich gerissen und ich kritzelte los.

die elster von links heran
ganz tief und flach im flug
im garten, am weg zum haus
sie streift meine beine
war doch gerade sauber
so stolz windellos
jetzt nicht mehr

das feuerholz klackt zu boden
es sollte zum küchenherd
für die suppe mit wärme
jetzt nicht mehr

mama! – der schrei war
schiere pein- und lichkeit
sie kam, sah und wiegte
mich in ihren armen:
macht nix jungchen,
gibt ja die badewanne -
und plantschen darin
das war wunderschön

Im Schreibfluss, andere sagen Flow, ergeben sich dann changierende Erinnerungsbilder, die ohne Hemmung nur auf das Papier wollen. Also erst einmal pinnen, pinnen, pinnen und nicht korrigieren, nicht radieren, nicht simmelieren. Sonst wird der Flow unterbrochen und alles ist pfutsch.

Während der Diskussion nach der Übung geht mir durch den Kopf, ob Goethe das auch so gemacht hat. Ach nein, der hatte es einfacher, der hat flowlich diktiert. Und was ist mit den Schreibschulen, Literatur-Unis, Workshops und so weiter?

Mir scheint, Doris Dörrie revoltiert gegen diese Institutionen der professionellen Schreibwelt und Schriftsteller/innenbildung. Mit ihrer Methode werden keine Genies erzogen, sondern nur Schreiblust geweckt. Vielleicht ist ja dann auch ein Talent dabei, das sich immer weiter auf dem Papier verliert und plötzlich ist ein Romanmanuskript auf dem Tisch, den die Leserschaft verschlingt. Hoffnung für alle.

© 14.10.2019 brmu
Quelle: Doris Dörrie, Lesen Schreiben Atmen, Diogenes 2019

 

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