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Axel Kutsch fischt weiter

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© 2019 foto brmu: cover der 12. ausgabe Versnetze

Never change a winning net! Axel Kutsch verwöhnt uns wieder mit der inzwischen zwölften ausgabe seines anthologie - konzeptes “Versnetze”. es ist ermutigend, dass sich diese ehrbare initiative, bislang vom literaturbetrieb eher überlesene lyriker/innen aus dem deutschen sprachraum zu worte kommen zu lassen, in ungebrochenem elan durchgesetzt hat. die qualitätskriterien sind anspruchsvoll und eine aufnahme in den kreis der erlesenen ist keineswegs gemachte sache. jede ausgabe ist eine prüfung und ein ritterschlag, falls man dabei sein darf.

aus Deutschland melden sich 214 lyriker/innen zu worte, arrangiert nach postleitzahlen. weitere 25 aus Österreich, Schweiz, Frankreich, Niederlande, Finnland und USA. darunter mir bekannte namen wie Achim Amme, Manfred Enzensperger, Gert Robert Grünert, Ulla Hahn, Guy Helminger, Günter Kunert, Anton G. Leitner, Rolf Polander, Karl Rovers, Joachim Sartorius, Lutz Rathenow, Gerrit Wustmann – und Axel Kutsch natürlich.

auch brmu ist zum wiederholten male vertreten. diesmal mit zwei gedichten, davon dies hier mit dem titel „trübnis“:

reiher auf dem schuppen
dach vollendet getarnt in
flutender trübnis wie
grau in grau zerflossen
die teiche versiegelt von
mürbem eise spiegellos

wo ist oben und unten
zu suchen in diesen so
kaltherzigen welten

es ist noch raum im regal: möge die reihe noch lange fortgesetzt werden mit dank für die viele arbeit an den anthologisten Axel Kutsch und seinen verleger Ralf Liebe.

© 04.06.2019 brmu
Axel Kutsch, Versnetze_zwölf, Verlag Ralf Liebe, 2019; darin: brmu auf seite 181

dazu der gut gemeinte artikel im Kölner Stadt-Anzeiger von U. Jürgensonn „Ein Muss für Freunde der Sprache“ vom 7.6.2019. darin haben sich leider einige fehler eingeschlichen:
1. Axel Kutsch ist Bergheimer,
2. einer der „unbekannten Namen“ ist falsch geschrieben: „Bernhard R. M. Ul.rich“ und
3. Herr Kutsch wird mit dem gedichtsammelband „Versflug“ von 2015 aus dem Verlag Ralf Liebe abgebildet und nicht mit der aktuellen Vernetzte_12 – Anthologie.

wenn man schon die regionale lyrik lobt, so sollte man ihr mehr aufmerksamkeit schenken, denn lyrik ist ein sensibles unterfangen.

interview mit Axel Kutsch

im nachgang dazu gab Axel Kutsch am 20. Juni 2019 litbiss ein interview, für das ihm dank gebührt:

  1. herr Kutsch, sie als lyriker und anthologist sind eng verbunden mit der langjährlichen reihe „Versnetze“: erfinder, protagonist und mentor. nun ist der zwölfte band erschienen. welches signal für welche lyrik im deutschen sprachraum darf man davon ableiten?

in den "Versnetzen" versuche ich, die ganze breite der deutschsprachigen gegenwartslyrik abzubilden, vom leicht zugänglichen bis zum schwierigen gedicht, möglicherweise am rande des verstehens. ein signal meiner anthologien ist es, brücken zwischen realpoesie und "akademischer" lyrik zu bauen.

  1. das älteste göttergeschlecht der Griechen, die zwölf Titanen, soll hervorgegangen sein aus dem pärchen Gaia und Uranos, die wiederum dem Chaos entstammen. wäre das die pas­sende metapher für ihre arbeit an der anthologie, quasi aus dem chaos der einsendungen die inzwischen zwölf versnetze-bände erstellen?

man kann es durchaus als titanenarbeit bezeichnen, aus mehreren tausend texten, die mir zugeschickt werden, eine auswahl von einigen hundert gedichten zu treffen, zumal ich alle einsendungen einige male lese, bis ich mich für bzw. gegen die aufnahme entscheide. es ist ein produktives chaos, mit dem ich jahr für jahr gerne konfrontiert bin.

  1. im band zwölf kommen 239 lyriker/innen zu worte. wie haben wir uns das zahlenver­hältnis von angenommenen zu abgelehnten lyriker/innen für diesen band vorzustellen?

der verlag hat über 400 autorinnen und autoren gebeten, neue gedichte einzureichen. die meisten sind dieser einladung gefolgt, aber nicht alle konnten veröffentlicht werden, weil beispielsweise die schreibweise generell oder einzelne metaphern zu abgenutzt waren.

  1. der erste band „Versnetze“ aus dem jahre 2008 hatte den untertitel „Das große Buch der neuen deutschen Lyrik“. darin sind bereits gut 200 einsender/innen versammelt. wie haben die von ihrem projekt erfahren?

ich habe bereits vor 2008 lyrikanthologien herausgegeben, so dass schon viele adressen von lyrikerinnen und lyrikern vorhanden waren. die wurden dann angeschrieben. im laufe der folgenden jahre sind zahlreiche weitere hinzugekommen. es spricht sich landauf-landab in autorenszenen herum, wenn seriöse anthologien mit niveau veröffentlicht werden.

  1. als anthologist sind sie werber, sammler, auswerter und juror in einer person. was macht ihnen am meisten spaß bei der arbeit?

spaß macht mir zunächst das lesen jeder einsendung, ob von renommierten dichterinnen und dichtern wie Ulla Hahn, Manfred Peter Hein, Günter Kunert oder weniger bekannten verfassern. besonders freue ich mich, wenn ich junge leute entdecke, die noch am anfang ihres literarischen schaffens stehen. das waren in früheren jahrzehnten unter anderem Marcel Beyer und Jan Wagner, die inzwischen mit dem Büchnerpreis ausgezeichnet worden sind.

  1. bei aktuell 239 einsender/innen zu je etwa zehn einsendungen müssen sie ein konvolut von weit über 2000 gedichten lesen und bewerten. die frage nach den auswahlkriterien und deren gewichtung liegt natürlich nahe?

ich lege wert auf eine nicht abgenutzte schreibweise. wenn etwa in einem großstadtgedicht vom "häusermeer" die rede ist, dann ist mir eine solche metapher zu abgegriffen. das gilt auch für naturgedichte mit naiver blümchenpoesie. wenn auch nicht jedes poem, das ich aufnehme, ein kleines meisterwerk zu sein braucht, so erwarte ich doch eine gewisse originalität und frische des ausdrucks.

  1. die nicht berücksichtigten einsender/innen sind sicherlich nicht begeistert, rechnen sie sich doch auch zu den lokalen, regionalen oder gar überregionalen lyriker/innen. autorinnen und autoren sind ja ohnehin empfindliche wesen, was ihre schreibkünste anbelangt. wie reagieren die nicht berücksichtigten?

die meisten reagieren nicht. es gehört zum "geschäft", dass man auch mal durch die maschen fällt, wobei man sich ja einreden kann, dass der herausgeber mit seiner ablehnung daneben gelegen hat. hier und da ist das vielleicht auch bei mir der fall gewesen. ich kann es jedenfalls nicht ausschließen. es gab bisher allerdings einige nicht berücksichtige einsender, die mich telefonisch oder schriftlich beschimpft haben. gekränkte eitelkeit? sie waren jedoch eine verschwindend kleine minderheit.

  1. wie haben sie den verleger Ralf Liebe überzeugen können, sich so intensiv in die welt der lyrik, die ja leider eine randgruppe im literaturbetrieb darstellt, zu begeben und sich für dieses langjährige projekt als drucker und verleger einzusetzen?

als in den neunziger jahren meine zusammenarbeit mit Ralf Liebe begann, hat er bald feuer für lyrik gefangen. wenn mit dieser nischengattung der literatur auch nur bescheidene finanzielle erwartungen verbunden sind, ist er meinem langjährigen projekt treu geblieben. die lyrikanthologien ziehen sich wie ein roter faden durch die verlagsarbeit, die auch einzeltitel von poetinnen und poeten umfasst.

  1. wie wird sich die vernetze–reihe im laufe der jahre weiterentwickeln oder gibt es gar ein avisiertes ende?

ein ende ist nicht in sicht. verleger und herausgeber sind noch nicht müde.

  1. sicherlich arbeiten sie außerdem noch an eigener lyrik. womit dürfen wir in diesem jahr aus ihrer feder rechnen?

es gibt bislang zwölf lyrikbände von mir. ich lasse mir inzwischen viel zeit mit dem schreiben eigener gedichte, werde allerdings immer wieder in anthologien anderer verlage veröffentlicht, so bei dtv, S. Fischer, Reclam, Anton G. Leitner oder in der Deutschen Verlags-Anstalt (DVA). ein highlight war in dieser hinsicht die aufnahme von drei texten in "Der große Conrady - Das Buch deutscher Gedichte" von den Anfängen bis heute. einen neuen eigenen lyrikband habe ich nicht geplant. es bleibt vorerst bei zwölf, eine schöne zahl, wie ich finde.

  1. der Kölner Stadt-Anzeiger vom 7. Juni 2019 hat unter dem titel „Ein Muss für Freunde der Sprache“ den neuesten band der Versnetze gewürdigt. was geben sie den neugierig gewordenen leser/innen mit auf den leseweg?

gedichtbände und vor allem lyrikanthologien werden in den medien, vor allem in zeitungen selten besprochen. da freut man sich als autor und herausgeber über jede rezension, auch wenn sich hier und da einige ungenauigkeiten eingeschlichen haben. die "Versnetze" sind bislang rund 25 mal in zeitungen, zeitschriften, onlineforen für literatur und im rundfunk vorgestellt worden. immerhin - aber es dürfte gerne mehr sein, zumal anschließend oft der eine oder andere band weitere leserinnen und leser findet. das war auch nach der erwähnten rezension im Kölner Stadt-Anzeiger der fall.

  1. zum abschluss noch: welche botschaft haben sie für all die anderen, denen bücher inzwischen gleichgültig zu werden drohen?

bücher bereichern das leben. romane und erzählungen regen die phantasie an, erweitern den horizont, ebenso wie gedichte, die vor allem durch sprachliche finessen und ungewöhnliche metaphern neue sinnliche erfahrungen ermöglichen. wer in unseren twitterzeiten vor umfangreichen romanen zurückschreckt, kann es ja mal mit einer lyrikanthologie versuchen. dort findet man lauter kurze texte, deren lektüre wenig zeit in anspruch nimmt und die freude an der sprache vermitteln.

ein gespräch mit dem verleger Ralf Liebe anlässlich der neuen ausgabe von Versnetze_zwölf finden sie in Das-Gedicht-blog.

 

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Mittwoch, 21. August 2019

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