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Löffler läuft und läuft und ....

 KL Camino Portugese 2012

© 01.06.2012 foto Kay Löffler: kühlung auf dem Jakobsweg

Mir tut das linke Bein weh. Mir tut das rechte Bein weh. Ich will nach Hause. (5) das soll mit einem augenzwinkern der lapidare, innere aufbau vieler Camino-bücher sein, behauptet eine dame, die sich auf diesen weg gemacht hatte. Manchmal ist es auch andersrum. (5) kontert salopp der autor Kay Löffler und hat dabei eine erfrischende idee.

ihm gelingt eine untypische anthologie zu diesem thema (Die den Weg fanden1), die eindrücke in form von authentischen fotos, prosaischen beschreibungen, lyrischen reflektionen und aphoristischen gedankensplittern zu dem generalthema „weg“ versammelt. 132 seiten voller reflektionen zu einem durchaus mühevollem und körperlich anstrengendem unterfangen. darum kommen dann auch in der anthologie die einen oder anderen wehwehchen vor.

der zentrale aspekt ist die geh-methode als eine möglickeit zur selbsterkenntnis, die der autor selbst durchlebt, und die ihn zu einer änderung seines lebens veranlasst. die versammel­ten elf autorinnen und autoren haben den Jakobsweg in unterschiedlicher länge und an unterschiedlichen orten selbst erlaufen.

Martin Thull und Ingrid Fischer z.b. stellen sich dort mehrfach die frage, warum man dies oder jenes getan oder unterlassen habe und Fischer kommt zu dem ernüchternden schluss: Und es war wieder einmal zu spät. (46) selbsterkenntnis ist ein wichtiger aspekt der laufarbeit. eine parallele zur geh-meditation des Vipassana in der Theravada-Traditon des Buddhismus ist offensichtlich – nur werden hier viel kürzere strecken im rund umlaufen.

beeindruckend auch der nur 800 meter lange Jakobsweg durch Leipzig, beschrieben von Michael Oertel mit seinen skeptischen gedanken. man muss nicht bis nach Spanien laufen, um sich die kernfrage - wie leben wir? – vor augen zu führen. Ja, der Gott des Konsums ist in Geberlaune. Unbemerkt, für viele, nimmt er aber auch. (98/99) auf dem Jakobsweg zwischen marketing und meditation. und was der konsumgott nimmt, das muss jeder für sich erkennen – und hoffentlich abstellen können.

in diese richtung weist auch das gedicht von Isaban Sabine Römmer-Speer mit dem intertex­tuierenden titel Und ob ich schon wanderte. sie beginnt mit der zeile Er kannte den Weg nicht und lief und er lief, … und endet mit: Er rannte vor seine Wand. (111) das kann passieren, wenn sich der innere durchbruch nicht einstellt, der kopf nicht frei wird.

dem geht Löffler gegen ende der anthologie mit seinen gedanken nach und versucht ein fazit: Es findet eine … eine Entschleunigung3 statt. … Und so, quasi losgelöst von der Zeit, setzt plötzlich das Denken ein. Du denkst über das Leben nach, über das Leben der anderen und über dein Leben. Du analysierst und merkst, wo du stehst. Und dann kommt es nur darauf an, ob du alles wirklich erkennst und auch bereit bist, die Konsequenzen zu ziehen. (123) das kann erschütternd sein und jahrelang wegedrückte emotionen wie einen erdrutsch loslösen: und ich habe geweint wie noch nie seit meiner Kindheit. Und das war der Moment …(123) der moment der konsequenzen.

diese anthologie zeigt in kleinen texten unprätentiös die macht der selbsterkenntnis auf. wer auch immer den Jakobsweg beschreiten möchte, möge es vorher lesen und sich prüfen, ob er die geh-meditation nicht nur körperlich, sondern vor allem auch emotional und spirituell aushält.

© 02.01.2018 brmu
1 Kay Löffler (Hrsg.), Die den Weg fanden – Geschichten über den Jakobsweg, Engelsdorfer Verlag 2017
2 siehe: Psalm 23.4 „Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück…“
3 das hat Goethe auch gemeint mit seinem aphorismus: „Wer sichere Schritte tun will, muss sie langsam tun.“

 

 

Kommentare 3

Gäste - Andreas Schnabel am Dienstag, 02. Januar 2018 18:33

Nichts ist so lang, wie der Weg zu sich selbst.
Man kann dazu ultimativ getrieben werden, ihn zu gehen oder man wird freundlich dazu eingeladen, wie zum Beispiel von denen, "Die den Weg fanden". Ein Buch, das mit seinen Geschichten unendlich weit weg ist von all dem, was uns heut' zu Tage anmacht aber so nah an denen, die zu den Jacobspilgern gehören....und vielleicht auch zu dem, der sich wünscht diesen Weg irgendwann einmal selbst zu gehen.

Nichts ist so lang, wie der Weg zu sich selbst. Man kann dazu ultimativ getrieben werden, ihn zu gehen oder man wird freundlich dazu eingeladen, wie zum Beispiel von denen, "Die den Weg fanden". Ein Buch, das mit seinen Geschichten unendlich weit weg ist von all dem, was uns heut' zu Tage anmacht aber so nah an denen, die zu den Jacobspilgern gehören....und vielleicht auch zu dem, der sich wünscht diesen Weg irgendwann einmal selbst zu gehen.
Gäste - Kay Löffler am Mittwoch, 03. Januar 2018 14:18

Nur ein kleiner Hinweis: Das da oben auf dem Foto ist keine "Kühlung", sondern eine Flußüberquerung :-) Die Spanier haben es sich in früheren Jahren einfach gemacht und zwecks Überschreitung kleinerer, flacher Flüsse einfach Steine darin abgelegt. Neben der Überquerungshilfe da oben verläuft aber zwischenzeitlich eine richtige kleine Brücke.
Vielen Dank für den schönen Artikel!

Nur ein kleiner Hinweis: Das da oben auf dem Foto ist keine "Kühlung", sondern eine Flußüberquerung :-) Die Spanier haben es sich in früheren Jahren einfach gemacht und zwecks Überschreitung kleinerer, flacher Flüsse einfach Steine darin abgelegt. Neben der Überquerungshilfe da oben verläuft aber zwischenzeitlich eine richtige kleine Brücke. Vielen Dank für den schönen Artikel!
Gäste - brmu am Mittwoch, 03. Januar 2018 14:59

hallo KL, an diesem kleinen detail des unwissens kann man erkennen, dass ich den Camino noch gar nicht gelaufen bin, ziehe die sitzmeditation in der sauna vor. dann hatte also die überquerung einen angenehmen nebeneffekt: den des temperaturausgleiches zwischen kopf und sohle. mein respekt! BU

hallo KL, an diesem kleinen detail des unwissens kann man erkennen, dass ich den Camino noch gar nicht gelaufen bin, ziehe die sitzmeditation in der sauna vor. dann hatte also die überquerung einen angenehmen nebeneffekt: den des temperaturausgleiches zwischen kopf und sohle. mein respekt! BU
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Donnerstag, 19. Juli 2018

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