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Scheuers Winterbienen und Bergers Töne dazu

BU Scheuer Lesung

© 29.10.2019 Fotomontage brmu: Norbert Scheuer, auf Rainer Berger deutend

Die Buchhandlung Brockmann ist eine nicht wegzudenkende Stätte der Buchkultur in Brühl. Was anderen nicht gelingt, das schafft Frau Brockmann zu realisieren. Diesmal ist es die Lesung des weit über die Region der Eifel hinaus bekannten Autors und Preisträgers Norbert Scheuer, tönend congenial begleitet von Reiner Berger. Dafür erhielten sie und ihr Team einen Extraapplaus vom Publikum im vollbesetzten Saal des Begegnungszentrums margaretaS.

Als Leser/in kann man noch etwas lernen vom neuesten Roman „Winterbienen“, für den die Stadt Braunschweig den Wilhelm-Raabe-Preis verliehen hat. Die Geschichte spielt wieder in der Eifel, diesmal gegen Kriegsende. Ein Imker, Flüchtlinge jüdischen Glaubens, Lockenwickler mit Königinnen drin, Bienenschwärme drumherum, alles in einem Pferdefuhrwerk – und schon ist die perfekte Tarnung für einen grünen Grenzübertritt von Nazi-Deutschland nach Belgien möglich. Die Bienen halten jeden Grenzer auf Distanz. Diese Kerngeschichte ist umgeben von vielen Hinweisen über das Leben eines Bienenstaates, was sich bestens als Metapher für ein Leben in reaktionären, fremdbestimmten Systemen eignet.

Der Roman ist weitgehend in Tagebuchform strukturiert und erzählt die Erlebnisse des Menschenretters und Imkers Arimond in Scheuers ureigenem Stil distanzierter Beobachtung. Keine Einmischung des Autors zwischen den Zeilen. Der Leserschaft wird die Geschichte überantwortet, sie soll ihre Schlüsse ziehen, gerade auch in unserer heutigen Zeit, zwei Generationen nach Kriegsende 1945.

Der Autor las souverän aus seinem Roman, eingerahmt und untermalt von dem fantastischen Querflötisten Rainer Berger, der seine eigenen vier Kompositionen, den Bienensound einfangend, uns allen als Uraufführung darbot. Eine gelungene Adaption des Romanthemas.

Gute Literatur und gute Musik – eine wahrlich gelungene Veranstaltung.

Nach Ausklingen des letzten hingehauchten Flötentons übernahm Werner Höbsch das Wort und begab sich ins Gespräch mit dem Autor, leider wurde der Musiker dabei ausgeblendet. Darum habe ich Rainer Berger im Nachhinein um ein paar Anmerkungen zu seinem Flötenspiel gebeten. Sie sind dem Artikel nachgereicht.

In lockerer Art und Weise wurde über Buch und Bienen parliert. Höbsch legte seine Interpretation oder Fragen vor, Scheuer antwortet mit Witz und Humor. Der Bienenstaat komme ja ziemlich totalitär daher, ja, er sei damit in gewisser Weise eine Metapher für den damalige NS-Staat.

Die Bienen seien einerseits ein Symbol der Bedrohung, ja, aber andererseits im Roman auch eine clevere Art der Rettung, weil sich der Bienenschwarm um die Flüchtlinge schmiegt, die Königinnen in den Lockenwicklern trügen. In der Tat werden die Königinnen damals in Lockenwicklern transportiert. Und es sei auch so gewesen, dass Eifeler Bauern auf diese Weise Menschenleben gerettet hätten. Damit habe man eine gefällige Parallelgeschichte aus sehr unterschiedlichen Welten.

Nebenbei werde also eine Menge Wissen über die Bienen vermittelt, ja, das habe viel Recherchearbeit erfordert und eine Reihe von Erstlesern haben fachliche Korrekturen gemacht, damit alles stimme. Zum Beispiel werde die Bienenart, die das verwesende Herz des Cusanus eingeharzt („einbalsamiert“) hätten, Apis mellifera Carnica genannt. Sie soll seinetwegen über die Alpen in den Eifeler Raum gelangt sein. Näheres im Buch!

Das bepreiste Werk sei aber kein Sachbuch, obgleich es ein Literaturverzeichnis habe. Scheuer meint, er betrachte es als „eine Form der Redlichkeit“ (O-Ton), die Quellen und Querbezüge dem interessierten Leser kundzutun. Und noch eines sei ihm wichtig: Die integrierten Zeichnungen stammen allesamt von seinem Sohn Erasmus Scheuer.

Abschließend gemahnt der Autor schmunzelnd: Was alles noch in der Geschichte sei, das müssten sich Leserin und Leser selber zusammensetzen. Was man weiterdenke, über den Rahmen der Geschichte hinaus, das sei also Sache der Leserschaft.

Mit dieser Einstellung würdigt der Autor seine Leserschaft und die wiederum bleibt treu und seinem Werk aufgeschlossen.

Nachtrag:

Am 3.11.2019 schrieb mir Rainer Berger eine Erläuterung, die ich etwas gerafft mit seiner Erlaubnis hier veröffentliche: In Bezug auf die 'Winterbienen' habe er nach Anknüpfungspunkten für eine musikalische Idee gesucht und sich schließlich entschieden, die Titel in dieser Reihenfolge zu spielen:

carnica bezieht sich auf die Bienenart, die Norbert Scheuer in seinem Buch so präzise beschreibt. Die Bienen schweben über allem, sie machen ihre Arbeit, ob es im 15. Jahrhundert war oder zu Zeiten des 2. Weltkrieges. Der Bienen-Staat ist stabil organisiert und funktioniert nach bestimmten Regeln. Entsprechend habe ich mit Wiederholungen gearbeitet, diese aber variiert. Das Bienenfleißige habe ich in den Motiven versucht einzufangen, den Schwarm mit 'laufenden' Motiven und die einzelne Biene, die sich in einer Blume tummelt mit einer Art Melodie. Das Summen habe ich mit Geräuschen in Kombination mit Tönen angedeutet. Im weiteren Verlauf vorkommende Ideen tauchen schemenhaft auf. Für das 'laufende' Motiv habe ich Töne mit einer speziellen Färbung versehen. Es gibt normalerweise auf der Querflöte einen Griff, der einem Ton zugeorndet ist. Ich habe sog. falsche Fingersätze verwendet, die zwar die Tonhöhe belässt, aber jeweils eine eigene Klangfarbe verleiht. Die falschen Fingersätze sind Tüftelarbeit und müssen außerdem geübt werden, da nicht gewohnte Griffkombinationen entstehen. In carnica steckt von daher auch die meiste Entwicklungsarbeit.

der mond taghell zu eis gefroren - immer wieder wird in den Winterbienen die Angst vor dem Entdecktwerden, bzw. vor der Verhaftung durch die Gestapo beschrieben, dieses Stück nimmt darauf Bezug. Als Instrument habe ich die Altquerflöte eingesetzt, deren sehr hohe Töne verrauschter daherkommen. Diese Töne habe ich bewusst eingesetzt und mit sehr tiefen Passagen kombiniert, so als würden diese unter dem Radar fliegen.

via obstinatus - dieses Werk habe ich in anderem Zusammenhang (mit Kunst) schon einmal gespielt, fand ich aber von der Stimmung passend. „obstinatus“ hat mehrere Bedeutungen, erstarrt, beharrlich, unbeugsam. Je nach Kontext kann es positiv sein, aber auch katastrophal. Der Aufbau des Stückes ist so, dass ich ein musikalisches Wiederholungsmotiv, sehr rhythmisch, hier und da asymmetrisch gewählt habe, dies steigert sich irgendwann zu einem musikalisch Schrei in allerhöchsten Tönen und danach folgt eine sehr leise Passage, quasi als Ruhe nach dem Sturm -wiederum mit falschen Fingersätzen, bei denen hier und da zwei Töne gleichzeitig erklingen - Am Dienstag habe ich es mit diesem Motiv enden lassen, um einen offenen Übergang zur nächsten Textpassage zu schaffen

optatio - ebenfalls schon mal gespielt, auch im Zusammenhang mit Kunst. Ich fand ‘optatio‘ also den 'Wunsch' als ausklingendes Werk passend. Eine schlichte Melodie, die mittels Beatboxtechnik zu einem späteren Zeitpunkt noch mal eine Leichtigkeit erhält, aber immer etwas verhalten. Diese Momente gibt es für mich immer wieder in dem Buch, kleine Inseln, die die furchtbare Zeit in den Hintergrund rücken lassen.

Ich habe gelernt, als Musiker eigenständig zu denken, gerade auch dann, wenn ich zu Literatur, Tanz und Kunst meine Musik entwickle, so dass eine zusätzliche Dimension entsteht. Dabei halte ich es so, dass meine Musik Stimmungen schaffen soll, die zu eigenen Bildern anregen.

Kein Wunder, dass Scheuer und Berger beim Vortrag so gut harmonierten, denn beide billigem der Leser- und Hörerschaft eigenes Entwickeln von Bildern auf der Basis von Resonanz zu dem Gehörten und Gelesenen zu. Möge ihnen viel Publikum gegönnt bleiben.

© 03.11.2019 brmu

 

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