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Picknick im Dunkeln

Die Buchhandlung Brockmann ist in Brühl ein wichtiger Kulturfaktor. In Kooperation mit dem Katholischen Bildungsforum Rhein-Erft fand am 7. Oktober 2020 in der Brühler Pfarrkirche St. Margareta eine Lesung mit Markus Orths, Autor des Buches „Picknick im Dunkeln“ statt. Das anschließende Gespräch moderierte Werner Höbsch, Vorsitzender der Karl-Rahner-Akademie.

Wie überall haben die Vorsichtsmaßnahmen der Corona-Pandemie das übliche Format der Brühler Lesungen verändert. Die Lesung fand in der kühlen Kirche statt, mit dem Vorteil des größeren Raumes und den einzuhaltenden Abständen, aber auch mit dem Nachteil des starken Halleffektes. Wer sich jedoch gespannt auf den Autor konzentrierte, konnte trotzdem die Lesung genießen. Der Applaus gab Zeugnis davon.

Markus Orths las, eingehüllt in eine warme Jacke, in drei Etappen mit Zugabe:

  1. Arthur Stanley Jefferson, genannt: Stan Laurel, trifft im schwarzen Tunnel auf Thomas von Aquin und versucht, mit ihm ins Gespräch zu kommen. Das gelingt nur müh­sam. Der erste Satz des Thomas ist: „Ich fürchte mich nicht!“ (21) – und das bleibt doppeldeutig, trivial bezogen auf die konkrete Situation und religiös philosophisch auf die übergeordnete Lage.
  2. Es folgen Erinnerungen der beiden Romanfiguren als Schlüssel zu deren Lebensverständnissen. Stan hat als fünfjähriges Kind zum ersten Mal seine bühnenreife Wirkung erlebt. Thomas wurde im gleichen Alter ins Kloster gegeben und musste dort lernen, das Lachen zu vergessen und sich verbissen ins Denken zu stürzen.
  3. Ein Beispiel ihrer Dialogfähigkeit rankt um den Philosophen Kant, den Thomas gar nicht kennen kann. Aber das Zitat ist erhellend: „Wir können die Welt nur so wahrnehmen, wie sie uns erscheint. Das Ding an sich, sagt Kant, ist uns verborgen.“ (61) Der schwarze Tunnel ist ein treffendes Symbol dafür. Dann kommen sie auf den Tod zu sprechen. Und es fällt das Wort Geistseele. (71) Als: Zugang zu beiden Formen der Erkenntnis. Zum Materiellen des Körpers. Zum Ideellen des Geistes. (72) Nach dem Tode führe Gott Körper und Seele wieder zusammen. (72) Beide kommen zu dem Schluss: Eine Begegnung von Thomas von Aquin und Arthur Stanley Jefferson ist nur hier möglich. Im Zwischenreich der Geistseelen. Derart betrachtet ist die Lage, in der wir uns befinden. (74)
  4. Nach der Diskussion gab es eine Zugabe, die das Lachen als wichtiges Lebensthema skizzierte. Im Gegensatz zu Ihnen, Thomas, finde ich keinen höheren Sinn im Leben. Und deshalb lache ich. … Vielleicht, Thomas, sind das alberne Lachen und der Glaube nur zwei Weisen, sich dem Unerklärlichen zu nähern. Sinnhaft und sinnentleert. (192)

Den Auftakt zur Lesung und den Übergang zum Frage-und-Antwort-Teil gestaltete der Brühler Kirchenmusiker Peter Klasen an der Orgel. Die ersten Fragen stellte Werner Höbsch, dann war das Publikum an der Reihe.

Zusammenfassend ergab sich, dass die beiden Romanfiguren als Antagonisten zueinander finden sollten. Dies in einer völlig absurden Umgebung, dem absolut schwarzen Tunnel. Der Autor wies darauf hin, dass es sich nicht um eine Variante der sogenannten Nahtoderfahrung handele, in der ebenfalls ein Tunnel als Symbol eine Rolle spiele, dieser jedoch im erlösenden Licht ende. Sein Tunnel ist und bleibt lichtlos. Seine Protagonisten sind auch tot und könnten nicht wieder ins Leben zurückfinden.

Die Situation der beiden Gesprächspartner im Tunnel ist also eine gnadenlose, von jeglicher Ablenkung freie Lage des Nichtmehr-Seins. Gespiegelt wird ein Auf-sich-selbst-geworfen-Sein. Und es werden dabei die Fragen über Gott und die Welt erörtert, wissend, dass es keine absolute Wahr­heit geben kann.

Es ist eine fiktive Situation als Folie für philosophische Gedanken. Gemeinsam weiß man mehr als allein. Die Antworten auf unsere Fragen. Vielleicht werden wir sie nur finden, wenn wir sprechen, uns zuhören, voneinander lernen, die Dinge ins rechte Licht rücken! … Ich glaube: Solange wir reden, leben wir. (201) Das ist die Basis für eine existenzielle Kommunikation.

Daher ist der Vergleich zu Albert Camus so erhellend! (48), da die von Camus postulierte Absurdität des Lebens nur mit Sinn gefüllt werden könne, den sich der Mensch als Teilhaber dieses Lebens selber geben müsse.

Ähnlich können die Gespräche im Tunnel gesehen werden. Die sich ergebende Kommunikation ist hier existenziell. Man lese hierzu das Essay „Literatur als existenzielle Kommunikation“ von Markus Orths auf seiner Homepage: http://www.markusorths.de/. Es werden Resonanzen ge­sucht, auf deren Basis sich beide so unterschiedliche Typen näher kommen können. Und das Licht, dass sie so innig suchen und vermissen, müssen sie selber in sich zünden. Das Narrativ einer erhellenden, vom Lachen und Denken gleichsam getragenen Lebensweise ist sinngebend. Ein gutes Leben lässt beides zu, ungläubiges Lachen und lachenden Glauben – das mit Denkleistung verknüpft. Aber Schluss mit dem Tod. Was bleibt, ist das Leben. (229)

Wenn Sie nun wissen wollen, ob im Tunnel nicht doch noch Licht erscheint und Stanley Laurel den Thomas von Aquin zum Lachen bringt, dann greifen Sie zu diesem Buch. Es lohnt sich!

© 08.10.2020 brmu

 

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