litbiss.de

Germain im labyrith der wörter

wir hatten geglaubt, mit dem roman „Das Labyrinth der Wörter“ eine leichte kost aus der belletristik gewählt zu haben. haben dann aber gestaunt, wie differenziert wir im lesekreis das werk von Marie-Sabine Roger aufgefasst und diskutiert haben. worum geht es?

Germain Chazes, mitte vierzig, scheint ein hoffnungsloser fall. Als ich klein war, nannte meine Mutter mich den „glücklichen Schwachkopf“. (30). Meine Mutter war wie ein spitzer Kieselstein in meinem Schuh. Eigentlich nicht so schlimm, aber es reicht, um einem das Leben zu versauen. (91) keine große mutterliebe in der kindheit, man darf die situation als prekäres familienverhältnis auffassen.

die schulbildung ist ebenfalls minimal, Germain wird gemobbt. seine gesamte sozialisierung ist bedenklich und äußert sich in proletenhaftem auftreten und entsprechend rauher sprache. kurz: Germain ist ein vertreter der so genannten bildungsfernen gesellschaftsschicht. aber kein hoffnungsloser fall, wie wir noch lesen werden. und hier setzt die zweite kritik an: die beschriebene persönlichkeitsentwicklung des Germain sei kitschig idealisiert.

denn ausgerechnet sein hobby führt ihn aus der enge heraus. er beobachtet und füttert gerne tauben im park. hier fällt einem das wort: klischee als dritte kritik ein. dieser Germain trifft eines tages auf eine alte dame im park, die ebenfalls tauben füttert. und nun nehmen die dinge ihren lauf, und zwar im kopf des Germain.

Dr. Margueritte Escoffier heißt sie, 86 jahre alt, ist von der akademisch ausbildung her biologin und lebt im altenheim. und sie ist das genaue gegenteil von dem, was Germain ausmacht. beide sitzen auf der parkbank, füttern tauben und kommen ins gespräch. Margueritte interessiert sich für Germain, und das löst bei ihm bislang unbekanntes aus. Ob Sie es glauben oder nicht, in dem Moment habe ich entdeckt, was es für eine Gefühl ist, wenn sich jemand für einen interessiert. (18) das verhältnis auf gegenseitiger respektsbasis entwickelt sich. Inzwischen habe ich das Wort gefunden, das mir fehlte: Vertraute. (20)

diese entwicklung verändert Germain. Ich habe mich wirklich verändert. Seit ich Margueritte begegnet bin, arbeite ich an meinem Verstand. … Ich denke über das Dasein nach. (38) Als ich Margueritte begegnet bin, fand ich es erst kompliziert, mir Wissen anzueignen. Dann interessant. Und dann unheimlich, denn mit dem Nachdenken anzufangen ist etwa so, wie wenn man einem Kurzsichtigen eine Brille gibt. (47)

die autorin lässt uns die veränderungen im kopfe des Germain von innen miterleben, aus der ich-perspektive, die aber ganz offensichtlich auktorial daherkommt. das hat zur weiteren skepsis geführt, dass man dies wohl eher nicht könne. aber die literarische freiheit lässt alles zu! es handelt sich ja nicht um ein psychogramm. es drängt sich uns allmählich die annahme auf, dieser roman beinhalte eine verpackte botschaft an die leserschaft, die es zu dekodieren gelte.

Germain denkt weiter nach: Und wenn man dann ganz oben steht, … Man hat einen irren weiten Ausblick. Aber nach einer Weile, da fällt einem was ganz Blödes auf: dass man nämlich alleine ist. (48) das will Germain keinesfalls, denn er will seine clique in der kneipe nicht verlieren. Die Moral von der Geschichte: Ich werde auf halber Höhe stehen bleiben und glücklich sein, wenn ich es soweit schaffe. (49) eine sehr realistische einstellung. dabei ergibt sich dann: ich habe mich plötzlich von außen gesehen, das war ein komisches Gefühl. (60)

dieses komische gefühl der selbstreflektion wird durch das gemeinsame lesen, respektive vorlesen von literatur ausgelöst, ein schlüssel zur graduellen veränderung. man muss nur lesen können, und das ist bei Germain schwach ausgeprägt. ein motor zur verbesserung ist das erlernen des buchstabierens – symbolisch - im labyrinth des wörterbuches.

die veränderungsprozesse in der persönlichkeit des Germain gipfeln in dem lob von Margueritte: Germain, Sie sind ein prima Kerl. Ihre Freunde haben großes Glück. (151) die kapieren das aber gar nicht, machen sich lustig über Germain. aber allmählich verändern sich auch die beziehungen zu dem sozialen netz, in dem Germain lebt, seine kneipengruppe, seine geliebte Annette, die ihm ganz am ende eröffnet, von ihm schwanger zu sein, und sogar das verhältnis zur mutter wird posthum gewandelt.

in summa kommt der roman also schlicht daher und unterliegt vordergründig dem verdacht, klischeehaft oder gar kitschig zu sein. aber getreu der erkenntnis von Germain, Wörter sind wie Schachteln, in die man seine Gedanken einsortiert, um sie den anderen besser präsentieren und verkaufen zu können. (21) - darf man das prinzip auch auf den roman anwenden.

hinter der fassade schlummert eine art rezept. menschen können sich ändern, wenn die resonanz gleicher interessen eintritt, wenn respektvoll und tolerant, gepaart mit empathie, gesprochen und gehandelt wird, wenn neugier auf neues entsteht, wenn beispiele den horizont erweitern und wenn raum und zeit gelassen wird, wenn anerkennung und lob den erfolg zum selber(er)finden versüßen. denn wir alle sind wesen, die von der anerkennung in der gruppe, in der sie leben, zehren.

uns fiel das symbol des wollknäuels als potenzial ein. wo potenzial ist, da kann etwas ab-/entwickelt werden. der berufsstand der lehrerschaft ist für unsere gesellschaft solch ein unverzichtbarer umsetzer dieser erkenntnisse. die autorin Marie-Sabine Roger konnte ihren berufstand der grundschullehrerin nicht verleugnen.

© 18.07.2018 brmu

0 Kommentare

Wolfs fiktion

in ihrer erzählung „Kein Ort. Nirgends“, die 1979 zeitgleich in der BRD und der DDR erschienen ist, schildert Christa Wolf den verlauf eines nachmittags im Juni 1804 in Winkel am Rhein (unweit von Mainz und Wiesbaden).

bei tee und unterhaltung und einem abschließenden spaziergang trifft sich im hause eines kaufmanns ein illustres personal, das historisch verbürgt ist (z. b. Clemens Brentano, Bettina von Arnim, Karl Friedrich von Savigny).

vor allem das fiktive aufeinandertreffen zweier dichterpersönlichkeiten der romantik wird vorzugsweise behandelt: Karoline von Günderrode (1780-1806) und Heinrich von Kleist (1777-1811). beide starben jung von eigener hand, weil sie glaubten, sich in ihrer zeit nicht verwirklichen zu können.

ihre allmähliche annäherung in der erzählung und oft intuitiv einhellige bzw. gegenseitig erhellende unterhaltung, die schließlich den eindruck erweckt, als hätten sich hier zwei kongeniale seelenverwandte begegnen (und lieben?!) können, stehen im zentrum der vielschichtig erzählten geschichte.

Christa Wolf, als die schwebend präsente erzählerin, nennt sie eine „erwünschte Legende“ (9).

© 16.01.2018 brmu
Christa Wolf, Kein Ort. Nirgends, Suhrkamp TB 2007
[artikel nach der leicht geänderten und ergänzten notiz von Gerhard Schutte, der am 18.6.2018 den Brühler Lesekreis bei Brockmann moderiert hatte.]

0 Kommentare

Suter wendet Blanks blatt

Lb lkb Sutergrafik2 180515 brmu
 

Als ich in deinem Alter war, wachte ich eines Morgens auf und hatte das Gefühl, mein Leben sei ein einziger riesiger Fehler. … Ich wußte: Alles, was du bisher gemacht hast, hast du falsch gemacht. (30) das meint kollege von Berg zu Urs Blank, beide partner in einer fiktiven wirtschaftskanzlei. überhaupt ist alles fiktiv in dem roman von Martin Suter, betitelt „Die dunkle Seite des Mondes“ – und doch ist alles so beunruhigend real, wenn auch ein wenig anders.

dieser Urs Blank macht eine erschreckende spätentwicklung durch. als kind vom vater geprügelt, in der schule gemobbt, erkämpft er sich mit eiserner disziplin einen beruflichen erfolg als wirtschaftsanwalt und lebt in wohl etablierten verhältnissen, ein schwarzer Jaguar als dessen symbol. der zwielichtige investor Pius Ott denkt über Blank zunächst: Der Mann gefiel ihm. … bei keinem hatte er diesen Killerinstinkt entdeckt, den er bei Blank vermutete. (43) wohl gemerkt: killerinstinkt als anwalt. das sollte sich ändern.

das harte berufsleben aber hinterlässt verdeckte wunden. auktorial kommt der fingerzeig: Aber etwas stimmte wohl nicht in seinem Leben … (7). Und seine geliebte Lucille meint zu ihrer freundin: Er lebt in einer anderen Welt und interessiert sich für die, in der ich lebe. (39) dieses interesse wird letztlich sein verhängnis.

wir erfahren wieder auktorial: Die Veränderung, die Lucille in Urs Blanks Leben brachte, war so tiefgreifend, … Er stand im Begriff, ein anderer Mensch zu werden, und war gespannt, wie sich dieser andere Urs Blank … bewähren würde. (49) wir leser/innen denken nun, er mäßige sich im job und wende sich mehr dem menschlichen zu. doch die einführung in die welt der Lucille mittels eines pilzdrogenrituales legt in der psyche von Blank dermaßen radikal verborgenes frei, dass wir ihn als leser/innen nicht wiedererkennen: er mordet spontan ohne jedes gewissen.

Suter hilft uns zu verstehen, was mit Blank los ist: Was ihn beunruhigte, war weniger, daß er die Kontrolle über das längst domestizierte Tier in ihm zu verlieren schien, als die Tatsache, daß es ihm egal war … weil nichts und niemand wirklich existierte. Daß das Unsinn war, war ihm klar. Aber der Unsinn hatte sich tief in seinem Unterbewußtsein festgesetzt. (91)

und auch Lucille prognostiziert ihm ein Tripp verändert dich nicht. Er holt nur Dinge raus, die immer in dir drin waren. (103) Blank sucht darauf hin hilfe bei seinem freund Wenger, der beruflich phsychologe ist. Ich habe die Kontrolle über mich verloren. Es gibt keine Hemmschwelle mehr. (107) Wengers rat: wiederhole den pilztripp mit der richtigen dosis.

der zweite tripp misslingt. Blank konstatiert Wenger gegenüber: Mein Gewissen ist wieder erwacht, nur am Timing muß ich noch arbeiten. (123) Ich habe … ein schlechtes Gewissen wegen Dingen, die ich vor dem Trip tat, der mich jetzt noch schlimmere Dinge tun lässt. … Neu ist nur, daß ich mich schlecht dabei fühle. (128) und Wenger muss sich eingestehen: Wir haben es nicht geschafft, das Böse in das Gute zu verwandeln. (128)

Urs Blank verschwindet von der bildfläche, täuscht einen selbstmord vor und versteckt sich im wald. Im Wald war er weder gut noch böse, wie jede Kreatur. (157) der wald war seine Intimspäre (160). Suter führt den wald also als metapher für die wandlungsarbeit des Urs Blank an. Urs Blank und der Wald. Was langsam ein und dasselbe wurde. (186) Mit jedem Tag, den er im Wald verbrachte, wuchs in ihm wieder die Gewissheit, daß nichts zählte außer ihm selbst. (209) unsere hoffnung als leserschaft, Blank möge zu einem zivilisierten wesen zurückfinden, schwindet dahin.

was Blank seinem schulfreund Wenger gleich zu beginn des romans vorwarf, Ihr Psychiater helft den Menschen nicht, sich zu verändern. Ihr helft ihnen, sich damit abzufinden, daß sie gleich bleiben. (20) wird nun auch auktorial mit bezug auf den wald als wandlungsmedium wiederholt und damit zur kritik: Der Wald konnte ihn nicht wieder zu dem machen, der er früher war. Er konnte ihm nur helfen, den, der er geworden war, zu ertragen.(225)

nun keimt die spannung auf, wie das wohl enden wird. ein dritter pilztripp wird von Urs Blank durchgeführt, nachdem er auf der Suche nach The Dark Side oft the Moon (304) per zufall den vom autor erfundenen Bläuling findet. wieder laufen die gleichen machtbesessenen waldszenen im kopf des vollgedröhnten Blank ab. Blank löste den Wald in seinen Grundfarben auf und mischte sie neu. … Eine Wald aus Menschen. … Freunde, Feinde, Geliebte, Verflossene, alle, die in seinem Leben etwas bedeutet hatten, und alle, die ihm gleichgültig geblieben oder geworden waren, ließ er antanzen. Wenn die ernste Tanne Wenger nicht gewesen wäre – er hätte sie alle ausgelöscht. Aber die Tanne sagte: „Du kannst den Kurs bestimmen.“ (308)

das ist die wendung (Peripetie), der in einer novelle eine große bedeutung beigemessen wird. Goethe spricht von einer „unerhörten Begebenheit“. diese teilreparatur seiner psyche hindert Blank dann im zweikampf mit dem ihm auflauernden Pius Ott, ihn zu erstechen. Aber etwas hinderte ihn daran zuzustoßen. Blank schüttelte den Kopf und lächelte. (314) der durch freilegung seiner dunklen seite so brutal gewordene spontanmörder Blank hält inne und landet irgendwo zwischen gut und böse. er lässt sich lächelnd von Ott erschießen. Blank fühlte sich gut. Auch noch, als ihn der Schuß traf. (314).

auf der vorletzten seite des romans – oder ist es nicht eher doch eine novelle? – wendet sich das blatt und der autor Martin Suter lässt alles für uns leser/innen offen. warum hat sich Blank erschießen lassen? war es ein souveräner untergang? eine art selbstmord aus verzweiflung? ein racheakt gegenüber Ott, der von der polizei gestellt wurde? eine wiedergutmachung gegenüber seinen mordopfern?

hier beginnen die psychologischen und philosophischen gedankenspiele vor dem hintergrund einer gesellschaftkritischen anspielung auf unsere art zu leben. der text entfaltet seine volle wirkung, der autor tritt nun in den hintergrund, er bleibt der begabte lieferant eines katalysators für die reflektion des eigenen lebens in einer geldbestimmten gesellschaft.

wie viel von „Der dunklen Seite des Mondes“ haben wir in uns? der titel ist als anspielung auf die psychologische verfassung von Urs Blank von einem song der gruppe Pink Floyd entlehnt. der song hat diesen von mir übersetzten text und mag auch als interpretationshilfe dienen:

hirndefekt

das verrückte liegt im kiffen
das verrückte liegt im kiffen
erinnert an spiel und Tausendschön und lach‘n
halte bloß die irren auf dem weg
die verrücktheit ist innen drin
die verrückten innen in mir
die zeitung liegt noch gefaltet auf dem boden
und tag für tag bringt der zeitungsjunge mehr

und falls der damm zerbricht viele jahre zu früh
und falls kein raum wäre auf dem hügel
und falls dein kopf zerplatzt voll dunkler ahnung auch
sind wir auf der dunklen mondrückseite

der irrsinn ist in meinem kopf
der irrsinn ist in meinem kopf
du machst jetzt ernst, du änderst ab
mich krempelst du um bis ich bin heil
verschließt die tür und wirfst den schlüssel weg
einer mir im kopf ist, das bin ich nicht

und wenn der wolkenbruch donnert in dei’m ohr
du schreist und niemand scheinbar hört
und wenn die band in der du bist ganz anders spielt
sind wir auf der dunklen mondrückseite

Martin Suters protagonist Urs Blank hat lächelnd den mond umkreist und fühlte sich gut (314) dabei, ein hauch von existenzialistischer selbstbestimmung.

© 15.05.2018 brmu
zitate im schrägdruck, seitenzahlen in klammern aus: Martin Suter, Die dunkle Seite des Mondes, Diogenes Verlag. TB 2001
song von Pink Floyd, album The Dark Side oft he Moon, 1973, song Brain Damage

0 Kommentare

McCullers auf herzenjagd

man nimmt den alten roman „Das Herz ist ein einsamer Jäger1 von Carson McCullers in die hand, fragt sich, warum wieder so viele seiten beschrieben wurden, und ist skeptisch. dann kommt die lesearbeit, dann keimt die neugier, dann dämmert die erkenntnis, dass hier viele lebensmuster miteinander verflochten beschrieben werden, trotz vergangener zeiten. der roman spielt in der zeit um 1938/1939 in Georgia, USA, und kommt sehr gesellschaftskritisch daher. er bietet die aspekte einer novelle ebenso wie die eines romans

John Singer ist sehr eng befreundet mit Spiros Antonapoulos in einer namenlosen kleinstadt. beide sind taubstumm, wie das damals hieß. Singer arbeitet als silbergraveur und Antonapoulos ist helfer im laden seines vetters. viele jahre geht das seinen gang, bis sich die psyche von Antonapoulos gravierend verändert und er letztlich in der irrenanstalt landet. Singer besucht ihn nach möglichkeit, bis er eines tages in der anstalt vom tod seines freundes informiert wird. die welt bricht für ihn zusammen und er erschießt sich.

es gibt ein weiteres pärchen, das sich im roman kurzzeitig findet. Mick Kelly, kurz vor ihrem dreizehnten lebensjahr und Harry Minowitz, nachbarsjunge, gehen gemeinsam baden und es kommt zum einvernehmlichen sex. Sie wandten sich beide gleichzeitig einander zu. Sie lagen dicht aneinander gepresst. … Und dann geschah es. So also war das. (241) Harry hat schwere gewissensbisse. Es ist meine Schuld. Unzucht ist eine schreckliche Sünde. (242) er verlässt fluchtartig die stadt ohne seinen eltern bescheid zu geben.

Mick ist danach völlig verändert. Nun war sie erwachsen – ob sie wollte oder nicht. (243) sie hatte sich bislang oft in ihrer inneren welt der musik aufgehalten. Schule und Familie und alles, was so täglich passierte, gehörte zur Außenwelt. Mister Singer war in beiden Welten. Fremde Länder, Pläne und Musik waren in der inneren Welt. Auch die Lieder, die sie im Kopf hatte, gehörten dorthin. … Die innere Welt war etwas ganz Privates. (143)

nun obsiegt die äußere welt: sie verlässt die schule, geht arbeiten, um die finanzielle situation der familie Kelly aufzubessern. alle illusionen brechen zusammen. Wozu das alles? Das hätte sie gern gewußt. … Wozu all die Pläne, und wozu die Musik? Wenn dabei nichts weiter herauskam als diese Falle: ins Geschäft, nach Hause zum Schlafen, dann wieder ins Geschäft. (307) die sie beflügelnde innere welt verflüchtigt sich. Sie wäre so gerne in die innere Welt gegangen, aber sie wußte nicht wie. Es war, als wäre die innere Welt irgendwie für sie verriegelt. Sehr schwer zu verstehen war das. (310)

verzweifelt redet sie sich einen sinn des ganzen ein: Das alles mußte doch für irgendetwas dagewesen sein, wenn es einen Sinn haben sollte. Und den mußte und mußte und mußte es haben. Ja, es hatte einen Sinn. Na also! O.K. Einen Sinn. (310) Das sind existenzialistische fragen, die später Albert Camus in seinem werk aufgreift und unter dem schlagwort „Absurdität“ subsummiert.

das dritte pärchen findet sich zeitweilig unter ihrem kodewort „Wissende“ zusammen. der"Neger" Dr. Benedict Mady Copeland und der weiße arbeiter Jake Blount. Dr. Copeland ist arzt und intellektueller. er wird von seiner tochter Portia gescholten: Die ganze Zeit brauchst du dieses Wort >Neger<. … Das ist so ein Wort, das die Leute verletzt. Sogar das alte einfache >Nigger< ist besser als dieses Wort. Aber höfliche Leute … sagen immer >Farbige<. (70)

Jake Blount meint zu Singer als vermeintlich ebenfalls Wissendem im Café New York: Wissende und Unwissende gibt es, und auf tausend Unwissende kommt bloß ein Wissender. Das eben ist das ewige Wunder: daß alle die Millionen so vieles wissen, nur dieses eine nicht. … Der Unterschied ist bloß der: man muß begabt sein, um sich die Erde rund vorzustellen. Meine Wahrheit ist aber so naheliegend, daß es geradezu ein Weltwunder ist, daß die Leute sie nicht erkennen. … Ich bin ein Wissender. Ich bin ein Fremdling in einem fremden Land. (23) und weiter: Sieh mal, wenn zwei Wissende wie wir aufeinander stoßen, das ist ein Ereignis. Das kommt so gut wie niemals vor. Manchmal begegnen wir einander, aber keiner ahnt, daß der andere ein Wissender ist. … Aber weißt du, von unserer Sorte gibt’s so wenig. (23)

und was wissen sie? sie sind von den herrschenden verhältnissen in ihrem land massiv angeekelt. … die Hunde, denen die Fabriken gehören, sind Millionäre … (63) … worauf ich hinaus will, ist folgendes: wenn einer weiß und wenn er’s den anderen nicht begreiflich machen kann – was soll er dann machen? … Wohin man sieht – nichts wie Gemeinheit und Korruption. … Für jeden Bissen, den wir essen, für jeden Faden ,den wir am Leibe haben, schindet sich einer bis aufs Blut – und alle tun so, als wüßten sie’s nicht. Alle sind sie blind, taub und vernagelt – dumm und gemein. (63)

beide träumen von rebellion und hängen dem gedankengebäude von Karl Marx an. in ausführlichen (selbst)reden werden ihre positionen dargelegt. Jake formuliert das so: Aber nehmen wir mal an, einer ist ein Wissender. Dann sieht er die Welt wie sie ist. Er sieht, wie Kapital und Macht langsam eins werden und heute auf ihrem Höhepunkt sind. … aber die Unwissenden haben solange in der Lüge gelebt, daß sie einfach nicht mehr sehen. (132) und er folgert: Aber sieh mal, das ist doch so: wir können’s doch nicht einfach dabei lassen, daß wir Wissende sind; handeln müssen wir. (136) Und wenn genügend Unwissende diese Wahrheit begriffen haben, dann braucht’s keinen Kampf mehr. Wir haben nichts weiter zu tun, als es ihnen beizubringen. Weiter nichts. (139) er meint, die innere revolte als lernprozess nach außen tragen. dabei gerät Jake in eine schlägerei und ist gezwungen, die stadt möglichst unerkannt zu verlassen. Aber was war das nun – Flucht oder Vormarsch? Nun, jedenfalls ging er. Alles mußte noch einmal von vorne anfangen. (307)

Dr. Copeland ist radikaler, er stimmt Jake Blount nur bedingt zu. auf einem weihnachtsfest referiert er: Karl Marx war ein kluger Mann. … Jeder Reiche lässt ein paar tausend Arme für sich arbeiten, damit er noch reicher wird. Karl Marx teilte die Menschen nicht ein in Neger und Weiß oder Chinesen, denn ob ein Mensch zu den Millionen Armen oder aber zu den wenigen Reichen gehört, war für ihn wichtiger als die Farbe seiner Haut. Karl Marx verkündete in der großen Botschaft seines Lebens die Gleichheit aller Menschen und forderte, daß der Reichtum der Welt so verteilt werde, daß es nicht mehr Arme und Reiche gebe, sondern daß jeder einzelne seinen Anteil erhält. … Jeder nach seinen Fähigkeiten und jedem nach seinen Bedürfnissen. (164/165) und er schließt seine rede mit den worten: Wir haben die Aufgabe, die Zeit unserer Demütigung mit Kraft und Würde zu überstehen. Wir können nicht stolz genug sein, denn wir wissen, wie kostbar der Geist und die Seele des Menschen sind.  (170) die geschichte hat ihm recht gegeben.

zurück bleibt der durch den tod seiner frau Alice zum single gewordene besitzer des „Cafés New York“, Bartholomeus („Biff“) Brannon. in der kleinen welt seines lokals hatten sich die protagonisten oft getroffen und so kennen gelernt. er bleibt unverändert und sieht der zukunft stoisch entgegen.

wonach jagen nun die herzen dieser protagonisten? nach denen der anderen und verpassen sie. das wird am beispiel des John Singer drastisch deutlich. obwohl er taubstumm ist, also nicht hören kann und auch nicht spricht, treffen sich die leute bei ihm in der wohnung oder sprechen ihn an auf seinen spaziergängen im stadtviertel. Singer erzählte ihm [Antonapoulos in der anstalt] … von den Leuten, die ihn zu besuchen pflegten. Er sagte …, sie trügen dazu bei, ihn von seiner Einsamkeit abzulenken. Merkwürdige Menschen seien es, … immerfort redeten sie – aber er freue sich, wenn sie kämen. (83)

da er immer freundlich ist und nicht widerspricht, wird Singer zur projektionsfläche ihrer sorgen und nöte wie am ende einer einbahnstraße. wie es Singer geht, interessiert sie nicht. erst als er sich das leben nimmt, geht eine schockwelle durch das viertel. Biff grübelt in seinem lokal: Das Rätsel. Die Frage, die sich in ihm festgesetzt hatte und die ihm keine Ruhe ließ. Das Rätsel um Singer und um die anderen. (314) doch das hält nicht lange an. Während er zur Tür ging, fühlte er sich sicherer. … war er wieder so weit, daß er nüchtern und gelassen dem neuen Tag entgegensah. (315) man geht zur tagesordnung über: such is life.

© 24.04.2018 brmu
1 Carson McCullers, The Heart Is a Lonely Hunter, erschienen: 1940
zitate und seitenzahlen aus: Carson McCullers, Das Herz ist ein einsamer Jäger, Diogenes 1963

0 Kommentare

Scheuer und Peehs Liebe

BU Peeh Erzählebenen2 180320 brmu

© 20.03.2018 brmu: Grafik der Erzählebenen

Norbert Scheuer verlässt Kall in der Eifel – in seinem roman „Peehs Liebe“, zumindest zeitweise und mit hilfe der fantasie des protagonisten Rosarius.

der ist ein stark pflegebedürftiger mann im altersheim von 74 jahren. er redet ständig vor sich hin. „Manchmal konnte der alte Mann die ganze Nacht nicht schlafen, erzähle und erzähle, als bestünde die Welt aus ruhiger, fließender Erinnerung.“ (76) das ständige memorierende reden hat Rosarius wohl von seiner mutter Kathy übernommen, denn die meinte: „Vielleicht hat das Leben nur den Sinn, dass man am Ende jemandem eine Geschichte erzählt.“ (25)

das nervt seine umgebung im altenheim, bis die pflegerin Annie sich seiner mit verständnis und einfühlungsvermögen annimmt. sie beginnt, seinen erzählstrom zu notieren, weil sie „glaubte, Rosarius zu verstehen und einen Sinn in seinen eigentümlichen Leben zu finden, wo es doch eigentlich für nichts auf der Welt einen ursprünglichen Sinn gibt.“ (39) und: „Annie wusste nicht, warum sie diese Dinge aufschrieb, aber allmählich entstand daraus wie von selbst so etwas wie eine Geschichte, …“ (50)

was wir also in Norbert Scheuers roman „Peehs Liebe“ über das leben des Rosarius in all seinen verästelungen in und um Kall herum erfahren, entstammt dieser kompilationsarbeit. Rosarius als vermeintlicher „ich-erzähler“ liefert das rohmaterial mit seinem gebrabbel, Annie hört sich ein und formt die story im auftrag des auktorialen erzählers.

und der liefert den grund aus ihrem munde: „Vielleicht sterben wir gar nicht und leben in Geschichten weiter, …“ (81) damit bekundet uns der autor Norbert Scheuer das generalthema aller literatur: unsterblichkeit nicht in büchern begraben, sondern in der lebendigen rezeption der leserschaft.

um das robust zu bekräftigen, montiert der autor noch eine weitere ebene ein. er bedient sich der intertextualität mit Hölderlin’s Hyperion aus dem jahren 1797 und 1799. einer nebenfigur und liebhaber der mutter (34), Vincentini, hat das buch im krieg das leben gerettet durch abfangen der kugel. er zitiert ständig daraus ins ohr des mit Aphasie (61) geschlagenen jungen Rosarius, der wiederum eine unerkannte inselbegabung eines unlöschbaren gedächtnisses hatte. „Vielleicht vergaß ich nichts, weil ich mit niemandem reden konnte, vielleicht sprechen die Menschen nur miteinander, um Dinge endlich zu vergessen.“ (54)

darauf basiert die ganze erinnerungsarbeit. alles, was sich im roman auf den verschiedenen erzählebenen abspielt ist ein spiel der erinnerungen von Rosarius, um die gescheiterte liebe zu Petra, genannt Peeh, vergessen zu können. insofern ist der titel des romans irreführend. es handelt sich nicht um Peehs liebe, sondern um die liebe von Rosarius zu seiner Peeh-Petra!

Fiktionen verwoben mit zitaten, zitate verwoben mit erinnerungsinseln. „Rosarius sprach leise von seiner Liebe zu Peeh. … Peeh, murmelte Rosarius, warum erzähle ich dir und wieder mein Leiden und rege die ruhelose Jugend wieder auf in mir? Warum bleib ich im Frieden meines Geistes nicht stille?“ (23) Wer findet die stelle im Hyperion?

und auktorial blitzt es durch mit eingestreuten reflexionen wie diese: „… vielleicht war dies die verschlüsselte Summe seines Lebens, was zuletzt übrig blieb, ein Gespinst aus Erinnerungen, Bildern, Gefühlen und Dingen, die in keinem Buch der Welt zu finden sind.“ (42) also weder in Scheuers romanen noch im Hyperion.

man kann zu dem schluss kommen, dass Scheuers roman eine warmherzige illustration dafür ist, wie menschen schlussendlich um das narrativ ihres lebens ringen. denn Rosarius glaubt, „bestimmte Dinge kann man niemandem sagen, noch nicht einmal sich selbst.“ (68)

© 20.03.2018 brmu
anbei ein autorengespräch mit Norbert Scheuer über seinen Roman "Peehs Liebe" im Domradio.

1 Kommentar

Mosebachs "phantasterei"

diesmal stand ein literat der alten schule auf der agenda: Martin Mosebach mit seinem roman "Mogador". der hauptprotagonist des romans, ein promovierter literaturwissenschaftler namens Dr. Patrick Elff, tut einen tiefen fall: er wird via consultant ein banker und schlittert in seinem job in ungesetzliche zonen ab.

das rächt sich und er meint spontan, während einer befragung als zeuge aus dem kommissariat fliehen zu müssen: aus dem fenster nach Marokko, wo sein vermeintlicher retter Pereira lebt. dem hatte er einmal beim transfer von millionen summen einen illegalen dienst erwiesen. diese zwielichtige gestalt ist Elffs große hoffnung auf ein gelingendes untertauchen in Mogador.

neben der veralteten orthografie im roman auch hier die alte benennung einer stadt, die heute Essaouria heißt. dort wartet der gescheiterte banker, versetzt in alte zeiten, auf seine chance eines treffens mit Pereira.

diese zeit nutz der autor und fordert unsere ein. wir verlassen den krimi und tauchen ein in eine fantastische erzählung um die zweite protagonistin, Khadija. ihre märchenhafte welt des alten Magador wird uns ausgiebig in aller sprachlichen virtuosität, in erzählerischer wucht und sprachgewaltiger ziselierung, ergo in geradezu ausschweifender, orientalischer erzählmanier näher gebracht, gemäß dem auktorial früh angekündigten motto: Was gestern war, das hätte der junge Mann jetzt durchaus erzählen können, aber wie einem Roman, mit Wirklichkeiten gemischt und doch selbst ihm im Ganzen unwahrscheinlich. (18)

nicht jedem konveniert diese mischung. man muss geduld ansammeln und in seine lesekapsel (Hanns-Josef Ortheil) flüchten, um alle sprachlichen windungen der erzählung über Khadija in der an sich recht ereignislosen rahmen-krimi-erzählungen zu genießen. adverbien und adjektive in den wortbildern werden dominant und lassen mit hilfe der fantasie der lesenden ein üppiges bild entstehen.

erzählen, um des erzählens willen. die alte kultur des geschichtenerzählens scheint auf. wer allerdings diese geduld und/oder fantasie nicht (mehr) hat, wer also den sachlich-zielorientierten neueren literaturen der subjekt-prädikat-objekt-sätze anhängt, der legt das buch schnell weg.

da es keine klassische krimi-lösung gibt, kann man auf der suche nach der botschaft des romans nur noch summieren: flucht vor der eigenen unzulänglichkeit nützt nichts. in dieser situation des protagonisten Patrick Elff passiert ihm die umwertung aller werte.

die ethik zerfällt: Was, wenn er umsonst davon gelaufen wäre? Von Schuldbewusstsein überwältigt, obwohl eine so übermäßige Schuld gar nicht vorlag? … War das Stehlen wirklich so schlimm? (339) und etwas später die relativierung pur: Etwas Böses erhielt durch das Hinzutreten eines noch viel Böseren einen anderen Platz. Er fühlte sich auf einmal allen Fatalitäten eines Betrugs- oder Veruntreuungsprozesses gewachsen, … (341)

nach über 300 seiten üppiger schreibkunst erfolgt nicht die (erhoffte) katharsis des Patrick Elff. das scheint eine gewollte, harte spiegelung unserer zeit in der rahmenhandlung. und die bordellbesitzerin Kadhija in dem zentralen „märchen“ steht auch vor einem trümmerhaufen. die polizei stellt ihr etablissement auf den kopf und die ausbalancierte partronage des geben und nehmens ist in gefahr. Wer sich in der Einschätzung seiner Umstände sicher glaubt, muß oft erfahren, wie wenig vonnöten ist, um alles umzuwerfen, was er für wahrscheinlich und möglich hielt. (333) sie wird von ihrem dämon aus kindertagen umarmt.

alle erzählstränge, auch die der nebenfiguren, bleiben offen. ergo: außer schöner sprache nichts gewesen, keine klärung der kriminellen handlungen. was bleibt als orientierung?

der autor ist offenbar ein wortverliebter „phantast“, den die krude sache wenig interessiert, nur vehikel ist, seine sprachgirlanden aufhängen zu können. von uns leserinnen und lesern wird ein hohes maß an lesekompetenz in sprachlich abgehobenen regionen eingefordert.

Khadija fühlt nach der polizeiaktion einen unerträglichen werdenden Schmerz. Wenn auf der erkalteten Erde ein letzer Mensch lebt, wird sein Schmerz das einzige im Weltraum sein, was noch eine Bedeutung hat. (364) möge es kein leseschmerz sein.

© 21.02.2018 brmu

0 Kommentare

Rothmann lässt sterben

dies buch hat emotional heftig zugegriffen. die rede ist von Ralf Rothmann und seinem schocker „Im Frühling sterben“. je nach eigener emotionaler resonanz zu den diversen szenen in dem roman reichten die reaktionen von „jetzt sei es aber genug!“ bis „davon brauche man in unserer zeit noch mehr mahnendes“.

die rahmengeschichte schickt einen vornamenlosen schriftsteller, sohn des vaters Walter Urban, auf die vergebliche suche nach dem grab seiner eltern. machen einstieg und abschluss nachdenklich, so will man das buch im hauptteil oftmals irritiert zur seite legen, die beschriebenen kriegsgreuel an den zivilisten sind jenseits der vorstellungskraft eines normalen menschen.

es wird die zwangsrekrutierung der beiden freunde Walter Urban (Ata genannt) und Friedrich Caroli (Fiete genannt) in die waffen-ss beschrieben. dann trennen sich die wege der beiden: Fiete an die front, Walter in eine transporteinheit, doch beide finden - höhepunkt der dramatik - wieder zusammen. allerdings anders, als man es sich wünschen würde: in einem ethischen dilemma.

Fiete hatte nach einer verwundung erhebliche Zweifel: Mann, was hab ich hier eigentlich verloren. ... Ich habe keine Feinde, jedenfalls keine, die ich umbringen möchte. Das ist der Krieg von Zynikern, die an gar nichts glauben, außer an das Recht des Stärkeren. (160). Er will desertieren, wird gefasst und inhaftiert. Walter kommt derweil von der vergeblichen suche nach dem grab seines vaters, Alfred Urban, der im selben frontabschnitt gefallen sein soll, und findet sich in der gruppe wieder, die Fiete auf befehl füsilieren soll.

verweigert einer von ihnen den erschießungsbefehl, müssen alle dafür büßen. damit ist der individuelle aspekt der revolte gekappt, denn der verweigerer würde noch zusätzlich schuldig am sicheren tod der kameraden. Walter kämpft beim sturmbannführer verzweifelt mit worten um seinen freund, bietet sich sogar als austausch für den strafeinsatz an der front an.

in dieser situation entspinnt sich ein überaus befremdender disput über den gebrauch des genitivs seitens des offenbar als gebildet charakterisierten unbeugsamen befehlshabers Domberg. Er macht etwas mit uns, dieser Genitiv. Er verändert die Haltung. … Der verfeinert unsere Seelen, junger Mann, und lehrt uns, was geistiger Adel bedeutet. Der Vorsatz, nichts schleifen zu lassen und nicht immer nur den leichtesten Weg zu gehen, das ist der Genitiv! Kapiert? (151) worthülsen sind beliebig füllbar.

unwillkürlich kriecht der gedanke ins bewusstsein, dass bildung ohne ethische aufbereitung völlig versagt, ist erst einmal eine gesellschaft in einer derartig geschichtlichen verluderung angekommen. da schrillt ein eitles grundmuster, unabhängig von den politischen ummantelungen. Goethe als bildungsideal hat das kz Buchenwald nicht verhindern können.

in einem letzten gespräch mit Fiete spendet dieser Walter quasi die absolution. als Walter fragt: … was ist mit dem, der schießen muss? Was vererbt der? (162) antwortet Fiete: Wahrscheinlich eine große Traurigkeit… (163). Hierin mag das tiefe ver/schweigen im ersten satz des romans begründet liegen. Fiete wird füsiliert, Walter ist in der gruppe der erschießenden.

und noch ein typisches verhaltensmuster wird uns beigebracht: nach dem großen trauma des krieges stürzt man sich lieber in den wiederaufbau des zerstörten. wo alles kaputt ist, da kann man sich bewusstlos arbeiten, muss nicht über sich und sein verhalten nachdenken. Jede Knochenarbeit ist besser als Krieg, oder? Was immer du erlebt hast, es reicht für den Rest deiner Zeit, wirst sehen. (203) sagt der väterliche Thamling zu Walter nach dessen rückkehr aus dem krieg.

auf hinweis von Thamling heiraten Walter und Elisabeth, um einen hof übernehmen zu können, eine zweckehe par excelence. das wirtschaftswunder in der jungen Bundesrepublik Deutschland war von dieser art. und dabei entspinnt sich ein anderer krieg auf dem feld der wirtschaft: Keine Milch ohne Krieg, wird es bald heißen. Jeder Hof geht dem anderen an die Gurgel, und am Ende bleiben nur Fabriken übrig. (206) exakte prophezeihung aus wissender position des autors.

und die vom letzten weltkrieg gezeichneten, betroffenen täter und opfer, schwiegen, so wie es schon der eingangssatz als über allem stehendes motto formuliert: Das Schweigen, das tiefe Verschweigen, besonders wenn es Tote meint, ist letztlich ein Vakuum, das das Leben irgendwann von selbst mit Wahrheit füllt. (7) der ganze roman ist eine einzige wahrheitssuche über drei generationen hinweg.

und ganz am ende steht ein stilles Verwehen, … jetzt noch einmal stiller. (234) der autor hütet sich, wahrheiten vorzugeben, er zwingt uns, selber zu reflektieren und unsere wahrheit zu finden, auch wenn der katalysierende stoff aus dem frühjahr 1945 stammt, also für viele schon nur noch geschichte geworden ist. die verhaltensmuster sind so aktuell, wie eh und je. Walter bekennt: Davonkommen wollte ich, …, Einfach nur durchstehen, den Wahnsinn. (222) und für das aufbegehren (desertation) von Fiete findet der gutsverwalter Thamling die worte: der hatte schon immer Flausen im Kopf. Aber was nützt alle Klugheit, wenn man nicht weise ist?“ (202) er meint: ducken, anpassen, durchkommen.

dabei ist Fiete der einzige protagonist in dem roman, der uns die hoffnung auf eine konsequente, innere haltung darlegt, die sich den brutalitäten widersetzt, ganz im sinne der revolte gegen ein menschenverachtendes regime. seine klugheit aus ethischem grunde wäre der weisheit aus opportunismus vorzuziehen.

doch schauen wir uns um, die welt ist voller wahnsinn, ethik ist ein fremdwort. und wir alle wollen doch nur davonkommen. die andere wange hinzuhalten ist nur den wenigsten gegeben.

© 16.01.2018 brmu

1 Kommentar

Ishiguro lässt 'was übrig

spieglein, spieglein an der wand
wer ist der größte im ganzen land?

in dem roman von Kazuo Ishiguro: Was vom Tage übrig blieb, ist die rede von einem mann ohne vornamen, Mr. Stevens, seines zeichens „Butler“ eines Lords in Darlington Hall im England der ersten hälfte des letzten jahrhunderts. heute würde man wohl von einem personalmanager reden. Stevens will perfekt sein und offenbar seinen dienenden beruf zur elitären berufung wandeln. er strebt unter konsequenter hintanstellung aller privaten bedürfnisse nach der höchstmöglichen vollendung in seiner funktion - und verpasst dabei sein eigentliches leben.

das zieht ganz verhaltene, dramatische spuren im text. die ihm unterstellte haushälterin, Mrs. Kenton, nähert sich ihm auf menschliche weise, in dem sie in seinem kargen büro einen blumenstrauß arrangieren will, was befremden bei Stevens auslöst. an anderer stelle steigert sich diese annäherung durch ihr eindringen in sein zimmer, wo sie ihn, einen liebesroman lesend, vorfindet. Mrs. Kenton ist interessiert und windet ihm das buch aus den händen. diese durchbrechung der sozialen distanz hinein in die intime nähe, lässt Stevens erstarren. fortan ist das verhältnis der beiden in eigenartiger weise beschädigt.

es wird immer klarer, dass der autor und nobelpreisträger Kazuo Ishiguro seiner leserschaft ein buch vorlegt, dass es „in sich hat“. denn lösen wir uns aus der betrachtung der protagonisten und kommen zu verhaltensmustern, dann erkennen wir die irreleitungen einer formalisierten und lakonischen sprache ohne die typischen empathiemuster, die zu missverständnissen und isolation führen muss.

eine weitere ebene abstrahiert, darf dieser roman, der auffällig viele kriterien einer novelle aufweist, als ein spiegel einer gesellschaft gelten, deren teile sich in formelhafter sprache zu anderen auf distanz hält, sich im elitengehabe erschöpft. die dieser elite dienenden menschen, gleich welcher funktion, möchten gerne anschließen durch pflichterfüllung um jeden preis. menschliche nähe, empathie und ethik, fallen den vermeintlichen anforderungen an einen „großen“ butler zum opfer.

aber es deuten sich auch tendenzen der reflektion über und aufkeimenden kritik an dieses/diesem prinzip an. Stevens möchte nach gut dreißig jahren seine ehemalige haushälterin wegen personalmangels gerne wieder anheuern. er glaubte, in einem brief von ihr an ihn signale der willigen rückkehr zu lesen. die umstände sind günstig, denn er kann den alten wagen seines neuen chefs auf Darlington Hall, Mr. Faraday, für eine reise benutzen.

diese reise wird eine klassische reise zum wendepunkt des alten denkens. in zunehmendem maße wird Stevens mit der welt außerhalb der „middle class“, in der er sich isoliert aufgehalten hatte, konfrontiert mit direktem, unverblümten denken und sagen. diese neuen eindrücke lösen in ihm vergleichende betrachtungen von erlebnissen aus, die sich nun in wandelndem lichte darstellen.

am abend des dritten reisetages wird ihm einiges klar: Aber hinterher ist man immer klüger, und wenn man, mit solchem Nachwissen begabt, seine Vergangenheit nach derartigen „Wendepunkten“ abzusuchen beginnt, kann es einem wohl geschehen, dass man überall welche erblickt. (208) Stevens weltbild gerät in bewegung. er findet einige solcher wendepunkte in dem seinerseits so unterkühltem verhältnis zu Mrs. Kenton. das reflektieren der eigenen lebenssituation begann mit der fahrt zu ihr.

wir erleben also eine klassische hinführung auf einen novellistischen, dramatischen höhepunkt – der leider nur sehr verhalten eintritt. doch Stevens kann nicht mehr aus seiner haut heraus. im gespräch gesteht ihm Mrs. Kenton: Zum Beispiel denke ich dann an ein Leben, das ich mit Ihnen zusammen vielleicht geführt hätte. (280) dieser mehr als verhaltene moment der erklärung einer über das berufliche maß hinaus gehenden zuneigung, löst in Stevens etwas unerwartetes aus: Wahrhaftig – warum sollte ich es nicht zugeben –, in diesem Augenblick brach mir das Herz. (280) der durchbruch ins herz, ins zentrum seines privaten seins.

denn schon bald jedoch wandte ich mich ihr wieder zu und sagte mit einem Lächeln: „Sie haben vollkommen recht, Mrs. Benn. …“ (280) Stevens selbsterkenntnis währte nur einen funkenschlag lang. dann reagiert die vorherrschende butlernatur und geht auf distanz, in dem nun der korrekte name fällt wie ein fallbeil. diese lang anhaltende episode der möglichkeiten ist für immer beendet.

nach der katharsis folgt nach einem gespäch mit einem ehemaligen einfachen Diener (283) die erkenntnis: Vielleicht hat dann auch sein Rat etwas für sich, dass ich aufhören soll, so viel zurückzuschauen, dass ich eine positivere Einstellung gewinnen und versuchen sollte, aus dem, was vom Tage übrig bleibt, noch das Beste zu machen. (286) Stevens traut sich nicht zu denken: aus dem, was vom >leben< übrig bleibt, noch das beste zu machen. einmal butler, so scheint’s, immer butler, aber in wandlung begriffen. und genau darum verurteilen wir ihn nicht leichtfertig.

lösen wir uns von der handlung und verlegen den plot in unsere lebewelt, so lassen sich mühelos eine reihe von verhaltens- und kommunikationsmustern finden, die sich übertragen lassen. so hält uns Ishiguro einen mehrfachen spiegel vor, vom individuum über den job zur gesellschaft und ihren verkrampfungen. die nobelpreiskommission würdigte den autor als einen, „der in Romanen von starker emotionaler Wirkung den Abgrund in unserer vermeintlichen Verbundenheit mit der Welt aufgedeckt hat“. mit Kazuo Ishiguros roman (oder novelle?) können wir den sprung über diesen abgrund wagen.

spieglein, spieglein an der wand1,
wer ist der größte im ganzen land?
herre Stevens, ihr seid der größte hier,
aber frau Kenton scheint weitaus menschlicher als ihr!

© 12.12.2017 brmu
1 nach Gebrüder Grimm, Die schönsten Kinder- und Hausmärchen, Schneewittchen

0 Kommentare

Böll i(r)ländert

IMG 1576 4

© 11.11.2017 foto brmu: Böll-Info in Köln (Literaturhaus Köln, WDR, Köln)

wer am elften elften in Köln abends unterwegs ist, kann fluchtpläne verstehen. bloß weg aus dieser besoffenenheit, die sich mit karneval kränzt und unrat hinterlässt, flüssig und fest. nichts literarisches weit und breit.

damals, mitte der fünfziger jahre, ist der literat Heinrich Böll von Köln mehrmals nach Irland für einen schreibaufenthalt „geflüchtet“, um dem stress zu entgehen. die früchte dieser schreibklausur wurden peu-à-peu in zeitungen veröffentlicht, bis 1957 alles zusammen ein buch mit dem titel „Irisches Tagebuch“ ergab. vier jahre später dann eröffnete es als erstes die neue dtv-reihe – und siehe, es ward ein großer erfolg.

woran mag das liegen, haben wir uns im Brühler Lesekreis bei Brockmann, siebzig jahre danach, gefragt. es muss doch alles total veraltet und überholt sein, was darin über Irland geschrieben steht. doch schnell kommt man zu der erkenntnis, dass es sich eben nicht um ein reisetagebuch handelt, das getreulich station für station abhakt und beschreibt. in 18 kapiteln ist es eher eine zusammenschau vieler, Böll typisch erscheinender eindrücke aus dem kontakt mit Iren und deren verhalten, kombiniert mit reflektionen über das unsrige.

und das wiederum in teilweise recht poetischer schreibweise, die dennoch den skeptischen, kritischen blick nicht vermissen lässt. das Irische Tagebuch also mag eine art therapeutische übung gewesen sein, sich von den erlebnissen des krieges und der damit etablierten trümmerliteratur zu erholen, den blick zu wenden und in die eigene republik zu schauen, die Böll dann auch harsch und fokussiert ins visier genommen hat. dazu benötigt man abstand, der in Irland gegeben war.

Als ich an Bord des Dampfers ging, sah ich, hörte und roch ich, daß ich eine Grenze überschritten hatte; (9) der in der literaturrezension so oft beschworene „Erste Satz“ entfaltet hier seine volle wirkung. wir leser/-innen wissen nun eingeladen zu werden, ebenfalls unsere grenzen zu überschreiten, die grenzen der wahrnehmung anderer leute in anderen landen. Die Grenzen aller mehr oder weniger exakten Wissenschaft liegen scharf übereinander im Zucken des epileptischen Bettlergesichts: eine zu schmale Basis, als daß ich mich ihr anvertrauen möchte. (25) keine gewissheiten, alles zuckt und ruckt, die typische haltung eines skeptikers, der auch in der vermeintlichen idylle von Achill Iland, einer insel an der insel Irland an der insel Großbritannien, um sich herum den Skeptizismus sah, der in harten und traurigen Augen blühte…Dornen um die Rose herum, Pfeile im Herzen der frommsten Stadt der Welt. (52)

also gingen auch wir skeptisch an die lektüre und wunderten uns, was in so einem „alten“ buch noch heutzutage zutreffend sei. wir lasen von der Zeit, die geduldig über alles hinträufelt: vierundzwanzig große Tropfen Zeit pro Tag: die Säure, die so unmerklich alles zerfrißt wie Resignation … so abstrakt ist also die Wirklichkeit. (37) wieder eine warnung, dass idylle nur eine art der wahrnehmung ist, wir heutigen wissen, eine sich wandelnde wahrnehmung, denn das Irland von 1954 und das von heute unterscheidet sich massiv. den zahn der gewissheit muss man sich ziehen lassen.

und ich bin nun mal dran gewöhnt, jeden Abend irgend jemand einen bestimmten Zahn zu ziehen: ich weiß schon genau, wo er sitzt; ich kenne mich allmählich aus in der politischen Dentologie, und ich mache es gründlich und ohne Betäubungsmittel. (45) was für eine herrliche metapher für das spätere wirken Bölls in seinen gesellschaftspolitischen romanen! hier deutet sich schon seine wille zur skeptischen mahnung an.

Böll, der starke raucher, hat auch die stärke zur selbstkritik: Wunderlich genug, daß noch keine Psychologe … den Nebenzweig der Kippologie  entdeckt hat,… und … da liegen sie also, die nur halb gerauchten, brutal geknickten Zigarettenstummel dessen, der nie Zeit hat und vergebens mit seinen Zigaretten gegen die Zeit um Zeit kämpft – (88) ehrlicher kann man sich Bölls literatenarbeit in Deutschland, von ihm beschrieben, kaum vorstellen. die lösung in dem irischen cottage winkt direkt: Wie gütig ist das Kaminfeuer, das alle Spuren verzehrt; (88) aber eben nur die spuren, der kampf um die zeit wird bleiben.

dann dürfen kompensationen nicht fehlen. Bei uns – so scheint mir – versagen, wenn etwas passiert, Humor und Phantasie; in Irland werden sie gerade dann in Bewegung gesetzt. (114) it could be worse, but I shouldn’t worry – das ist die irische parole, die uns mittelbar empfohlen wird. allerdings hat der damals in Köln lebende Böll das Kölsche Grundgesetz missachtet: §4 et hät noch immer jot jejange, §5 wat fott es, es fott. aber nach §6 können wir das heilen, denn jede jeck es anders! das gilt auch für ihn.

mit der zeit kann man das lernen, und die soll es in Irland zuhauf geben, denn ein irischer spruch besagt: Als Gott die Zeit machte, hat er genug davon gemacht und Böll fügt hinzu: es  …sind die Zeitverschwender die Sparkassen, in denen Gott seine Zeit verbirgt und in Reserve hält, für den Fall, daß plötzlich welche gebraucht wird, … (61) wieder ein kleiner seitenhieb auf die von ihm skeptisch betrachtete frömmelei.

aber auch die lebensphilosophischen blitzlichter kommen nicht zu kurz. Wer Poesie, anstatt sie zu machen, lebt, der zahlt zehntausend Prozent Zinsen. (56) meint wohl, bei der umsetzung von theorie in die praxis wird draufgezahlt. und von dort ist die frage nicht weit: Wie hoch ist der Fahrpreis für diese fünfzig, sechzig, siebzig Jahre vom Dock, das Geburt heißt, bis zu der Stelle im Ozean, wo der Schiffbruch erfolgt? (57) nun sind wir in voller resonanz, denn diese frage hat sich wohl jeder schon mindestens einmal gestellt: was soll das ganze, was ist es wert, was kostet es mich.

wenn wir also ein urteil über das Irische Tagebuch fällen wollten, so ergeben sich pros und kontras; es hängt  von der erwartung an die lektüre ab. halten wir es mit den beschriebenen ritualen: … denn die Bescher mussten ihren Tribut an Neuigkeiten entrichten; denn trotz Radio und Zeitung hat doch die Neuigkeit aus dem Munde dessen, dem man die Hand drückte, mit dem man Tee getrunken hat, sie hat das eigentliche Gewicht. (103) wir haben diskutiert und uns die gewichtung erarbeitet: Bölls lösung aus den trümmern, hin zum nachweis anrührender, poetischer schreibweise.

© 14.11.2017 brmu
Heinrich Böll, Irisches Tagebuch, dtv 2017, 63. Auflage, zitate im schrägdruck mit seitenangabe

0 Kommentare

superhero: sonnenblume im regen

Eine Sonnenblume im Regen (11), so poetisch wird der protagonist des romans Superhero von Anthony McCarten gleich zu beginn aus dem „off“ beschrieben. und wir standen beim lesen des buches auch oft im regen mit unseren vorstellungen von einem roman und unseren gefühlen, die die geschichte auslöste.

ist das überhaupt ein roman? eher doch ein mix aus jugendgeschichte, drehbuch, erzählung als eine zwischenstufe zur graphic novel. Donald Delpe ist die hauptperson, um die sich alles dreht. er schafft sich seine eigene grafische welt mit einem superhelden Miracleman und der ihn anhimmelnden Rachel. im pinpong zwischen romantext, regieanweisungen, comictext und unseren eigenen gedanken dazu müssen wir den ereignissen folgen. das fordert die leser/-innen.

das schriftbild mit seinen unterschiedlichen drucktypen lässt die augen anecken. die regiehinweise versetzen uns in einen lesefilm. die sprache ist weniger literarisch, eher „verjugendlicht“ und provoziert ab und an ein kopfschütteln. man sucht förmlich die passage, in der man sich in das buch hineinbohren kann. keine bequeme lektüre also.

aber die geschichte ist auch nicht bequem. Donald leidet an krebs und fürchtet, den kampf zu verlieren, ohne einmal im leben sex, inbegriff der reife und des erwachsenseins, gehabt zu haben. Don weiß, daß es keine Gewissheit gibt. Nichts ist selbstverständlich. Nichts was es nicht vielleicht am nächsten Tag nicht mehr gibt. (67) und dann verliebt er sich in der kirche in ein mädchen, überhöht sie in seiner fantasie und erstarrt in stummheit.

die rollen in dem buchfilm sind provokant besetzt: die mutter Renata flüchtet ins studium von fachliteratur über krebs, der vater Jim kommt an den sohn nicht heran, der psychotherapeut Dr. Adrian King verliert die distanz und therapiert sich eher selber. die looser-muster häufen sich, man wundert sich.

der durchbruch geschieht, wenn sich die protagonisten aus ihren denk- und verhaltensmustern lösen und die situation an sich heranlassen. und das ist das aha-erlebnis der leserschaft, auch aus vorgefasster meinung heraus zu finden. so befremdlich eine erkrankung mit krebs auftritt, so befremdlich kommt der roman daher. bis, ja, bis sich die vorstellungen vom gelingenden leben ändern.

der vater bewundert seinen kranken sohn beim basketballwurf und denkt: Das sind die Augenblicke des Lebens, wo man weiß, wozu man Söhne hat. Einfach großartig. Es gibt Momente, da sind sie das beste, was einem passieren kann. (131) der therapeut meint, wenn er dem Jungen hilft, hilft er sich selbst. Auch das ist gut. Gute Taten sind nie uneigennützig. (182) und die prostituierte Tanya, bei der Donald eine liebsnacht erfahren sollte, um sein manko auszugleichen, klärt ihn auf:  Nun, wenn du mit der richtigen zusammen bist …, das ist  … eine Art Wettbewerb. Ihr wollt beide, daß der andere gewinnt. (232)

da macht es klick in Donalds kopf, die perspektive ändert sich, und er sieht seine verliebtheit zu Shelly, dem mädchen aus der kirche, aus ganz anderer sicht, so dass er Miracleman sagen lassen kann: Heute Nacht habe ich ein ganzes Leben gesehen. Jetzt kann ich gehen. (294) wir werden nie erfahren, ob nun ein intimes treffen mit Shelly stattgefunden hat oder nicht.

was wir aber wissen ist, dass die mutter die größe entwickelt hat, ihren geliebten sohn gehen zu lassen. Es ist gut, Liebling. … Du kannst jetzt loslassen. Wir haben dich lieb. (255) und vieles kommt wieder ins lot. Jim dreht sich um und betrachtet seine Frau. Er hält den Atem an. Renatas Gesicht berührt das Gesicht ihres Sohnes, Wange an Wange, wie ein altes Tanzpaar. Sie führt, tanzt mit ihrem Sohn seinen Walzer aus dieser Welt hinaus. (255)

wer beim lesen des buches durchgehalten hat, der erntet tiefe momente von anrührender menschlichkeit in kritischer situation und erkennt den verzweifelten kampf der protagonisten gegen sich selbst, dieser beängstigenden situation auszuweichen.

wem der sinn nach philosophischen gedanken steht, der kommt beim therapeuten Adrian auf seine kosten, … ganz im Sinne … der Erkenntnis, daß das Wahrgenommene durch den Akt der Wahrnehmung verändert wird. (121) alles vom menschen wahrgenommene wird verfälscht durch vorurteile, meinungen, wissensbrocken, auch ängste und verunsicherungen, ist fiktion. die große kraftanstrengung der protagonisten ist es, diese vorstellung vom unbedingten leben ihres sohnes aufzugeben und die situation des todes eines mitmenschen liebevoll-gelassen hinzunehmen, ohne sich dabei verwerflich vorzukommen.

der roman könnte auch eine novelle sein, wenn man dieses prinzip der katharsis, der inneren revolte gegenüber dem tod hinaus als merkmal annehmen wollte.

© 17.10.2017 brmu
Anthony McCarten, Superhero, Diogenes 2007

0 Kommentare

Gilead - nicht weit ab

Der Report der Magd1, unter diesem titel stellt man sich einen idyllischen, bäuerlichen plot vor, der etwas aus der zeit gefallen zu sein scheint. weit gefehlt! Margaret Atwood hat 1985 den roman „The Handmaid’s Tail“ veröffentlicht, der dann zwei jahre später auf Deutsch vorlag. wir haben es mit einer dystopie (gegenteil von utopie) zu tun, die wegen ihrer aktuellen muster des fanatismusses unter die haut geht.

dreißig jahre später, gestern im lesekreis diskutiert, stellen wir fest, dass dieses buch irritierend viel anklänge an heutige zustände in der welt aufweist. wollte die autorin prophetisch den finger heben und die welt warnen? nein! sie hat anfang der achtziger jahre lediglich öffentlich zugängliche presseberichte aus der welt gesammelt und diese effektvoll zu diesem erschreckenden plot literarischer fiktion verdichtet: eine christlich-fundamentalistisches gruppe okkupiert einen teil der USA und errichtet ein repressives regime mit kastenähnlichen gesellschaftsstrukturen. Jene Jahre waren, historisch gesehen, einfach eine Anomalie, sagt der Kommandant. Ein Zufall. Wir haben nichts anderes getan, als die Dinge wieder der Norm der Natur anzupassen. (228) was die norm der natur sei, das ist die fiktion der machthaber zu deren nutzen und frommen. denn fromm wollen sie alle scheinen.

was ist in diesem religiösen regime natürlich? frauen werden nach ihrer nützlichkeit in kasten eingeteilt, die ‘mägde‘ stehen den machthabern (nach 1. Moses 30, 1-3) zur zeugung zur verfügung. eine dieser mägde berichtet von den vorkommnissen. Ich würde gerne glauben, daß ich nur eine Geschichte erzähle. … Was ich erzähle, ist keine Geschichte. Aber wenn es eine Geschichte ist, und sei sie auch nur in meinem Kopf, muß ich sie jemandem erzählen. (58)

sie wird uns lesern/innen erzählt und wir sind betroffen. jede/r hat einen anderen punkt der unangenehmen resonanz zu passagen im roman erlebt bis hin zur heftigen ablehnung und weigerung des weiterlesens. zu brutal muten einige szenen an und zu brutal ist die heimliche erkenntnis, dass sich teile so und ähnlich verstreut in der welt tatsächlich abspielen.

Es war nach der Katastrophe, als der Präsident erschossen und der ganze Kongreß mit Maschinengewehren niedergemäht wurde und die Armee den Notstand erklärte. Die Schuld wurde damals den islamistischen Fanatikern zugeschoben. ...  Und dann wurde die Verfassung aufgehoben…. Und es gab noch nicht einmal Aufstände. … Die Zeitungen wurden zensiert, und einige mußten ihr Erscheinen einstellen, … Die ersten Straßensperren waren plötzlich da, und die Identipässe wurden eingeführt. Alle hielten das für sinnvoll, da es offenkundig war, daß man gar nicht vorsichtig genug sein konnte. (228) man liest und staunt.

irgendwie kennen wir das von irgendwo, so viel literarische fiktion ist da gar nicht versammelt. umso aufmerksamer verfolgen wir das verhalten der magd in diesen verhältnissen. was denkt sie, was tut sie, wie tief verliert sie sich im system, des überlebens wegen.

die mägde werden in speziellen lagern von Tanten umerzogen, nach den regeln von Gilead. Stellt euch vor, ihr wärt beim Militär, sagte Tante Lydia. (15) diese tanten genießen privilegien, für die sie das system des nachschubs von mägden aufrecht erhalten. frauen dienen einem system, das extrem frauenfeindlich auftritt. einer der schocker in diesem roman.

uns fallen aus der neueren geschichte spontan reale beispiele dazu ein. ein drastisches exempel körperlicher folter wird an Moira, freundin der magd aus besseren tagen, die fliehen wollte, praktiziert. nach ihrem verhör kann sie lange kaum gehen, ein anderes an Janine, die in jungen jahren von einer jungengruppe vergewaltigt wurde. Einen Moment lang verachteten wir sie, obwohl wir wußten, was ihr angetan wurde. Heulsuse. Heulsuse. Heulsuse. Wir meinten es wirklich, und das ist das Schlimme daran. Ich hatte früher eine gute Meinung von mir. In dieser Situation nicht mehr. (99) ein winziger aufblitzer von selbsterkenntnis und die damit verbundene wertung der ich-erzählerin. am ende der entmenschlichenden prozedur beteuert Janine: Ich habe sie verführt. Ich habe den Schmerz verdient. (99) das sind die aus schauprozessen bekannten selbstbezichtigungen.

nachdem die bislang namenlose ich-erzählerin in so einem umerziehungslager praktisch einer gehirnwäsche unterzogen worden war, erhält sie den kastenstatus „magd“ und wird einem kommandanten namens Fred zugeordnet. sie erhält den namen Desfred. der name macht sie zum ding, das Fred von staatswegen zugeordnet ist. ihr job ist es, dem kommandanten einmal im monat zur zeugung von nachkommen zu willen zu sein, quasi als gebärmaschine.

die kommandanten sind die mächtigen im staate. Fred ist einer von denen. Er hat etwas, was wir nicht haben, er hat das Wort. Wie wir es früher verschwendet haben! (120) trotz aller die persönlichkeit kappender ereignisse erhält sich Desfred die kraft einer inneren reflektion als revolte zum überleben und als analyse der verpassten chancen einer abwehr in vormals besseren zeiten. das sind dann hinweise für uns heutige.

sie hat ein ziel: Wenn ich hier herauskomme, falls ich je in der Lage sein werde, dies in irgendeiner Form festzuhalten, und sei es in der Form einer Stimme, dann wird es eine Rekonstruktion sein, noch um einen Grad ferner. (178) im roman werden alte tonbänder gefunden, nachdem Gilead längst untergegangen ist, auf denen eine stimme raportiert. im jahre 2195 sind sie gegenstand von wissenschaflichen untersuchungen.

alles in allem haben wir hier eine große metapher uns allen bekannter ereignisse in der welt: elend oder katastrophe als auslöser von umsturz, machtergreifung durch fanatiker, errichtung von zwangssystemen, entrechtung eines teiles der bevölkerung, ausbeutung der stigmatisierten bis hin zum tod, rechtfertigung durch bezug auf fundamentalistische „höhere“ quellen. und die dumme trägheit der bevölkerung, die die zeichen der zeit nicht erkennt.

dieses phänomen der aufblähung einer fiktion weniger leute, der magnetwirkung für viele andere, die dann wiederum in ihrer masse die realität zu beeinflussen suchen, hat Gert Scobel in seinem buch „Der fliegende Teppich“ aufgegriffen. dieses buch liefert uns den intellektuellen hintergrund zum verständnis des massiv irritierenden romans von Atwood. er schreibt: Aufklärung gelingt nur, wenn Fiktion und Realität immer wieder neu aufeinander abgestimmt und in ein kritisches Verhältnis zueinander gebracht werden. … Was bleibt, ist eine pragmatische Lösung der  fiktionale Realismus. (348) die dystopie von Atwood möge dazu beitragen, diese kritische abstimmung in passabler form immer wieder zu bewerkstelligen. das ist kultur aus eigenständigem denken!

© 12.09.2017 brmu
zitate in schrägdruck aus:
1 Margaret Atwood, Der Report der Magd, Fischer TB5987, 1987, auflage 1992, (seite)
2 Gert Scobel, Der fliegende Teppich – Eine Diagnose der Moderne, Fischer 2017, (seite)

0 Kommentare

gründe zu lesen

(dem lesekreis Brockmann in Brühl gewidmet.)

das lesen, das kann ich doch
die kosten, die trag‘ ich noch
bücher, die löschen neugier
leseruh‘, die schaff‘ ich mir
zeitaufwand: überschaubar
tagesgeschäft: ist doch klar
bleibt vom lesen unberührt
oder fast, wie‘s sich gebührt

das wird dich weiterbringen
das lesen lässt dich springen
zu neuen horizonten
kaum druck auf deine konten
meinung, die werd‘ ich schulen
nicht mit dem mainstream buhlen
lesen, ein wicht‘ger ansatz
schafft für wissen neuen platz

wahre pionierarbeit
im gestrüpp der dämlichkeit
im kampf contra dümmlichkeit
lesen macht allzeit bereit

unter digitalem joch
da beschützt das lesen noch
kannst analog im strome
treiben auf‘m bücherthrone
neuem horizonte zu
glatt in die erkenntnisruh‘

passionierte aber
zerlegen das gelaber
in trivialromanen
und sei es von den ahnen
und platter literatur
lesekreis wirkt wie 'ne kur

befreit vom ganz banalen
entschlackt  vom trivialen
lesen gute bücher wir
horizontverengung hier
wird kräftig überwunden
verständnis unumwunden
schaffen wir im lesekreis
uns macht keiner etwas weis
erweitern die rezeption
lesekompetenz mit krohn‘

lesen stählt in gegenwart
für zukünfte auch macht's hart
eins wird das ergebnis sein
die mustererkennung fein
literatur mit welten
die auch bei uns oft gelten
für deine lebenspraxis
in unserer galaxis

hab‘ den mut auf ein neues
muss ja nicht sein ein teures
buch für die visionen
du kannst auf ihnen thronen

© 01.08.2017 brmu

1 Kommentar

liste gelesener bücher

diese werke haben wir im „Brockmann Lesekreis in Brühl“ bis ende 2016 gelesen, diskutiert und für wert befunden:

monat jahr autor titel
Okt 2013 Schertenleib Das Regenorchester
Nov 2013 Nadolny Weitlings Sommerfrische
Dez 2013 Erpenbeck Heimsuchung
Jan 2014 Werner Am Hang
Feb 2014 Kehlmann Mahlers Zeit
Mär 2014 Thériault Siebzehn Silben Ewigkeit
Apr 2014 Thome Grenzgang
Mai 2014 Franck Lagerfeuer
Jun 2014 Orth Das Zimmermädchen
Sep 2014 Sulzer Aus den Fugen
Okt 2014 Seethaler Der Trafikant
Nov 2014 Schmidt Schneckenmühle
Dez 2014 Modiano Die kleine Bijou
Jan 2015 Ortheil Das Kind, das nicht fragte
Feb 2015 Ogawa Das Geheimnis der Eulerschen Formel
Mär 2015 Kaiser Blasmusikpop
Apr 2015 Barnes Vom Ende einer Geschichte
Mai 2015 Williams Stoner
Jun 2015 Modick Sunset
Aug 2015 Poschenrieder Die Welt ist im Kopf
Sep 2015 Meyerhoff Wann wird es endlich wieder so, wie es war
Okt 2015 Rosenfeld Adams Ende
Nov 2015 von Düffel Goethe ruft an
Dez 2015 Wellershoff Der Himmel ist kein Ort
Jan 2016 Poschmann Die Sonnenposition
Feb 2016 Hein Von allem Anfang an
Mär 2016 de Luca Montedidio
Apr 2016 Eggers Ein Hologramm für den König
Mai 2016 Fritsch Winters Garten
Jun 2016 Köhlmeier Zwei Herren am Strand
Jul 2016 Zeh Nullzeit
Sept 2016 Böll Der Engel schwieg
Okt 2016 de Moor Erst grau dann weiß dann blau
Nov 2016 Ortheil das glück der musik
Dez 2016 Von Canal Der Grund

der moderator bedankt sich bei allen teilnehmenden personen für ihr interesse und die erfrischende diskussionsbereitschaft über die verschiedenen aspekte von literatur.

© 04.04.2018 brmu

0 Kommentare

auftakttreffen

Brockmann

liebe teilnehmer/innen des Brühler Lesekreises bei Brockmann, vielen dank für ihr engagement in eigener sache. wir haben nach dem auftakt am 26.9.13 in der buchhandlung Brockmann in Brühl uns eine aufgabe für den 14.10.13 gestellt, die ich in den folgenden knittelversen noch einmal in erinnerung bringen will:

zwanzig frauen und zwei männer
outen sich als bücherkenner
wollen auch darüber reden
treffen sich bei Brockmann eben
zu ’nem klugen bücherschnack
spaß und freude, nichts geht ab

wollen also mal ergründen
ob wir in dem regen finden
was sich da orchester nennt
und wohin die handlung rennt:

was da denn an sachen stehn
wie appelle an uns gehn
wie beziehung zu uns ragt
was der autor von sich sagt
4 mal antwort = 1 rezeption
finde jeder seinen ton

© 27.09.2013 brmu
wer kommentieren möchte soll das gerne tun: jede stimme zählt!

4 Kommentare

Brühler Lesekreis bei Brockmann

Martin Mosebach beschreibt in einem interview (KSTA 13./14.7.2013) wie er zum autor wurde: indem ihn sein vater zum „enthusiastischen, verehrungsbereiten Leser“ gemacht habe, habe er ihn „zum Schreiber“ gemacht, was bedeute, dass für ihn das schreiben vor allem ein weg sei, „auf das Gelesene zu antworten“.

die richtige einleitung zu unserem >Brühler Lesekreis bei Brockmann<. genau das wollen wir auch: uns gegenseitig zu enthusiastischen lesern/innen zu fördern, um dann vielleicht auch das schreiben zu wagen.

werfen sie einen blick auf die homepage der buchhandlung Brockmann in Brühl, die diesen lesekreis ausrichtet:

BLbB handzettel-130715-bu

© 15.07.2013 brmu

0 Kommentare