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Fontanes zeitlose Heldinnen

Theodor Fontane wurde vor 200 Jahren geboren und begann seine Schriftstellerkariere vor 135 Jahren. Lang, lang ist’s her, wird man sagen. Und: Wer liest den heute noch?, wird man fragen. Burkhard Spinnen hat’s gemacht. Er hat Fontanes Romane aufs Gegenwärtige und nicht aufs Überkommene hin (11) aus übergeordneter Perspektive gelesen und darüber ein essayistisches Buch geschrieben: „Und alles ohne Liebe1.

Spinnen meint, zum Abschluss meiner Familienaufstellung (101), so nennt er seine Analyse, Fontanes differenziertes Frauenbild skizzieren zu können. Denn in meinem Arrangement treten ihre Unterschiede deutlich hervor; ihre Eigenschaften überstrahlen ihre gemeinsame Rolle als Opfer der Gesellschaft. (13) Es wird deutlich, dass der gesellschaftliche Bezug den Hintergrund abgibt.

Spinnen hat für diese Überzeugung eine eigene Begründung: in einem Roman geschieht nur, was sich die Figuren wahrhaft verdient haben. (106) Der Autor Fontane bestimmt also einerseits das Schicksal seiner Figuren, andererseits ist deren Schicksal verknüpft mit den beschriebenen, tatsächlichen Verhältnissen, die den Schluss nahelegen, es handele sich um „Opfer“ dieser Verhältnisse.Das Ambivalente dabei ist die Tatsache, dass der Autor denselben gesellschaftlichen Verhältnissen entstammt.

Auf dieser Basis und anhand von elf Beispielen namens Therese, Sophie, Manon, Effi, Cécile, Stine, Lene, Corinna, Jenny, Melanie und Mathilde wird analysiert. Das Ergebnis unserer Diskussion komprimiert im Überblick:

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Letztlich schafft es nur Melanie, den Zwängen der gesellschaftlichen Verhältnisse und Erwartungen mittels eigener Ausbildung zu entkommen und eine Selbstständigkeit zu leben. Uns wurde in der Diskussion schnell klar, dass Ort und Zeit zwar vergangen sind, die Muster menschlichen Zusammenlebens aber so oder ähnlich weiter existieren und rückbezüglich das Leben einzelner bestimmen, auch wenn sie es eigentlich nicht so wollen. Es bedarf der persönlichen, inneren Revolte gegen die Fesseln des „Was-man-tut“, und daraus abgeleitet der fesselbefreienden Aktionen. Melanie steht auf eigenen Füßen, weil sie einen Beruf ausübt und sich unabhängig macht. Ein sehr modernes Muster unserer heutigen Gesellschaft.

Es wäre auch interessant, eine Arbeit zu lesen, die die Männerfiguren in den von Spinnen analysierten Romanen durchleuchtet. Sie machten uns durchweg einen eher schwachen Eindruck als Handlanger gesellschaftlich verkrusteter, überkommener Regeln und Rituale. Auch hier wird von Fontane ein kritischer Blick auf das Traditionshafte geliefert.

Zum Schluss stellten wir fest, dass es horizonterweiternd ist, auch einmal gut geschriebe Sekundärliteratur zu lesen, jedoch sollten die zugrunde liegenden Romane als Primärliteratur bekannt sein. Es lohnt sich also, Fontanes Werke mal wieder in die Hand zu nehmen und darin nach Resonanzen zu suchen. Als da wären als Basis von Spinnen’s Analyse die Gesellschaftsromane: Die Poggenpuhls, Effi Briest, Cécile, Stine, Irrungen und Wirrungen, Frau Jenny Treibel, L’Adultera und Mathilde Möhring.

© 13.10.2019 brmu
1 Burkhard Spinnen, Und alles ohne Liebe – Theodor Fontanes zeitlose Heldinnen, Schöffling & Co. 2019

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Kehlman vermisst welten

die welt vermessen zu wollen, ist das nicht vermessen? kann man diesen anspruch lesbar machen, ohne sich im historischen, biografischen, naturwissenschaftlichen faktengestrüpp zu verheddern? man kann!

Daniel Kehlmann hat den nachweis mit seinem roman „Die Vermessung der Welt1 vorgelegt. das ganz nach seinem motto: Der historische Mensch selbst ist gewissermaßen ein Magnet, und um ihn herum ist ein Feld, indem man sich erfindend bewegt.2 was die erfindungen anbelangt, so konnten wir dem kritiker Hubert Winkels mit seiner meinung, es fehle an literarischem Mut, an Spiellaune, Erfindungsgabe und Gegenwartsbezug3 nicht folgen.

die biografischen hintergründe der hauptprotagonisen Alexander von Humboldt (1769-1859) und Friedrich Gauß (1777-1855) sind romanhaft verändert, ebenso die handlungsfelder. beide helden der wissenschaft stellen ein spannungsfeld dar, wie die pole eines magneten. der eine weltoffen, weltsüchtig und der andere verschlossen, eher sozial inkompetent. in diesem magnetfeld entfaltet sich der roman und erzählt uns etwas aus einer längst vergessenen zeit, angereichert durch weitere historische personen wie Immanuel Kant, der als altersschwaches, nur noch „Wurst“ (96) forderndes idol von Gauß beschrieben wird.

diese mischung lässt schmunzeln, ungläubig schauen, auch mal recherchieren und staunen. das kommt alles nicht langweilig an, denn es blitzen immer wieder daseinsbezüge auf, frei nach des autors eigenem anspruch: Es muß immer … nun ja, ein Element existentieller Wahrheit geben, eine Berührung mit den Grundtatsachen unseres Dasein.4

Humboldt steht vor den resten eines tempels und kommt mit einem arbeiter ins gespräch, der ihm schier unfassbares über die damaligen zeremonien menschlicher Schlachtungen (201) erzählt. darauf Humbold:

Zwanzigtausend an einem Ort und Tag, das sei undenkbar. Die Opfer würden es nicht dulden. Die Zuschauer würden es nicht dulden. Ja mehr noch: Die Ordnung der Welt vertrüge derlei nicht. Wenn so etwas wirklich geschähe, würde das Universum enden. – Dem Universum, sagte der Arbeiter, sei das scheißegal.“(202)

abgesehen, dass die antwort des arbeiters sehr an Camus‘ „Der Fremde“ erinnert, dem verkünder des gleichgültigen universums, die er aber noch gar nicht hat lesen können, weil vor der zeit lebend, hat die jüngere geschichte uns gelehrt, dass in den lagern des faschismus die zahl der opfer in die millionen gingen, ohne dass das universum einen mucks tat oder tut. es ist sache der menschen in dem universum, dies zu vermeiden oder zu verhindern. ein ernüchternder anker aus dem roman, in die zeit der leserschaft geworfen.

und noch ein beredtes beispiel: Humboldt ist gast bei Thomas Jefferson (1743-1826), einer der gründer der USA. bei dem gastmahl trinkt er

einen Schluck Wein und kam auf die Last des Despotismus und die Ausbeutung der Bodenschätze zu reden, welche einen sterilen Reichtum erzeuge, von dem die Volkswirtschaft niemals profitieren könne. Er sprach über den Alpdruck der Sklaverei. (212)

wenn das mal nicht mitten in unserer zeit einschlägt. wir müssen nur die metaphern leicht umdeuten. Despotismus in diktaturen, aber auch im freien konsumwahn. Bodenschätze für die stromgier und das digitale bigdata-business. Ausbeutung in allen varianten, ob urwald oder näherinnen. Reichtum war schon immer nur dazu gut, mehr reichtum anzusammeln, um damit macht auszuüben im sinne eines despotismus, eine rückbezügliche sucht. Humboldt nennt ihn subtil „steril“, also die belange der „Volkswirtschaft“, ein aufrüttelnder, unzeitgemäßer begriff in dem roman, werden nicht bedient. das geld kommt nicht bei denen an, die es benötigen. ein wahrer Alpdruck der Sklaverei, wir sind gemeint, die konsumsklaven im globalen dorf der gegenwart. spätestens hier ist die schelte, es fehle am gegenwartsbezug, leider ein signal der interpretationsschwäche des scheltenden.

aller guten dinge sind drei: Friedrich Gauß und A. von Humboldt unterhalten sich über die sterbestatistik und Gauß meint: Man denke, man bestimme sein Dasein selbst. … Man meine, man habe alles selbst entschieden. Erst die Mathematik zeige einem, daß man immer die breiten Pfade genommen habe. Despotie, wenn er das schon höre! … Die wahren Tyrannen seien die Naturgesetze. – Aber der Verstand, sagte Humboldt, forme die Gesetze! – Der alte kantische Unsinn. Gauß schüttelte den Kopf. Der Verstand forme gar nichts und verstehe wenig. … Die Welt könne notdürftig berechnet werden, aber das heiße noch lange nicht, daß man irgend etwas verstehe. (219/220)

das ernüchtert ungemein, nach einigem nachsinnen im hauch der philosophie keimt die ahnung auf, dass dies eine brutale wahrheit sein könnte: realität ≠ welt.

zum schluss tröstet uns Kehlmann mit einer elegant versteckten selbstkritik aus dem munde von Gauß: Künstler vergäßen zu leicht ihre Aufgabe: das Vorzeigen dessen, was sei. Künstler hielten Abweichungen für eine Stärke, aber Erfundenes verwirre die Menschen, Stilisierung verfälsche die Welt. … Romane, die sich in Lügenmärchen verlören, weil der Verfasser seine Flausen an die Namen geschichtlicher Personen binde. (221)

ist der roman eine flause? wir halten ihn für ein kunstprodukt zwischen biographie und fiktion.

© 10.09.2019 brmu
1 Daniel Kehlmann, Die Vermessung der Welt, Rowohlt 2005, 11. Auflage, seitenangaben ()
2 Daniel Kehlmann, Diese sehr ernsten Scherze, Wallstein 2016, 5. Auflage, seite 26
3 Hubert Winkels, Kann man Bücher lieben? , Kiepenheuer&Witsch 2010, seite 265
4 D. Kehlmann, Diese sehr ernsten Scherze, Wallstein 2016, s. 12

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Grünbein erinnert sich

wer hat schon seine kindheit im zoo verbracht? besuche: ja. aber dort leben: nein. es kann also nur ein wortbild sein für das, was uns Durs Grünbein in seinem buch „Die Jahre im Zoo“ von seiner kindheit erzählt.

Einmal die Kindheit aufzuschreiben, das hatte ich mir lange vorgenommen. Der Wunsch ist fast so alt, wie ich es nun selber bin. Ging es denn nicht um die Ausdehnung der Kindheit mittels Schrift und Erinnerung? (212) diese frage bleibt unbeantwortet. vielleicht ist sie rhetorisch gemeint.

Der Mensch ist, was er nun einmal ist, einzeln und abgeschottet gegen die anderen, dank seines komplexen Gehirns. (211) wir leser/innen, im lesekreis unsere jeweiligen hirne gebrauchend und keineswegs gegenseitig abgeschottet, versuchten eine ahnung zu entwickeln.

Kennst du das? Wenn du plötzlich nicht mehr mit Bestimmtheit sagen kannst, wer du bist. Wenn dir klar wird, daß du vergessen hast, wer du einmal warst? So viele Bewußtseinsstadien, Situationen des Lebens, so viele Ansichten von ein und derselben Person – und stets war sie ein anderer und sagte und schrieb dabei doch immer treuherzig: Ich. (358)

wir meinen, es geht um die selbstvergewisserung des autors, daher die autobiographie früher jahre, garniert mit reflektionen essayistischer art mit bezügen zu dem heutigen leben.

Erinnerung funktioniert wie ein Kaleidoskop…. Das meiste aber verschwindet und taucht nur durch Zufall wieder auf, wenn Prosa den Zauberstrahl findet, das Funkeln der Kristalle am Boden des Spielzeugs zu bündeln weiß. … Die Muster liefert das Kurz- oder Langzeitgedächtnis, als wäre das menschliche Hirn konstruiert wie ein optischer Apparat. (358)

die verspieltheit mit wissen wird dem lyriker Durs Grünbein nachgesagt, auch in seinen gedichten. dabei spielt das gehirn natürlich die entscheidende rolle, als ort der erinnerung und der verarbeitung selbiger. das vorgelegte buch, im Untertitel „Ein Kaleidoskop“ genannt, spiegelt das verfahren auch. so wird der etwaig schwächelnden leserschaft die dekodierung des begriffs „Zoo“ gegen ende des autobiografischen werkes geliefert.

Tiere hinter Gittern, das hat noch keinen gestört. Man ging in den Zoo, wie man zur Wahlurne ging …Damals begann es, daß sie lernten, hinter Gittern zu leben, Großstädter in ihren Wohnställen, Bürger eines Landes, das seit kurzem ein Eiserner Vorhang trennte vom Rest der Welt. (371) wer diese ahnung entwickelt hatte, der wird nun bestätigt. wir haben es nicht nur mit einer idyllischen kindheitserinnerung zu tun, sondern auch mit einer milden, gesellschaftskritisch-historischen betrachtung zwischen den zeilen. wer es nicht ahnte, muss nochmals von vorne anfangen zu lesen, um diesen gehalt in sich aufnehmen zu können. ein lesekreis ist hierfür goldes wert.

und Grünbein? für ihn ist sein kreuzworträtsel erfindender opa das schlüsselerlebnis zum schriftstellertum. Es war der Beginn einer namenlosen Erregung, von der ich glaube, daß sie geradewegs in die Dichtung führte. (393) das aber mit einer längeren anlaufbahn, die uns der autor andeutet.

In den Stunden größter Einsamkeit, hoch verdichteter, konzentrierter Einsamkeit, meldet sich die Stimme. … Und sprach allerlei Kauderwelsch, Halbgedachtes, Halbgefühltes, sprach in Andeutungen Sätze …Ich mochte sie nicht, ihre Einflüsterungen, lieber sprach ich mit mir selbst. (226) und: Dies frühe Alleinsein und Alleinseinwollen, ich kann nicht sagen, wozu das gut war. … Er ist das typische Einzelkind. (227) und: Noch war sie nicht stachelig geworden, nicht zur Belastung für alle anderen, diese traurige Gabe der Einsamkeit. (233)

und: Die Nomadenjahre der Kindheit neigten sich ihrem Ende zu. Nun waren es die Bücher, die für jede Enttäuschung aufkommen mußten. Das Lesen entführte uns in ganz andere Regionen. (245) und: War das der Kern der Kindheit gewesen, dies Unvordenkliche, Ungebundene, Unsagbare? (259) weiter: … die Gewohnheit des lyrischen Selbstgespräches … (262) … in meinen Meditationen …(264)

diese überlegungen und fragen gehen bis an die grenze. Im Grunde war alles ganz einfach. Der Mensch mußte sterben, dazu war er geboren, und das wußte er, von Anfang an und empfand es mitunter scharf. (265) es folgen eine reihe von geschichten, die das illustrieren. abschließend notiert Grünbein: Zum ersten Mal in meinem Leben hatte ich das historische Gefühl … der Ohnmacht vor etwas viel Größerem, dem Tod als solchem … (354)

in einer einfühlsam und illuster geschriebenen zeigeschichte im Dresdner stadtteil Hellerau in der alten DDR (Kalter Krieg, Eisener Vorhang) wird der philosophische bogen literarisch von geburt zum tod geschlagen. dazwischen die erweckung als kind zum dichter mittels ein paar bedeutungsschwangeren signalen: zurückgezogenheit als gabe der einsamkeit, wiederkehrende träume und innere flüsterstimmen, bücher lesen, wortbedeutungen erschließen, lyrisches selbstgespräche und meditationen darüber.

wem dass bislang auch passiert ist, der darf sich ermutigt sehen, in dieselben fußstapfen zu steigen – oder?

Grünbein schreibt in seinem essay „Warum schriftlos leben?“ diesen satz: Im Grunde sind Schriftsteller selten so abgebrüht, wie sie tun. Was sie antreibt, ist eine Heidenangst vor dem allgegenwärtigen Nichts.

Das klingt auch in einem frühen gedicht in dem band „Schädelbasislektion“ an:

Was du bist steht am Rand
Anatomischer Tafeln.
Dem Skelett an der Wand
Was von Seele zu schwafeln
Liegt gerad so verquer
Wie im Rachen der Zeit
(Kleinhirn hin, Stammhirn her)
Diese Scheiß Sterblichkeit.

© 11.07.2019 brmu
Durs Grünbein, Die Jahre im Zoo, Suhrkamp TB 4818
Durs Grünbein, Warum schriftlos leben – Aufsätze, SV 2435, Seite 61
Durs Grünbein, Schädelbasislektion – Gedichte, Suhrkamp 1991, Seite 11

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kundera und das sein

Milan Kundera1 ist ein literat, der nicht nur als romancier in erscheinung tritt, sondern auch als essayist, über seine werke und seine art zu schreiben reflektierend. er meint in seinem essayband „Die Kunst des Romans“: Erkenntnis ist die einzige Moral des Romans. (14)

Mit Descartes sei das denkende Ich als Grundlage von allem zu verstehen. Mit Cervantes sei die Welt als Ambiguität [Mehrdeutigkeit] zu verstehen, statt mit einer einzigen absoluten Wahrheit … konfrontiert zu sein. (15)

Dieses „Entweder-Oder“ zeugt von der Unfähigkeit, die essentielle Relativität der menschlichen Dinge zu ertragen, … Auf Grund dieser Unfähigkeit ist es schwierig, die Weisheit des Romans … zu akzeptieren und zu verstehen. (16)

Meine Romane sind nicht psychologisch.(35)

… der ganze Roman ist nichts als eine lange Befragung. Die meditative Befragung … ist die Grundlage, auf der alle meine Romane aufgebaut sind. (46)

… die Imagination des Lesers [ergänzt] die Imagination des Verfassers automatisch. (49)

Die Schwäche als sehr allgemeine Kategorie der Existenz. (55)

Nachdem … in den Wissenschaften und in der Technik Wunder gelungen sind, wird [dem Menschen] plötzlich bewußt, daß er nichts besitzt und weder Herr der Natur ist noch der Geschichte, noch seiner selbst. … Der Planet wandert völlig herrenlos im Leeren. Da haben wir sie, die unerträgliche Leichtigkeit des Seins. (55)

das erinnert stark an Albert Camus2 … wurde ich angesichts dieser Nacht voller Zeichen und Sterne zum erstenmal empfänglich für die zärtliche Gleichgültigkeit der Welt. (114) die absurdität des seins erhält hier eine fast lyrische ausdrucksweise.

mit diesem Rüstzeug näherten wir uns nun dem rätsel seines romans „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins3“. es treten zwei hauptprotagonisten in die erzählerische welt: Tomas, der erotomane mit unzähligen one-night-stands, verliebt sich in Teresa, die sensible, und fühlt sich so an sie gebunden. Er empfand damals eine unerklärliche Liebe für dieses Mädchen, das er kaum kannte. (10) … Die Liebe zwischen ihm und Teresa war schön, … Sieben Jahre war er an Teresa gekettet gewesen, … Er befand sich auf einmal im magischen Feld des Parmenides: er genoß die süße Leichtigkeit des Seins. (32) diese seine leichtigkeit hätte einen gegenpol. Denn: Es gibt nichts Schwereres als das Mitgefühl. (33) Aber: Tomas verspürte nicht das geringste Mitgefühl. (37) für Teresa.

aber Teresa leidet zunehmend unter dieser steten untreue des Tomas, kann aber auch signale der unabhängigkeit senden. An jenem Abend … gestand er ihr endlich zu Hause, daß er eifersüchtig war, weil er sie mit seinem Kollegen hatte tanzen sehen. (55)   Leider wurde sie sehr bald selber eifersüchtig. Für Tomas war ihre Eifersucht … eine Last, der er sich erst ein oder zwei Jahre vor seinem Tode entledigen sollte. (56)

in der nebenhandlung tauchen Franz, der geradlinige, und Sabina, die souveräne, auf. die beiden frauen bilden die brücke zu den zwei handlungssträngen, denn auf bitten von Tomas verhilft Sabina, die ab-und-an-geliebte des Tomas, der Teresa zu einem job in der zeitung. sie entwickelt sich zur fotografin und dokumentiert die geschichtlich realen geschehnisse um den Prager Frühling 1968 und dessen niederschlagung. das ist die verankerung des romans in der geschichtlichen zeit und der anspruch, ernst genommen zu werden.

das ist letztlich der grund, warum Tomas und Teresa die Tschechei verlassen und sich in der Schweiz niederlassen. aber auch dort kann Tomas als Libertin (25) nicht von den anderen frauen lassen. Teresa fühlt sich bei ihm schwach und will zurück zu den schwachen, sie geht wieder in die Tschechei zurück.

vier tage später folgt ihr Tomas und letztlich erleidet das paar die wohl bekannte härte von dissidenten in einem regime, sie landen verarmt in einem abgewrackten dorf auf dem lande. dort, in der rückgezogenheit und einfachheit des lebens, kommen sie sich näher und machen ihren frieden miteinander. als leser/innen ziehen wir die augenbrauen hoch. was passiert da denn jetzt?

herbeigelesene urteile entpuppen sich als vorurteile. man staunt: Teresa sagte sich, daß sie ihr Leben lang ihre Schwäche gegen Tomas mißbraucht hatte. … Ihre Schwäche war aggressiv und zwang ihn fortwährend zur Kapitulation, bis er scließlich aufhörte, stark zu sein und sich in ein Häschen in ihren Armen verwandelte. (298)

die ambiguität des lebens wird klar, in dem die den roman hindurch als schwach geltende Teresa, stets von Tomas durch seine weibergeschichten entwürdigt, sich als die starke frau herausstellt, denn sie gesteht, sie habe ihre schwäche gezielt gegen Tomas eingesetzt. und der so starke hallodri Tomas entpuppt sich nun als der geschwächte am ende. zwei jahre können sie noch diesen zustand der inneren klärung erleben, dann kommen beide bei einem unfall ums leben.

dieser wendepunkt war so fesselnd, dass wir uns mit den anderen beiden protagonisten Sabina und Franz nicht intensiv beschäftigt haben. der roman ist trotz seiner geschichtlichen verwurzelung um das jahr 1968 auch heute noch eine fundgrube menschlichen lavierens zwischen den polen von gut und schlecht, ehrlich und verschlagen, leicht und schwer.

auktorial heißt es zur situation der Sabina: Das Drama eines menschlichen Lebens kann man immer mit der Metapher der Schwere ausdrücken. … Ihr Drama ist nicht das Drama des Schweren, sondern des Leichten. Auf Sabina ist keine Last gefallen, sondern die unerträgliche Leichtigkeit des Seins. (118) in der nebenfigur der Sabina liegt also der titel des romans begründet.

und noch mehr nachdenkliches liefert der autor in seinen ich-botschaften und auktorialen eingriffen: Für Sabina ist „in der Wahrheit leben“, …, nur unter der Voraussetzung möglich, daß man ohne Publikum lebt. Von dem Moment an, wo jemand unserm Tun zuschaut, passen wir uns … den Auen an, die uns beobachten, und alles, was wir tun, wird unwahr. Ein Publikum zu haben, …, heißt, in der Lüge zu leben. Sabina verachtet die Literatur, inder ein Autor alle Intimitäten über sich und seiner Freunde verrät. (109) das kann auch auf die situation des schreibenden und den literaturbetrieb bezogen werden.

der hang des autors, sich mit philosophischen einsprengseln und essayistischen betrachtungen eine aura zu verschaffen, endet bei Parmenides, der die welt in ihrem hin und her zwischen den extremen polen begriff. zur ruhe kommt man nur, wenn sich das leben mittig einpendelt, extreme vermieden werden. das war für Teresa und Tomas für zwei jahre in der dörflichen bescheidenheit offenbar der fall. dann kommt der tödliche unfall und die leichte oder schwere seinsart hat ihr absurdes ende gefunden (s.o.).

F. Ricard4 schreibt in seiner Auseinandersetzung mit Milan Kunderas heute vorliegendem Werk (7): In diesem Sinn vor allem kann Kunderas Werk als die Erforschung einer verwüsteten Welt gelesen werden ,das heißt der Welt, wie sie dem exilierten Bewußtsein dauernd erscheint. (27) folgt man Camus, dann sind wir alle exilanten in einer sinnfreien, absurden welt, die wir zu verstehen suchen und doch nicht können. sich dann ethisch zu verhalten ist seine parole.

dazu noch ein zitat aus der „unerträglichen Leichtigkeit des Seins“: Teresa … sagt sich, daß die Menschheit genauso von der Kuh schmarotzt, wie der Bandwurm vom Menschen: sie hat sich wie ein Blutegel an ihrem Euter festgesaugt.  ... Der Mensch ist nicht etwa Eigentümer, sondern lediglich Verwalter dieses Planeten, und er wird eines Tages für diese Verwaltung zur Rechenschaft gezogen werden. (275) ein geradezu dystopischer bezug zur lebensweise der menschheit heutiger zeit. Kunderas romane bergen noch viele andere schätze, die gehoben werden können.

© 19.06.2019 brmu

1 Milan Kundera: Die Kunst des Romans, Hanser 2007
2 Albert Camus: Der Fremde, Fischer Bibliothek 1983
3 Milan Kundera: Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins, Fischer TB 1998
4 François Ricard: Agnes‘ letzter Nachmittag – Milan Kundera und sein Werk, Hanser 2003

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die hauptstadtfrage

gut vierzehn tage vor der europawahl haben wir uns vom „Brühler Lesekreis bei Brockmann“ (BLbB) in ein provokantes buch von Robert Menasse mit dem titel „Die Hauptstadt“ vertieft. wir haben uns gefragt, um welches genre es sich handeln könnte und sind zu dem schluss gekommen, dass ein sittenbild der europäischen politik und ihrer administration gezeichnet wird. der plot weist nach Brüssel, der titel allerdings woanders hin.

wohin, das wird gegen ende des romans aus dem polit-genre klar: Die Europäische Union muss eine Hauptstadt bauen, muss sich eine neue, eine geplante, eine ideale Hauptstadt schenken. (393) und wo? diese frage beantwortet der rand-protagonist Prof. Alois Erhart (384) so: In Auschwitz muss die neue europäische Hauptstadt entstehen, geplant und errichtet als Stadt der Zukunft, zugleich die Stadt, die nie vergessen kann.“Nie wieder Auschwitz“ ist das Fundament, auf dem das Europäische Einigungswerk errichtet wurde. (394)

die struktur des romans besteht aus einer zentralen erzählung aus dem politischen betrieb der verwaltung der EU, ein bild, das von prolog und epilog eingerahmt wird. schon im prolog werden alle hauptprotagonisten namentlich eingeführt, inklusive eines schweines, das durch Brüssel rüsselt. eine schillernde metapher: schwein gehabt oder schweinerei, aber wofür? aus dieser frage speist sich die spannung.

im zentrum steht ein projekt zur feier des 50 jährigen bestehens der EU. mit dessen planung wird Martin Susman von seiner chefin Fenia Xenopoulou (Martin Susan konnte Fenia nicht ausstehen. 48) beauftragt. So war Martin Susman in die Falle getappt. (64) ein auktorialer, neugier erregender hinweis, wie sich die dinge zu seinem nachteil und den des Big Jubilee Project (51) entwickeln werden.

hunderte von seiten erklären uns nun, wie eine an sich treffende, ja visionäre idee durch das klein-klein der politik und den frappierenden eigennutz der politisch agierenden hinterrücks zerstört wird. es kommt einem immer wieder der alte spruch in den kopf, politik sei ein schmutziges geschäft.

und dennoch: es gibt in dem roman protagonisten wie Martin Susmann und Prof. Erhart, die letztlich scheitern müssen, weil die realität außerhalb des romans ernüchternd ist, andernfalls wäre der roman eine utopie, uns aber dennoch hoffen lassen.

denn in den köpfen der leserschaft bilden sich meinungen und hoffnungen und wünsche. darauf zielt offenbar der autor Robert Menasse ab, der aus dem munde von Prof. Erhart in der letzten sitzung der Reflection Group (384) offensichtlich auktorial spricht über die Theorie der nachnationalen Volkswirtschaftslehre von Armand Moens. (385) einen zeitzeugen, der nicht existiert:

Das 20. Jahrhundert hätte die Transformation der Nationalökonomie des 19. Jahrhunderts in die Menschheitsökonomie des 21. Jahrhunderts sein sollen. Das ist auf so grauenhafte und verbrecherische Weise verhindert worden, dass danach die Sehnsucht neu und noch dringlicher wiedererstand. Allerdings nur im Bewusstsein einer kleinen politischen Elite, deren Nachfolger bald beides nicht mehr verstanden: die kriminelle Energie des Nationalismus und die Konsequenzen, die aus den Erfahrungen mit dem Nationalismus bereits gezogen worden waren. (386) und er provoziert die kollegen:

Sie suchen nicht nach der Wahrheit, weil Sie den Mainstream für den letzten Stand der Wahrheit halten. … Und ich sage, dass wir ihr nicht unbedingt näher kommen, wenn wir uns am Zeitgeist orientieren, also an den gegenwärtig machtvollen Interessen von Wenigen, für die die Mehrheit der Menschen nur ein Abschreibposten in der Buchhaltung ist. (387) und er legt noch eins drauf beim abschluss seiner streitrede:

Sie alle sind Mitläufer. … Wir diskutieren über die Weiterentwicklung der Europäischen Union – einer nachnationalen Gemeinschaft, geboren aus der Einsicht in den historischen Fehler, den Sie wieder für „normal“ halten: So ist die Welt, so sind die Menschen, sie wollen sich über die Zugehörigkeit zu einer Nation definieren, sie wollen definieren, wer dazugehört und wer die anderen sind, und sie wollen sich besser fühlen als andere und sie wollen, wenn sie sich vor andern fürchten, diesen den Schädel einschlagen, das ist ganz normal, so sind die Menschen, Hauptsache das nationale Budget ist im Rahmen der vereinbarten Kriterien. (391)

Und die Pointe seiner radikalen Intervention (391) ist diese: Konkurrierende Nationalstaaten sind keine Union, auch wenn sie einen gemeinsamen Markt haben. Konkurrierende Nationalstaaten in einer Union blockieren beides: Europapolitik und Staatspolitik. Was wäre jetzt notwendig? Die Weiterentwicklung zu einer Sozialunion, zu einer Fiskalunion – also die Herstellung von Rahmenbedingungen, die aus dem Europa konkurrierender Kollektive ein Europa souveräner, gleichberechtigter Bürger machen würde. Das war ja die Idee, das war es, wovon die Gründer des europäischen Einungsprojektes geträumt haben … (392)

in der rezeption dieses romans drängt sich die feststellung in den vordergrund, dass die dem zitierten W. Hallstein, begründer der EWG, zugeschriebenen zitate so nicht von ihm gesagt worden sind. diese diskussion lenkt von dem eigentlichen ab und soll hier auch nicht weiter erörtert werden. denn: literatur ist immer eine mischung aus fakten und fiktionen zum zwecke der anregung zum selberdenken.

in den fünf jahren, die der BLbB sich nun schon regelmäßig zusammenfindet, hat es kein aktuelleres buch gegeben. die europawahl steht unmittelbar bevor. vielleicht hilft es zur bewusstseinsbildung, in welche zukunft wir robben wollen.

zu dem thema einer renovierten EU hat Robert Menasse auch essays geschrieben (Der Europäische Landbote). wer seine auffassung von literatur erfahren möchte, kann das in dem essay „Was ist Literatur? – Ein Miniatur-Bildungsroman“ erfahren.

© 18.05.2019 brmu
Robert Menasse, Die Hauptstadt, Suhrkamp TB (st 4920) 2018
Robert Menasse, Der Europäische Landbote, Zsolnay Verlag 2012
Robert Menasse, Was ist Literatur?, Bernstein Verlag 2015

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könig im exil

eine einmütig positive resonanz war im letzten lesekreis bei Brockmann zu erleben. Arno Geigers buch „Der alte König in seinem Exil“ hatte auf breiter linie an unsere gefühle gerührt und einigen teilnehmer/inne/n war das thema der demenzerkrankung angehöriger durchaus vertraut. man konnte aus eigner erfahrung schöpfen und somit das beschriebene nachvollziehen. in kürze:

ort: Österreich, bundesland Vorarlberg, bezirk Bregenz, städtchen Wolfurt (ca. 8.000 einwohner/innen) – es kann aber überall passieren

zeit: geburtsjahr des vaters 1926 bis etwa 2009 mit diversen zeitangaben wie etwa, dass der vater um 1995 zeichen von demenz erkennen lässt (1995 – um diesen Dreh herum hatte das ganze Schlamassel angefangen.) (109)

handlung: vater des autors erleidet in zunehmendem maße die Alzheimer krankheit. drei phasen werden beschrieben: a) unverständnis der familienangehörigen, die gedächtnislücken werden ihm angerechnet, es kommt zu einer entfremdung zwischen autor und vater; b) diagnose der krankheit als wendepunkt; c) verständnisvoller umgang mit vater, gemeinsame pflege und wieder annäherung in der vater-sohn-beziehung

figuren: hauptprotagonist ist der vater August Geiger, der aus der wahrnehmung seines sohnes Arno Geiger beschrieben wird. nebenfiguren stellt die familie wie den großvater, der Arno ab 1974 nicht mehr erkennt und an demenz verstirbt.

sprache: zentrale rolle des würdeerhalts des vaters - bei einer immer gravierender verlaufenden krankheit - spielt die eleganz seines sprachgebrauchs. wenn auch die logik zu äußeren dingen verloren geht, so bleibt eine gewisse innere logik der sätze erhalten.

stil: einfühlsame schreibweise der sensiblen beobachtung des väterlichen verhaltens, durchsetzt mit essayistischen einsprengseln, um der leserschaft hinweise zu geben oder positionen des autors zu erläutern.

Arno Geiger hat keinen herkömmlichen familienroman geschrieben, er hat überhaupt keinen roman geschrieben, sondern eine in phasen unterteilte, empathische beobachtung der allmählichen veränderung eines ihm sehr nahestehenden menschen, seines vaters. ihm geht es darum, zu beschreiben, dass und wie ein seine persönlichkeit verlierender mensch dennoch seine würde erhalten kann, das eher unbewusst durch seinen sprachgebrauch. die kurzen, verblüffenden dialoge zwischen vater und sohn sind die herzstückchen des ganzen buches.

man mag so nebenbei auch lernen, wie man sich dementen menschen gegenüber richtig verhalten sollte, aber es geht dem autor um mehr. der vom vater sehr häufig wiederholte wunsch, „nach hause“ zu gehen, obwohl er ja daheim ist, zeigt die grundlegende innere verunsicherung durch die krankheit.

in einem der auktorialen einsprengsel notiert der autor: Alzheimer ist eine Krankheit, die, …, auch Aussagen über anderes als nur über sich selbst macht. Menschliche Eigenschaften und gesellschaftliche Befindlichkeiten spiegeln sich in dieser Krankheit wie in einem Vergrößerungsglas. Für uns alle ist die Welt verwirrend, und wenn man es nüchtern betrachtet, besteht der Unterschied zwischen einem Gesunden und einem Kranken vor allem im Ausmaß der Fähigkeit, das Verwirrende an der Oberfläche zu kaschieren. Darunter tobt das Chaos. Auch für einen einigermaßen Gesunden ist die Ordnung im Kopf nur eine Fiktion des Verstandes. … Gleichzeitig ist Alzheimer ein Sinnbild für den Zustand unserer Gesellschaft. Der Überblick ist verlorengegangen, das verfügbare Wissen nicht mehr überschaubar, pausenlose Neuerungen erzeugen Orientierungsprobleme und Zukunftsängste. … Angesichts dieser mir während der Jahre heraufdämmernden Erkenntnis lag es nahe, dass ich mich mit dem Vater mehr und mehr solidarisch fühlte. (57/58) und warum das?

Denn die traditionelle Gesellschaft, in der mein Vater und seine Geschwister ihre Kindheit verbracht haben, ist zerfallen. Es gibt noch bäuerliche Arbeit, aber kein bäuerliches Leben mehr. Der sogenannte Strukturwandel hat aus Wolfurt eine Wohn- und Industriegemeinde gemacht, … (169) der begriff „strukturwandel“ hat es inzwischen zu fetischistischer verbreitung gebracht!

mit diesen reflektorischen gedankengängen ist das buch wie eine große metapher auch eine an den verstand appellierende beschreibung des zustandes unserer gesellschaft – und nicht nur eine vordergründige, an die gefühle gerichtete krankengeschichte.

so sollte literatur sein: die leser/innen bei den gefühlen packen, sie wringen und wiegen, um dann beim ab- oder weglegen des buches den eigenen verstand zu wecken, zum selberdenken zu animieren. nur so finden wir täglich aus der „selbstverschuldeten Unmündigkeit“ à la Immanuel Kant heraus.

das leben an sich ist absurd, wie Albert Camus notierte, die ethik für ein gutes leben müssen wir daher selber finden und praktizieren. das kommt nicht von oben. würdevolles sprechen und verhalten, wie es der demente August Geiger auch unter verlust der bedeutungen des gesagten beibehielt, ist ein guter start dazu.

© 12.03.2019 brmu

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Díaz überrascht mit Oscar: wow!

ein wort vorab.

im Brühler Lesekreis bei Brockmann (11.2.2019) bin ich gefragt worden, wie ich denn auf dieses buch gekommen sei. frank und frei gab ich zu, dass es eine übrig gebliebene lektüre aus einem literaturseminar (QIV/2018) von Sabine Wegner bei ZfW war. in diesem sinne ist die zusammenfassung unserer diskussion probehalber in einer anderen form abgefasst:

wer in der welt der literatur etwas werden will, der muss einen langen atem haben, gute kritiken einfahren, oder er wird preisträger. Junot Díaz war in den USA als talentierter autor für kurzgeschichten bekannt. sein romandebüt "Das wundersame Leben des Oscar Wao" öffnet ihm nun die szene, denn im jahre 2008 erhält er den Pulitzerpreis „Winner in fiction“. wir haben seinen roman diskutiert, eine zusammenfassung folgt:

ort. New Jersey/USA und Dominikanische Republik (DR) sind als handlungsorte im roman schnell ausgemacht. historisch-politische verhältnisse in der DR sind praktisch unbekannt.

zeit. die zweite hälfte des letzten jahrhunderts ist als zeitfenster der handlungen präzise in den sechs titeln angegeben: 1944 – 1995, für viele von uns ein großteil der eigenen lebensspanne.

handlung. der hauptprotagonist heißt Oscar de Léon, Woa genannt. er wird ab dem siebten lebensjahr nach einer gescheiterten „ménage à trois“ (23) allmählich zu einem fetten, sex-frustrierten nerd, der sich in eine ersatzwelt der Science-Fiction verliert. eine fast schon an klischees heranreichende story.
um diesen kern ranken sich vorherlaufenden, vom DR-regime der familie de Léon menschenverachtend zugefügten katastrophen.
man könnte vorschnell annehmen, die beschriebene persönlichkeitsentwicklung von Oscar, im prinzip novellistisch, sei die rahmenhandlung für den eigentlich schwer verdaulichen teil des romans über den fukú americanus. (13) obwohl in getrennten kapiteln behandelt, wirkt die vergangenheit mittelbar oder unmittelbar auf Oscar ein und in ihm.
dem Fukú-Fluch kann man nur mit einem "Zafa" entkommen. Was das ist, wie sich der Zafa gestaltet, darauf entwickelt sich alles hin.

figuren. die vom schicksal (fukú = fluch) in der DR malträtierte mutter Beli de Léon gibt sich herrisch, gemütskalt und gegenüber der welt hasserfüllt. der sohn Oscar leidet darunter, bleibt aber passiv. seine schwester Lola revoltiert erfolgreich gegen die mutter und stützt Oscar nach kräften, kann aber sein abdriften in die sci-fi-blase nicht verhindern. nur dort fühlt er sich aufgehoben und wohl. Lola unterhält eine prekäre liebesbeziehung zu Yunior, der sich zeitweise um Oscar kümmert. es folgen die figuren der familie und ihre schicksale.
im finale wird die begegnung Oscars mit der prostituierten (puta) Ybón Pimentel (314). Was Frauen anging, besaß er einen Geist wie ein Yogi. Er sprang auf sie an und dabei blieb es. Als er dann abends ihr Haus verließ …, war er verloren. (318) diese begegnung wird zum radikalen wendepunkt in seinem leben. Oscar wurde richtig liebeskrank. (322) Ich habe endlich ein Mädchen geküsst. (343)
der autor selber meldet sich in diesem stadium zu worte, wenn er schreibt: … aber das hier soll der wahre Bericht über das kurze wundersame Leben des Oscar Wao werden. (321) und liefert damit den titel des buches.
Yunior erweist sich nun nicht nur als rückblickender erzähler des schicksals von Oscar, sondern erlebt ebenfalls einen wendepunkt in seinem leben. Zurzeit schreibe ich viel. Das habe ich von Oscar gelernt. Ich bin ein neuer Mann, wisst ihr, ein neuer Mann, ein neuer Mann. (362) doch eine novelle?

sprache. erwartungsvoll graben wir uns in die 370 seiten und sind verwundert: längenweise fußnoten, umfängliches glossar spanischer ausdrücke. das glossar braucht man auch, will man in die feinheiten eintauchen, denn der text - auch in der übersetzung - ist durchwuchert mit uns fremden worten. dieser derbe, provokante latino-diskurs, der auch in der runde teilweise abscheu erregt hat, spiegelt eine männliche macho-sprache von testosteron überschwemmter gemüter. wir älteren tun uns etwas schwer, aber beißen uns durch, überlesen einfach ein paar passagen. das hilft.

erzählweise. der in zeitlich nicht linearer weise rückblickende erzählweise wird der leserschaft auch noch multiperspektivisch dargeboten. ungewöhnlich: der autor versichert uns seiner bemühungen (321), der ich-erzähler wird gegen ende offenbar: Yunior. der auktoriale erzähler lauert überall und besonders in den fußnoten und dem glossar. wahrlich keine leichte kost.

botschaft. die wird direkt ausgedrückt: Er sagte ihnen, dass es falsch war, was sie taten, dass sie der Welt eine große Liebe nehmen würden. Liebe war etwas Seltenes, sie wurde leicht mit tausend anderen Dingen verwechselt, und wenn das irgendjemand wusste, dann er. Er erzählte ihnen von Ybón und wie sehr er sie liebte und wie viel sie riskiert hatten und dass sie angefangen hatten, die gleichen Träume zu träumen und die gleichen Worte zu sagen. Er erzählte ihnen, dass er nur dank ihrer Liebe hatte tun können, was er getan hatte, etwas, das sie nicht mehr aufhalten konnten. (357) die revolte des Albert Camus trifft sich hier mit dem liebesappell Jesu. das hat universellen anspruch. auf Oscar projeziert führt sie zu einer geplanten, souveränen handlung.

gattung. was die gattung anbelangt, ist man hin und hergerissen, denn einerseits bietet die „rahmenhandlung“ klare merkmale einer novelle (reifung der persönlichkeit Oscars: krise, wendepunkt, schock), andererseits ist die romanhafte familiengeschichte derart präsent, dass sie oft den vordergrund beherrscht. der umfang legt die literaturgattung „roman“ nahe.

genre. in toto wird ein familienepos erzählt mit transkulturellem anspruch, der aus den grundmustern der handlungen destilliert und auch in unsere heutige situation übertragen werden kann – und soll. legt man das gewicht auf ein familienmitglied, den Oscar de Léon, dann wäre das genre eines Heldepos nahliegend.

der Pulitzerpreis ist eigentlich ein journalistischer. der roman von Díaz ist mit seiner beschreibung gesellschaftlicher verbrechen auf der individuellen ebene zutiefst journalistisch. er passt mahnend bestens in unsere zeiten des egoismusses, ob einzeln oder als nation, und der geistigen wirrnis vieler.

aber es wäre nicht literatur, diese mischung aus fiktion und realität, wenn man nicht auch einfach sagen könnte, dass der autor J.D. mit hinreichend autobiographischer untermalung den wandel seines ego vom schüchternen autor Oscar in den selbstbewussten autor Yunior beschreibt. denn schreiben ist immer der ritt über den wendepunkt in die offene weite der literatur.

© 15.02.2019 brmu
Junot Díaz, Das kurze wundersame Leben des Oscar Wao, Fischer TB18862, 2010, seitenangaben

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clox - die ewige uhr

Christoph Ransmayr ist ein künstler im vermischen von fakten und fiktionen und das in eloquenter, fast lyrischer sprache. das kann schon mal nerven, wenn man sich am fortgang der handlung orientieren will. aber die sprache erzieht und lädt zum verweilen ein, zum bewussten lesen.

so auch in seinem roman „Cox oder Der Lauf der Zeit“, in dem sich eine historisch belegte person namens James Cox als figur namens Alister Cox von London aus per segelschiff ins ferne chinesische reich des kaisers Qiánlong reist, um seine fantastischen uhren anzudienen. aber: Der Kaiser wollte kein Spielzeug. (25)

das schiff legt im hafen an, mitten in eine bestrafungsorgie geratend. Jetzt verloren diese gierigen Säue nach ihrem Gesicht endlich auch ihre Nasen! Und das war noch eine milde, zu milde Strafe dafür, daß sie an den Börsen in Beijing und Shanghai und Hang zhou wertlose Papiere verkauft und den Schwindel mit Steuergeldern, dem Gold des Kaisers!, zu decken versucht hatten. (15/16) schon hier wird deutlich, dass die geldgeilheit lange wurzeln hat und das kaiserreich eine erschreckende nähe zu den despotischen systemen der neuzeit. diese mixtur bildet die hintergrundfolie des romans.

im laufe der handlungen treten dann drei figuren in den vordergrund: Alister Cox, der begnadete uhrenbauer (17ff), Josef Kiang, der übersetzer, vermittler und letztlich mahner (27ff), und der göttlich verehrte kaiser Qianlong, himmelssohn und herr über die zeit (71ff). der unberührbare kaiser nähert sich Cox und seiner kunst der zeitmessung in vier auftritten, erweist sich dabei immer mehr als mensch. er liebt uhren, schreibt gedichte, liebt frauen und spielt seine machtrolle zurückgezogen.

bei diesen vier treffen kommen sich die protagonisten Qianlong und Cox auf der basis der bewunderung des symbols uhr näher. Cox hatte sich der Maßlosigkeit und den Allmachtsansprüchen eines Herrschers noch nie so nahe gefühlt … (214) Cox fühlt sich ihm verwandt (217) und glaubt, seine gedanken erraten zu können. Oder war es tatsächlich möglich, daß ein Uhrmacher und Automatenbauer aus England und der nicht nur eine halbe Welt, sondern ein ganzes Universum von ihm entfernte Kaiser von China gleichzeitig denselben Gedanken gefaßt hatten? (217)

inwieweit die brutalität des systems gegen verdächtigte bürger/innen ihm persönlich anzulasten ist oder dem machtapparat, das kann man nur erahnen. auch hier sind die bezüge zur heutigen zeit frappierend. zum beispiel die spitzel für geheimdienste: Wie leicht konnte über den Bericht eines vermeintlich gleichgesinnten Zuhörers, der noch am selben Tag von einem Offizier bezeugen konnte, was er eben gehört hatte, der Lebensweg eines Flüsterers in den Untergang führen, die Karriere des Zeugen dagegen hoch hinauf in einen Abglanz imperialen Lichts. (248)

der roman kulminiert in der frage: wird der kaiser die uhr, die das Cox-team „Clox“ (244) nennt, und die aufgrund ihrer bauweise übermenschliche längen der zeitmessung ermöglicht - es klingt der begriff perpetuum mobile (222) an -, wird der kaiser diese uhr in gang setzen?

© 17.01.2019 brmu

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Der einzige Mann auf dem Kontinent nervt

Therézia Mora schont ihre leserschaft nicht. nimmt man sich ihren roman „Der einzige Mann auf dem Kontinent“ vor, so ist man sehr versucht, von den ersten drei unveräußerlichen rechten des lesers gebrauch zu machen: gar nicht lesen, einiges überspringen oder nicht zu ende lesen. die meisten haben durchgehalten und wir konnten diskutieren.

der ort der handlung ist nicht definiert, eher städtisches milieu. die zeit nach der jahrtausendwende spielt den hintergrund. nur eine woche im September, von Freitag zu Freitag, jeweils im tag-nacht-rhythmus im leben eines pärchens wird beschrieben, allerdings gespickt mit vielen erinnerungsvolten.

hauptfigur ist Darius Kopp, der jüngere. er ist it-spezialist, wiegt zu viel für seine körpergröße (106 kg bei 1,78 cm) und ist entsprechend träge. vor dem bildschirm fühlt er sich wohl. Wir sind uns einig, dass das, was man tut, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen, einen zugleich persönliche Befriedigung verschaffen muss, denn nur so ist es zu vermeiden, dass man ein Leben führt, das ausschließlich aus Alltag besteht. (10) der verstaubte zustand seines büros ist das beste abbild dieses alltags. Darius durchläuft mehrere berufliche situationen, wird alleiniger repräsentant seiner firma Fidelis in ost-europa, daher der titel des romans, letztlich aber ohne erfolg bis zum schluss des romans.

Flora Meier, die ihm angetraute ehefrau, ist aus anderem holz geschnitzt. in ihrem beruf als assistentin beschließt sie, nicht mehr zu leiden (71) und kündigt. nun als kellnerin ist sie der ansicht, ihre Würde so eher bewahren zu können. (71) zu Darius sagt sie: Deine positive Art, deine Glücksfähigkeit, Liebster, tröstet mich immer so schön. (89) dem leser keimt der verdacht der naivität auf.

Flora will aber eigentlich übersetzerin sein. sie befasst sich mit einem Stück (91), das nicht näher definiert wird. Flora gibt eine einschätzung: Und wie ist das Stück? – Ach so, das. Das ist Scheiße.- Inwiefern? - Insofern, als es um absolut nichts geht, das heißt, um nichts von Notwendigkeit, Gewicht, Relevanz. Um das zu überdecken, folgt eine Brutalität auf die nächste, während die Sprache gestelzt und gewollt poetisch daherkommt. Als Publikum würde ich sagen: Zeitverschwendung. Als Übersetzerin wird sie es vielleicht dennoch machen. Mit irgendwas muss man schließlich anfangen. Und es ist ja auch nicht ärgerlich schlecht. Es ist nur, wie gesagt, uninteressant. (95) der leser stutzt und fragt sich, ob hier etwa ein satirisches urteil über den roman angedeutet wird: zeitverschwendung? auch hier die vermischung von ich-erzählerin Flora mit einer anonymen, auktorialen stimme, die die zukunft zu kennen glaubt.

all das ist durchaus interessant, da die beschreibungen der beruflichen situationen und stationen durchaus gesellschaftskritisch sehr realistisch die beliebigkeit und hektik heutiger zeit abbildet. auch wird gleich zu beginn durch ein ominösen paket, gefüllt mit 40.000 €, und dessen verbleib eine kriminologisch spannende komponente eingebaut. das alles heilt aber einen sperrigen effekt nicht.

was nervt, ist die permanente vermaggelung der erzählperspektiven (oben skizziert). wie Damaszener stahl kommen die textpassagen einher. auktoriale hinweise sollen dann offenbar helfen, sich zurechtzufinden bis hin zu klammersetzungen, in der literatur ein eher ungewöhnliches mittel.

wer durchhält und sich das sechste recht des lesers in den vordergrund stellt, nämlich den roman als leben zu sehen, der wird fündig. die angedeutete fahrigkeit des modernen lebens, seine zersplitterung und hektik, wie wir sie alle selber erleben, mitten drin oder am rande, die könnte Terézia Mora expressis verbis beschreiben. sie hat sich aber für einen hektischen schreibstil entschieden, um „es“ uns sozusagen zwischen den zeilen unterzujubeln: das patchwork-leben. dieser schreibstil ist (noch) in der aktuellen schreibszene eher neu und wohl auch der grund für die ziemlich positiven rezensionen dieses romans.

ach ja, auf den letzten seiten hat Flora die nase voll: Du bist ein dämlicher Idiot! Lass mich endlich in Ruhe! (343) Sie ist ausgezogen. (353) Darius aber, der glücksfähige, schwärmt: Du bist die Liebe meines Lebens.(379) ende offen für die liebe, ende offen bezüglich des schwarzgeldes, ende offen bezüglich der beruflichen situationen, ende offen …

nur eine woche in einem fiktiven, unbequemen leben auf 379 seiten– das hat uns lesekräfte gekostet. aber auch das gehört zur literatur und zu der lesearbeit von uns allen.

© 12.12.2018 brmu

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McEwan's Fiona eröffnet die chance

Ian McEwans „Kindeswohl“, ein buch des emotionalen zugriffs auf seine leserschaft: schuld und reue, richtig und falsch, treu und glauben. Ian McEwan schont uns nicht mit seinem „Kindeswohl“. wir haben diskutiert und die zeit dabei vergessen – und uns auch hie und da vom text gelöst, wenn die resonanzstellen heftig wurden.

alles ein zeichen engagierter lesearbeit.

tauchen wir in den text ein, so finden wir eine rahmenhandlung zeitloser art, nämlich, dass langverheiratete Paare immer mehr wie Geschwister miteinander leben (11). Fiona Maye hatte sich in ihre richterinarbeit vergraben und ihr gatte, Jack, sechzig jahre alt, vermisste sex, den er sich nun bei Melanie zu holen gedachte, wie er Fiona eröffnet.

Fiona hingegen zog ein unvollkommenes Dasein vor, dasjenige, das sie jetzt hatte. (12) damit sind die karten gemischt und die beziehung geht – zeitweilig? –auseinander. die spannungen aber bleiben und funken in die haupthandlung hinein. Ja, ihre Kinderlosigkeit war selbst …eine Flucht vor ihrer eigentlichen Bestimmung. Sie war nicht zur Frau geworden, so wie ihre Mutter dieses Wort verstand. (51) sie machte sich Selbstvorwürfe (53). Hätte sie Kinder, wäre es ein schockierender Gedanke, sie nicht gehabt zu haben. (53)

und auch ihre profession bleibt nicht unreflektiert. In Momenten des Zweifels an den rechtsstaatlichen Prozeduren brauchte sie sich nur den Fall … ins Gedächtnis zu rufen, um ihr vages Gefühl bestätigt zu sehen, dass das Recht, sosehr Fiona es lieben mochte, im schlimmsten Fall kein Esel, sondern ein Schlange war, eine giftige Schlange. (59) von diesem „gift“ handelt der roman: die unwägbarkeit der weiteren auswirkungen eines richterspruches.

inzwischen häufen sich auf dem schreibtisch der familienrichterin Fiona die fälle. bei all ihren erwägungen bekennt sie sich zu ihrer Pflicht, mittel- und langfristig zu denken, ein Kind von heute, …, könne durchaus bis ins zweiundzwanzigste Jahrhundert leben. (21) es geht ihr also um die perspektive, die den rechtlich noch unmündigen qua richterspruch offengehalten werden soll. wohlergehen und/oder wohlbefinden in diesem zusammenhang sind demnach variable Begriffe (23).

so ist auch der spektakuläre fall, der sich ab seite 41 entfaltet, zu verstehen. eine klinik behandelt einen 17-jährigen, also noch unmündigen jungen mit namen Adam Henry medikamentös. begleitend wird eine bluttransfusion notwendig. Adam und seine eltern lehnen das ab. der grund liegt in deren religiösen „wahrheiten“. die klinik klagt, weil das leben des patienten in hohem maße gefährdet ist, man will sich absichern.

Fiona soll in dieser lage recht sprechen. sie erwägt, sich am krankenbett selber ein Bild zu machen (43), was heutzutage überaus ungewöhnlich (43) war. Eine sentimentale Anwandlung, in die Klinik fahren zu wollen. Sie verwarf die Idee, … (43) Es war nicht das erste Mal, dass die Absurdität und Sinnlosigkeit ihrer Rolle … sie vorübergehend lähmte. (44) Albert Camus lässt grüßen und wir finden bei ihm in „Die Pest“ den arzt Rieux, der trotz dieser sinnlosigkeit und absurdität seinen job macht.

entsprechend handelt Fiona und macht ihren job als richterin. in der verhandlung zu dem eilantrag der klinik sagt die sozialarbeiterin Marina Greene: „Man sollte nicht zulassen, dass ein Kind sich aus religiösen Gründen umbringt.“ (91) im laufe der verhandlung kommt Fiona zu einer entscheidung: „In Anbetracht der einzigartigen Umstände dieses Falles, habe ich beschlossen, mit Adam Henry selbst zu sprechen. Dabei interessiert mich, …, ob er weiß, was ihn erwartet, falls ich dem Antrag der Klinik nicht stattgebe. … Er soll verstehen, dass ich es bin, die in seinem besten Interesse entscheiden wird.“ (97/98)

auf der fahrt in die klinik reflektiert Fiona, dass es entweder um eine Frau am Rande eines Nervenzusammenbruchs (99) geht, nämlich um sie und ihre aktuelle lebenssituation, oder darum, ob ein Junge durch das Einschreiten eines weltlichen Gerichts dem Glaubenssystem seiner Sekte entrissen wird oder nicht. (99) hieran entzündete sich die diskussion, ob das denn noch professionell sei, nicht gar eine art befangenheit, in der sich die richterin aufgrund ihres eheproblems, kinderlosigkeit und untreue des mannes, befinde.

es kommt noch schlimmer, denn wir lesen: Sie spürte die ersten Anzeichen einer umfassenden Menschenfeindlichkeit und zwang sich, wieder an ihre Mission zu denken. (101) kindeswohl und menschenfeindlichkeit passen nicht zusammen!

Fiona erklärt dem Adam, warum sie persönlich erscheint und nicht im gerichtssaal entscheidet: „Manchmal kommt es zu Massentäuschungen. Leute, die einander nicht kennen, können alle derselben falschen Vorstellungen erliegen. In Gerichtsprozessen kann das durchaus passieren.“ (109) im laufe des gespräches mit Adam kommt sie zu der überzeugung, es war die richtige Entscheidung gewesen, hierherzukommen. (110) Seine ganze Art, sein Humor, hatte etwas von der Albernheit, die manchmal mit hoher Intelligenz einhergeht. Und sie diente dem Selbstschutz. Er musste große Angst haben. Zeit, ihm die Leviten zu lesen. (113)

und das tut sie auch. Er hatte die Fassung verloren. (114) und es kommt ihr ein gedanke in den kopf, der auf die rahmenhandlung weist: Den Jungen mit nach Hause nehmen und aufpäppeln. (114) die kinderlose, frustrierte richterin fühlt mütterlich. das spürt Adam offenbar, denn später, als er die bluttransfusion erhalten hat und sich immer besser fühlt, entwickelt er die fantasie, mit ihr eine schiffsfahrt zu unternehmen und sogar den ausdrücklichen wunsch: „Ich möchte bei Ihnen wohnen.“ (175)

Fiona bleibt cool. Mit einem solchen Ansinnen hätte sie nie gerechnet. Aber eigentlich lag es auf der Hand. (175) sie hatte Adam aus den fängen seiner sekte befreit, ihm geht es zusehends besser. aber er muss seine soziale umgebung verlassen, der >Gemeinschaftsentzug< (87), wie es die sekte nennt, tritt ein. das möchte Adam kompensieren.

beim abschied berühren sich versehentlich beider lippen. Sie hätte zurückweichen können. Stattdessen blieb sie, wo sie war, dem Augenblick schutzlos preisgegeben. … Eine flüchtige Berührung, aber mehr als nur ein Hauch, mehr als ein Kuss, den eine Mutter ihrem erwachsenen Sohn geben würde. (178) das haut rein, denn nun merken wir, dass nicht nur die sehnsucht nach mütterlichkeit eine rolle spielte, sondern auch die nach männlicher zuneigung, die ihr der ehemann gerade vorenthält.

aber Fiona ist innerlich mit der situation ihrer ehe befasst - … sie arbeitete an ihrer Beziehung (183) - und weist Adam ab. sie beantwortet seine briefe nicht. sie schilt sich: Was für eine unbedachte Torheit, dass sie nicht sogleich zurückgewichen war. (181) und: Sie neigte sonst nicht zu Unbesonnenheit und begriff nicht, was sie da geritten hatte. Ihr Gefühlswirrwarr enthielt einige Elemente, denen sie sich noch würde stellen müssen, das war ihr klar, … (181)

den letzten brief im blauen Umschlag (188) – im deutschen sprachraum eine metapher für die letzte warnung der schulleitung vor dem drohenden sitzenbleiben – öffnet sie spät und liest ein gedicht Adams, das in der letzten zeile kryptisch endet. man erkennt den rückfall in die religiös verbrämte sektiererei: Ihr Kuss war der des Judas, Verrat und nicht mehr umzuwenden / So soll er (190) alles weitere unleserlich.

während also die rahmengeschichte der ehe von Fiona und Jack Maye wieder in den vordergrund rückt, erleidet Adam im hintergrund einen gesundheitlichen rückfall, seine leukämie bricht wieder durch. nun 18-jährig, lehnt er sektensystemkonform eine erneute bluttransfusion ab. das resultat ist sein tod, der in seinem gedicht avisiert ist. denn als Fiona davon hört, entschlüsselt sie die letzte zeile so: So soll er, der mein Kreuz ertränkt, mit eigner Hand sein Leben enden. (214) Fiona war der Judas, hatte in seiner sicht verrat begangen an ihm und dadurch war er, Adam, seiner sekte, und vermeintlich damit auch Jesus (kreuzsymbol) untreu geworden. es bliebt scheinbar nur die sektensystemkonforme verweigerung der bluttransfusion und damit die säkulare selbsttötung.

spät begreift Fiona, die richterin, im gespräch mit Jack: „Ich glaube …, er hat Gefühle für mich entwickelt.“ (218) und: „Er dachte, ich könnte sein Leben ändern. Ich vermute, er wollte mich zu einer Art Guru machen.(219) aber: „Ich habe ihn weggeschickt.“ (219) fazit: „Er ist für seinen Glauben gestorben.“ (220) erkenntnis: „Ich denke, es war Selbstmord.“ (220)

wir haben die schuldfrage diskutiert. Adam bedurfte einer stabilisierung in der distanz zu den angeblichen wahrheiten seiner sekte, die seine eltern bedingungslos lebten. das erkennt Adam wohl intuitiv und sucht nach einer lösung, dies in einer gefühlsaufwallung von dankbarkeit und hingezogenheit oder gar liebe zu seiner retterin Fiona, die seine mentorin sein sollte. die aber erweist sich als spröde und enttäuscht ihn. er fällt ins alte narrativ zurück.

wer ist schuld an seinem tod? im lesekreis wurde hier die anmerkung gemacht, dass die romanfigur Fiona an dieser stelle versagt, sie hätte die sozialarbeiterin Marina einschalten müssen zwecks maßnahmen für die neue sozialeinbindung des jungen mannes Adam in der „säkularen welt“.

aber es sind auch die eltern im spiel der schuldfrage, die sich irrational einer angeblichen wahrheit verschrieben haben und seinen tod billigend in kauf nehmen wollten für angeblich höheres. auch die ältesten der sektengemeinde, die in dasselbe horn blasen, sind nicht außen vor. da wir alle durch unsere mitwelt sozialisiert werden, ob wir wollen oder nicht, war die einwirkungsdauer dieser personen höher zu bewerten, als die der richterin, die folgende einstellung hatte: Nach meiner Überzeugung ist sein Leben wertvoller als seine Würde. (131)

so hat ihr urteil dazu geführt, dass Adam volljährig werden konnte, um in ähnlicher situation und nunmehr nach kenntnis der alternativen aus frust sich selbst fremd wird. das ist aber das recht eines jeden erwachsenen, über sein leben – und sei es mit dem risiko des todes - zu entscheiden. insofern hat Fiona das getan, was eine aufgeklärte richterin hat tun können: eine chance zum selber denken zu eröffnen! wer das nicht nutzt, ist selber sein opfer.

die diskussionsfreude um das kindeswohl war ein zeichen für die hohe resonanz, die McEwans roman in uns ausgelöst hat. so soll literatur sein.

© 16.11.2018 brmu
Ian McEwan, Kindeswohl, Diogenes TB 2016 (zitate im schrägdruck)

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Menasses Wienerschmäh

die journalistin Eva Menasse, inzwischen wohl etablierte schriftstellerin, legte 2005 ihr romandebüt vor: Vienna. und schon prasseln die preise: Rolf-Heyne-Debütpreis (2005), Jonathan-Swift-Preis (2015) und der Friedrich-Hölderlin-Preis (2017) für das bisherige gesamtwerk.

in diesem jahr wurde Vienna zum „Buch für die Stadt“ Köln gekürt. ergo wollten wir es bei so viel lob im literaturbetrieb einmal selbst lesen - und wir waren nicht enttäuscht, wenngleich auch kritikpunkte angemerkt werden.

als mühsam und ablenkend wurde empfunden, dass die zentralen figuren, die die basis der romankonstruktion darstellen, namenlos daherkommen. wir haben das als familiären schutz interpretiert. denn dieser roman nimmt sich die geschichte einer familie vor, die offenbar in weiten teilen autobiographisch ist.

die familie liebte die ganze Heimeligkeit dieses familiären Sagengutes, in das wir uns lustvoll einwickelten, weil es unser flüchtiges Zusammensein mit einer kurzen, aber kräftigen Wurzel in der Vergangenheit verankerte. Insbesondere wurden die Toten lebendig gehalten. (372) das ist das weit verbreitete grundmuster von vielen familientreffen, wobei man die ältesten Geschichten am liebsten hat. Sie sind am offensten und am verheißungsvollsten, weil ihr wahrer Kern so verschwindend weit zurück liegt und deshalb fast alles erlaubt ist. (373) flunkerei bis geschichtsklitterung.

das profil der oftmals auch auktorial daherkommenden ich-erzählerin bleibt nebelhaft. sie weiß alles, wir wissen als leser/innen wenig von ihr. Die einzige Person, die man innerhalb dieser neurotischen Strukturen nicht für voll nahm und deshalb Neutralität genoß, war ich. (370) das neutralitätsprinzip des journalismus schimmert hier durch.

„weiters“ fällt die wienerische diktion auf, auch als wiener schmäh tituliert, ein charmant formuliertes und freundlich gesprochenes stilett im ego des gesprächspartners. Doch genau genommen waren die witzigen Passagen immer nur Zwischenspiel zu durchaus ernsteren Überlegungen. (374) hier gibt die ich-erzählerin auktorial auskunft über das bauprinzip des romans. zwischen einer unmenge an heiterkeiten, die die gesprächsbasis der familientreffen darstellen, blitzen ab und an ernstlichkeiten durch von vor, während und nach der nazi-zeit in Österreich.

da kann sich dann einiges aufstauen, was auch im vorletzen kapitel zum eklat in der familie führt. Ich staunte, was sich da über all die Jahre in meinem älteren Vetter an Kränkung und Zorn aufgestaut haben mußte. (386)

so sind die verschiedenen, locker zusammenhängenden kapitel auch unterschiedlich für das familiennarrativ zu gewichten. am beispiel des kapitels „Ende“ sind einige aspekte diskutiert worden. in diesem kapitel lesen wir auch eine nicht leicht verständliche reflexion über das schreiben: Daß zur Schaffung geistiger Meisterwerke ein gewisses Maß an Irrsinn, … gehört, wer würde das ernstlich bestreiten? Und wer wüßte das besser als gerade ich, die Zuschauerin, die ich ja immer nur war,…, alles nachgezählt und nachgeprüft, aber kein Gramm Inspiration. (388) dieser nachsatz ist Eva Menasse in rezensionen einige male hämisch nachgeworfen worden.

die familientreffen zerbrechen, weil letztlich zwei lager entstehen: die „echten juden“ und die „nicht juden“. der glaube als ausschließendes prinzip. wie zeitnah und realistisch doch dieser roman ist.

© 09.10.2018 brmu
Eva Menasse, Vienna, btb Verlag 2007, btb 73253

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5-Brühlerlesekreisjahre

LKB 5Jahreartikel 2018
hinweis im Brühler Schlossboten vom 2.10.2018

in Brühl gibt es die buchhandlung Brockman, die nun schon seit über fünf jahren sehr engagiert einen gut besuchten lesekreis für ihre kunden ausrichtet. dafür sei dem ganzen Brockmann-team an dieser stelle ein dank ausgerichtet.

wir haben uns die „Die zehn unantastbaren Rechte des Lesers“ (Daniel Pennac) gegeben. das ausgesuchte taschenbuch wird über monatsfrist daheim gelesen und dann in der buchhandlung im kreise der lesekundigen darüber diskutiert, moderiert von Bernhard Ulbrich.

unser ziel ist, die texte daraufhin abzuklopfen, was jeden einzelnen jeweils berührt hat und das dann im plenum zu einer übergeordneten, erweiterten, gemeinsamen sicht zusammenzuführen. keine germanistik, keine romananalyse. man kann auch ohne diese mit einem aha-effekt nach hause gehen, selbst dann, wenn das buch partiell oder ganz von dem einen oder der anderen abgelehnt wurde.

möge der lesekreis in seiner munteren und beredten art weiter bestehen.

© 04.10.2018 brmu

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Bakker baggert in sich selbst

nach der sommerpause, die uns etwas mehr zeit ließ, das umfangreiche tagebuch von Gerbrand Bakker mit dem titel „Jasper und sein Knecht“ zu stemmen, haben wir uns gestern diesem opus gestellt. es war eine kontroverse diskussion, schroffe ablehnung und verständnisvolle annäherung schwangen in der luft.

die themenvielfalt dieses buches, formal kommt es als tagebuch daher, erinnert an ein mixtum compositum, wie im kopfe des autors so in die druckerei. offenbar steckte der autor in einer krise, nennen wir es schreibblockade, und will sie überwinden. er zieht in die Eifel, nach Feuerscheid-Schwarzbach, nimmt einen hund namens Jasper auf und wird von ihm gegängelt. hundeliebhaber beschleicht der zweifel, ob der „Knecht“, der ich-erzähler, des hundes Jasper herr wird.

dieser hund eignet sich gut als metapher für den kampf des autors gegen seine, ihn immer wieder anspringende depression. Jasper ist folgsam und sperrig, anhänglich und flüchtend, gesund und krankt und letztlich stirbt er dann. möge er die depression mit in die urne genommen haben.

viel plauderei, viel persönliches, viel nebensächliches wuchert wie in einem wildgarten in den seiten. der rote faden fehlt, statt dessen gibt es eine leine der tage von 3. 12. 2014 bis zum 14.3.2015. daran hängen viele, viele zettel mit texten nach dem motto: was wollt ihr wissen? was muss raus? etwa zu den themen: hundehalter, gärtner, vogelkenner, nachbar, schwuler, lügner, depressiver, reisender, niederländer, schriftsteller, … - die allesamt eine sehr unterschiedliche resonanz zum lesekreis entwickeln.

wir haben uns letzlich auf die hinweise zum schriftstellerdasein des autors konzentriert und eine reihe von interessanten aussagen gesammelt, die uns helfen, sein werk angemessen zu rezipieren:

Ich will hier allein zusammen mit meinem Hund zufrieden sein, vielleicht etwas in mir selbst wiederzufinden versuchen, das mich dazu bringt, eines Tages einen neuen Roman zu schreiben. (58)

Ich ertappe mich bei dem Gedanken, doch wieder mit einem Roman anzufangen, nur um diese Stunden zu füllen. (71)

Paradox ist natürlich, dass ich dabei eben doch ein Buch schreibe, dieses Buch. Aber dieses Buch ist kein Roman. (72)

Wenn ich noch einmal einen Roman schreibe, tue ich es für mich selbst. (73)

Im Unterschied zu meinen Büchern schreibe ich diese Texte wirklich für Leser … (79) „Texte“ auf seinem Blog.

Das macht ein Buch für mich zu einem guten Buch: wenn ich gerne in eine Atmosphäre eintauchen möchte, die mir gefällt. Die Geschichtlichkeit ist mir weniger wichtig, …, obwohl das auch vom Stil abhängt. Die Atmosphäre zählt. (99)

Wenn ich etwas schreibe, kommt es nicht so auf die Wahrheit an. Worauf es ankommt, ist eine schöne Geschichte. (120)

Im Grunde habe ich das Lügen und Phantasieren zu meinem Beruf gemacht. (139)

Ich lege Wert auf möglichst große Distanz zwischen Rezensent und Autor … (223)

Die Person des Autors spielt ebenso wenig eine Rolle wie der … Erfolg eines früheren Werkes. (236)

Nicht so eilig, es darf alles nicht zu schnell fertig werden, … wie beim Schreiben eines Romans: nie am Ende eines Schreibvormittags zu einem glatten Abschluss kommen; lieber ein paar Fäden lose lassen, um am nächsten Tag dort anzuknüpfen. (240)

Im Grunde darf ich gar kein Buch schreiben wollen. Es muss versehentlich geschehen. (306)

Vermutlich bin ich derjenige, der die Wahrheit ausmalt, verdreht und manipuliert. … Hier liegt der Grund, weshalb ich schließlich … Schriftsteller geworden bin? (329)

Ich weiß nicht mal, was ich mit dem Roman habe sagen wollen,… (355)

Aber bin ich wirklich Schriftsteller? Oder bin ich jemand, der Bücher geschrieben hat? Das läuft scheinbar aufs Gleiche hinaus, tut es aber doch nicht. … Ich kann mich nicht zwingen, einen Roman zu schreiben. (403)

Man schreibt einen Text - … - um ein möglichst gutes, in sich stimmiges Ganzes zu schaffen. (419)

Aller Anfang ist leicht, im Grunde nichts Besonderes. Weitermachen ist das, was zählt. (426)

und genau das hoffen wir: den nächsten roman von Bakker in händen zu halten, um nach „Jasper und sein Knecht“ mit anderem verständnis seiner phantasie zu folgen.

© 11.09.2018 brmu
wer wissen will, was der autor G. Bakker selber über sein tagebuch-roman-blog-verschnitt sagt, kann ein aufschlussreiches interview mit ihm verfolgen.

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Germain im labyrith der wörter

wir hatten geglaubt, mit dem roman „Das Labyrinth der Wörter“ eine leichte kost aus der belletristik gewählt zu haben. haben dann aber gestaunt, wie differenziert wir im lesekreis das werk von Marie-Sabine Roger aufgefasst und diskutiert haben. worum geht es?

Germain Chazes, mitte vierzig, scheint ein hoffnungsloser fall. Als ich klein war, nannte meine Mutter mich den „glücklichen Schwachkopf“. (30). Meine Mutter war wie ein spitzer Kieselstein in meinem Schuh. Eigentlich nicht so schlimm, aber es reicht, um einem das Leben zu versauen. (91) keine große mutterliebe in der kindheit, man darf die situation als prekäres familienverhältnis auffassen.

die schulbildung ist ebenfalls minimal, Germain wird gemobbt. seine gesamte sozialisierung ist bedenklich und äußert sich in proletenhaftem auftreten und entsprechend rauher sprache. kurz: Germain ist ein vertreter der so genannten bildungsfernen gesellschaftsschicht. aber kein hoffnungsloser fall, wie wir noch lesen werden. und hier setzt die zweite kritik an: die beschriebene persönlichkeitsentwicklung des Germain sei kitschig idealisiert.

denn ausgerechnet sein hobby führt ihn aus der enge heraus. er beobachtet und füttert gerne tauben im park. hier fällt einem das wort: klischee als dritte kritik ein. dieser Germain trifft eines tages auf eine alte dame im park, die ebenfalls tauben füttert. und nun nehmen die dinge ihren lauf, und zwar im kopf des Germain.

Dr. Margueritte Escoffier heißt sie, 86 jahre alt, ist von der akademisch ausbildung her biologin und lebt im altenheim. und sie ist das genaue gegenteil von dem, was Germain ausmacht. beide sitzen auf der parkbank, füttern tauben und kommen ins gespräch. Margueritte interessiert sich für Germain, und das löst bei ihm bislang unbekanntes aus. Ob Sie es glauben oder nicht, in dem Moment habe ich entdeckt, was es für eine Gefühl ist, wenn sich jemand für einen interessiert. (18) das verhältnis auf gegenseitiger respektsbasis entwickelt sich. Inzwischen habe ich das Wort gefunden, das mir fehlte: Vertraute. (20)

diese entwicklung verändert Germain. Ich habe mich wirklich verändert. Seit ich Margueritte begegnet bin, arbeite ich an meinem Verstand. … Ich denke über das Dasein nach. (38) Als ich Margueritte begegnet bin, fand ich es erst kompliziert, mir Wissen anzueignen. Dann interessant. Und dann unheimlich, denn mit dem Nachdenken anzufangen ist etwa so, wie wenn man einem Kurzsichtigen eine Brille gibt. (47)

die autorin lässt uns die veränderungen im kopfe des Germain von innen miterleben, aus der ich-perspektive, die aber ganz offensichtlich auktorial daherkommt. das hat zur weiteren skepsis geführt, dass man dies wohl eher nicht könne. aber die literarische freiheit lässt alles zu! es handelt sich ja nicht um ein psychogramm. es drängt sich uns allmählich die annahme auf, dieser roman beinhalte eine verpackte botschaft an die leserschaft, die es zu dekodieren gelte.

Germain denkt weiter nach: Und wenn man dann ganz oben steht, … Man hat einen irren weiten Ausblick. Aber nach einer Weile, da fällt einem was ganz Blödes auf: dass man nämlich alleine ist. (48) das will Germain keinesfalls, denn er will seine clique in der kneipe nicht verlieren. Die Moral von der Geschichte: Ich werde auf halber Höhe stehen bleiben und glücklich sein, wenn ich es soweit schaffe. (49) eine sehr realistische einstellung. dabei ergibt sich dann: ich habe mich plötzlich von außen gesehen, das war ein komisches Gefühl. (60)

dieses komische gefühl der selbstreflektion wird durch das gemeinsame lesen, respektive vorlesen von literatur ausgelöst, ein schlüssel zur graduellen veränderung. man muss nur lesen können, und das ist bei Germain schwach ausgeprägt. ein motor zur verbesserung ist das erlernen des buchstabierens – symbolisch - im labyrinth des wörterbuches.

die veränderungsprozesse in der persönlichkeit des Germain gipfeln in dem lob von Margueritte: Germain, Sie sind ein prima Kerl. Ihre Freunde haben großes Glück. (151) die kapieren das aber gar nicht, machen sich lustig über Germain. aber allmählich verändern sich auch die beziehungen zu dem sozialen netz, in dem Germain lebt, seine kneipengruppe, seine geliebte Annette, die ihm ganz am ende eröffnet, von ihm schwanger zu sein, und sogar das verhältnis zur mutter wird posthum gewandelt.

in summa kommt der roman also schlicht daher und unterliegt vordergründig dem verdacht, klischeehaft oder gar kitschig zu sein. aber getreu der erkenntnis von Germain, Wörter sind wie Schachteln, in die man seine Gedanken einsortiert, um sie den anderen besser präsentieren und verkaufen zu können. (21) - darf man das prinzip auch auf den roman anwenden.

hinter der fassade schlummert eine art rezept. menschen können sich ändern, wenn die resonanz gleicher interessen eintritt, wenn respektvoll und tolerant, gepaart mit empathie, gesprochen und gehandelt wird, wenn neugier auf neues entsteht, wenn beispiele den horizont erweitern und wenn raum und zeit gelassen wird, wenn anerkennung und lob den erfolg zum selber(er)finden versüßen. denn wir alle sind wesen, die von der anerkennung in der gruppe, in der sie leben, zehren.

uns fiel das symbol des wollknäuels als potenzial ein. wo potenzial ist, da kann etwas ab-/entwickelt werden. der berufsstand der lehrerschaft ist für unsere gesellschaft solch ein unverzichtbarer umsetzer dieser erkenntnisse. die autorin Marie-Sabine Roger konnte ihren berufstand der grundschullehrerin nicht verleugnen.

© 18.07.2018 brmu

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Wolfs fiktion

in ihrer erzählung „Kein Ort. Nirgends“, die 1979 zeitgleich in der BRD und der DDR erschienen ist, schildert Christa Wolf den verlauf eines nachmittags im Juni 1804 in Winkel am Rhein (unweit von Mainz und Wiesbaden).

bei tee und unterhaltung und einem abschließenden spaziergang trifft sich im hause eines kaufmanns ein illustres personal, das historisch verbürgt ist (z. b. Clemens Brentano, Bettina von Arnim, Karl Friedrich von Savigny).

vor allem das fiktive aufeinandertreffen zweier dichterpersönlichkeiten der romantik wird vorzugsweise behandelt: Karoline von Günderrode (1780-1806) und Heinrich von Kleist (1777-1811). beide starben jung von eigener hand, weil sie glaubten, sich in ihrer zeit nicht verwirklichen zu können.

ihre allmähliche annäherung in der erzählung und oft intuitiv einhellige bzw. gegenseitig erhellende unterhaltung, die schließlich den eindruck erweckt, als hätten sich hier zwei kongeniale seelenverwandte begegnen (und lieben?!) können, stehen im zentrum der vielschichtig erzählten geschichte.

Christa Wolf, als die schwebend präsente erzählerin, nennt sie eine „erwünschte Legende“ (9).

© 16.01.2018 brmu
Christa Wolf, Kein Ort. Nirgends, Suhrkamp TB 2007
[artikel nach der leicht geänderten und ergänzten notiz von Gerhard Schutte, der am 18.6.2018 den Brühler Lesekreis bei Brockmann moderiert hatte.]

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Suter wendet Blanks blatt

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Als ich in deinem Alter war, wachte ich eines Morgens auf und hatte das Gefühl, mein Leben sei ein einziger riesiger Fehler. … Ich wußte: Alles, was du bisher gemacht hast, hast du falsch gemacht. (30) das meint kollege von Berg zu Urs Blank, beide partner in einer fiktiven wirtschaftskanzlei. überhaupt ist alles fiktiv in dem roman von Martin Suter, betitelt „Die dunkle Seite des Mondes“ – und doch ist alles so beunruhigend real, wenn auch ein wenig anders.

dieser Urs Blank macht eine erschreckende spätentwicklung durch. als kind vom vater geprügelt, in der schule gemobbt, erkämpft er sich mit eiserner disziplin einen beruflichen erfolg als wirtschaftsanwalt und lebt in wohl etablierten verhältnissen, ein schwarzer Jaguar als dessen symbol. der zwielichtige investor Pius Ott denkt über Blank zunächst: Der Mann gefiel ihm. … bei keinem hatte er diesen Killerinstinkt entdeckt, den er bei Blank vermutete. (43) wohl gemerkt: killerinstinkt als anwalt. das sollte sich ändern.

das harte berufsleben aber hinterlässt verdeckte wunden. auktorial kommt der fingerzeig: Aber etwas stimmte wohl nicht in seinem Leben … (7). Und seine geliebte Lucille meint zu ihrer freundin: Er lebt in einer anderen Welt und interessiert sich für die, in der ich lebe. (39) dieses interesse wird letztlich sein verhängnis.

wir erfahren wieder auktorial: Die Veränderung, die Lucille in Urs Blanks Leben brachte, war so tiefgreifend, … Er stand im Begriff, ein anderer Mensch zu werden, und war gespannt, wie sich dieser andere Urs Blank … bewähren würde. (49) wir leser/innen denken nun, er mäßige sich im job und wende sich mehr dem menschlichen zu. doch die einführung in die welt der Lucille mittels eines pilzdrogenrituales legt in der psyche von Blank dermaßen radikal verborgenes frei, dass wir ihn als leser/innen nicht wiedererkennen: er mordet spontan ohne jedes gewissen.

Suter hilft uns zu verstehen, was mit Blank los ist: Was ihn beunruhigte, war weniger, daß er die Kontrolle über das längst domestizierte Tier in ihm zu verlieren schien, als die Tatsache, daß es ihm egal war … weil nichts und niemand wirklich existierte. Daß das Unsinn war, war ihm klar. Aber der Unsinn hatte sich tief in seinem Unterbewußtsein festgesetzt. (91)

und auch Lucille prognostiziert ihm ein Tripp verändert dich nicht. Er holt nur Dinge raus, die immer in dir drin waren. (103) Blank sucht darauf hin hilfe bei seinem freund Wenger, der beruflich phsychologe ist. Ich habe die Kontrolle über mich verloren. Es gibt keine Hemmschwelle mehr. (107) Wengers rat: wiederhole den pilztripp mit der richtigen dosis.

der zweite tripp misslingt. Blank konstatiert Wenger gegenüber: Mein Gewissen ist wieder erwacht, nur am Timing muß ich noch arbeiten. (123) Ich habe … ein schlechtes Gewissen wegen Dingen, die ich vor dem Trip tat, der mich jetzt noch schlimmere Dinge tun lässt. … Neu ist nur, daß ich mich schlecht dabei fühle. (128) und Wenger muss sich eingestehen: Wir haben es nicht geschafft, das Böse in das Gute zu verwandeln. (128)

Urs Blank verschwindet von der bildfläche, täuscht einen selbstmord vor und versteckt sich im wald. Im Wald war er weder gut noch böse, wie jede Kreatur. (157) der wald war seine Intimspäre (160). Suter führt den wald also als metapher für die wandlungsarbeit des Urs Blank an. Urs Blank und der Wald. Was langsam ein und dasselbe wurde. (186) Mit jedem Tag, den er im Wald verbrachte, wuchs in ihm wieder die Gewissheit, daß nichts zählte außer ihm selbst. (209) unsere hoffnung als leserschaft, Blank möge zu einem zivilisierten wesen zurückfinden, schwindet dahin.

was Blank seinem schulfreund Wenger gleich zu beginn des romans vorwarf, Ihr Psychiater helft den Menschen nicht, sich zu verändern. Ihr helft ihnen, sich damit abzufinden, daß sie gleich bleiben. (20) wird nun auch auktorial mit bezug auf den wald als wandlungsmedium wiederholt und damit zur kritik: Der Wald konnte ihn nicht wieder zu dem machen, der er früher war. Er konnte ihm nur helfen, den, der er geworden war, zu ertragen.(225)

nun keimt die spannung auf, wie das wohl enden wird. ein dritter pilztripp wird von Urs Blank durchgeführt, nachdem er auf der Suche nach The Dark Side oft the Moon (304) per zufall den vom autor erfundenen Bläuling findet. wieder laufen die gleichen machtbesessenen waldszenen im kopf des vollgedröhnten Blank ab. Blank löste den Wald in seinen Grundfarben auf und mischte sie neu. … Eine Wald aus Menschen. … Freunde, Feinde, Geliebte, Verflossene, alle, die in seinem Leben etwas bedeutet hatten, und alle, die ihm gleichgültig geblieben oder geworden waren, ließ er antanzen. Wenn die ernste Tanne Wenger nicht gewesen wäre – er hätte sie alle ausgelöscht. Aber die Tanne sagte: „Du kannst den Kurs bestimmen.“ (308)

das ist die wendung (Peripetie), der in einer novelle eine große bedeutung beigemessen wird. Goethe spricht von einer „unerhörten Begebenheit“. diese teilreparatur seiner psyche hindert Blank dann im zweikampf mit dem ihm auflauernden Pius Ott, ihn zu erstechen. Aber etwas hinderte ihn daran zuzustoßen. Blank schüttelte den Kopf und lächelte. (314) der durch freilegung seiner dunklen seite so brutal gewordene spontanmörder Blank hält inne und landet irgendwo zwischen gut und böse. er lässt sich lächelnd von Ott erschießen. Blank fühlte sich gut. Auch noch, als ihn der Schuß traf. (314).

auf der vorletzten seite des romans – oder ist es nicht eher doch eine novelle? – wendet sich das blatt und der autor Martin Suter lässt alles für uns leser/innen offen. warum hat sich Blank erschießen lassen? war es ein souveräner untergang? eine art selbstmord aus verzweiflung? ein racheakt gegenüber Ott, der von der polizei gestellt wurde? eine wiedergutmachung gegenüber seinen mordopfern?

hier beginnen die psychologischen und philosophischen gedankenspiele vor dem hintergrund einer gesellschaftkritischen anspielung auf unsere art zu leben. der text entfaltet seine volle wirkung, der autor tritt nun in den hintergrund, er bleibt der begabte lieferant eines katalysators für die reflektion des eigenen lebens in einer geldbestimmten gesellschaft.

wie viel von „Der dunklen Seite des Mondes“ haben wir in uns? der titel ist als anspielung auf die psychologische verfassung von Urs Blank von einem song der gruppe Pink Floyd entlehnt. der song hat diesen von mir übersetzten text und mag auch als interpretationshilfe dienen:

hirndefekt

das verrückte liegt im kiffen
das verrückte liegt im kiffen
erinnert an spiel und Tausendschön und lach‘n
halte bloß die irren auf dem weg
die verrücktheit ist innen drin
die verrückten innen in mir
die zeitung liegt noch gefaltet auf dem boden
und tag für tag bringt der zeitungsjunge mehr

und falls der damm zerbricht viele jahre zu früh
und falls kein raum wäre auf dem hügel
und falls dein kopf zerplatzt voll dunkler ahnung auch
sind wir auf der dunklen mondrückseite

der irrsinn ist in meinem kopf
der irrsinn ist in meinem kopf
du machst jetzt ernst, du änderst ab
mich krempelst du um bis ich bin heil
verschließt die tür und wirfst den schlüssel weg
einer mir im kopf ist, das bin ich nicht

und wenn der wolkenbruch donnert in dei’m ohr
du schreist und niemand scheinbar hört
und wenn die band in der du bist ganz anders spielt
sind wir auf der dunklen mondrückseite

Martin Suters protagonist Urs Blank hat lächelnd den mond umkreist und fühlte sich gut (314) dabei, ein hauch von existenzialistischer selbstbestimmung.

© 15.05.2018 brmu
zitate im schrägdruck, seitenzahlen in klammern aus: Martin Suter, Die dunkle Seite des Mondes, Diogenes Verlag. TB 2001
song von Pink Floyd, album The Dark Side oft he Moon, 1973, song Brain Damage

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McCullers auf herzenjagd

man nimmt den alten roman „Das Herz ist ein einsamer Jäger1 von Carson McCullers in die hand, fragt sich, warum wieder so viele seiten beschrieben wurden, und ist skeptisch. dann kommt die lesearbeit, dann keimt die neugier, dann dämmert die erkenntnis, dass hier viele lebensmuster miteinander verflochten beschrieben werden, trotz vergangener zeiten. der roman spielt in der zeit um 1938/1939 in Georgia, USA, und kommt sehr gesellschaftskritisch daher. er bietet die aspekte einer novelle ebenso wie die eines romans

John Singer ist sehr eng befreundet mit Spiros Antonapoulos in einer namenlosen kleinstadt. beide sind taubstumm, wie das damals hieß. Singer arbeitet als silbergraveur und Antonapoulos ist helfer im laden seines vetters. viele jahre geht das seinen gang, bis sich die psyche von Antonapoulos gravierend verändert und er letztlich in der irrenanstalt landet. Singer besucht ihn nach möglichkeit, bis er eines tages in der anstalt vom tod seines freundes informiert wird. die welt bricht für ihn zusammen und er erschießt sich.

es gibt ein weiteres pärchen, das sich im roman kurzzeitig findet. Mick Kelly, kurz vor ihrem dreizehnten lebensjahr und Harry Minowitz, nachbarsjunge, gehen gemeinsam baden und es kommt zum einvernehmlichen sex. Sie wandten sich beide gleichzeitig einander zu. Sie lagen dicht aneinander gepresst. … Und dann geschah es. So also war das. (241) Harry hat schwere gewissensbisse. Es ist meine Schuld. Unzucht ist eine schreckliche Sünde. (242) er verlässt fluchtartig die stadt ohne seinen eltern bescheid zu geben.

Mick ist danach völlig verändert. Nun war sie erwachsen – ob sie wollte oder nicht. (243) sie hatte sich bislang oft in ihrer inneren welt der musik aufgehalten. Schule und Familie und alles, was so täglich passierte, gehörte zur Außenwelt. Mister Singer war in beiden Welten. Fremde Länder, Pläne und Musik waren in der inneren Welt. Auch die Lieder, die sie im Kopf hatte, gehörten dorthin. … Die innere Welt war etwas ganz Privates. (143)

nun obsiegt die äußere welt: sie verlässt die schule, geht arbeiten, um die finanzielle situation der familie Kelly aufzubessern. alle illusionen brechen zusammen. Wozu das alles? Das hätte sie gern gewußt. … Wozu all die Pläne, und wozu die Musik? Wenn dabei nichts weiter herauskam als diese Falle: ins Geschäft, nach Hause zum Schlafen, dann wieder ins Geschäft. (307) die sie beflügelnde innere welt verflüchtigt sich. Sie wäre so gerne in die innere Welt gegangen, aber sie wußte nicht wie. Es war, als wäre die innere Welt irgendwie für sie verriegelt. Sehr schwer zu verstehen war das. (310)

verzweifelt redet sie sich einen sinn des ganzen ein: Das alles mußte doch für irgendetwas dagewesen sein, wenn es einen Sinn haben sollte. Und den mußte und mußte und mußte es haben. Ja, es hatte einen Sinn. Na also! O.K. Einen Sinn. (310) Das sind existenzialistische fragen, die später Albert Camus in seinem werk aufgreift und unter dem schlagwort „Absurdität“ subsummiert.

das dritte pärchen findet sich zeitweilig unter ihrem kodewort „Wissende“ zusammen. der"Neger" Dr. Benedict Mady Copeland und der weiße arbeiter Jake Blount. Dr. Copeland ist arzt und intellektueller. er wird von seiner tochter Portia gescholten: Die ganze Zeit brauchst du dieses Wort >Neger<. … Das ist so ein Wort, das die Leute verletzt. Sogar das alte einfache >Nigger< ist besser als dieses Wort. Aber höfliche Leute … sagen immer >Farbige<. (70)

Jake Blount meint zu Singer als vermeintlich ebenfalls Wissendem im Café New York: Wissende und Unwissende gibt es, und auf tausend Unwissende kommt bloß ein Wissender. Das eben ist das ewige Wunder: daß alle die Millionen so vieles wissen, nur dieses eine nicht. … Der Unterschied ist bloß der: man muß begabt sein, um sich die Erde rund vorzustellen. Meine Wahrheit ist aber so naheliegend, daß es geradezu ein Weltwunder ist, daß die Leute sie nicht erkennen. … Ich bin ein Wissender. Ich bin ein Fremdling in einem fremden Land. (23) und weiter: Sieh mal, wenn zwei Wissende wie wir aufeinander stoßen, das ist ein Ereignis. Das kommt so gut wie niemals vor. Manchmal begegnen wir einander, aber keiner ahnt, daß der andere ein Wissender ist. … Aber weißt du, von unserer Sorte gibt’s so wenig. (23)

und was wissen sie? sie sind von den herrschenden verhältnissen in ihrem land massiv angeekelt. … die Hunde, denen die Fabriken gehören, sind Millionäre … (63) … worauf ich hinaus will, ist folgendes: wenn einer weiß und wenn er’s den anderen nicht begreiflich machen kann – was soll er dann machen? … Wohin man sieht – nichts wie Gemeinheit und Korruption. … Für jeden Bissen, den wir essen, für jeden Faden ,den wir am Leibe haben, schindet sich einer bis aufs Blut – und alle tun so, als wüßten sie’s nicht. Alle sind sie blind, taub und vernagelt – dumm und gemein. (63)

beide träumen von rebellion und hängen dem gedankengebäude von Karl Marx an. in ausführlichen (selbst)reden werden ihre positionen dargelegt. Jake formuliert das so: Aber nehmen wir mal an, einer ist ein Wissender. Dann sieht er die Welt wie sie ist. Er sieht, wie Kapital und Macht langsam eins werden und heute auf ihrem Höhepunkt sind. … aber die Unwissenden haben solange in der Lüge gelebt, daß sie einfach nicht mehr sehen. (132) und er folgert: Aber sieh mal, das ist doch so: wir können’s doch nicht einfach dabei lassen, daß wir Wissende sind; handeln müssen wir. (136) Und wenn genügend Unwissende diese Wahrheit begriffen haben, dann braucht’s keinen Kampf mehr. Wir haben nichts weiter zu tun, als es ihnen beizubringen. Weiter nichts. (139) er meint, die innere revolte als lernprozess nach außen tragen. dabei gerät Jake in eine schlägerei und ist gezwungen, die stadt möglichst unerkannt zu verlassen. Aber was war das nun – Flucht oder Vormarsch? Nun, jedenfalls ging er. Alles mußte noch einmal von vorne anfangen. (307)

Dr. Copeland ist radikaler, er stimmt Jake Blount nur bedingt zu. auf einem weihnachtsfest referiert er: Karl Marx war ein kluger Mann. … Jeder Reiche lässt ein paar tausend Arme für sich arbeiten, damit er noch reicher wird. Karl Marx teilte die Menschen nicht ein in Neger und Weiß oder Chinesen, denn ob ein Mensch zu den Millionen Armen oder aber zu den wenigen Reichen gehört, war für ihn wichtiger als die Farbe seiner Haut. Karl Marx verkündete in der großen Botschaft seines Lebens die Gleichheit aller Menschen und forderte, daß der Reichtum der Welt so verteilt werde, daß es nicht mehr Arme und Reiche gebe, sondern daß jeder einzelne seinen Anteil erhält. … Jeder nach seinen Fähigkeiten und jedem nach seinen Bedürfnissen. (164/165) und er schließt seine rede mit den worten: Wir haben die Aufgabe, die Zeit unserer Demütigung mit Kraft und Würde zu überstehen. Wir können nicht stolz genug sein, denn wir wissen, wie kostbar der Geist und die Seele des Menschen sind.  (170) die geschichte hat ihm recht gegeben.

zurück bleibt der durch den tod seiner frau Alice zum single gewordene besitzer des „Cafés New York“, Bartholomeus („Biff“) Brannon. in der kleinen welt seines lokals hatten sich die protagonisten oft getroffen und so kennen gelernt. er bleibt unverändert und sieht der zukunft stoisch entgegen.

wonach jagen nun die herzen dieser protagonisten? nach denen der anderen und verpassen sie. das wird am beispiel des John Singer drastisch deutlich. obwohl er taubstumm ist, also nicht hören kann und auch nicht spricht, treffen sich die leute bei ihm in der wohnung oder sprechen ihn an auf seinen spaziergängen im stadtviertel. Singer erzählte ihm [Antonapoulos in der anstalt] … von den Leuten, die ihn zu besuchen pflegten. Er sagte …, sie trügen dazu bei, ihn von seiner Einsamkeit abzulenken. Merkwürdige Menschen seien es, … immerfort redeten sie – aber er freue sich, wenn sie kämen. (83)

da er immer freundlich ist und nicht widerspricht, wird Singer zur projektionsfläche ihrer sorgen und nöte wie am ende einer einbahnstraße. wie es Singer geht, interessiert sie nicht. erst als er sich das leben nimmt, geht eine schockwelle durch das viertel. Biff grübelt in seinem lokal: Das Rätsel. Die Frage, die sich in ihm festgesetzt hatte und die ihm keine Ruhe ließ. Das Rätsel um Singer und um die anderen. (314) doch das hält nicht lange an. Während er zur Tür ging, fühlte er sich sicherer. … war er wieder so weit, daß er nüchtern und gelassen dem neuen Tag entgegensah. (315) man geht zur tagesordnung über: such is life.

© 24.04.2018 brmu
1 Carson McCullers, The Heart Is a Lonely Hunter, erschienen: 1940
zitate und seitenzahlen aus: Carson McCullers, Das Herz ist ein einsamer Jäger, Diogenes 1963

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Scheuer und Peehs Liebe

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© 20.03.2018 brmu: Grafik der Erzählebenen

Norbert Scheuer verlässt Kall in der Eifel – in seinem roman „Peehs Liebe“, zumindest zeitweise und mit hilfe der fantasie des protagonisten Rosarius.

der ist ein stark pflegebedürftiger mann im altersheim von 74 jahren. er redet ständig vor sich hin. „Manchmal konnte der alte Mann die ganze Nacht nicht schlafen, erzähle und erzähle, als bestünde die Welt aus ruhiger, fließender Erinnerung.“ (76) das ständige memorierende reden hat Rosarius wohl von seiner mutter Kathy übernommen, denn die meinte: „Vielleicht hat das Leben nur den Sinn, dass man am Ende jemandem eine Geschichte erzählt.“ (25)

das nervt seine umgebung im altenheim, bis die pflegerin Annie sich seiner mit verständnis und einfühlungsvermögen annimmt. sie beginnt, seinen erzählstrom zu notieren, weil sie „glaubte, Rosarius zu verstehen und einen Sinn in seinen eigentümlichen Leben zu finden, wo es doch eigentlich für nichts auf der Welt einen ursprünglichen Sinn gibt.“ (39) und: „Annie wusste nicht, warum sie diese Dinge aufschrieb, aber allmählich entstand daraus wie von selbst so etwas wie eine Geschichte, …“ (50)

was wir also in Norbert Scheuers roman „Peehs Liebe“ über das leben des Rosarius in all seinen verästelungen in und um Kall herum erfahren, entstammt dieser kompilationsarbeit. Rosarius als vermeintlicher „ich-erzähler“ liefert das rohmaterial mit seinem gebrabbel, Annie hört sich ein und formt die story im auftrag des auktorialen erzählers.

und der liefert den grund aus ihrem munde: „Vielleicht sterben wir gar nicht und leben in Geschichten weiter, …“ (81) damit bekundet uns der autor Norbert Scheuer das generalthema aller literatur: unsterblichkeit nicht in büchern begraben, sondern in der lebendigen rezeption der leserschaft.

um das robust zu bekräftigen, montiert der autor noch eine weitere ebene ein. er bedient sich der intertextualität mit Hölderlin’s Hyperion aus dem jahren 1797 und 1799. einer nebenfigur und liebhaber der mutter (34), Vincentini, hat das buch im krieg das leben gerettet durch abfangen der kugel. er zitiert ständig daraus ins ohr des mit Aphasie (61) geschlagenen jungen Rosarius, der wiederum eine unerkannte inselbegabung eines unlöschbaren gedächtnisses hatte. „Vielleicht vergaß ich nichts, weil ich mit niemandem reden konnte, vielleicht sprechen die Menschen nur miteinander, um Dinge endlich zu vergessen.“ (54)

darauf basiert die ganze erinnerungsarbeit. alles, was sich im roman auf den verschiedenen erzählebenen abspielt ist ein spiel der erinnerungen von Rosarius, um die gescheiterte liebe zu Petra, genannt Peeh, vergessen zu können. insofern ist der titel des romans irreführend. es handelt sich nicht um Peehs liebe, sondern um die liebe von Rosarius zu seiner Peeh-Petra!

Fiktionen verwoben mit zitaten, zitate verwoben mit erinnerungsinseln. „Rosarius sprach leise von seiner Liebe zu Peeh. … Peeh, murmelte Rosarius, warum erzähle ich dir und wieder mein Leiden und rege die ruhelose Jugend wieder auf in mir? Warum bleib ich im Frieden meines Geistes nicht stille?“ (23) Wer findet die stelle im Hyperion?

und auktorial blitzt es durch mit eingestreuten reflexionen wie diese: „… vielleicht war dies die verschlüsselte Summe seines Lebens, was zuletzt übrig blieb, ein Gespinst aus Erinnerungen, Bildern, Gefühlen und Dingen, die in keinem Buch der Welt zu finden sind.“ (42) also weder in Scheuers romanen noch im Hyperion.

man kann zu dem schluss kommen, dass Scheuers roman eine warmherzige illustration dafür ist, wie menschen schlussendlich um das narrativ ihres lebens ringen. denn Rosarius glaubt, „bestimmte Dinge kann man niemandem sagen, noch nicht einmal sich selbst.“ (68)

© 20.03.2018 brmu
anbei ein autorengespräch mit Norbert Scheuer über seinen Roman "Peehs Liebe" im Domradio.

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Mosebachs "phantasterei"

diesmal stand ein literat der alten schule auf der agenda: Martin Mosebach mit seinem roman "Mogador". der hauptprotagonist des romans, ein promovierter literaturwissenschaftler namens Dr. Patrick Elff, tut einen tiefen fall: er wird via consultant ein banker und schlittert in seinem job in ungesetzliche zonen ab.

das rächt sich und er meint spontan, während einer befragung als zeuge aus dem kommissariat fliehen zu müssen: aus dem fenster nach Marokko, wo sein vermeintlicher retter Pereira lebt. dem hatte er einmal beim transfer von millionen summen einen illegalen dienst erwiesen. diese zwielichtige gestalt ist Elffs große hoffnung auf ein gelingendes untertauchen in Mogador.

neben der veralteten orthografie im roman auch hier die alte benennung einer stadt, die heute Essaouria heißt. dort wartet der gescheiterte banker, versetzt in alte zeiten, auf seine chance eines treffens mit Pereira.

diese zeit nutz der autor und fordert unsere ein. wir verlassen den krimi und tauchen ein in eine fantastische erzählung um die zweite protagonistin, Khadija. ihre märchenhafte welt des alten Magador wird uns ausgiebig in aller sprachlichen virtuosität, in erzählerischer wucht und sprachgewaltiger ziselierung, ergo in geradezu ausschweifender, orientalischer erzählmanier näher gebracht, gemäß dem auktorial früh angekündigten motto: Was gestern war, das hätte der junge Mann jetzt durchaus erzählen können, aber wie einem Roman, mit Wirklichkeiten gemischt und doch selbst ihm im Ganzen unwahrscheinlich. (18)

nicht jedem konveniert diese mischung. man muss geduld ansammeln und in seine lesekapsel (Hanns-Josef Ortheil) flüchten, um alle sprachlichen windungen der erzählung über Khadija in der an sich recht ereignislosen rahmen-krimi-erzählungen zu genießen. adverbien und adjektive in den wortbildern werden dominant und lassen mit hilfe der fantasie der lesenden ein üppiges bild entstehen.

erzählen, um des erzählens willen. die alte kultur des geschichtenerzählens scheint auf. wer allerdings diese geduld und/oder fantasie nicht (mehr) hat, wer also den sachlich-zielorientierten neueren literaturen der subjekt-prädikat-objekt-sätze anhängt, der legt das buch schnell weg.

da es keine klassische krimi-lösung gibt, kann man auf der suche nach der botschaft des romans nur noch summieren: flucht vor der eigenen unzulänglichkeit nützt nichts. in dieser situation des protagonisten Patrick Elff passiert ihm die umwertung aller werte.

die ethik zerfällt: Was, wenn er umsonst davon gelaufen wäre? Von Schuldbewusstsein überwältigt, obwohl eine so übermäßige Schuld gar nicht vorlag? … War das Stehlen wirklich so schlimm? (339) und etwas später die relativierung pur: Etwas Böses erhielt durch das Hinzutreten eines noch viel Böseren einen anderen Platz. Er fühlte sich auf einmal allen Fatalitäten eines Betrugs- oder Veruntreuungsprozesses gewachsen, … (341)

nach über 300 seiten üppiger schreibkunst erfolgt nicht die (erhoffte) katharsis des Patrick Elff. das scheint eine gewollte, harte spiegelung unserer zeit in der rahmenhandlung. und die bordellbesitzerin Kadhija in dem zentralen „märchen“ steht auch vor einem trümmerhaufen. die polizei stellt ihr etablissement auf den kopf und die ausbalancierte partronage des geben und nehmens ist in gefahr. Wer sich in der Einschätzung seiner Umstände sicher glaubt, muß oft erfahren, wie wenig vonnöten ist, um alles umzuwerfen, was er für wahrscheinlich und möglich hielt. (333) sie wird von ihrem dämon aus kindertagen umarmt.

alle erzählstränge, auch die der nebenfiguren, bleiben offen. ergo: außer schöner sprache nichts gewesen, keine klärung der kriminellen handlungen. was bleibt als orientierung?

der autor ist offenbar ein wortverliebter „phantast“, den die krude sache wenig interessiert, nur vehikel ist, seine sprachgirlanden aufhängen zu können. von uns leserinnen und lesern wird ein hohes maß an lesekompetenz in sprachlich abgehobenen regionen eingefordert.

Khadija fühlt nach der polizeiaktion einen unerträglichen werdenden Schmerz. Wenn auf der erkalteten Erde ein letzer Mensch lebt, wird sein Schmerz das einzige im Weltraum sein, was noch eine Bedeutung hat. (364) möge es kein leseschmerz sein.

© 21.02.2018 brmu

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Rothmann lässt sterben

dies buch hat emotional heftig zugegriffen. die rede ist von Ralf Rothmann und seinem schocker „Im Frühling sterben“. je nach eigener emotionaler resonanz zu den diversen szenen in dem roman reichten die reaktionen von „jetzt sei es aber genug!“ bis „davon brauche man in unserer zeit noch mehr mahnendes“.

die rahmengeschichte schickt einen vornamenlosen schriftsteller, sohn des vaters Walter Urban, auf die vergebliche suche nach dem grab seiner eltern. machen einstieg und abschluss nachdenklich, so will man das buch im hauptteil oftmals irritiert zur seite legen, die beschriebenen kriegsgreuel an den zivilisten sind jenseits der vorstellungskraft eines normalen menschen.

es wird die zwangsrekrutierung der beiden freunde Walter Urban (Ata genannt) und Friedrich Caroli (Fiete genannt) in die waffen-ss beschrieben. dann trennen sich die wege der beiden: Fiete an die front, Walter in eine transporteinheit, doch beide finden - höhepunkt der dramatik - wieder zusammen. allerdings anders, als man es sich wünschen würde: in einem ethischen dilemma.

Fiete hatte nach einer verwundung erhebliche Zweifel: Mann, was hab ich hier eigentlich verloren. ... Ich habe keine Feinde, jedenfalls keine, die ich umbringen möchte. Das ist der Krieg von Zynikern, die an gar nichts glauben, außer an das Recht des Stärkeren. (160). Er will desertieren, wird gefasst und inhaftiert. Walter kommt derweil von der vergeblichen suche nach dem grab seines vaters, Alfred Urban, der im selben frontabschnitt gefallen sein soll, und findet sich in der gruppe wieder, die Fiete auf befehl füsilieren soll.

verweigert einer von ihnen den erschießungsbefehl, müssen alle dafür büßen. damit ist der individuelle aspekt der revolte gekappt, denn der verweigerer würde noch zusätzlich schuldig am sicheren tod der kameraden. Walter kämpft beim sturmbannführer verzweifelt mit worten um seinen freund, bietet sich sogar als austausch für den strafeinsatz an der front an.

in dieser situation entspinnt sich ein überaus befremdender disput über den gebrauch des genitivs seitens des offenbar als gebildet charakterisierten unbeugsamen befehlshabers Domberg. Er macht etwas mit uns, dieser Genitiv. Er verändert die Haltung. … Der verfeinert unsere Seelen, junger Mann, und lehrt uns, was geistiger Adel bedeutet. Der Vorsatz, nichts schleifen zu lassen und nicht immer nur den leichtesten Weg zu gehen, das ist der Genitiv! Kapiert? (151) worthülsen sind beliebig füllbar.

unwillkürlich kriecht der gedanke ins bewusstsein, dass bildung ohne ethische aufbereitung völlig versagt, ist erst einmal eine gesellschaft in einer derartig geschichtlichen verluderung angekommen. da schrillt ein eitles grundmuster, unabhängig von den politischen ummantelungen. Goethe als bildungsideal hat das kz Buchenwald nicht verhindern können.

in einem letzten gespräch mit Fiete spendet dieser Walter quasi die absolution. als Walter fragt: … was ist mit dem, der schießen muss? Was vererbt der? (162) antwortet Fiete: Wahrscheinlich eine große Traurigkeit… (163). Hierin mag das tiefe ver/schweigen im ersten satz des romans begründet liegen. Fiete wird füsiliert, Walter ist in der gruppe der erschießenden.

und noch ein typisches verhaltensmuster wird uns beigebracht: nach dem großen trauma des krieges stürzt man sich lieber in den wiederaufbau des zerstörten. wo alles kaputt ist, da kann man sich bewusstlos arbeiten, muss nicht über sich und sein verhalten nachdenken. Jede Knochenarbeit ist besser als Krieg, oder? Was immer du erlebt hast, es reicht für den Rest deiner Zeit, wirst sehen. (203) sagt der väterliche Thamling zu Walter nach dessen rückkehr aus dem krieg.

auf hinweis von Thamling heiraten Walter und Elisabeth, um einen hof übernehmen zu können, eine zweckehe par excelence. das wirtschaftswunder in der jungen Bundesrepublik Deutschland war von dieser art. und dabei entspinnt sich ein anderer krieg auf dem feld der wirtschaft: Keine Milch ohne Krieg, wird es bald heißen. Jeder Hof geht dem anderen an die Gurgel, und am Ende bleiben nur Fabriken übrig. (206) exakte prophezeihung aus wissender position des autors.

und die vom letzten weltkrieg gezeichneten, betroffenen täter und opfer, schwiegen, so wie es schon der eingangssatz als über allem stehendes motto formuliert: Das Schweigen, das tiefe Verschweigen, besonders wenn es Tote meint, ist letztlich ein Vakuum, das das Leben irgendwann von selbst mit Wahrheit füllt. (7) der ganze roman ist eine einzige wahrheitssuche über drei generationen hinweg.

und ganz am ende steht ein stilles Verwehen, … jetzt noch einmal stiller. (234) der autor hütet sich, wahrheiten vorzugeben, er zwingt uns, selber zu reflektieren und unsere wahrheit zu finden, auch wenn der katalysierende stoff aus dem frühjahr 1945 stammt, also für viele schon nur noch geschichte geworden ist. die verhaltensmuster sind so aktuell, wie eh und je. Walter bekennt: Davonkommen wollte ich, …, Einfach nur durchstehen, den Wahnsinn. (222) und für das aufbegehren (desertation) von Fiete findet der gutsverwalter Thamling die worte: der hatte schon immer Flausen im Kopf. Aber was nützt alle Klugheit, wenn man nicht weise ist?“ (202) er meint: ducken, anpassen, durchkommen.

dabei ist Fiete der einzige protagonist in dem roman, der uns die hoffnung auf eine konsequente, innere haltung darlegt, die sich den brutalitäten widersetzt, ganz im sinne der revolte gegen ein menschenverachtendes regime. seine klugheit aus ethischem grunde wäre der weisheit aus opportunismus vorzuziehen.

doch schauen wir uns um, die welt ist voller wahnsinn, ethik ist ein fremdwort. und wir alle wollen doch nur davonkommen. die andere wange hinzuhalten ist nur den wenigsten gegeben.

© 16.01.2018 brmu

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Ishiguro lässt 'was übrig

spieglein, spieglein an der wand
wer ist der größte im ganzen land?

in dem roman von Kazuo Ishiguro: Was vom Tage übrig blieb, ist die rede von einem mann ohne vornamen, Mr. Stevens, seines zeichens „Butler“ eines Lords in Darlington Hall im England der ersten hälfte des letzten jahrhunderts. heute würde man wohl von einem personalmanager reden. Stevens will perfekt sein und offenbar seinen dienenden beruf zur elitären berufung wandeln. er strebt unter konsequenter hintanstellung aller privaten bedürfnisse nach der höchstmöglichen vollendung in seiner funktion - und verpasst dabei sein eigentliches leben.

das zieht ganz verhaltene, dramatische spuren im text. die ihm unterstellte haushälterin, Mrs. Kenton, nähert sich ihm auf menschliche weise, in dem sie in seinem kargen büro einen blumenstrauß arrangieren will, was befremden bei Stevens auslöst. an anderer stelle steigert sich diese annäherung durch ihr eindringen in sein zimmer, wo sie ihn, einen liebesroman lesend, vorfindet. Mrs. Kenton ist interessiert und windet ihm das buch aus den händen. diese durchbrechung der sozialen distanz hinein in die intime nähe, lässt Stevens erstarren. fortan ist das verhältnis der beiden in eigenartiger weise beschädigt.

es wird immer klarer, dass der autor und nobelpreisträger Kazuo Ishiguro seiner leserschaft ein buch vorlegt, dass es „in sich hat“. denn lösen wir uns aus der betrachtung der protagonisten und kommen zu verhaltensmustern, dann erkennen wir die irreleitungen einer formalisierten und lakonischen sprache ohne die typischen empathiemuster, die zu missverständnissen und isolation führen muss.

eine weitere ebene abstrahiert, darf dieser roman, der auffällig viele kriterien einer novelle aufweist, als ein spiegel einer gesellschaft gelten, deren teile sich in formelhafter sprache zu anderen auf distanz hält, sich im elitengehabe erschöpft. die dieser elite dienenden menschen, gleich welcher funktion, möchten gerne anschließen durch pflichterfüllung um jeden preis. menschliche nähe, empathie und ethik, fallen den vermeintlichen anforderungen an einen „großen“ butler zum opfer.

aber es deuten sich auch tendenzen der reflektion über und aufkeimenden kritik an dieses/diesem prinzip an. Stevens möchte nach gut dreißig jahren seine ehemalige haushälterin wegen personalmangels gerne wieder anheuern. er glaubte, in einem brief von ihr an ihn signale der willigen rückkehr zu lesen. die umstände sind günstig, denn er kann den alten wagen seines neuen chefs auf Darlington Hall, Mr. Faraday, für eine reise benutzen.

diese reise wird eine klassische reise zum wendepunkt des alten denkens. in zunehmendem maße wird Stevens mit der welt außerhalb der „middle class“, in der er sich isoliert aufgehalten hatte, konfrontiert mit direktem, unverblümten denken und sagen. diese neuen eindrücke lösen in ihm vergleichende betrachtungen von erlebnissen aus, die sich nun in wandelndem lichte darstellen.

am abend des dritten reisetages wird ihm einiges klar: Aber hinterher ist man immer klüger, und wenn man, mit solchem Nachwissen begabt, seine Vergangenheit nach derartigen „Wendepunkten“ abzusuchen beginnt, kann es einem wohl geschehen, dass man überall welche erblickt. (208) Stevens weltbild gerät in bewegung. er findet einige solcher wendepunkte in dem seinerseits so unterkühltem verhältnis zu Mrs. Kenton. das reflektieren der eigenen lebenssituation begann mit der fahrt zu ihr.

wir erleben also eine klassische hinführung auf einen novellistischen, dramatischen höhepunkt – der leider nur sehr verhalten eintritt. doch Stevens kann nicht mehr aus seiner haut heraus. im gespräch gesteht ihm Mrs. Kenton: Zum Beispiel denke ich dann an ein Leben, das ich mit Ihnen zusammen vielleicht geführt hätte. (280) dieser mehr als verhaltene moment der erklärung einer über das berufliche maß hinaus gehenden zuneigung, löst in Stevens etwas unerwartetes aus: Wahrhaftig – warum sollte ich es nicht zugeben –, in diesem Augenblick brach mir das Herz. (280) der durchbruch ins herz, ins zentrum seines privaten seins.

denn schon bald jedoch wandte ich mich ihr wieder zu und sagte mit einem Lächeln: „Sie haben vollkommen recht, Mrs. Benn. …“ (280) Stevens selbsterkenntnis währte nur einen funkenschlag lang. dann reagiert die vorherrschende butlernatur und geht auf distanz, in dem nun der korrekte name fällt wie ein fallbeil. diese lang anhaltende episode der möglichkeiten ist für immer beendet.

nach der katharsis folgt nach einem gespäch mit einem ehemaligen einfachen Diener (283) die erkenntnis: Vielleicht hat dann auch sein Rat etwas für sich, dass ich aufhören soll, so viel zurückzuschauen, dass ich eine positivere Einstellung gewinnen und versuchen sollte, aus dem, was vom Tage übrig bleibt, noch das Beste zu machen. (286) Stevens traut sich nicht zu denken: aus dem, was vom >leben< übrig bleibt, noch das beste zu machen. einmal butler, so scheint’s, immer butler, aber in wandlung begriffen. und genau darum verurteilen wir ihn nicht leichtfertig.

lösen wir uns von der handlung und verlegen den plot in unsere lebewelt, so lassen sich mühelos eine reihe von verhaltens- und kommunikationsmustern finden, die sich übertragen lassen. so hält uns Ishiguro einen mehrfachen spiegel vor, vom individuum über den job zur gesellschaft und ihren verkrampfungen. die nobelpreiskommission würdigte den autor als einen, „der in Romanen von starker emotionaler Wirkung den Abgrund in unserer vermeintlichen Verbundenheit mit der Welt aufgedeckt hat“. mit Kazuo Ishiguros roman (oder novelle?) können wir den sprung über diesen abgrund wagen.

spieglein, spieglein an der wand1,
wer ist der größte im ganzen land?
herre Stevens, ihr seid der größte hier,
aber frau Kenton scheint weitaus menschlicher als ihr!

© 12.12.2017 brmu
1 nach Gebrüder Grimm, Die schönsten Kinder- und Hausmärchen, Schneewittchen

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Böll i(r)ländert

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© 11.11.2017 foto brmu: Böll-Info in Köln (Literaturhaus Köln, WDR, Köln)

wer am elften elften in Köln abends unterwegs ist, kann fluchtpläne verstehen. bloß weg aus dieser besoffenenheit, die sich mit karneval kränzt und unrat hinterlässt, flüssig und fest. nichts literarisches weit und breit.

damals, mitte der fünfziger jahre, ist der literat Heinrich Böll von Köln mehrmals nach Irland für einen schreibaufenthalt „geflüchtet“, um dem stress zu entgehen. die früchte dieser schreibklausur wurden peu-à-peu in zeitungen veröffentlicht, bis 1957 alles zusammen ein buch mit dem titel „Irisches Tagebuch“ ergab. vier jahre später dann eröffnete es als erstes die neue dtv-reihe – und siehe, es ward ein großer erfolg.

woran mag das liegen, haben wir uns im Brühler Lesekreis bei Brockmann, siebzig jahre danach, gefragt. es muss doch alles total veraltet und überholt sein, was darin über Irland geschrieben steht. doch schnell kommt man zu der erkenntnis, dass es sich eben nicht um ein reisetagebuch handelt, das getreulich station für station abhakt und beschreibt. in 18 kapiteln ist es eher eine zusammenschau vieler, Böll typisch erscheinender eindrücke aus dem kontakt mit Iren und deren verhalten, kombiniert mit reflektionen über das unsrige.

und das wiederum in teilweise recht poetischer schreibweise, die dennoch den skeptischen, kritischen blick nicht vermissen lässt. das Irische Tagebuch also mag eine art therapeutische übung gewesen sein, sich von den erlebnissen des krieges und der damit etablierten trümmerliteratur zu erholen, den blick zu wenden und in die eigene republik zu schauen, die Böll dann auch harsch und fokussiert ins visier genommen hat. dazu benötigt man abstand, der in Irland gegeben war.

Als ich an Bord des Dampfers ging, sah ich, hörte und roch ich, daß ich eine Grenze überschritten hatte; (9) der in der literaturrezension so oft beschworene „Erste Satz“ entfaltet hier seine volle wirkung. wir leser/-innen wissen nun eingeladen zu werden, ebenfalls unsere grenzen zu überschreiten, die grenzen der wahrnehmung anderer leute in anderen landen. Die Grenzen aller mehr oder weniger exakten Wissenschaft liegen scharf übereinander im Zucken des epileptischen Bettlergesichts: eine zu schmale Basis, als daß ich mich ihr anvertrauen möchte. (25) keine gewissheiten, alles zuckt und ruckt, die typische haltung eines skeptikers, der auch in der vermeintlichen idylle von Achill Iland, einer insel an der insel Irland an der insel Großbritannien, um sich herum den Skeptizismus sah, der in harten und traurigen Augen blühte…Dornen um die Rose herum, Pfeile im Herzen der frommsten Stadt der Welt. (52)

also gingen auch wir skeptisch an die lektüre und wunderten uns, was in so einem „alten“ buch noch heutzutage zutreffend sei. wir lasen von der Zeit, die geduldig über alles hinträufelt: vierundzwanzig große Tropfen Zeit pro Tag: die Säure, die so unmerklich alles zerfrißt wie Resignation … so abstrakt ist also die Wirklichkeit. (37) wieder eine warnung, dass idylle nur eine art der wahrnehmung ist, wir heutigen wissen, eine sich wandelnde wahrnehmung, denn das Irland von 1954 und das von heute unterscheidet sich massiv. den zahn der gewissheit muss man sich ziehen lassen.

und ich bin nun mal dran gewöhnt, jeden Abend irgend jemand einen bestimmten Zahn zu ziehen: ich weiß schon genau, wo er sitzt; ich kenne mich allmählich aus in der politischen Dentologie, und ich mache es gründlich und ohne Betäubungsmittel. (45) was für eine herrliche metapher für das spätere wirken Bölls in seinen gesellschaftspolitischen romanen! hier deutet sich schon seine wille zur skeptischen mahnung an.

Böll, der starke raucher, hat auch die stärke zur selbstkritik: Wunderlich genug, daß noch keine Psychologe … den Nebenzweig der Kippologie  entdeckt hat,… und … da liegen sie also, die nur halb gerauchten, brutal geknickten Zigarettenstummel dessen, der nie Zeit hat und vergebens mit seinen Zigaretten gegen die Zeit um Zeit kämpft – (88) ehrlicher kann man sich Bölls literatenarbeit in Deutschland, von ihm beschrieben, kaum vorstellen. die lösung in dem irischen cottage winkt direkt: Wie gütig ist das Kaminfeuer, das alle Spuren verzehrt; (88) aber eben nur die spuren, der kampf um die zeit wird bleiben.

dann dürfen kompensationen nicht fehlen. Bei uns – so scheint mir – versagen, wenn etwas passiert, Humor und Phantasie; in Irland werden sie gerade dann in Bewegung gesetzt. (114) it could be worse, but I shouldn’t worry – das ist die irische parole, die uns mittelbar empfohlen wird. allerdings hat der damals in Köln lebende Böll das Kölsche Grundgesetz missachtet: §4 et hät noch immer jot jejange, §5 wat fott es, es fott. aber nach §6 können wir das heilen, denn jede jeck es anders! das gilt auch für ihn.

mit der zeit kann man das lernen, und die soll es in Irland zuhauf geben, denn ein irischer spruch besagt: Als Gott die Zeit machte, hat er genug davon gemacht und Böll fügt hinzu: es  …sind die Zeitverschwender die Sparkassen, in denen Gott seine Zeit verbirgt und in Reserve hält, für den Fall, daß plötzlich welche gebraucht wird, … (61) wieder ein kleiner seitenhieb auf die von ihm skeptisch betrachtete frömmelei.

aber auch die lebensphilosophischen blitzlichter kommen nicht zu kurz. Wer Poesie, anstatt sie zu machen, lebt, der zahlt zehntausend Prozent Zinsen. (56) meint wohl, bei der umsetzung von theorie in die praxis wird draufgezahlt. und von dort ist die frage nicht weit: Wie hoch ist der Fahrpreis für diese fünfzig, sechzig, siebzig Jahre vom Dock, das Geburt heißt, bis zu der Stelle im Ozean, wo der Schiffbruch erfolgt? (57) nun sind wir in voller resonanz, denn diese frage hat sich wohl jeder schon mindestens einmal gestellt: was soll das ganze, was ist es wert, was kostet es mich.

wenn wir also ein urteil über das Irische Tagebuch fällen wollten, so ergeben sich pros und kontras; es hängt  von der erwartung an die lektüre ab. halten wir es mit den beschriebenen ritualen: … denn die Bescher mussten ihren Tribut an Neuigkeiten entrichten; denn trotz Radio und Zeitung hat doch die Neuigkeit aus dem Munde dessen, dem man die Hand drückte, mit dem man Tee getrunken hat, sie hat das eigentliche Gewicht. (103) wir haben diskutiert und uns die gewichtung erarbeitet: Bölls lösung aus den trümmern, hin zum nachweis anrührender, poetischer schreibweise.

© 14.11.2017 brmu
Heinrich Böll, Irisches Tagebuch, dtv 2017, 63. Auflage, zitate im schrägdruck mit seitenangabe

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superhero: sonnenblume im regen

Eine Sonnenblume im Regen (11), so poetisch wird der protagonist des romans Superhero von Anthony McCarten gleich zu beginn aus dem „off“ beschrieben. und wir standen beim lesen des buches auch oft im regen mit unseren vorstellungen von einem roman und unseren gefühlen, die die geschichte auslöste.

ist das überhaupt ein roman? eher doch ein mix aus jugendgeschichte, drehbuch, erzählung als eine zwischenstufe zur graphic novel. Donald Delpe ist die hauptperson, um die sich alles dreht. er schafft sich seine eigene grafische welt mit einem superhelden Miracleman und der ihn anhimmelnden Rachel. im pinpong zwischen romantext, regieanweisungen, comictext und unseren eigenen gedanken dazu müssen wir den ereignissen folgen. das fordert die leser/-innen.

das schriftbild mit seinen unterschiedlichen drucktypen lässt die augen anecken. die regiehinweise versetzen uns in einen lesefilm. die sprache ist weniger literarisch, eher „verjugendlicht“ und provoziert ab und an ein kopfschütteln. man sucht förmlich die passage, in der man sich in das buch hineinbohren kann. keine bequeme lektüre also.

aber die geschichte ist auch nicht bequem. Donald leidet an krebs und fürchtet, den kampf zu verlieren, ohne einmal im leben sex, inbegriff der reife und des erwachsenseins, gehabt zu haben. Don weiß, daß es keine Gewissheit gibt. Nichts ist selbstverständlich. Nichts was es nicht vielleicht am nächsten Tag nicht mehr gibt. (67) und dann verliebt er sich in der kirche in ein mädchen, überhöht sie in seiner fantasie und erstarrt in stummheit.

die rollen in dem buchfilm sind provokant besetzt: die mutter Renata flüchtet ins studium von fachliteratur über krebs, der vater Jim kommt an den sohn nicht heran, der psychotherapeut Dr. Adrian King verliert die distanz und therapiert sich eher selber. die looser-muster häufen sich, man wundert sich.

der durchbruch geschieht, wenn sich die protagonisten aus ihren denk- und verhaltensmustern lösen und die situation an sich heranlassen. und das ist das aha-erlebnis der leserschaft, auch aus vorgefasster meinung heraus zu finden. so befremdlich eine erkrankung mit krebs auftritt, so befremdlich kommt der roman daher. bis, ja, bis sich die vorstellungen vom gelingenden leben ändern.

der vater bewundert seinen kranken sohn beim basketballwurf und denkt: Das sind die Augenblicke des Lebens, wo man weiß, wozu man Söhne hat. Einfach großartig. Es gibt Momente, da sind sie das beste, was einem passieren kann. (131) der therapeut meint, wenn er dem Jungen hilft, hilft er sich selbst. Auch das ist gut. Gute Taten sind nie uneigennützig. (182) und die prostituierte Tanya, bei der Donald eine liebsnacht erfahren sollte, um sein manko auszugleichen, klärt ihn auf:  Nun, wenn du mit der richtigen zusammen bist …, das ist  … eine Art Wettbewerb. Ihr wollt beide, daß der andere gewinnt. (232)

da macht es klick in Donalds kopf, die perspektive ändert sich, und er sieht seine verliebtheit zu Shelly, dem mädchen aus der kirche, aus ganz anderer sicht, so dass er Miracleman sagen lassen kann: Heute Nacht habe ich ein ganzes Leben gesehen. Jetzt kann ich gehen. (294) wir werden nie erfahren, ob nun ein intimes treffen mit Shelly stattgefunden hat oder nicht.

was wir aber wissen ist, dass die mutter die größe entwickelt hat, ihren geliebten sohn gehen zu lassen. Es ist gut, Liebling. … Du kannst jetzt loslassen. Wir haben dich lieb. (255) und vieles kommt wieder ins lot. Jim dreht sich um und betrachtet seine Frau. Er hält den Atem an. Renatas Gesicht berührt das Gesicht ihres Sohnes, Wange an Wange, wie ein altes Tanzpaar. Sie führt, tanzt mit ihrem Sohn seinen Walzer aus dieser Welt hinaus. (255)

wer beim lesen des buches durchgehalten hat, der erntet tiefe momente von anrührender menschlichkeit in kritischer situation und erkennt den verzweifelten kampf der protagonisten gegen sich selbst, dieser beängstigenden situation auszuweichen.

wem der sinn nach philosophischen gedanken steht, der kommt beim therapeuten Adrian auf seine kosten, … ganz im Sinne … der Erkenntnis, daß das Wahrgenommene durch den Akt der Wahrnehmung verändert wird. (121) alles vom menschen wahrgenommene wird verfälscht durch vorurteile, meinungen, wissensbrocken, auch ängste und verunsicherungen, ist fiktion. die große kraftanstrengung der protagonisten ist es, diese vorstellung vom unbedingten leben ihres sohnes aufzugeben und die situation des todes eines mitmenschen liebevoll-gelassen hinzunehmen, ohne sich dabei verwerflich vorzukommen.

der roman könnte auch eine novelle sein, wenn man dieses prinzip der katharsis, der inneren revolte gegenüber dem tod hinaus als merkmal annehmen wollte.

© 17.10.2017 brmu
Anthony McCarten, Superhero, Diogenes 2007

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Gilead - nicht weit ab

Der Report der Magd1, unter diesem titel stellt man sich einen idyllischen, bäuerlichen plot vor, der etwas aus der zeit gefallen zu sein scheint. weit gefehlt! Margaret Atwood hat 1985 den roman „The Handmaid’s Tail“ veröffentlicht, der dann zwei jahre später auf Deutsch vorlag. wir haben es mit einer dystopie (gegenteil von utopie) zu tun, die wegen ihrer aktuellen muster des fanatismusses unter die haut geht.

dreißig jahre später, gestern im lesekreis diskutiert, stellen wir fest, dass dieses buch irritierend viel anklänge an heutige zustände in der welt aufweist. wollte die autorin prophetisch den finger heben und die welt warnen? nein! sie hat anfang der achtziger jahre lediglich öffentlich zugängliche presseberichte aus der welt gesammelt und diese effektvoll zu diesem erschreckenden plot literarischer fiktion verdichtet: eine christlich-fundamentalistisches gruppe okkupiert einen teil der USA und errichtet ein repressives regime mit kastenähnlichen gesellschaftsstrukturen. Jene Jahre waren, historisch gesehen, einfach eine Anomalie, sagt der Kommandant. Ein Zufall. Wir haben nichts anderes getan, als die Dinge wieder der Norm der Natur anzupassen. (228) was die norm der natur sei, das ist die fiktion der machthaber zu deren nutzen und frommen. denn fromm wollen sie alle scheinen.

was ist in diesem religiösen regime natürlich? frauen werden nach ihrer nützlichkeit in kasten eingeteilt, die ‘mägde‘ stehen den machthabern (nach 1. Moses 30, 1-3) zur zeugung zur verfügung. eine dieser mägde berichtet von den vorkommnissen. Ich würde gerne glauben, daß ich nur eine Geschichte erzähle. … Was ich erzähle, ist keine Geschichte. Aber wenn es eine Geschichte ist, und sei sie auch nur in meinem Kopf, muß ich sie jemandem erzählen. (58)

sie wird uns lesern/innen erzählt und wir sind betroffen. jede/r hat einen anderen punkt der unangenehmen resonanz zu passagen im roman erlebt bis hin zur heftigen ablehnung und weigerung des weiterlesens. zu brutal muten einige szenen an und zu brutal ist die heimliche erkenntnis, dass sich teile so und ähnlich verstreut in der welt tatsächlich abspielen.

Es war nach der Katastrophe, als der Präsident erschossen und der ganze Kongreß mit Maschinengewehren niedergemäht wurde und die Armee den Notstand erklärte. Die Schuld wurde damals den islamistischen Fanatikern zugeschoben. ...  Und dann wurde die Verfassung aufgehoben…. Und es gab noch nicht einmal Aufstände. … Die Zeitungen wurden zensiert, und einige mußten ihr Erscheinen einstellen, … Die ersten Straßensperren waren plötzlich da, und die Identipässe wurden eingeführt. Alle hielten das für sinnvoll, da es offenkundig war, daß man gar nicht vorsichtig genug sein konnte. (228) man liest und staunt.

irgendwie kennen wir das von irgendwo, so viel literarische fiktion ist da gar nicht versammelt. umso aufmerksamer verfolgen wir das verhalten der magd in diesen verhältnissen. was denkt sie, was tut sie, wie tief verliert sie sich im system, des überlebens wegen.

die mägde werden in speziellen lagern von Tanten umerzogen, nach den regeln von Gilead. Stellt euch vor, ihr wärt beim Militär, sagte Tante Lydia. (15) diese tanten genießen privilegien, für die sie das system des nachschubs von mägden aufrecht erhalten. frauen dienen einem system, das extrem frauenfeindlich auftritt. einer der schocker in diesem roman.

uns fallen aus der neueren geschichte spontan reale beispiele dazu ein. ein drastisches exempel körperlicher folter wird an Moira, freundin der magd aus besseren tagen, die fliehen wollte, praktiziert. nach ihrem verhör kann sie lange kaum gehen, ein anderes an Janine, die in jungen jahren von einer jungengruppe vergewaltigt wurde. Einen Moment lang verachteten wir sie, obwohl wir wußten, was ihr angetan wurde. Heulsuse. Heulsuse. Heulsuse. Wir meinten es wirklich, und das ist das Schlimme daran. Ich hatte früher eine gute Meinung von mir. In dieser Situation nicht mehr. (99) ein winziger aufblitzer von selbsterkenntnis und die damit verbundene wertung der ich-erzählerin. am ende der entmenschlichenden prozedur beteuert Janine: Ich habe sie verführt. Ich habe den Schmerz verdient. (99) das sind die aus schauprozessen bekannten selbstbezichtigungen.

nachdem die bislang namenlose ich-erzählerin in so einem umerziehungslager praktisch einer gehirnwäsche unterzogen worden war, erhält sie den kastenstatus „magd“ und wird einem kommandanten namens Fred zugeordnet. sie erhält den namen Desfred. der name macht sie zum ding, das Fred von staatswegen zugeordnet ist. ihr job ist es, dem kommandanten einmal im monat zur zeugung von nachkommen zu willen zu sein, quasi als gebärmaschine.

die kommandanten sind die mächtigen im staate. Fred ist einer von denen. Er hat etwas, was wir nicht haben, er hat das Wort. Wie wir es früher verschwendet haben! (120) trotz aller die persönlichkeit kappender ereignisse erhält sich Desfred die kraft einer inneren reflektion als revolte zum überleben und als analyse der verpassten chancen einer abwehr in vormals besseren zeiten. das sind dann hinweise für uns heutige.

sie hat ein ziel: Wenn ich hier herauskomme, falls ich je in der Lage sein werde, dies in irgendeiner Form festzuhalten, und sei es in der Form einer Stimme, dann wird es eine Rekonstruktion sein, noch um einen Grad ferner. (178) im roman werden alte tonbänder gefunden, nachdem Gilead längst untergegangen ist, auf denen eine stimme raportiert. im jahre 2195 sind sie gegenstand von wissenschaflichen untersuchungen.

alles in allem haben wir hier eine große metapher uns allen bekannter ereignisse in der welt: elend oder katastrophe als auslöser von umsturz, machtergreifung durch fanatiker, errichtung von zwangssystemen, entrechtung eines teiles der bevölkerung, ausbeutung der stigmatisierten bis hin zum tod, rechtfertigung durch bezug auf fundamentalistische „höhere“ quellen. und die dumme trägheit der bevölkerung, die die zeichen der zeit nicht erkennt.

dieses phänomen der aufblähung einer fiktion weniger leute, der magnetwirkung für viele andere, die dann wiederum in ihrer masse die realität zu beeinflussen suchen, hat Gert Scobel in seinem buch „Der fliegende Teppich“ aufgegriffen. dieses buch liefert uns den intellektuellen hintergrund zum verständnis des massiv irritierenden romans von Atwood. er schreibt: Aufklärung gelingt nur, wenn Fiktion und Realität immer wieder neu aufeinander abgestimmt und in ein kritisches Verhältnis zueinander gebracht werden. … Was bleibt, ist eine pragmatische Lösung der  fiktionale Realismus. (348) die dystopie von Atwood möge dazu beitragen, diese kritische abstimmung in passabler form immer wieder zu bewerkstelligen. das ist kultur aus eigenständigem denken!

© 12.09.2017 brmu
zitate in schrägdruck aus:
1 Margaret Atwood, Der Report der Magd, Fischer TB5987, 1987, auflage 1992, (seite)
2 Gert Scobel, Der fliegende Teppich – Eine Diagnose der Moderne, Fischer 2017, (seite)

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gründe zu lesen

(dem lesekreis Brockmann in Brühl gewidmet.)

das lesen, das kann ich doch
die kosten, die trag‘ ich noch
bücher, die löschen neugier
leseruh‘, die schaff‘ ich mir
zeitaufwand: überschaubar
tagesgeschäft: ist doch klar
bleibt vom lesen unberührt
oder fast, wie‘s sich gebührt

das wird dich weiterbringen
das lesen lässt dich springen
zu neuen horizonten
kaum druck auf deine konten
meinung, die werd‘ ich schulen
nicht mit dem mainstream buhlen
lesen, ein wicht‘ger ansatz
schafft für wissen neuen platz

wahre pionierarbeit
im gestrüpp der dämlichkeit
im kampf contra dümmlichkeit
lesen macht allzeit bereit

unter digitalem joch
da beschützt das lesen noch
kannst analog im strome
treiben auf‘m bücherthrone
neuem horizonte zu
glatt in die erkenntnisruh‘

passionierte aber
zerlegen das gelaber
in trivialromanen
und sei es von den ahnen
und platter literatur
lesekreis wirkt wie 'ne kur

befreit vom ganz banalen
entschlackt  vom trivialen
lesen gute bücher wir
horizontverengung hier
wird kräftig überwunden
verständnis unumwunden
schaffen wir im lesekreis
uns macht keiner etwas weis
erweitern die rezeption
lesekompetenz mit krohn‘

lesen stählt in gegenwart
für zukünfte auch macht's hart
eins wird das ergebnis sein
die mustererkennung fein
literatur mit welten
die auch bei uns oft gelten
für deine lebenspraxis
in unserer galaxis

hab‘ den mut auf ein neues
muss ja nicht sein ein teures
buch für die visionen
du kannst auf ihnen thronen

© 01.08.2017 brmu

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liste gelesener bücher

diese werke haben wir im „Brockmann Lesekreis in Brühl“ bis ende 2016 gelesen, diskutiert und für wert befunden:

monat jahr autor titel
Okt 2013 Schertenleib Das Regenorchester
Nov 2013 Nadolny Weitlings Sommerfrische
Dez 2013 Erpenbeck Heimsuchung
Jan 2014 Werner Am Hang
Feb 2014 Kehlmann Mahlers Zeit
Mär 2014 Thériault Siebzehn Silben Ewigkeit
Apr 2014 Thome Grenzgang
Mai 2014 Franck Lagerfeuer
Jun 2014 Orth Das Zimmermädchen
Sep 2014 Sulzer Aus den Fugen
Okt 2014 Seethaler Der Trafikant
Nov 2014 Schmidt Schneckenmühle
Dez 2014 Modiano Die kleine Bijou
Jan 2015 Ortheil Das Kind, das nicht fragte
Feb 2015 Ogawa Das Geheimnis der Eulerschen Formel
Mär 2015 Kaiser Blasmusikpop
Apr 2015 Barnes Vom Ende einer Geschichte
Mai 2015 Williams Stoner
Jun 2015 Modick Sunset
Aug 2015 Poschenrieder Die Welt ist im Kopf
Sep 2015 Meyerhoff Wann wird es endlich wieder so, wie es war
Okt 2015 Rosenfeld Adams Ende
Nov 2015 von Düffel Goethe ruft an
Dez 2015 Wellershoff Der Himmel ist kein Ort
Jan 2016 Poschmann Die Sonnenposition
Feb 2016 Hein Von allem Anfang an
Mär 2016 de Luca Montedidio
Apr 2016 Eggers Ein Hologramm für den König
Mai 2016 Fritsch Winters Garten
Jun 2016 Köhlmeier Zwei Herren am Strand
Jul 2016 Zeh Nullzeit
Sept 2016 Böll Der Engel schwieg
Okt 2016 de Moor Erst grau dann weiß dann blau
Nov 2016 Ortheil das glück der musik
Dez 2016 Von Canal Der Grund

der moderator bedankt sich bei allen teilnehmenden personen für ihr interesse und die erfrischende diskussionsbereitschaft über die verschiedenen aspekte von literatur.

© 04.04.2018 brmu

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auftakttreffen

Brockmann

liebe teilnehmer/innen des Brühler Lesekreises bei Brockmann, vielen dank für ihr engagement in eigener sache. wir haben nach dem auftakt am 26.9.13 in der buchhandlung Brockmann in Brühl uns eine aufgabe für den 14.10.13 gestellt, die ich in den folgenden knittelversen noch einmal in erinnerung bringen will:

zwanzig frauen und zwei männer
outen sich als bücherkenner
wollen auch darüber reden
treffen sich bei Brockmann eben
zu ’nem klugen bücherschnack
spaß und freude, nichts geht ab

wollen also mal ergründen
ob wir in dem regen finden
was sich da orchester nennt
und wohin die handlung rennt:

was da denn an sachen stehn
wie appelle an uns gehn
wie beziehung zu uns ragt
was der autor von sich sagt
4 mal antwort = 1 rezeption
finde jeder seinen ton

© 27.09.2013 brmu
wer kommentieren möchte soll das gerne tun: jede stimme zählt!

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Brühler Lesekreis bei Brockmann

Martin Mosebach beschreibt in einem interview (KSTA 13./14.7.2013) wie er zum autor wurde: indem ihn sein vater zum „enthusiastischen, verehrungsbereiten Leser“ gemacht habe, habe er ihn „zum Schreiber“ gemacht, was bedeute, dass für ihn das schreiben vor allem ein weg sei, „auf das Gelesene zu antworten“.

die richtige einleitung zu unserem >Brühler Lesekreis bei Brockmann<. genau das wollen wir auch: uns gegenseitig zu enthusiastischen lesern/innen zu fördern, um dann vielleicht auch das schreiben zu wagen.

werfen sie einen blick auf die homepage der buchhandlung Brockmann in Brühl, die diesen lesekreis ausrichtet:

BLbB handzettel-130715-bu

© 15.07.2013 brmu

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