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Anna Enquist: Die Betäubung

Die Autorin Anna Enquist bietet uns nicht nur Einblicke in die Abläufe eines Krankenhauses und einer Therapeutenpraxis, sondern auch ins Innere der vier Hauptfiguren in ihrem Roman „Die Betäubung“. Nomen est omen. Sie alle leiden unter einer gewissen „Betäubung“.

Drik de Jong ist Psychotherapeut und steckt in einer Krise, seit seine Frau Hanna verstorben ist. Er hat mehr als ein halbes Jahr lang nicht gearbeitet. (8) Er zweifelt an sich und fragt sich: Sollte ich mich womöglich selbst eine Zeitlang in Behandlung geben? (28) Auch hat er ein problematisches Verhältnis zu seinem dementen Vater. Wenn er seinen Vater besucht, setzt er sich zu ihm, versucht, so etwas wie Kontakt zu ihm herzustellen, und spürt, wie die Ratlosigkeit ich ihm aufsteigt.(29) Seine Mutter ist bei einer Klippenwanderung mit dem Vater tödlich abgestürzt. Nie ist über diese Dinge gesprochen worden. Kein Wort. Für Vater zu schmerzlich, für ihn zu beängstigend. (31) Verdrängung pur.

Allard Schuurmann (13), Anästhesie-Assistent, ist der erste, neue Patient für Drik, und ausgerechnet dieser ist auf Vatersuche: Ich habe immer Ersatzväter gesucht und sie manchmal auch gefunden. (57) Nebenbei findet Allard als Geliebter auch zu Roos, beide spielen im selben Orchester, und on the job auch zur Mutter von Roose, Dr. Suzan Lagrow, als die ihn ausbildende Anästhesistin. Die Verknotungen der Handlungsstränge kann man allmählich ahnen.

Roos Lagrow, die Tochter von Driks Schwester Suzan, ist an Hannas Krankheit fast kaputtgegangen. (13). Drik und Hanna hatten sich beide für ihre kleine Nichte ins Zeug gelegt, waren neben den Eltern zu wichtigen Bezugspersonen für Roos geworden. (12) Der Vater von Roos, Peter Lagrow, meint sogar: Hanna war eine Art zweite Mutter für sie. (77) Die Frage ist ergo, warum Roos eine zweite Mutter brauchte. Der Grund liegt bei Suzan. Suzan hat ja selbst keine Mutter gehabt, … Sie weiß nicht, wie das ist, wie das geht. (78) - Roos verliebt sich im weiteren Verlauf der Geschichte in Allard, den Violoncellisten. Denn Musik ist eine wichtige Beziehungsebene. Wenn Roos übt, stehe ich mitten im Zimmer und streiche die Saiten, ohne sie zu greifen. Dann vibriert alles, und dann muss ich plötzlich heulen. (49)

Dr. Suzan Lagrow hat ein zwiespältiges Verhältnis zu ihrer Tochter. Wieso … treffe ich mich nicht mit Roos. Meiner widerspenstigen Tochter? Auch bei der Ausbildung ihrer Anästhesie-Assistenten findet sie nicht die rechte Balance. (44) und sie klagt ihrer Freundin Simone: Ich kann das nicht mal mit meiner eigenen Tochter. (45) Und sie räsoniert sogar: Ist ihre Tochter eigentlich das missratene Produkt eines befriedigenden Erziehungsprozesses? (64)

Als Leser*in zieht man wohl die Augenbrauen hoch und argwöhnt bald eine Melange aus Vater-Sohn- und Mutter-Tochter-Konflikten. Mitten drin versucht Allard sein Glück auf der Vatersuche und verheddert sich in Liebesaffären.

Wie diese durchaus alltäglich anmutenden Probleme der zwischenmenschlichen Beziehungen, ob Bekanntschaft, Freundschaft oder Liebesbeziehung, ihr Ende finden, wird hier nicht verraten. Eins jedoch ist gewiss: Wer ans Ende des Romans kommt, der hat viel verstanden von dem, was in einem Krankenhaus aus Sicht der Anästhesie abläuft und was in einem Psychotherapeutenkopf fallbezogen so vor sich geht. Für die praktische Lebensfindung allemal hilfreich.

Man schließt das Buch und denkt über den Titel nach: Betäubung. Was oder wer hat die Romanfiguren wie betäubt? Habe ich mich am Rande von oder in ähnlichen Situationen schonmal befunden? Suzan meint: Ich habe mich nie unschuldig gefühlt. (314)

Und man wird langsam aus der Tiefe der Betäubung auftauchen, in eine unbegreifliche, grausame Welt. (316)

Das erinnert wieder an die Camus-Formulierung der „Gleichgültigkeit der Welt“.

der welt ist all‘s egal
der mensch ist allemal
sein eigenes schicksal
ob glück, ob jammertal

© 22.05.2020 brmu

 

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