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Bärfuss und die Ballerinas

Zum Auftakt des neuen Lesekreisjahres 2020 bei Brockmann in Brühl lag der 2017 erschiene Roman „HAGARD“ von Lukas Bärfuss auf dem Tisch.

Der Titel gibt Rätsel auf. Im englischen Sprachraum beschreibt „haggard“ eine ausgezehrte Person, im heutigen Verständnis wohl eine Person, die einem Burnout nahe ist. Schnell kommt man als Leser/in auf die Idee, dass diese Bedeutung ein Hinweis auf den Protagonisten Philip sein könnte. Ein Gelegenheits-Stalker, der in einer Ausnahmesituation völlig irrational handelt.

LB HAGARD Plot

Die ganze Geschichte spielt sich wahrscheinlich in Zürich an zwei Tagen im März 2014 ab. Ein Geschäftstermin ist geplatzt und der Immobilienmakler Philip hat unerwartet etwas Zeit. Da fällt sein Blick auf ein Paar pflaumenblauer Ballerinas, in denen eine junge Frau mit guter Figur steckt. Ihr Gesicht kann er nicht sehen und den ganzen Roman über wird er es nicht sehen können.

Neben diesem befremdlichen Verhalten der Romanfigur gibt es auch eine weitere ungewöhnlich Angelegenheit. Der Autor spricht mit der Leserschaft, teilweise aufklärend oder belehrend wie etwa hier: Im Schatten einer Frau zu bleiben, sie im Verborgenen zu studieren, ihren Körper, Ihren Bewegungen zu betrachten, während sie ihre Besorgungen erledigte, sich an ihrer Arglosigkeit zu ergötzen war vielleicht reizvoll, aber es war verdorben und gehörte sich nicht. (26)

Doch Philip gerät in den Sog seines eigenen Stalking-Verhaltens, kappt seine Verbindungen zu Belinda, der Tagesmutter seines Sohnes, zu Vera, seiner Assistentin. Er hat nur noch die Unbekannt mit den Ballerinas im Kopf. Es folgte eine Odyssee durch die Stadt per pedes, per Bahn, per Taxi mit Übernachtung im eigenen Wagen.

Aber es nützt alles nichts, er wird der Frau nicht angesichtig. Doch wer ihn sieht, erkennt seinen rapiden Verfall zum Penner-Look. Ein erfolgreicher Geschäftsmann verkommt innerhalb von zwei Tagen zum Looser. Eine weitere Metapher für das Geschäftliche an sich: Erfolg und Verlust gehen Arm in Arm. Auf der letzten Seite ist alles offen und für ihn zu Ende. Philip meint, die Frau in einer bestimmten Wohnung zu orten. Er steht auf dem Dach des Hauses und …

Drei Meter tiefer der Balkon, … Er wagt den Sprung. Liegt auf dem Balkon. … dieses Bild sehe ich, aber was da leuchtet, sind keine Sterne. Es sind kalte, ferne Augen, die mich betrachten und auf eine Antwort warten. Hier ist sie. Hier ist meine Nachricht. Eine Nachricht an das Universum. Eine Nachricht an meinen Schöpfer. Ich sterbe, aber ich verschwinde nicht. Dies ist das Ende, und hier will ich beginnen. (173)

Und der Leser blicket stumm, auf dem ganzen Blatt herum. Im Todeskampf noch eine Botschaft abgesetzt an das Universum, an den Autor als seinen Schöpfer, er sterbe zwar im Roman, werde aber in den Köpfen der Leser/innen als ein absurdes Verhaltensmuster nicht verschwinden. Damit ist das vordergründige Ende im Roman ein steter Neubeginn bei allen Leser/innen.

Was für eine Botschaft über die Wichtigkeit der Lesenden.

© 18.01.2020 brmu
Lukas Bärfuss, HAGARD, btb 2019

 

Zum Auftakt des neuen Lesekreisjahres 2020 bei Brockmann in Brühl lag der 2017 erschiene Roman „HAGARD“ von Lukas Bärfuss auf dem Tisch.

Der Titel gibt Rätsel auf. Als Substantiv bezeichnet der Begriff einen Beizvogel im Alterskleid. Im englischen Sprachraum beschreibt „hagard“ eine ausgezehrte Person, im heutigen Verständnis wohl eine Person, die einem Burnout nahe ist. Schnell kommt man als Leser/in auf die Idee, dass diese beiden Bedeutungen Hinweise auf den Protagonisten Philip sein könnten. Ein Stalker in alternder Geschäftskleidung, der in einer Ausnahmesituation völlig irrational handelt.

LB HAGARD Plot

Die ganze Geschichte spielt sich wahrscheinlich in Zürich an zwei Tagen im März 2014 ab. Ein Geschäftstermin ist geplatzt und der Immobilienmakler Philip hat unerwartet etwas Zeit. Da fällt sein Blick auf ein Paar pflaumenblauer Ballerinas, in denen eine junge Frau mit guter Figur steckt. Ihr Gesicht kann er nicht sehen und den ganzen Roman über wird er es nicht sehen können.

Neben diesem befremdlichen Verhalten der Romanfigur gibt es auch eine weitere ungewöhnlich Angelegenheit. Der Autor spricht mit der Leserschaft, teilweise aufklärend oder belehrend wie etwa hier: Im Schatten einer Frau zu bleiben, sie im Verborgenen zu studieren, ihren Körper, Ihren Bewegungen zu betrachten, während sie ihre Besorgungen erledigte, sich an ihrer Arglosigkeit zu ergötzen war vielleicht reizvoll, aber es war verdorben und gehörte sich nicht. (26)

Doch Philip gerät in den Sog seines eigenen Stalking-Verhaltens, kappt seine Verbindungen zu Belinda, der Tagesmutter seines Sohnes, zu Vera, seiner Assistentin. Er hat nur noch die Unbekannt mit den Ballerinas im Kopf. Es folgte eine Odyssee durch die Stadt per pedes, per Bahn, per Taxi mit Übernachtung im eigenen Wagen.

Aber es nützt alles nichts, er wird der Frau nicht angesichtig. Doch wer ihn sieht, erkennt seinen rapiden Verfall zum Penner-Look. Ein erfolgreicher Geschäftsmann verkommt innerhalb von zwei Tagen zum Looser. Eine weitere Metapher für das Geschäftliche an sich: Erfolg und Verlust gehen Arm in Arm. Auf der letzten Seite ist alles offen und für ihn zu Ende. Philip meint, die Frau in einer bestimmten Wohnung zu orten. Er steht auf dem Dach des Hauses und …

Drei Meter tiefer der Balkon, … Er wagt den Sprung. Liegt auf dem Balkon. … dieses Bild sehe ich, aber was da leuchtet, sind keine Sterne. Es sind kalte, ferne Augen, die mich betrachten und auf eine Antwort warten. Hier ist sie. Hier ist meine Nachricht. Eine Nachricht an das Universum. Eine Nachricht an meinen Schöpfer. Ich sterbe, aber ich verschwinde nicht. Dies ist das Ende, und hier will ich beginnen. (173)

Und der Leser blicket stumm, auf dem ganzen Blatt herum. Im Todeskampf noch eine Botschaft abgesetzt an das Universum, an den Autor als seinen Schöpfer, er sterbe zwar im Roman, werde aber in den Köpfen der Leser/innen als ein absurdes Verhaltensmuster nicht verschwinden. Damit ist das vordergründige Ende im Roman ein steter Neubeginn bei allen Leser/innen.

Was für eine Botschaft über die Wichtigkeit der Lesenden.

© 18.01.2020 brmu
Lukas Bärfuss, HAGARD, btb 71669, 2019 (Seitenzahl)

 

 

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Samstag, 19. September 2020

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