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Bakker baggert in sich selbst

nach der sommerpause, die uns etwas mehr zeit ließ, das umfangreiche tagebuch von Gerbrand Bakker mit dem titel „Jasper und sein Knecht“ zu stemmen, haben wir uns gestern diesem opus gestellt. es war eine kontroverse diskussion, schroffe ablehnung und verständnisvolle annäherung schwangen in der luft.

die themenvielfalt dieses buches, formal kommt es als tagebuch daher, erinnert an ein mixtum compositum, wie im kopfe des autors so in die druckerei. offenbar steckte der autor in einer krise, nennen wir es schreibblockade, und will sie überwinden. er zieht in die Eifel, nach Feuerscheid-Schwarzbach, nimmt einen hund namens Jasper auf und wird von ihm gegängelt. hundeliebhaber beschleicht der zweifel, ob der „Knecht“, der ich-erzähler, des hundes Jasper herr wird.

dieser hund eignet sich gut als metapher für den kampf des autors gegen seine, ihn immer wieder anspringende depression. Jasper ist folgsam und sperrig, anhänglich und flüchtend, gesund und krankt und letztlich stirbt er dann. möge er die depression mit in die urne genommen haben.

viel plauderei, viel persönliches, viel nebensächliches wuchert wie in einem wildgarten in den seiten. der rote faden fehlt, statt dessen gibt es eine leine der tage von 3. 12. 2014 bis zum 14.3.2015. daran hängen viele, viele zettel mit texten nach dem motto: was wollt ihr wissen? was muss raus? etwa zu den themen: hundehalter, gärtner, vogelkenner, nachbar, schwuler, lügner, depressiver, reisender, niederländer, schriftsteller, … - die allesamt eine sehr unterschiedliche resonanz zum lesekreis entwickeln.

wir haben uns letzlich auf die hinweise zum schriftstellerdasein des autors konzentriert und eine reihe von interessanten aussagen gesammelt, die uns helfen, sein werk angemessen zu rezipieren:

Ich will hier allein zusammen mit meinem Hund zufrieden sein, vielleicht etwas in mir selbst wiederzufinden versuchen, das mich dazu bringt, eines Tages einen neuen Roman zu schreiben. (58)

Ich ertappe mich bei dem Gedanken, doch wieder mit einem Roman anzufangen, nur um diese Stunden zu füllen. (71)

Paradox ist natürlich, dass ich dabei eben doch ein Buch schreibe, dieses Buch. Aber dieses Buch ist kein Roman. (72)

Wenn ich noch einmal einen Roman schreibe, tue ich es für mich selbst. (73)

Im Unterschied zu meinen Büchern schreibe ich diese Texte wirklich für Leser … (79) „Texte“ auf seinem Blog.

Das macht ein Buch für mich zu einem guten Buch: wenn ich gerne in eine Atmosphäre eintauchen möchte, die mir gefällt. Die Geschichtlichkeit ist mir weniger wichtig, …, obwohl das auch vom Stil abhängt. Die Atmosphäre zählt. (99)

Wenn ich etwas schreibe, kommt es nicht so auf die Wahrheit an. Worauf es ankommt, ist eine schöne Geschichte. (120)

Im Grunde habe ich das Lügen und Phantasieren zu meinem Beruf gemacht. (139)

Ich lege Wert auf möglichst große Distanz zwischen Rezensent und Autor … (223)

Die Person des Autors spielt ebenso wenig eine Rolle wie der … Erfolg eines früheren Werkes. (236)

Nicht so eilig, es darf alles nicht zu schnell fertig werden, … wie beim Schreiben eines Romans: nie am Ende eines Schreibvormittags zu einem glatten Abschluss kommen; lieber ein paar Fäden lose lassen, um am nächsten Tag dort anzuknüpfen. (240)

Im Grunde darf ich gar kein Buch schreiben wollen. Es muss versehentlich geschehen. (306)

Vermutlich bin ich derjenige, der die Wahrheit ausmalt, verdreht und manipuliert. … Hier liegt der Grund, weshalb ich schließlich … Schriftsteller geworden bin? (329)

Ich weiß nicht mal, was ich mit dem Roman habe sagen wollen,… (355)

Aber bin ich wirklich Schriftsteller? Oder bin ich jemand, der Bücher geschrieben hat? Das läuft scheinbar aufs Gleiche hinaus, tut es aber doch nicht. … Ich kann mich nicht zwingen, einen Roman zu schreiben. (403)

Man schreibt einen Text - … - um ein möglichst gutes, in sich stimmiges Ganzes zu schaffen. (419)

Aller Anfang ist leicht, im Grunde nichts Besonderes. Weitermachen ist das, was zählt. (426)

und genau das hoffen wir: den nächsten roman von Bakker in händen zu halten, um nach „Jasper und sein Knecht“ mit anderem verständnis seiner phantasie zu folgen.

© 11.09.2018 brmu
wer wissen will, was der autor G. Bakker selber über sein tagebuch-roman-blog-verschnitt sagt, kann ein aufschlussreiches interview mit ihm verfolgen.

 

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Samstag, 15. Dezember 2018

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