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Christian Berkels Apfelbaum

Wenn man vom Baum der Erkenntnis isst, zeigt sich die Welt danach anders – sofern man ihn erklimmen kann und an die Früchte kommt.

Christian Berkel hat das mit seinem Debüt-Roman „Der Apfelbaum“ bewerkstelligt, wenngleich er zu Beginn das Gleichgewicht verlor. Ein Sturz wie ein Schreck. … Noch während ich fiel,…, sah ich ihn in seiner schlichten Schönheit. … Er stand noch. Allein. Gar nicht verloren. Trotzig. Mein Apfelbaum. (9) Uns Leser/innen wird klar: Es muss sich um ein Symbol handeln, aber wofür steht es?

Das wird uns auf den nächsten 400 Seiten klar, nach seiner Erforschung seiner generationenlangen Familiengeschichte vor dem Hintergrund tatsächlicher Historie. Auf der letzten Seite, bei einem Familientreffen mit den Überlebenden der Shoa, schafft der Ich-Erzähler* (zweifelsfrei der Autor Ch. Berkel) es: Die Musik spielte, alle Stühle waren besetzt, nur ich rannte und rannte und rannte im Kreis um sie herum. … Ich sprang dazwischen. Und von dort hinauf. Hinauf auf den Apfelbaum. (411) Das ist der Heureka-Effekt, in der Rückschau die Selbsterkenntnis: Ich bin ein Teil dieser ungewöhnlichen Familiengeschichte – aber nicht gefesselt in Erinnerungsdramen, sondern die Gedanken sind frei.

Wir haben uns also mit einem Familienroman bis zurück in die Ur-Großelterngeneration vor einer gesellschaftlich-historischen Folie zu tun. Damit ist auch die Frage müßig, ob es sich nur um eine Fiktion handele, die mit historischen Fakten angereichert sei, oder um eine Dokumentation, die mit Fiktionalem garniert sei. Es gilt beides, wirkt ineinander, denn nur so funktioniert das Erinnern. Wirklichkeit ist eine auf die vorgefundenen Tatsachen bezogene Interpretation, schosse es mir durch den Kopf, ein Konstrukt. (214) Wo sich viele Familienmitglieder erinnern, da werden unterschiedliche Geschichten zu ein und denselben Fakten erzählt. Und alle Versionen haben einen Funken Wahrheit in sich, eine Melange als Fakten und Fiktion.

Exemplarisch sei diese Passage: Wonach suchte ich wirklich? … Ich war ein Deutscher, mit oder ohne jüdische Wurzeln. Einer, der damals nicht gelebt hatte, der weder schuldig noch unschuldig war, einfach nur deutsch, mit einer deutschen Geschichte – der deutschen Geschichte, die alle Verbrechen der Menschheitsgesichte in den Schatten stellte. (215) Auf der Suche nach der Wahrheit findet man oft ernüchternde Tatsachen.

Die Methode der Suche ist im Roman ausgebreitet. Zunächst wird die noch lebende Mutter Sala befragt. Sie ist offensichtlich dement und kann nur noch bruchstückhaft Auskunft geben, dabei ihre Erinnerungslücken clever überbrückend. Der Ich-Erzähler Berkel spielt mit und entlockt ihr so weitere Erinnerungen. Die Lücken werden mit zum Teil aufwendigen Recherchen gefüllt. Die Gespräche der längst Verstorbenen in der Retrospektive passen zum Thema, sind natürlich fiktional im Rahmen des Wahrscheinlichen. Sie geben dem Roman die Lesbarkeit und Nähe, die man braucht, um Resonanzen aufbauen zu können.

Man will berührt sein, so oder so. Letzteres zum Beispiel in der Passage über den Lehrerberuf. In Deutschland interessieren sich die Lehrer nicht für ihre Schüler. Nicht zu meiner Zeit. Sie waren Beamte. Mäßig interessiert, mäßig gebildet, mäßig überzeugend. Man konnte sie duzen. Das lag mir nicht…. Zwischen uns lagen Welten, die ich nicht betreten wollte. (404) Halt! Es gibt auch viele positive Erinnerungen an „die Lehrer“ aus dem eigenen Leben. Die Einschränkung „zu meiner Zeit“ mildert den Eindruck der Pauschalität wenig. Es ist zwar ein persönlicher Eindruck im Vergleich zu seinen französischen Lehrern, der im Autor haften blieb. Leider hallt er im vorletzten Kapitel des Romans nach und ist mir eine Irritation in dem ansonsten gelungenen Debüt. Auf dem Apfelbaum darf man irren.

© 12.11.2019 brmu
Christian Berkel, Der Apfelbaum, Ullstein TB 06086, 2019, Seitenangaben

 

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