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Billers sechs Koffer sind leer?

Maxim Biller kommt in der Literaturwelt als enfant terrible an: kühle, beobachtende Sprache, gnadenlose Urteile, schwächelnde Empathie. So könnte man sein Auftreten auch als Autor charakterisieren. Gemäß der These von Roland Barthes, dass der „Autor tot“ sei, nachdem er seinen Text abgeliefert habe, muss das aber gar keine Rolle spielen.

Wir haben uns mit seinem Buch „Sechs Koffer“ beschäftigt und damit, was in ihnen wohl versteckt sein mag. Die Frage, wer den Großvater, oft Tate genannt, in Russland verraten habe mit der Konsequenz seiner Hinrichtung, verführt zu einer kriminologischen Betrachtungsweise.

In Koffer 1 (Semjon) verdächtigt Semjon, der Vater des Ich-Erzählers mit auktorialem Wissen, Natalie: Ja, natürlich, sie war es gewesen, die den StB-Leuten seit Jahren alles über die verbotenen Geshäfte des Taten erzählte, nicht Dima, … (19)

In Koffer 2 (Rada) denkt Rada von Dima: Ja, genau! Bestimmt hatte er, um sich zu retten, in Pankrác im Gefängnis der Staatssicherheit alles über die Familie verraten, … (40)

In Koffer 3 (Dima) reflektiert der Ich-Erzähler: Konnte es sein, dachte ich auf einmal, dass es ganz anders war – dass im Gegenteil Onkel Lev an Tates Tod schuld war und dass er darum vor uns allen weglief? (68) Und später: Hatte Lev vielleicht wirklich, …, 1958 den Taten vom Westen aus denunziert, damit er aufhörte, ihn und Wladimir an die gestohlenen 40.000 Dollar zu erinnern? (86) Ein durch Geldgier untermauerter Verdacht, gar ein handfestes Motiv?

Im Koffer 4 (Natali Gelernter) finden wir ein symbolisches Zitat vom Tate Smil G. Biller, dass er Natalie gesagt haben soll: Das eine ist, für Geld zu sterben, …, das andere, dafür zu töten! (129) Eine das Geld-Motiv unterstützende Sicht der Dinge. Der Ich-Erzähler kommt zu dem Schluss: Okay, Natalie hatte den Taten – meinen Großvater – also nicht an den KGB verraten. (132) Und es stellt sich bei ihm eine gewisse Ermüdung ein, den Familienirrsinn (133) der gegenseitigen Verdächtigungen zu verfolgen. Aber der nächste Koffer lauert schon.

Im Koffer 5 (Lev) stoßen wir auf ein angebliches Zitat von Dima, dem Hauptverdächtigen: Alle für einen, aber nur einer für sich selbst. (154) Wer damit gemeint ist, wird ein paar Seiten später klar: Lev dachte wütend, dass Dima an allem schuld war. Ja, Dima ganz allein – an Tates Tod. (156).

Im letzten Koffer (Jelena) wird Vater Semjon in einem aufbrausenden Gespräch mit seiner Frau Rada, die eifersüchtig auf Natalie ist, zitiert: … ich habe dir erzählt, dass sie mich aus Wut bei der Partei denunziert hat und später wahrscheinlich auch den Taten. (181) Semjon war als Student mit Natalie liiert, hat dann aber Rada geheiratet, was bei Natalie eine schwärende Wunde hinterlassen hat. Nun kommt ein neues Motiv ins Gespräch: Eifersucht, Geltungssucht. Aber Jelena resümiert: … und dass sie schon gar nicht verstand, warum mein Vater bis heute Natalie beschuldigte, den Taten verraten zu haben, obwohl er wusste, dass sie es gar nicht gewesen sein konnte. (183) Diese Formulierung deutet auf das Wissen der tatsächlichen Zusammenhänge in der Familienaffäre hin. Jelena rüstet sich auch, in einem NDR-Interview auszupacken.

Nach 195 Seiten verwirrender Informationen aus der Familie Biller atmen wir auf und hoffen auf eine Klärung und Beantwortung der aufgeworfenen Frage, wer den Tate auf dem Gewissen habe. Wer, glauben Sie, ist denn nun wirklich schuld am Tod Ihres Großvaters?, (195) fragt die NDR-Redakteurin. Der Ich-Erzähler zu Hause in Berlin (196) in seinem Arbeitszimmer berichtet uns, dass seine Schwester lange nichts sagte, und schließlich sagte Jelena: „Das geht niemanden etwas an. Das verstehen Sie doch, oder?“ Prompt kontert die Redakteurin: „Nein, das versteh ich eigentlich nicht.“

Sie spricht uns Leser*innen aus dem Herzen. Sollten wir tatsächlich 195 Seiten des Romans gelesen und wiedergelesen haben, und dann dieser Spruch!? Der Ich-Erzähler notiert am Ende und dann erzählte ihr Jelena, wie es wirklich gewesen war. (196)

Das ist der letzte Satz in Billers Koffer-Roman. Es erwischt uns kalt: Alles für die Katz, die Aufklärung in der Frage der Schuldigkeit eines familiären Verrates bleibt uns Jelena schuldig. Der erste Satz im Roman soll von Bedeutung sein, der letzte hier ist die pure Enttäuschung, denn wir blättern ins Leere. Ein großer Cliffhanger.

Hat man den Schock überwunden, kommen auch andere Gedanken, die wir im Lesekreis erörtert haben. Schieben wir die vordergründige, kriminologische Betrachtungsweise weg und widmen wir uns neuen Perspektiven.

Das Muster von unterschwelligen Verdächtigungen scheint in Familienstrukturen nicht abwegig zu sein. Die Verschärfung dieser Tendenz in totalitären Systemen, die von Denunziation zum Vorteil der Denunzierenden leben, ist offensichtlich. Kann es sich bei dem Roman um eine fiktionale Faktion handeln, die uns dieses Muster des Familienzerfalls hart und kalt klar machen will. Das vor dem Hintergrund der nur angerissenen historischen Zusammenhänge von Flucht und Zerrissenheit.

Was auch immer der Autor „gemeint“ hat, wir Leser*innen sind es, die die Bedeutung zueignen durch entwickelte Resonanzen nach eigener Lebenserfahrung und Familiengeschick. Insofern ein Roman von breit gefächerter Einschätzung. Roland Barthes lässt grüßen.

© 06.10.2020 brmu

 

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