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clox - die ewige uhr

Christoph Ransmayr ist ein künstler im vermischen von fakten und fiktionen und das in eloquenter, fast lyrischer sprache. das kann schon mal nerven, wenn man sich am fortgang der handlung orientieren will. aber die sprache erzieht und lädt zum verweilen ein, zum bewussten lesen.

so auch in seinem roman „Cox oder Der Lauf der Zeit“, in dem sich eine historisch belegte person namens James Cox als figur namens Alister Cox von London aus per segelschiff ins ferne chinesische reich des kaisers Qiánlong reist, um seine fantastischen uhren anzudienen. aber: Der Kaiser wollte kein Spielzeug. (25)

das schiff legt im hafen an, mitten in eine bestrafungsorgie geratend. Jetzt verloren diese gierigen Säue nach ihrem Gesicht endlich auch ihre Nasen! Und das war noch eine milde, zu milde Strafe dafür, daß sie an den Börsen in Beijing und Shanghai und Hang zhou wertlose Papiere verkauft und den Schwindel mit Steuergeldern, dem Gold des Kaisers!, zu decken versucht hatten. (15/16) schon hier wird deutlich, dass die geldgeilheit lange wurzeln hat und das kaiserreich eine erschreckende nähe zu den despotischen systemen der neuzeit. diese mixtur bildet die hintergrundfolie des romans.

im laufe der handlungen treten dann drei figuren in den vordergrund: Alister Cox, der begnadete uhrenbauer (17ff), Josef Kiang, der übersetzer, vermittler und letztlich mahner (27ff), und der göttlich verehrte kaiser Qianlong, himmelssohn und herr über die zeit (71ff). der unberührbare kaiser nähert sich Cox und seiner kunst der zeitmessung in vier auftritten, erweist sich dabei immer mehr als mensch. er liebt uhren, schreibt gedichte, liebt frauen und spielt seine machtrolle zurückgezogen.

bei diesen vier treffen kommen sich die protagonisten Qianlong und Cox auf der basis der bewunderung des symbols uhr näher. Cox hatte sich der Maßlosigkeit und den Allmachtsansprüchen eines Herrschers noch nie so nahe gefühlt … (214) Cox fühlt sich ihm verwandt (217) und glaubt, seine gedanken erraten zu können. Oder war es tatsächlich möglich, daß ein Uhrmacher und Automatenbauer aus England und der nicht nur eine halbe Welt, sondern ein ganzes Universum von ihm entfernte Kaiser von China gleichzeitig denselben Gedanken gefaßt hatten? (217)

inwieweit die brutalität des systems gegen verdächtigte bürger/innen ihm persönlich anzulasten ist oder dem machtapparat, das kann man nur erahnen. auch hier sind die bezüge zur heutigen zeit frappierend. zum beispiel die spitzel für geheimdienste: Wie leicht konnte über den Bericht eines vermeintlich gleichgesinnten Zuhörers, der noch am selben Tag von einem Offizier bezeugen konnte, was er eben gehört hatte, der Lebensweg eines Flüsterers in den Untergang führen, die Karriere des Zeugen dagegen hoch hinauf in einen Abglanz imperialen Lichts. (248)

der roman kulminiert in der frage: wird der kaiser die uhr, die das Cox-team „Clox“ (244) nennt, und die aufgrund ihrer bauweise übermenschliche längen der zeitmessung ermöglicht - es klingt der begriff perpetuum mobile (222) an -, wird der kaiser diese uhr in gang setzen?

© 17.01.2019 brmu

 

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