litbiss.de

Der einzige Mann auf dem Kontinent nervt

Therézia Mora schont ihre leserschaft nicht. nimmt man sich ihren roman „Der einzige Mann auf dem Kontinent“ vor, so ist man sehr versucht, von den ersten drei unveräußerlichen rechten des lesers gebrauch zu machen: gar nicht lesen, einiges überspringen oder nicht zu ende lesen. die meisten haben durchgehalten und wir konnten diskutieren.

der ort der handlung ist nicht definiert, eher städtisches milieu. die zeit nach der jahrtausendwende spielt den hintergrund. nur eine woche im September, von Freitag zu Freitag, jeweils im tag-nacht-rhythmus im leben eines pärchens wird beschrieben, allerdings gespickt mit vielen erinnerungsvolten.

hauptfigur ist Darius Kopp, der jüngere. er ist it-spezialist, wiegt zu viel für seine körpergröße (106 kg bei 1,78 cm) und ist entsprechend träge. vor dem bildschirm fühlt er sich wohl. Wir sind uns einig, dass das, was man tut, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen, einen zugleich persönliche Befriedigung verschaffen muss, denn nur so ist es zu vermeiden, dass man ein Leben führt, das ausschließlich aus Alltag besteht. (10) der verstaubte zustand seines büros ist das beste abbild dieses alltags. Darius durchläuft mehrere berufliche situationen, wird alleiniger repräsentant seiner firma Fidelis in ost-europa, daher der titel des romans, letztlich aber ohne erfolg bis zum schluss des romans.

Flora Meier, die ihm angetraute ehefrau, ist aus anderem holz geschnitzt. in ihrem beruf als assistentin beschließt sie, nicht mehr zu leiden (71) und kündigt. nun als kellnerin ist sie der ansicht, ihre Würde so eher bewahren zu können. (71) zu Darius sagt sie: Deine positive Art, deine Glücksfähigkeit, Liebster, tröstet mich immer so schön. (89) dem leser keimt der verdacht der naivität auf.

Flora will aber eigentlich übersetzerin sein. sie befasst sich mit einem Stück (91), das nicht näher definiert wird. Flora gibt eine einschätzung: Und wie ist das Stück? – Ach so, das. Das ist Scheiße.- Inwiefern? - Insofern, als es um absolut nichts geht, das heißt, um nichts von Notwendigkeit, Gewicht, Relevanz. Um das zu überdecken, folgt eine Brutalität auf die nächste, während die Sprache gestelzt und gewollt poetisch daherkommt. Als Publikum würde ich sagen: Zeitverschwendung. Als Übersetzerin wird sie es vielleicht dennoch machen. Mit irgendwas muss man schließlich anfangen. Und es ist ja auch nicht ärgerlich schlecht. Es ist nur, wie gesagt, uninteressant. (95) der leser stutzt und fragt sich, ob hier etwa ein satirisches urteil über den roman angedeutet wird: zeitverschwendung? auch hier die vermischung von ich-erzählerin Flora mit einer anonymen, auktorialen stimme, die die zukunft zu kennen glaubt.

all das ist durchaus interessant, da die beschreibungen der beruflichen situationen und stationen durchaus gesellschaftskritisch sehr realistisch die beliebigkeit und hektik heutiger zeit abbildet. auch wird gleich zu beginn durch ein ominösen paket, gefüllt mit 40.000 €, und dessen verbleib eine kriminologisch spannende komponente eingebaut. das alles heilt aber einen sperrigen effekt nicht.

was nervt, ist die permanente vermaggelung der erzählperspektiven (oben skizziert). wie Damaszener stahl kommen die textpassagen einher. auktoriale hinweise sollen dann offenbar helfen, sich zurechtzufinden bis hin zu klammersetzungen, in der literatur ein eher ungewöhnliches mittel.

wer durchhält und sich das sechste recht des lesers in den vordergrund stellt, nämlich den roman als leben zu sehen, der wird fündig. die angedeutete fahrigkeit des modernen lebens, seine zersplitterung und hektik, wie wir sie alle selber erleben, mitten drin oder am rande, die könnte Terézia Mora expressis verbis beschreiben. sie hat sich aber für einen hektischen schreibstil entschieden, um „es“ uns sozusagen zwischen den zeilen unterzujubeln: das patchwork-leben. dieser schreibstil ist (noch) in der aktuellen schreibszene eher neu und wohl auch der grund für die ziemlich positiven rezensionen dieses romans.

ach ja, auf den letzten seiten hat Flora die nase voll: Du bist ein dämlicher Idiot! Lass mich endlich in Ruhe! (343) Sie ist ausgezogen. (353) Darius aber, der glücksfähige, schwärmt: Du bist die Liebe meines Lebens.(379) ende offen für die liebe, ende offen bezüglich des schwarzgeldes, ende offen bezüglich der beruflichen situationen, ende offen …

nur eine woche in einem fiktiven, unbequemen leben auf 379 seiten– das hat uns lesekräfte gekostet. aber auch das gehört zur literatur und zu der lesearbeit von uns allen.

© 12.12.2018 brmu

 

Kommentare

Derzeit gibt es keine Kommentare. Schreibe den ersten Kommentar!
Gäste
Mittwoch, 20. November 2019

Sicherheitscode (Captcha)