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Díaz überrascht mit Oscar: wow!

ein wort vorab.

im Brühler Lesekreis bei Brockmann (11.2.2019) bin ich gefragt worden, wie ich denn auf dieses buch gekommen sei. frank und frei gab ich zu, dass es eine übrig gebliebene lektüre aus einem literaturseminar (QIV/2018) von Sabine Wegner bei ZfW war. in diesem sinne ist die zusammenfassung unserer diskussion probehalber in einer anderen form abgefasst:

wer in der welt der literatur etwas werden will, der muss einen langen atem haben, gute kritiken einfahren, oder er wird preisträger. Junot Díaz war in den USA als talentierter autor für kurzgeschichten bekannt. sein romandebüt "Das wundersame Leben des Oscar Wao" öffnet ihm nun die szene, denn im jahre 2008 erhält er den Pulitzerpreis „Winner in fiction“. wir haben seinen roman diskutiert, eine zusammenfassung folgt:

ort. New Jersey/USA und Dominikanische Republik (DR) sind als handlungsorte im roman schnell ausgemacht. historisch-politische verhältnisse in der DR sind praktisch unbekannt.

zeit. die zweite hälfte des letzten jahrhunderts ist als zeitfenster der handlungen präzise in den sechs titeln angegeben: 1944 – 1995, für viele von uns ein großteil der eigenen lebensspanne.

handlung. der hauptprotagonist heißt Oscar de Léon, Woa genannt. er wird ab dem siebten lebensjahr nach einer gescheiterten „ménage à trois“ (23) allmählich zu einem fetten, sex-frustrierten nerd, der sich in eine ersatzwelt der Science-Fiction verliert. eine fast schon an klischees heranreichende story.
um diesen kern ranken sich vorherlaufenden, vom DR-regime der familie de Léon menschenverachtend zugefügten katastrophen.
man könnte vorschnell annehmen, die beschriebene persönlichkeitsentwicklung von Oscar, im prinzip novellistisch, sei die rahmenhandlung für den eigentlich schwer verdaulichen teil des romans über den fukú americanus. (13) obwohl in getrennten kapiteln behandelt, wirkt die vergangenheit mittelbar oder unmittelbar auf Oscar ein und in ihm.
dem Fukú-Fluch kann man nur mit einem "Zafa" entkommen. Was das ist, wie sich der Zafa gestaltet, darauf entwickelt sich alles hin.

figuren. die vom schicksal (fukú = fluch) in der DR malträtierte mutter Beli de Léon gibt sich herrisch, gemütskalt und gegenüber der welt hasserfüllt. der sohn Oscar leidet darunter, bleibt aber passiv. seine schwester Lola revoltiert erfolgreich gegen die mutter und stützt Oscar nach kräften, kann aber sein abdriften in die sci-fi-blase nicht verhindern. nur dort fühlt er sich aufgehoben und wohl. Lola unterhält eine prekäre liebesbeziehung zu Yunior, der sich zeitweise um Oscar kümmert. es folgen die figuren der familie und ihre schicksale.
im finale wird die begegnung Oscars mit der prostituierten (puta) Ybón Pimentel (314). Was Frauen anging, besaß er einen Geist wie ein Yogi. Er sprang auf sie an und dabei blieb es. Als er dann abends ihr Haus verließ …, war er verloren. (318) diese begegnung wird zum radikalen wendepunkt in seinem leben. Oscar wurde richtig liebeskrank. (322) Ich habe endlich ein Mädchen geküsst. (343)
der autor selber meldet sich in diesem stadium zu worte, wenn er schreibt: … aber das hier soll der wahre Bericht über das kurze wundersame Leben des Oscar Wao werden. (321) und liefert damit den titel des buches.
Yunior erweist sich nun nicht nur als rückblickender erzähler des schicksals von Oscar, sondern erlebt ebenfalls einen wendepunkt in seinem leben. Zurzeit schreibe ich viel. Das habe ich von Oscar gelernt. Ich bin ein neuer Mann, wisst ihr, ein neuer Mann, ein neuer Mann. (362) doch eine novelle?

sprache. erwartungsvoll graben wir uns in die 370 seiten und sind verwundert: längenweise fußnoten, umfängliches glossar spanischer ausdrücke. das glossar braucht man auch, will man in die feinheiten eintauchen, denn der text - auch in der übersetzung - ist durchwuchert mit uns fremden worten. dieser derbe, provokante latino-diskurs, der auch in der runde teilweise abscheu erregt hat, spiegelt eine männliche macho-sprache von testosteron überschwemmter gemüter. wir älteren tun uns etwas schwer, aber beißen uns durch, überlesen einfach ein paar passagen. das hilft.

erzählweise. der in zeitlich nicht linearer weise rückblickende erzählweise wird der leserschaft auch noch multiperspektivisch dargeboten. ungewöhnlich: der autor versichert uns seiner bemühungen (321), der ich-erzähler wird gegen ende offenbar: Yunior. der auktoriale erzähler lauert überall und besonders in den fußnoten und dem glossar. wahrlich keine leichte kost.

botschaft. die wird direkt ausgedrückt: Er sagte ihnen, dass es falsch war, was sie taten, dass sie der Welt eine große Liebe nehmen würden. Liebe war etwas Seltenes, sie wurde leicht mit tausend anderen Dingen verwechselt, und wenn das irgendjemand wusste, dann er. Er erzählte ihnen von Ybón und wie sehr er sie liebte und wie viel sie riskiert hatten und dass sie angefangen hatten, die gleichen Träume zu träumen und die gleichen Worte zu sagen. Er erzählte ihnen, dass er nur dank ihrer Liebe hatte tun können, was er getan hatte, etwas, das sie nicht mehr aufhalten konnten. (357) die revolte des Albert Camus trifft sich hier mit dem liebesappell Jesu. das hat universellen anspruch. auf Oscar projeziert führt sie zu einer geplanten, souveränen handlung.

gattung. was die gattung anbelangt, ist man hin und hergerissen, denn einerseits bietet die „rahmenhandlung“ klare merkmale einer novelle (reifung der persönlichkeit Oscars: krise, wendepunkt, schock), andererseits ist die romanhafte familiengeschichte derart präsent, dass sie oft den vordergrund beherrscht. der umfang legt die literaturgattung „roman“ nahe.

genre. in toto wird ein familienepos erzählt mit transkulturellem anspruch, der aus den grundmustern der handlungen destilliert und auch in unsere heutige situation übertragen werden kann – und soll. legt man das gewicht auf ein familienmitglied, den Oscar de Léon, dann wäre das genre eines Heldepos nahliegend.

der Pulitzerpreis ist eigentlich ein journalistischer. der roman von Díaz ist mit seiner beschreibung gesellschaftlicher verbrechen auf der individuellen ebene zutiefst journalistisch. er passt mahnend bestens in unsere zeiten des egoismusses, ob einzeln oder als nation, und der geistigen wirrnis vieler.

aber es wäre nicht literatur, diese mischung aus fiktion und realität, wenn man nicht auch einfach sagen könnte, dass der autor J.D. mit hinreichend autobiographischer untermalung den wandel seines ego vom schüchternen autor Oscar in den selbstbewussten autor Yunior beschreibt. denn schreiben ist immer der ritt über den wendepunkt in die offene weite der literatur.

© 15.02.2019 brmu
Junot Díaz, Das kurze wundersame Leben des Oscar Wao, Fischer TB18862, 2010, seitenangaben

 

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