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die hauptstadtfrage

gut vierzehn tage vor der europawahl haben wir uns vom „Brühler Lesekreis bei Brockmann“ (BLbB) in ein provokantes buch von Robert Menasse mit dem titel „Die Hauptstadt“ vertieft. wir haben uns gefragt, um welches genre es sich handeln könnte und sind zu dem schluss gekommen, dass ein sittenbild der europäischen politik und ihrer administration gezeichnet wird. der plot weist nach Brüssel, der titel allerdings woanders hin.

wohin, das wird gegen ende des romans aus dem polit-genre klar: Die Europäische Union muss eine Hauptstadt bauen, muss sich eine neue, eine geplante, eine ideale Hauptstadt schenken. (393) und wo? diese frage beantwortet der rand-protagonist Prof. Alois Erhart (384) so: In Auschwitz muss die neue europäische Hauptstadt entstehen, geplant und errichtet als Stadt der Zukunft, zugleich die Stadt, die nie vergessen kann.“Nie wieder Auschwitz“ ist das Fundament, auf dem das Europäische Einigungswerk errichtet wurde. (394)

die struktur des romans besteht aus einer zentralen erzählung aus dem politischen betrieb der verwaltung der EU, ein bild, das von prolog und epilog eingerahmt wird. schon im prolog werden alle hauptprotagonisten namentlich eingeführt, inklusive eines schweines, das durch Brüssel rüsselt. eine schillernde metapher: schwein gehabt oder schweinerei, aber wofür? aus dieser frage speist sich die spannung.

im zentrum steht ein projekt zur feier des 50 jährigen bestehens der EU. mit dessen planung wird Martin Susman von seiner chefin Fenia Xenopoulou (Martin Susan konnte Fenia nicht ausstehen. 48) beauftragt. So war Martin Susman in die Falle getappt. (64) ein auktorialer, neugier erregender hinweis, wie sich die dinge zu seinem nachteil und den des Big Jubilee Project (51) entwickeln werden.

hunderte von seiten erklären uns nun, wie eine an sich treffende, ja visionäre idee durch das klein-klein der politik und den frappierenden eigennutz der politisch agierenden hinterrücks zerstört wird. es kommt einem immer wieder der alte spruch in den kopf, politik sei ein schmutziges geschäft.

und dennoch: es gibt in dem roman protagonisten wie Martin Susmann und Prof. Erhart, die letztlich scheitern müssen, weil die realität außerhalb des romans ernüchternd ist, andernfalls wäre der roman eine utopie, uns aber dennoch hoffen lassen.

denn in den köpfen der leserschaft bilden sich meinungen und hoffnungen und wünsche. darauf zielt offenbar der autor Robert Menasse ab, der aus dem munde von Prof. Erhart in der letzten sitzung der Reflection Group (384) offensichtlich auktorial spricht über die Theorie der nachnationalen Volkswirtschaftslehre von Armand Moens. (385) einen zeitzeugen, der nicht existiert:

Das 20. Jahrhundert hätte die Transformation der Nationalökonomie des 19. Jahrhunderts in die Menschheitsökonomie des 21. Jahrhunderts sein sollen. Das ist auf so grauenhafte und verbrecherische Weise verhindert worden, dass danach die Sehnsucht neu und noch dringlicher wiedererstand. Allerdings nur im Bewusstsein einer kleinen politischen Elite, deren Nachfolger bald beides nicht mehr verstanden: die kriminelle Energie des Nationalismus und die Konsequenzen, die aus den Erfahrungen mit dem Nationalismus bereits gezogen worden waren. (386) und er provoziert die kollegen:

Sie suchen nicht nach der Wahrheit, weil Sie den Mainstream für den letzten Stand der Wahrheit halten. … Und ich sage, dass wir ihr nicht unbedingt näher kommen, wenn wir uns am Zeitgeist orientieren, also an den gegenwärtig machtvollen Interessen von Wenigen, für die die Mehrheit der Menschen nur ein Abschreibposten in der Buchhaltung ist. (387) und er legt noch eins drauf beim abschluss seiner streitrede:

Sie alle sind Mitläufer. … Wir diskutieren über die Weiterentwicklung der Europäischen Union – einer nachnationalen Gemeinschaft, geboren aus der Einsicht in den historischen Fehler, den Sie wieder für „normal“ halten: So ist die Welt, so sind die Menschen, sie wollen sich über die Zugehörigkeit zu einer Nation definieren, sie wollen definieren, wer dazugehört und wer die anderen sind, und sie wollen sich besser fühlen als andere und sie wollen, wenn sie sich vor andern fürchten, diesen den Schädel einschlagen, das ist ganz normal, so sind die Menschen, Hauptsache das nationale Budget ist im Rahmen der vereinbarten Kriterien. (391)

Und die Pointe seiner radikalen Intervention (391) ist diese: Konkurrierende Nationalstaaten sind keine Union, auch wenn sie einen gemeinsamen Markt haben. Konkurrierende Nationalstaaten in einer Union blockieren beides: Europapolitik und Staatspolitik. Was wäre jetzt notwendig? Die Weiterentwicklung zu einer Sozialunion, zu einer Fiskalunion – also die Herstellung von Rahmenbedingungen, die aus dem Europa konkurrierender Kollektive ein Europa souveräner, gleichberechtigter Bürger machen würde. Das war ja die Idee, das war es, wovon die Gründer des europäischen Einungsprojektes geträumt haben … (392)

in der rezeption dieses romans drängt sich die feststellung in den vordergrund, dass die dem zitierten W. Hallstein, begründer der EWG, zugeschriebenen zitate so nicht von ihm gesagt worden sind. diese diskussion lenkt von dem eigentlichen ab und soll hier auch nicht weiter erörtert werden. denn: literatur ist immer eine mischung aus fakten und fiktionen zum zwecke der anregung zum selberdenken.

in den fünf jahren, die der BLbB sich nun schon regelmäßig zusammenfindet, hat es kein aktuelleres buch gegeben. die europawahl steht unmittelbar bevor. vielleicht hilft es zur bewusstseinsbildung, in welche zukunft wir robben wollen.

zu dem thema einer renovierten EU hat Robert Menasse auch essays geschrieben (Der Europäische Landbote). wer seine auffassung von literatur erfahren möchte, kann das in dem essay „Was ist Literatur? – Ein Miniatur-Bildungsroman“ erfahren.

© 18.05.2019 brmu
Robert Menasse, Die Hauptstadt, Suhrkamp TB (st 4920) 2018
Robert Menasse, Der Europäische Landbote, Zsolnay Verlag 2012
Robert Menasse, Was ist Literatur?, Bernstein Verlag 2015

 

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