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Fontanes zeitlose Heldinnen

Theodor Fontane wurde vor 200 Jahren geboren und begann seine Schriftstellerkariere vor 135 Jahren. Lang, lang ist’s her, wird man sagen. Und: Wer liest den heute noch?, wird man fragen. Burkhard Spinnen hat’s gemacht. Er hat Fontanes Romane aufs Gegenwärtige und nicht aufs Überkommene hin (11) aus übergeordneter Perspektive gelesen und darüber ein essayistisches Buch geschrieben: „Und alles ohne Liebe1.

Spinnen meint, zum Abschluss meiner Familienaufstellung (101), so nennt er seine Analyse, Fontanes differenziertes Frauenbild skizzieren zu können. Denn in meinem Arrangement treten ihre Unterschiede deutlich hervor; ihre Eigenschaften überstrahlen ihre gemeinsame Rolle als Opfer der Gesellschaft. (13) Es wird deutlich, dass der gesellschaftliche Bezug den Hintergrund abgibt.

Spinnen hat für diese Überzeugung eine eigene Begründung: in einem Roman geschieht nur, was sich die Figuren wahrhaft verdient haben. (106) Der Autor Fontane bestimmt also einerseits das Schicksal seiner Figuren, andererseits ist deren Schicksal verknüpft mit den beschriebenen, tatsächlichen Verhältnissen, die den Schluss nahelegen, es handele sich um „Opfer“ dieser Verhältnisse.Das Ambivalente dabei ist die Tatsache, dass der Autor denselben gesellschaftlichen Verhältnissen entstammt.

Auf dieser Basis und anhand von elf Beispielen namens Therese, Sophie, Manon, Effi, Cécile, Stine, Lene, Corinna, Jenny, Melanie und Mathilde wird analysiert. Das Ergebnis unserer Diskussion komprimiert im Überblick:

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Letztlich schafft es nur Melanie, den Zwängen der gesellschaftlichen Verhältnisse und Erwartungen mittels eigener Ausbildung zu entkommen und eine Selbstständigkeit zu leben. Uns wurde in der Diskussion schnell klar, dass Ort und Zeit zwar vergangen sind, die Muster menschlichen Zusammenlebens aber so oder ähnlich weiter existieren und rückbezüglich das Leben einzelner bestimmen, auch wenn sie es eigentlich nicht so wollen. Es bedarf der persönlichen, inneren Revolte gegen die Fesseln des „Was-man-tut“, und daraus abgeleitet der fesselbefreienden Aktionen. Melanie steht auf eigenen Füßen, weil sie einen Beruf ausübt und sich unabhängig macht. Ein sehr modernes Muster unserer heutigen Gesellschaft.

Es wäre auch interessant, eine Arbeit zu lesen, die die Männerfiguren in den von Spinnen analysierten Romanen durchleuchtet. Sie machten uns durchweg einen eher schwachen Eindruck als Handlanger gesellschaftlich verkrusteter, überkommener Regeln und Rituale. Auch hier wird von Fontane ein kritischer Blick auf das Traditionshafte geliefert.

Zum Schluss stellten wir fest, dass es horizonterweiternd ist, auch einmal gut geschriebe Sekundärliteratur zu lesen, jedoch sollten die zugrunde liegenden Romane als Primärliteratur bekannt sein. Es lohnt sich also, Fontanes Werke mal wieder in die Hand zu nehmen und darin nach Resonanzen zu suchen. Als da wären als Basis von Spinnen’s Analyse die Gesellschaftsromane: Die Poggenpuhls, Effi Briest, Cécile, Stine, Irrungen und Wirrungen, Frau Jenny Treibel, L’Adultera und Mathilde Möhring.

© 13.10.2019 brmu
1 Burkhard Spinnen, Und alles ohne Liebe – Theodor Fontanes zeitlose Heldinnen, Schöffling & Co. 2019

 

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