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Germain im labyrith der wörter

wir hatten geglaubt, mit dem roman „Das Labyrinth der Wörter“ eine leichte kost aus der belletristik gewählt zu haben. haben dann aber gestaunt, wie differenziert wir im lesekreis das werk von Marie-Sabine Roger aufgefasst und diskutiert haben. worum geht es?

Germain Chazes, mitte vierzig, scheint ein hoffnungsloser fall. Als ich klein war, nannte meine Mutter mich den „glücklichen Schwachkopf“. (30). Meine Mutter war wie ein spitzer Kieselstein in meinem Schuh. Eigentlich nicht so schlimm, aber es reicht, um einem das Leben zu versauen. (91) keine große mutterliebe in der kindheit, man darf die situation als prekäres familienverhältnis auffassen.

die schulbildung ist ebenfalls minimal, Germain wird gemobbt. seine gesamte sozialisierung ist bedenklich und äußert sich in proletenhaftem auftreten und entsprechend rauher sprache. kurz: Germain ist ein vertreter der so genannten bildungsfernen gesellschaftsschicht. aber kein hoffnungsloser fall, wie wir noch lesen werden. und hier setzt die zweite kritik an: die beschriebene persönlichkeitsentwicklung des Germain sei kitschig idealisiert.

denn ausgerechnet sein hobby führt ihn aus der enge heraus. er beobachtet und füttert gerne tauben im park. hier fällt einem das wort: klischee als dritte kritik ein. dieser Germain trifft eines tages auf eine alte dame im park, die ebenfalls tauben füttert. und nun nehmen die dinge ihren lauf, und zwar im kopf des Germain.

Dr. Margueritte Escoffier heißt sie, 86 jahre alt, ist von der akademisch ausbildung her biologin und lebt im altenheim. und sie ist das genaue gegenteil von dem, was Germain ausmacht. beide sitzen auf der parkbank, füttern tauben und kommen ins gespräch. Margueritte interessiert sich für Germain, und das löst bei ihm bislang unbekanntes aus. Ob Sie es glauben oder nicht, in dem Moment habe ich entdeckt, was es für eine Gefühl ist, wenn sich jemand für einen interessiert. (18) das verhältnis auf gegenseitiger respektsbasis entwickelt sich. Inzwischen habe ich das Wort gefunden, das mir fehlte: Vertraute. (20)

diese entwicklung verändert Germain. Ich habe mich wirklich verändert. Seit ich Margueritte begegnet bin, arbeite ich an meinem Verstand. … Ich denke über das Dasein nach. (38) Als ich Margueritte begegnet bin, fand ich es erst kompliziert, mir Wissen anzueignen. Dann interessant. Und dann unheimlich, denn mit dem Nachdenken anzufangen ist etwa so, wie wenn man einem Kurzsichtigen eine Brille gibt. (47)

die autorin lässt uns die veränderungen im kopfe des Germain von innen miterleben, aus der ich-perspektive, die aber ganz offensichtlich auktorial daherkommt. das hat zur weiteren skepsis geführt, dass man dies wohl eher nicht könne. aber die literarische freiheit lässt alles zu! es handelt sich ja nicht um ein psychogramm. es drängt sich uns allmählich die annahme auf, dieser roman beinhalte eine verpackte botschaft an die leserschaft, die es zu dekodieren gelte.

Germain denkt weiter nach: Und wenn man dann ganz oben steht, … Man hat einen irren weiten Ausblick. Aber nach einer Weile, da fällt einem was ganz Blödes auf: dass man nämlich alleine ist. (48) das will Germain keinesfalls, denn er will seine clique in der kneipe nicht verlieren. Die Moral von der Geschichte: Ich werde auf halber Höhe stehen bleiben und glücklich sein, wenn ich es soweit schaffe. (49) eine sehr realistische einstellung. dabei ergibt sich dann: ich habe mich plötzlich von außen gesehen, das war ein komisches Gefühl. (60)

dieses komische gefühl der selbstreflektion wird durch das gemeinsame lesen, respektive vorlesen von literatur ausgelöst, ein schlüssel zur graduellen veränderung. man muss nur lesen können, und das ist bei Germain schwach ausgeprägt. ein motor zur verbesserung ist das erlernen des buchstabierens – symbolisch - im labyrinth des wörterbuches.

die veränderungsprozesse in der persönlichkeit des Germain gipfeln in dem lob von Margueritte: Germain, Sie sind ein prima Kerl. Ihre Freunde haben großes Glück. (151) die kapieren das aber gar nicht, machen sich lustig über Germain. aber allmählich verändern sich auch die beziehungen zu dem sozialen netz, in dem Germain lebt, seine kneipengruppe, seine geliebte Annette, die ihm ganz am ende eröffnet, von ihm schwanger zu sein, und sogar das verhältnis zur mutter wird posthum gewandelt.

in summa kommt der roman also schlicht daher und unterliegt vordergründig dem verdacht, klischeehaft oder gar kitschig zu sein. aber getreu der erkenntnis von Germain, Wörter sind wie Schachteln, in die man seine Gedanken einsortiert, um sie den anderen besser präsentieren und verkaufen zu können. (21) - darf man das prinzip auch auf den roman anwenden.

hinter der fassade schlummert eine art rezept. menschen können sich ändern, wenn die resonanz gleicher interessen eintritt, wenn respektvoll und tolerant, gepaart mit empathie, gesprochen und gehandelt wird, wenn neugier auf neues entsteht, wenn beispiele den horizont erweitern und wenn raum und zeit gelassen wird, wenn anerkennung und lob den erfolg zum selber(er)finden versüßen. denn wir alle sind wesen, die von der anerkennung in der gruppe, in der sie leben, zehren.

uns fiel das symbol des wollknäuels als potenzial ein. wo potenzial ist, da kann etwas ab-/entwickelt werden. der berufsstand der lehrerschaft ist für unsere gesellschaft solch ein unverzichtbarer umsetzer dieser erkenntnisse. die autorin Marie-Sabine Roger konnte ihren berufstand der grundschullehrerin nicht verleugnen.

© 18.07.2018 brmu

 

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