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Grünbein erinnert sich

wer hat schon seine kindheit im zoo verbracht? besuche: ja. aber dort leben: nein. es kann also nur ein wortbild sein für das, was uns Durs Grünbein in seinem buch „Die Jahre im Zoo“ von seiner kindheit erzählt.

Einmal die Kindheit aufzuschreiben, das hatte ich mir lange vorgenommen. Der Wunsch ist fast so alt, wie ich es nun selber bin. Ging es denn nicht um die Ausdehnung der Kindheit mittels Schrift und Erinnerung? (212) diese frage bleibt unbeantwortet. vielleicht ist sie rhetorisch gemeint.

Der Mensch ist, was er nun einmal ist, einzeln und abgeschottet gegen die anderen, dank seines komplexen Gehirns. (211) wir leser/innen, im lesekreis unsere jeweiligen hirne gebrauchend und keineswegs gegenseitig abgeschottet, versuchten eine ahnung zu entwickeln.

Kennst du das? Wenn du plötzlich nicht mehr mit Bestimmtheit sagen kannst, wer du bist. Wenn dir klar wird, daß du vergessen hast, wer du einmal warst? So viele Bewußtseinsstadien, Situationen des Lebens, so viele Ansichten von ein und derselben Person – und stets war sie ein anderer und sagte und schrieb dabei doch immer treuherzig: Ich. (358)

wir meinen, es geht um die selbstvergewisserung des autors, daher die autobiographie früher jahre, garniert mit reflektionen essayistischer art mit bezügen zu dem heutigen leben.

Erinnerung funktioniert wie ein Kaleidoskop…. Das meiste aber verschwindet und taucht nur durch Zufall wieder auf, wenn Prosa den Zauberstrahl findet, das Funkeln der Kristalle am Boden des Spielzeugs zu bündeln weiß. … Die Muster liefert das Kurz- oder Langzeitgedächtnis, als wäre das menschliche Hirn konstruiert wie ein optischer Apparat. (358)

die verspieltheit mit wissen wird dem lyriker Durs Grünbein nachgesagt, auch in seinen gedichten. dabei spielt das gehirn natürlich die entscheidende rolle, als ort der erinnerung und der verarbeitung selbiger. das vorgelegte buch, im Untertitel „Ein Kaleidoskop“ genannt, spiegelt das verfahren auch. so wird der etwaig schwächelnden leserschaft die dekodierung des begriffs „Zoo“ gegen ende des autobiografischen werkes geliefert.

Tiere hinter Gittern, das hat noch keinen gestört. Man ging in den Zoo, wie man zur Wahlurne ging …Damals begann es, daß sie lernten, hinter Gittern zu leben, Großstädter in ihren Wohnställen, Bürger eines Landes, das seit kurzem ein Eiserner Vorhang trennte vom Rest der Welt. (371) wer diese ahnung entwickelt hatte, der wird nun bestätigt. wir haben es nicht nur mit einer idyllischen kindheitserinnerung zu tun, sondern auch mit einer milden, gesellschaftskritisch-historischen betrachtung zwischen den zeilen. wer es nicht ahnte, muss nochmals von vorne anfangen zu lesen, um diesen gehalt in sich aufnehmen zu können. ein lesekreis ist hierfür goldes wert.

und Grünbein? für ihn ist sein kreuzworträtsel erfindender opa das schlüsselerlebnis zum schriftstellertum. Es war der Beginn einer namenlosen Erregung, von der ich glaube, daß sie geradewegs in die Dichtung führte. (393) das aber mit einer längeren anlaufbahn, die uns der autor andeutet.

In den Stunden größter Einsamkeit, hoch verdichteter, konzentrierter Einsamkeit, meldet sich die Stimme. … Und sprach allerlei Kauderwelsch, Halbgedachtes, Halbgefühltes, sprach in Andeutungen Sätze …Ich mochte sie nicht, ihre Einflüsterungen, lieber sprach ich mit mir selbst. (226) und: Dies frühe Alleinsein und Alleinseinwollen, ich kann nicht sagen, wozu das gut war. … Er ist das typische Einzelkind. (227) und: Noch war sie nicht stachelig geworden, nicht zur Belastung für alle anderen, diese traurige Gabe der Einsamkeit. (233)

und: Die Nomadenjahre der Kindheit neigten sich ihrem Ende zu. Nun waren es die Bücher, die für jede Enttäuschung aufkommen mußten. Das Lesen entführte uns in ganz andere Regionen. (245) und: War das der Kern der Kindheit gewesen, dies Unvordenkliche, Ungebundene, Unsagbare? (259) weiter: … die Gewohnheit des lyrischen Selbstgespräches … (262) … in meinen Meditationen …(264)

diese überlegungen und fragen gehen bis an die grenze. Im Grunde war alles ganz einfach. Der Mensch mußte sterben, dazu war er geboren, und das wußte er, von Anfang an und empfand es mitunter scharf. (265) es folgen eine reihe von geschichten, die das illustrieren. abschließend notiert Grünbein: Zum ersten Mal in meinem Leben hatte ich das historische Gefühl … der Ohnmacht vor etwas viel Größerem, dem Tod als solchem … (354)

in einer einfühlsam und illuster geschriebenen zeigeschichte im Dresdner stadtteil Hellerau in der alten DDR (Kalter Krieg, Eisener Vorhang) wird der philosophische bogen literarisch von geburt zum tod geschlagen. dazwischen die erweckung als kind zum dichter mittels ein paar bedeutungsschwangeren signalen: zurückgezogenheit als gabe der einsamkeit, wiederkehrende träume und innere flüsterstimmen, bücher lesen, wortbedeutungen erschließen, lyrisches selbstgespräche und meditationen darüber.

wem dass bislang auch passiert ist, der darf sich ermutigt sehen, in dieselben fußstapfen zu steigen – oder?

Grünbein schreibt in seinem essay „Warum schriftlos leben?“ diesen satz: Im Grunde sind Schriftsteller selten so abgebrüht, wie sie tun. Was sie antreibt, ist eine Heidenangst vor dem allgegenwärtigen Nichts.

Das klingt auch in einem frühen gedicht in dem band „Schädelbasislektion“ an:

Was du bist steht am Rand
Anatomischer Tafeln.
Dem Skelett an der Wand
Was von Seele zu schwafeln
Liegt gerad so verquer
Wie im Rachen der Zeit
(Kleinhirn hin, Stammhirn her)
Diese Scheiß Sterblichkeit.

© 11.07.2019 brmu
Durs Grünbein, Die Jahre im Zoo, Suhrkamp TB 4818
Durs Grünbein, Warum schriftlos leben – Aufsätze, SV 2435, Seite 61
Durs Grünbein, Schädelbasislektion – Gedichte, Suhrkamp 1991, Seite 11

 

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