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Ishiguro lässt 'was übrig

spieglein, spieglein an der wand
wer ist der größte im ganzen land?

in dem roman von Kazuo Ishiguro: Was vom Tage übrig blieb, ist die rede von einem mann ohne vornamen, Mr. Stevens, seines zeichens „Butler“ eines Lords in Darlington Hall im England der ersten hälfte des letzten jahrhunderts. heute würde man wohl von einem personalmanager reden. Stevens will perfekt sein und offenbar seinen dienenden beruf zur elitären berufung wandeln. er strebt unter konsequenter hintanstellung aller privaten bedürfnisse nach der höchstmöglichen vollendung in seiner funktion - und verpasst dabei sein eigentliches leben.

das zieht ganz verhaltene, dramatische spuren im text. die ihm unterstellte haushälterin, Mrs. Kenton, nähert sich ihm auf menschliche weise, in dem sie in seinem kargen büro einen blumenstrauß arrangieren will, was befremden bei Stevens auslöst. an anderer stelle steigert sich diese annäherung durch ihr eindringen in sein zimmer, wo sie ihn, einen liebesroman lesend, vorfindet. Mrs. Kenton ist interessiert und windet ihm das buch aus den händen. diese durchbrechung der sozialen distanz hinein in die intime nähe, lässt Stevens erstarren. fortan ist das verhältnis der beiden in eigenartiger weise beschädigt.

es wird immer klarer, dass der autor und nobelpreisträger Kazuo Ishiguro seiner leserschaft ein buch vorlegt, dass es „in sich hat“. denn lösen wir uns aus der betrachtung der protagonisten und kommen zu verhaltensmustern, dann erkennen wir die irreleitungen einer formalisierten und lakonischen sprache ohne die typischen empathiemuster, die zu missverständnissen und isolation führen muss.

eine weitere ebene abstrahiert, darf dieser roman, der auffällig viele kriterien einer novelle aufweist, als ein spiegel einer gesellschaft gelten, deren teile sich in formelhafter sprache zu anderen auf distanz hält, sich im elitengehabe erschöpft. die dieser elite dienenden menschen, gleich welcher funktion, möchten gerne anschließen durch pflichterfüllung um jeden preis. menschliche nähe, empathie und ethik, fallen den vermeintlichen anforderungen an einen „großen“ butler zum opfer.

aber es deuten sich auch tendenzen der reflektion über und aufkeimenden kritik an dieses/diesem prinzip an. Stevens möchte nach gut dreißig jahren seine ehemalige haushälterin wegen personalmangels gerne wieder anheuern. er glaubte, in einem brief von ihr an ihn signale der willigen rückkehr zu lesen. die umstände sind günstig, denn er kann den alten wagen seines neuen chefs auf Darlington Hall, Mr. Faraday, für eine reise benutzen.

diese reise wird eine klassische reise zum wendepunkt des alten denkens. in zunehmendem maße wird Stevens mit der welt außerhalb der „middle class“, in der er sich isoliert aufgehalten hatte, konfrontiert mit direktem, unverblümten denken und sagen. diese neuen eindrücke lösen in ihm vergleichende betrachtungen von erlebnissen aus, die sich nun in wandelndem lichte darstellen.

am abend des dritten reisetages wird ihm einiges klar: Aber hinterher ist man immer klüger, und wenn man, mit solchem Nachwissen begabt, seine Vergangenheit nach derartigen „Wendepunkten“ abzusuchen beginnt, kann es einem wohl geschehen, dass man überall welche erblickt. (208) Stevens weltbild gerät in bewegung. er findet einige solcher wendepunkte in dem seinerseits so unterkühltem verhältnis zu Mrs. Kenton. das reflektieren der eigenen lebenssituation begann mit der fahrt zu ihr.

wir erleben also eine klassische hinführung auf einen novellistischen, dramatischen höhepunkt – der leider nur sehr verhalten eintritt. doch Stevens kann nicht mehr aus seiner haut heraus. im gespräch gesteht ihm Mrs. Kenton: Zum Beispiel denke ich dann an ein Leben, das ich mit Ihnen zusammen vielleicht geführt hätte. (280) dieser mehr als verhaltene moment der erklärung einer über das berufliche maß hinaus gehenden zuneigung, löst in Stevens etwas unerwartetes aus: Wahrhaftig – warum sollte ich es nicht zugeben –, in diesem Augenblick brach mir das Herz. (280) der durchbruch ins herz, ins zentrum seines privaten seins.

denn schon bald jedoch wandte ich mich ihr wieder zu und sagte mit einem Lächeln: „Sie haben vollkommen recht, Mrs. Benn. …“ (280) Stevens selbsterkenntnis währte nur einen funkenschlag lang. dann reagiert die vorherrschende butlernatur und geht auf distanz, in dem nun der korrekte name fällt wie ein fallbeil. diese lang anhaltende episode der möglichkeiten ist für immer beendet.

nach der katharsis folgt nach einem gespäch mit einem ehemaligen einfachen Diener (283) die erkenntnis: Vielleicht hat dann auch sein Rat etwas für sich, dass ich aufhören soll, so viel zurückzuschauen, dass ich eine positivere Einstellung gewinnen und versuchen sollte, aus dem, was vom Tage übrig bleibt, noch das Beste zu machen. (286) Stevens traut sich nicht zu denken: aus dem, was vom >leben< übrig bleibt, noch das beste zu machen. einmal butler, so scheint’s, immer butler, aber in wandlung begriffen. und genau darum verurteilen wir ihn nicht leichtfertig.

lösen wir uns von der handlung und verlegen den plot in unsere lebewelt, so lassen sich mühelos eine reihe von verhaltens- und kommunikationsmustern finden, die sich übertragen lassen. so hält uns Ishiguro einen mehrfachen spiegel vor, vom individuum über den job zur gesellschaft und ihren verkrampfungen. die nobelpreiskommission würdigte den autor als einen, „der in Romanen von starker emotionaler Wirkung den Abgrund in unserer vermeintlichen Verbundenheit mit der Welt aufgedeckt hat“. mit Kazuo Ishiguros roman (oder novelle?) können wir den sprung über diesen abgrund wagen.

spieglein, spieglein an der wand1,
wer ist der größte im ganzen land?
herre Stevens, ihr seid der größte hier,
aber frau Kenton scheint weitaus menschlicher als ihr!

© 12.12.2017 brmu
1 nach Gebrüder Grimm, Die schönsten Kinder- und Hausmärchen, Schneewittchen

 

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