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Kehlman vermisst welten

die welt vermessen zu wollen, ist das nicht vermessen? kann man diesen anspruch lesbar machen, ohne sich im historischen, biografischen, naturwissenschaftlichen faktengestrüpp zu verheddern? man kann!

Daniel Kehlmann hat den nachweis mit seinem roman „Die Vermessung der Welt1 vorgelegt. das ganz nach seinem motto: Der historische Mensch selbst ist gewissermaßen ein Magnet, und um ihn herum ist ein Feld, indem man sich erfindend bewegt.2 was die erfindungen anbelangt, so konnten wir dem kritiker Hubert Winkels mit seiner meinung, es fehle an literarischem Mut, an Spiellaune, Erfindungsgabe und Gegenwartsbezug3 nicht folgen.

die biografischen hintergründe der hauptprotagonisen Alexander von Humboldt (1769-1859) und Friedrich Gauß (1777-1855) sind romanhaft verändert, ebenso die handlungsfelder. beide helden der wissenschaft stellen ein spannungsfeld dar, wie die pole eines magneten. der eine weltoffen, weltsüchtig und der andere verschlossen, eher sozial inkompetent. in diesem magnetfeld entfaltet sich der roman und erzählt uns etwas aus einer längst vergessenen zeit, angereichert durch weitere historische personen wie Immanuel Kant, der als altersschwaches, nur noch „Wurst“ (96) forderndes idol von Gauß beschrieben wird.

diese mischung lässt schmunzeln, ungläubig schauen, auch mal recherchieren und staunen. das kommt alles nicht langweilig an, denn es blitzen immer wieder daseinsbezüge auf, frei nach des autors eigenem anspruch: Es muß immer … nun ja, ein Element existentieller Wahrheit geben, eine Berührung mit den Grundtatsachen unseres Dasein.4

Humboldt steht vor den resten eines tempels und kommt mit einem arbeiter ins gespräch, der ihm schier unfassbares über die damaligen zeremonien menschlicher Schlachtungen (201) erzählt. darauf Humbold:

Zwanzigtausend an einem Ort und Tag, das sei undenkbar. Die Opfer würden es nicht dulden. Die Zuschauer würden es nicht dulden. Ja mehr noch: Die Ordnung der Welt vertrüge derlei nicht. Wenn so etwas wirklich geschähe, würde das Universum enden. – Dem Universum, sagte der Arbeiter, sei das scheißegal.“(202)

abgesehen, dass die antwort des arbeiters sehr an Camus‘ „Der Fremde“ erinnert, dem verkünder des gleichgültigen universums, die er aber noch gar nicht hat lesen können, weil vor der zeit lebend, hat die jüngere geschichte uns gelehrt, dass in den lagern des faschismus die zahl der opfer in die millionen gingen, ohne dass das universum einen mucks tat oder tut. es ist sache der menschen in dem universum, dies zu vermeiden oder zu verhindern. ein ernüchternder anker aus dem roman, in die zeit der leserschaft geworfen.

und noch ein beredtes beispiel: Humboldt ist gast bei Thomas Jefferson (1743-1826), einer der gründer der USA. bei dem gastmahl trinkt er

einen Schluck Wein und kam auf die Last des Despotismus und die Ausbeutung der Bodenschätze zu reden, welche einen sterilen Reichtum erzeuge, von dem die Volkswirtschaft niemals profitieren könne. Er sprach über den Alpdruck der Sklaverei. (212)

wenn das mal nicht mitten in unserer zeit einschlägt. wir müssen nur die metaphern leicht umdeuten. Despotismus in diktaturen, aber auch im freien konsumwahn. Bodenschätze für die stromgier und das digitale bigdata-business. Ausbeutung in allen varianten, ob urwald oder näherinnen. Reichtum war schon immer nur dazu gut, mehr reichtum anzusammeln, um damit macht auszuüben im sinne eines despotismus, eine rückbezügliche sucht. Humboldt nennt ihn subtil „steril“, also die belange der „Volkswirtschaft“, ein aufrüttelnder, unzeitgemäßer begriff in dem roman, werden nicht bedient. das geld kommt nicht bei denen an, die es benötigen. ein wahrer Alpdruck der Sklaverei, wir sind gemeint, die konsumsklaven im globalen dorf der gegenwart. spätestens hier ist die schelte, es fehle am gegenwartsbezug, leider ein signal der interpretationsschwäche des scheltenden.

aller guten dinge sind drei: Friedrich Gauß und A. von Humboldt unterhalten sich über die sterbestatistik und Gauß meint: Man denke, man bestimme sein Dasein selbst. … Man meine, man habe alles selbst entschieden. Erst die Mathematik zeige einem, daß man immer die breiten Pfade genommen habe. Despotie, wenn er das schon höre! … Die wahren Tyrannen seien die Naturgesetze. – Aber der Verstand, sagte Humboldt, forme die Gesetze! – Der alte kantische Unsinn. Gauß schüttelte den Kopf. Der Verstand forme gar nichts und verstehe wenig. … Die Welt könne notdürftig berechnet werden, aber das heiße noch lange nicht, daß man irgend etwas verstehe. (219/220)

das ernüchtert ungemein, nach einigem nachsinnen im hauch der philosophie keimt die ahnung auf, dass dies eine brutale wahrheit sein könnte: realität ≠ welt.

zum schluss tröstet uns Kehlmann mit einer elegant versteckten selbstkritik aus dem munde von Gauß: Künstler vergäßen zu leicht ihre Aufgabe: das Vorzeigen dessen, was sei. Künstler hielten Abweichungen für eine Stärke, aber Erfundenes verwirre die Menschen, Stilisierung verfälsche die Welt. … Romane, die sich in Lügenmärchen verlören, weil der Verfasser seine Flausen an die Namen geschichtlicher Personen binde. (221)

ist der roman eine flause? wir halten ihn für ein kunstprodukt zwischen biographie und fiktion.

© 10.09.2019 brmu
1 Daniel Kehlmann, Die Vermessung der Welt, Rowohlt 2005, 11. Auflage, seitenangaben ()
2 Daniel Kehlmann, Diese sehr ernsten Scherze, Wallstein 2016, 5. Auflage, seite 26
3 Hubert Winkels, Kann man Bücher lieben? , Kiepenheuer&Witsch 2010, seite 265
4 D. Kehlmann, Diese sehr ernsten Scherze, Wallstein 2016, s. 12

 

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