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könig im exil

eine einmütig positive resonanz war im letzten lesekreis bei Brockmann zu erleben. Arno Geigers buch „Der alte König in seinem Exil“ hatte auf breiter linie an unsere gefühle gerührt und einigen teilnehmer/inne/n war das thema der demenzerkrankung angehöriger durchaus vertraut. man konnte aus eigner erfahrung schöpfen und somit das beschriebene nachvollziehen. in kürze:

ort: Österreich, bundesland Vorarlberg, bezirk Bregenz, städtchen Wolfurt (ca. 8.000 einwohner/innen) – es kann aber überall passieren

zeit: geburtsjahr des vaters 1926 bis etwa 2009 mit diversen zeitangaben wie etwa, dass der vater um 1995 zeichen von demenz erkennen lässt (1995 – um diesen Dreh herum hatte das ganze Schlamassel angefangen.) (109)

handlung: vater des autors erleidet in zunehmendem maße die Alzheimer krankheit. drei phasen werden beschrieben: a) unverständnis der familienangehörigen, die gedächtnislücken werden ihm angerechnet, es kommt zu einer entfremdung zwischen autor und vater; b) diagnose der krankheit als wendepunkt; c) verständnisvoller umgang mit vater, gemeinsame pflege und wieder annäherung in der vater-sohn-beziehung

figuren: hauptprotagonist ist der vater August Geiger, der aus der wahrnehmung seines sohnes Arno Geiger beschrieben wird. nebenfiguren stellt die familie wie den großvater, der Arno ab 1974 nicht mehr erkennt und an demenz verstirbt.

sprache: zentrale rolle des würdeerhalts des vaters - bei einer immer gravierender verlaufenden krankheit - spielt die eleganz seines sprachgebrauchs. wenn auch die logik zu äußeren dingen verloren geht, so bleibt eine gewisse innere logik der sätze erhalten.

stil: einfühlsame schreibweise der sensiblen beobachtung des väterlichen verhaltens, durchsetzt mit essayistischen einsprengseln, um der leserschaft hinweise zu geben oder positionen des autors zu erläutern.

Arno Geiger hat keinen herkömmlichen familienroman geschrieben, er hat überhaupt keinen roman geschrieben, sondern eine in phasen unterteilte, empathische beobachtung der allmählichen veränderung eines ihm sehr nahestehenden menschen, seines vaters. ihm geht es darum, zu beschreiben, dass und wie ein seine persönlichkeit verlierender mensch dennoch seine würde erhalten kann, das eher unbewusst durch seinen sprachgebrauch. die kurzen, verblüffenden dialoge zwischen vater und sohn sind die herzstückchen des ganzen buches.

man mag so nebenbei auch lernen, wie man sich dementen menschen gegenüber richtig verhalten sollte, aber es geht dem autor um mehr. der vom vater sehr häufig wiederholte wunsch, „nach hause“ zu gehen, obwohl er ja daheim ist, zeigt die grundlegende innere verunsicherung durch die krankheit.

in einem der auktorialen einsprengsel notiert der autor: Alzheimer ist eine Krankheit, die, …, auch Aussagen über anderes als nur über sich selbst macht. Menschliche Eigenschaften und gesellschaftliche Befindlichkeiten spiegeln sich in dieser Krankheit wie in einem Vergrößerungsglas. Für uns alle ist die Welt verwirrend, und wenn man es nüchtern betrachtet, besteht der Unterschied zwischen einem Gesunden und einem Kranken vor allem im Ausmaß der Fähigkeit, das Verwirrende an der Oberfläche zu kaschieren. Darunter tobt das Chaos. Auch für einen einigermaßen Gesunden ist die Ordnung im Kopf nur eine Fiktion des Verstandes. … Gleichzeitig ist Alzheimer ein Sinnbild für den Zustand unserer Gesellschaft. Der Überblick ist verlorengegangen, das verfügbare Wissen nicht mehr überschaubar, pausenlose Neuerungen erzeugen Orientierungsprobleme und Zukunftsängste. … Angesichts dieser mir während der Jahre heraufdämmernden Erkenntnis lag es nahe, dass ich mich mit dem Vater mehr und mehr solidarisch fühlte. (57/58) und warum das?

Denn die traditionelle Gesellschaft, in der mein Vater und seine Geschwister ihre Kindheit verbracht haben, ist zerfallen. Es gibt noch bäuerliche Arbeit, aber kein bäuerliches Leben mehr. Der sogenannte Strukturwandel hat aus Wolfurt eine Wohn- und Industriegemeinde gemacht, … (169) der begriff „strukturwandel“ hat es inzwischen zu fetischistischer verbreitung gebracht!

mit diesen reflektorischen gedankengängen ist das buch wie eine große metapher auch eine an den verstand appellierende beschreibung des zustandes unserer gesellschaft – und nicht nur eine vordergründige, an die gefühle gerichtete krankengeschichte.

so sollte literatur sein: die leser/innen bei den gefühlen packen, sie wringen und wiegen, um dann beim ab- oder weglegen des buches den eigenen verstand zu wecken, zum selberdenken zu animieren. nur so finden wir täglich aus der „selbstverschuldeten Unmündigkeit“ à la Immanuel Kant heraus.

das leben an sich ist absurd, wie Albert Camus notierte, die ethik für ein gutes leben müssen wir daher selber finden und praktizieren. das kommt nicht von oben. würdevolles sprechen und verhalten, wie es der demente August Geiger auch unter verlust der bedeutungen des gesagten beibehielt, ist ein guter start dazu.

© 12.03.2019 brmu

 

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