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kundera und das sein

Milan Kundera1 ist ein literat, der nicht nur als romancier in erscheinung tritt, sondern auch als essayist, über seine werke und seine art zu schreiben reflektierend. er meint in seinem essayband „Die Kunst des Romans“: Erkenntnis ist die einzige Moral des Romans. (14)

Mit Descartes sei das denkende Ich als Grundlage von allem zu verstehen. Mit Cervantes sei die Welt als Ambiguität [Mehrdeutigkeit] zu verstehen, statt mit einer einzigen absoluten Wahrheit … konfrontiert zu sein. (15)

Dieses „Entweder-Oder“ zeugt von der Unfähigkeit, die essentielle Relativität der menschlichen Dinge zu ertragen, … Auf Grund dieser Unfähigkeit ist es schwierig, die Weisheit des Romans … zu akzeptieren und zu verstehen. (16)

Meine Romane sind nicht psychologisch.(35)

… der ganze Roman ist nichts als eine lange Befragung. Die meditative Befragung … ist die Grundlage, auf der alle meine Romane aufgebaut sind. (46)

… die Imagination des Lesers [ergänzt] die Imagination des Verfassers automatisch. (49)

Die Schwäche als sehr allgemeine Kategorie der Existenz. (55)

Nachdem … in den Wissenschaften und in der Technik Wunder gelungen sind, wird [dem Menschen] plötzlich bewußt, daß er nichts besitzt und weder Herr der Natur ist noch der Geschichte, noch seiner selbst. … Der Planet wandert völlig herrenlos im Leeren. Da haben wir sie, die unerträgliche Leichtigkeit des Seins. (55)

das erinnert stark an Albert Camus2 … wurde ich angesichts dieser Nacht voller Zeichen und Sterne zum erstenmal empfänglich für die zärtliche Gleichgültigkeit der Welt. (114) die absurdität des seins erhält hier eine fast lyrische ausdrucksweise.

mit diesem Rüstzeug näherten wir uns nun dem rätsel seines romans „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins3“. es treten zwei hauptprotagonisten in die erzählerische welt: Tomas, der erotomane mit unzähligen one-night-stands, verliebt sich in Teresa, die sensible, und fühlt sich so an sie gebunden. Er empfand damals eine unerklärliche Liebe für dieses Mädchen, das er kaum kannte. (10) … Die Liebe zwischen ihm und Teresa war schön, … Sieben Jahre war er an Teresa gekettet gewesen, … Er befand sich auf einmal im magischen Feld des Parmenides: er genoß die süße Leichtigkeit des Seins. (32) diese seine leichtigkeit hätte einen gegenpol. Denn: Es gibt nichts Schwereres als das Mitgefühl. (33) Aber: Tomas verspürte nicht das geringste Mitgefühl. (37) für Teresa.

aber Teresa leidet zunehmend unter dieser steten untreue des Tomas, kann aber auch signale der unabhängigkeit senden. An jenem Abend … gestand er ihr endlich zu Hause, daß er eifersüchtig war, weil er sie mit seinem Kollegen hatte tanzen sehen. (55)   Leider wurde sie sehr bald selber eifersüchtig. Für Tomas war ihre Eifersucht … eine Last, der er sich erst ein oder zwei Jahre vor seinem Tode entledigen sollte. (56)

in der nebenhandlung tauchen Franz, der geradlinige, und Sabina, die souveräne, auf. die beiden frauen bilden die brücke zu den zwei handlungssträngen, denn auf bitten von Tomas verhilft Sabina, die ab-und-an-geliebte des Tomas, der Teresa zu einem job in der zeitung. sie entwickelt sich zur fotografin und dokumentiert die geschichtlich realen geschehnisse um den Prager Frühling 1968 und dessen niederschlagung. das ist die verankerung des romans in der geschichtlichen zeit und der anspruch, ernst genommen zu werden.

das ist letztlich der grund, warum Tomas und Teresa die Tschechei verlassen und sich in der Schweiz niederlassen. aber auch dort kann Tomas als Libertin (25) nicht von den anderen frauen lassen. Teresa fühlt sich bei ihm schwach und will zurück zu den schwachen, sie geht wieder in die Tschechei zurück.

vier tage später folgt ihr Tomas und letztlich erleidet das paar die wohl bekannte härte von dissidenten in einem regime, sie landen verarmt in einem abgewrackten dorf auf dem lande. dort, in der rückgezogenheit und einfachheit des lebens, kommen sie sich näher und machen ihren frieden miteinander. als leser/innen ziehen wir die augenbrauen hoch. was passiert da denn jetzt?

herbeigelesene urteile entpuppen sich als vorurteile. man staunt: Teresa sagte sich, daß sie ihr Leben lang ihre Schwäche gegen Tomas mißbraucht hatte. … Ihre Schwäche war aggressiv und zwang ihn fortwährend zur Kapitulation, bis er scließlich aufhörte, stark zu sein und sich in ein Häschen in ihren Armen verwandelte. (298)

die ambiguität des lebens wird klar, in dem die den roman hindurch als schwach geltende Teresa, stets von Tomas durch seine weibergeschichten entwürdigt, sich als die starke frau herausstellt, denn sie gesteht, sie habe ihre schwäche gezielt gegen Tomas eingesetzt. und der so starke hallodri Tomas entpuppt sich nun als der geschwächte am ende. zwei jahre können sie noch diesen zustand der inneren klärung erleben, dann kommen beide bei einem unfall ums leben.

dieser wendepunkt war so fesselnd, dass wir uns mit den anderen beiden protagonisten Sabina und Franz nicht intensiv beschäftigt haben. der roman ist trotz seiner geschichtlichen verwurzelung um das jahr 1968 auch heute noch eine fundgrube menschlichen lavierens zwischen den polen von gut und schlecht, ehrlich und verschlagen, leicht und schwer.

auktorial heißt es zur situation der Sabina: Das Drama eines menschlichen Lebens kann man immer mit der Metapher der Schwere ausdrücken. … Ihr Drama ist nicht das Drama des Schweren, sondern des Leichten. Auf Sabina ist keine Last gefallen, sondern die unerträgliche Leichtigkeit des Seins. (118) in der nebenfigur der Sabina liegt also der titel des romans begründet.

und noch mehr nachdenkliches liefert der autor in seinen ich-botschaften und auktorialen eingriffen: Für Sabina ist „in der Wahrheit leben“, …, nur unter der Voraussetzung möglich, daß man ohne Publikum lebt. Von dem Moment an, wo jemand unserm Tun zuschaut, passen wir uns … den Auen an, die uns beobachten, und alles, was wir tun, wird unwahr. Ein Publikum zu haben, …, heißt, in der Lüge zu leben. Sabina verachtet die Literatur, inder ein Autor alle Intimitäten über sich und seiner Freunde verrät. (109) das kann auch auf die situation des schreibenden und den literaturbetrieb bezogen werden.

der hang des autors, sich mit philosophischen einsprengseln und essayistischen betrachtungen eine aura zu verschaffen, endet bei Parmenides, der die welt in ihrem hin und her zwischen den extremen polen begriff. zur ruhe kommt man nur, wenn sich das leben mittig einpendelt, extreme vermieden werden. das war für Teresa und Tomas für zwei jahre in der dörflichen bescheidenheit offenbar der fall. dann kommt der tödliche unfall und die leichte oder schwere seinsart hat ihr absurdes ende gefunden (s.o.).

F. Ricard4 schreibt in seiner Auseinandersetzung mit Milan Kunderas heute vorliegendem Werk (7): In diesem Sinn vor allem kann Kunderas Werk als die Erforschung einer verwüsteten Welt gelesen werden ,das heißt der Welt, wie sie dem exilierten Bewußtsein dauernd erscheint. (27) folgt man Camus, dann sind wir alle exilanten in einer sinnfreien, absurden welt, die wir zu verstehen suchen und doch nicht können. sich dann ethisch zu verhalten ist seine parole.

dazu noch ein zitat aus der „unerträglichen Leichtigkeit des Seins“: Teresa … sagt sich, daß die Menschheit genauso von der Kuh schmarotzt, wie der Bandwurm vom Menschen: sie hat sich wie ein Blutegel an ihrem Euter festgesaugt.  ... Der Mensch ist nicht etwa Eigentümer, sondern lediglich Verwalter dieses Planeten, und er wird eines Tages für diese Verwaltung zur Rechenschaft gezogen werden. (275) ein geradezu dystopischer bezug zur lebensweise der menschheit heutiger zeit. Kunderas romane bergen noch viele andere schätze, die gehoben werden können.

© 19.06.2019 brmu

1 Milan Kundera: Die Kunst des Romans, Hanser 2007
2 Albert Camus: Der Fremde, Fischer Bibliothek 1983
3 Milan Kundera: Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins, Fischer TB 1998
4 François Ricard: Agnes‘ letzter Nachmittag – Milan Kundera und sein Werk, Hanser 2003

 

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