litbiss.de

McCullers auf herzenjagd

man nimmt den alten roman „Das Herz ist ein einsamer Jäger1 von Carson McCullers in die hand, fragt sich, warum wieder so viele seiten beschrieben wurden, und ist skeptisch. dann kommt die lesearbeit, dann keimt die neugier, dann dämmert die erkenntnis, dass hier viele lebensmuster miteinander verflochten beschrieben werden, trotz vergangener zeiten. der roman spielt in der zeit um 1938/1939 in Georgia, USA, und kommt sehr gesellschaftskritisch daher. er bietet die aspekte einer novelle ebenso wie die eines romans

John Singer ist sehr eng befreundet mit Spiros Antonapoulos in einer namenlosen kleinstadt. beide sind taubstumm, wie das damals hieß. Singer arbeitet als silbergraveur und Antonapoulos ist helfer im laden seines vetters. viele jahre geht das seinen gang, bis sich die psyche von Antonapoulos gravierend verändert und er letztlich in der irrenanstalt landet. Singer besucht ihn nach möglichkeit, bis er eines tages in der anstalt vom tod seines freundes informiert wird. die welt bricht für ihn zusammen und er erschießt sich.

es gibt ein weiteres pärchen, das sich im roman kurzzeitig findet. Mick Kelly, kurz vor ihrem dreizehnten lebensjahr und Harry Minowitz, nachbarsjunge, gehen gemeinsam baden und es kommt zum einvernehmlichen sex. Sie wandten sich beide gleichzeitig einander zu. Sie lagen dicht aneinander gepresst. … Und dann geschah es. So also war das. (241) Harry hat schwere gewissensbisse. Es ist meine Schuld. Unzucht ist eine schreckliche Sünde. (242) er verlässt fluchtartig die stadt ohne seinen eltern bescheid zu geben.

Mick ist danach völlig verändert. Nun war sie erwachsen – ob sie wollte oder nicht. (243) sie hatte sich bislang oft in ihrer inneren welt der musik aufgehalten. Schule und Familie und alles, was so täglich passierte, gehörte zur Außenwelt. Mister Singer war in beiden Welten. Fremde Länder, Pläne und Musik waren in der inneren Welt. Auch die Lieder, die sie im Kopf hatte, gehörten dorthin. … Die innere Welt war etwas ganz Privates. (143)

nun obsiegt die äußere welt: sie verlässt die schule, geht arbeiten, um die finanzielle situation der familie Kelly aufzubessern. alle illusionen brechen zusammen. Wozu das alles? Das hätte sie gern gewußt. … Wozu all die Pläne, und wozu die Musik? Wenn dabei nichts weiter herauskam als diese Falle: ins Geschäft, nach Hause zum Schlafen, dann wieder ins Geschäft. (307) die sie beflügelnde innere welt verflüchtigt sich. Sie wäre so gerne in die innere Welt gegangen, aber sie wußte nicht wie. Es war, als wäre die innere Welt irgendwie für sie verriegelt. Sehr schwer zu verstehen war das. (310)

verzweifelt redet sie sich einen sinn des ganzen ein: Das alles mußte doch für irgendetwas dagewesen sein, wenn es einen Sinn haben sollte. Und den mußte und mußte und mußte es haben. Ja, es hatte einen Sinn. Na also! O.K. Einen Sinn. (310) Das sind existenzialistische fragen, die später Albert Camus in seinem werk aufgreift und unter dem schlagwort „Absurdität“ subsummiert.

das dritte pärchen findet sich zeitweilig unter ihrem kodewort „Wissende“ zusammen. der"Neger" Dr. Benedict Mady Copeland und der weiße arbeiter Jake Blount. Dr. Copeland ist arzt und intellektueller. er wird von seiner tochter Portia gescholten: Die ganze Zeit brauchst du dieses Wort >Neger<. … Das ist so ein Wort, das die Leute verletzt. Sogar das alte einfache >Nigger< ist besser als dieses Wort. Aber höfliche Leute … sagen immer >Farbige<. (70)

Jake Blount meint zu Singer als vermeintlich ebenfalls Wissendem im Café New York: Wissende und Unwissende gibt es, und auf tausend Unwissende kommt bloß ein Wissender. Das eben ist das ewige Wunder: daß alle die Millionen so vieles wissen, nur dieses eine nicht. … Der Unterschied ist bloß der: man muß begabt sein, um sich die Erde rund vorzustellen. Meine Wahrheit ist aber so naheliegend, daß es geradezu ein Weltwunder ist, daß die Leute sie nicht erkennen. … Ich bin ein Wissender. Ich bin ein Fremdling in einem fremden Land. (23) und weiter: Sieh mal, wenn zwei Wissende wie wir aufeinander stoßen, das ist ein Ereignis. Das kommt so gut wie niemals vor. Manchmal begegnen wir einander, aber keiner ahnt, daß der andere ein Wissender ist. … Aber weißt du, von unserer Sorte gibt’s so wenig. (23)

und was wissen sie? sie sind von den herrschenden verhältnissen in ihrem land massiv angeekelt. … die Hunde, denen die Fabriken gehören, sind Millionäre … (63) … worauf ich hinaus will, ist folgendes: wenn einer weiß und wenn er’s den anderen nicht begreiflich machen kann – was soll er dann machen? … Wohin man sieht – nichts wie Gemeinheit und Korruption. … Für jeden Bissen, den wir essen, für jeden Faden ,den wir am Leibe haben, schindet sich einer bis aufs Blut – und alle tun so, als wüßten sie’s nicht. Alle sind sie blind, taub und vernagelt – dumm und gemein. (63)

beide träumen von rebellion und hängen dem gedankengebäude von Karl Marx an. in ausführlichen (selbst)reden werden ihre positionen dargelegt. Jake formuliert das so: Aber nehmen wir mal an, einer ist ein Wissender. Dann sieht er die Welt wie sie ist. Er sieht, wie Kapital und Macht langsam eins werden und heute auf ihrem Höhepunkt sind. … aber die Unwissenden haben solange in der Lüge gelebt, daß sie einfach nicht mehr sehen. (132) und er folgert: Aber sieh mal, das ist doch so: wir können’s doch nicht einfach dabei lassen, daß wir Wissende sind; handeln müssen wir. (136) Und wenn genügend Unwissende diese Wahrheit begriffen haben, dann braucht’s keinen Kampf mehr. Wir haben nichts weiter zu tun, als es ihnen beizubringen. Weiter nichts. (139) er meint, die innere revolte als lernprozess nach außen tragen. dabei gerät Jake in eine schlägerei und ist gezwungen, die stadt möglichst unerkannt zu verlassen. Aber was war das nun – Flucht oder Vormarsch? Nun, jedenfalls ging er. Alles mußte noch einmal von vorne anfangen. (307)

Dr. Copeland ist radikaler, er stimmt Jake Blount nur bedingt zu. auf einem weihnachtsfest referiert er: Karl Marx war ein kluger Mann. … Jeder Reiche lässt ein paar tausend Arme für sich arbeiten, damit er noch reicher wird. Karl Marx teilte die Menschen nicht ein in Neger und Weiß oder Chinesen, denn ob ein Mensch zu den Millionen Armen oder aber zu den wenigen Reichen gehört, war für ihn wichtiger als die Farbe seiner Haut. Karl Marx verkündete in der großen Botschaft seines Lebens die Gleichheit aller Menschen und forderte, daß der Reichtum der Welt so verteilt werde, daß es nicht mehr Arme und Reiche gebe, sondern daß jeder einzelne seinen Anteil erhält. … Jeder nach seinen Fähigkeiten und jedem nach seinen Bedürfnissen. (164/165) und er schließt seine rede mit den worten: Wir haben die Aufgabe, die Zeit unserer Demütigung mit Kraft und Würde zu überstehen. Wir können nicht stolz genug sein, denn wir wissen, wie kostbar der Geist und die Seele des Menschen sind.  (170) die geschichte hat ihm recht gegeben.

zurück bleibt der durch den tod seiner frau Alice zum single gewordene besitzer des „Cafés New York“, Bartholomeus („Biff“) Brannon. in der kleinen welt seines lokals hatten sich die protagonisten oft getroffen und so kennen gelernt. er bleibt unverändert und sieht der zukunft stoisch entgegen.

wonach jagen nun die herzen dieser protagonisten? nach denen der anderen und verpassen sie. das wird am beispiel des John Singer drastisch deutlich. obwohl er taubstumm ist, also nicht hören kann und auch nicht spricht, treffen sich die leute bei ihm in der wohnung oder sprechen ihn an auf seinen spaziergängen im stadtviertel. Singer erzählte ihm [Antonapoulos in der anstalt] … von den Leuten, die ihn zu besuchen pflegten. Er sagte …, sie trügen dazu bei, ihn von seiner Einsamkeit abzulenken. Merkwürdige Menschen seien es, … immerfort redeten sie – aber er freue sich, wenn sie kämen. (83)

da er immer freundlich ist und nicht widerspricht, wird Singer zur projektionsfläche ihrer sorgen und nöte wie am ende einer einbahnstraße. wie es Singer geht, interessiert sie nicht. erst als er sich das leben nimmt, geht eine schockwelle durch das viertel. Biff grübelt in seinem lokal: Das Rätsel. Die Frage, die sich in ihm festgesetzt hatte und die ihm keine Ruhe ließ. Das Rätsel um Singer und um die anderen. (314) doch das hält nicht lange an. Während er zur Tür ging, fühlte er sich sicherer. … war er wieder so weit, daß er nüchtern und gelassen dem neuen Tag entgegensah. (315) man geht zur tagesordnung über: such is life.

© 24.04.2018 brmu
1 Carson McCullers, The Heart Is a Lonely Hunter, erschienen: 1940
zitate und seitenzahlen aus: Carson McCullers, Das Herz ist ein einsamer Jäger, Diogenes 1963

 

Kommentare

Derzeit gibt es keine Kommentare. Schreibe den ersten Kommentar!
Gäste
Samstag, 15. Dezember 2018

Sicherheitscode (Captcha)