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McEwan's Fiona eröffnet die chance

Ian McEwans „Kindeswohl“, ein buch des emotionalen zugriffs auf seine leserschaft: schuld und reue, richtig und falsch, treu und glauben. Ian McEwan schont uns nicht mit seinem „Kindeswohl“. wir haben diskutiert und die zeit dabei vergessen – und uns auch hie und da vom text gelöst, wenn die resonanzstellen heftig wurden.

alles ein zeichen engagierter lesearbeit.

tauchen wir in den text ein, so finden wir eine rahmenhandlung zeitloser art, nämlich, dass langverheiratete Paare immer mehr wie Geschwister miteinander leben (11). Fiona Maye hatte sich in ihre richterinarbeit vergraben und ihr gatte, Jack, sechzig jahre alt, vermisste sex, den er sich nun bei Melanie zu holen gedachte, wie er Fiona eröffnet.

Fiona hingegen zog ein unvollkommenes Dasein vor, dasjenige, das sie jetzt hatte. (12) damit sind die karten gemischt und die beziehung geht – zeitweilig? –auseinander. die spannungen aber bleiben und funken in die haupthandlung hinein. Ja, ihre Kinderlosigkeit war selbst …eine Flucht vor ihrer eigentlichen Bestimmung. Sie war nicht zur Frau geworden, so wie ihre Mutter dieses Wort verstand. (51) sie machte sich Selbstvorwürfe (53). Hätte sie Kinder, wäre es ein schockierender Gedanke, sie nicht gehabt zu haben. (53)

und auch ihre profession bleibt nicht unreflektiert. In Momenten des Zweifels an den rechtsstaatlichen Prozeduren brauchte sie sich nur den Fall … ins Gedächtnis zu rufen, um ihr vages Gefühl bestätigt zu sehen, dass das Recht, sosehr Fiona es lieben mochte, im schlimmsten Fall kein Esel, sondern ein Schlange war, eine giftige Schlange. (59) von diesem „gift“ handelt der roman: die unwägbarkeit der weiteren auswirkungen eines richterspruches.

inzwischen häufen sich auf dem schreibtisch der familienrichterin Fiona die fälle. bei all ihren erwägungen bekennt sie sich zu ihrer Pflicht, mittel- und langfristig zu denken, ein Kind von heute, …, könne durchaus bis ins zweiundzwanzigste Jahrhundert leben. (21) es geht ihr also um die perspektive, die den rechtlich noch unmündigen qua richterspruch offengehalten werden soll. wohlergehen und/oder wohlbefinden in diesem zusammenhang sind demnach variable Begriffe (23).

so ist auch der spektakuläre fall, der sich ab seite 41 entfaltet, zu verstehen. eine klinik behandelt einen 17-jährigen, also noch unmündigen jungen mit namen Adam Henry medikamentös. begleitend wird eine bluttransfusion notwendig. Adam und seine eltern lehnen das ab. der grund liegt in deren religiösen „wahrheiten“. die klinik klagt, weil das leben des patienten in hohem maße gefährdet ist, man will sich absichern.

Fiona soll in dieser lage recht sprechen. sie erwägt, sich am krankenbett selber ein Bild zu machen (43), was heutzutage überaus ungewöhnlich (43) war. Eine sentimentale Anwandlung, in die Klinik fahren zu wollen. Sie verwarf die Idee, … (43) Es war nicht das erste Mal, dass die Absurdität und Sinnlosigkeit ihrer Rolle … sie vorübergehend lähmte. (44) Albert Camus lässt grüßen und wir finden bei ihm in „Die Pest“ den arzt Rieux, der trotz dieser sinnlosigkeit und absurdität seinen job macht.

entsprechend handelt Fiona und macht ihren job als richterin. in der verhandlung zu dem eilantrag der klinik sagt die sozialarbeiterin Marina Greene: „Man sollte nicht zulassen, dass ein Kind sich aus religiösen Gründen umbringt.“ (91) im laufe der verhandlung kommt Fiona zu einer entscheidung: „In Anbetracht der einzigartigen Umstände dieses Falles, habe ich beschlossen, mit Adam Henry selbst zu sprechen. Dabei interessiert mich, …, ob er weiß, was ihn erwartet, falls ich dem Antrag der Klinik nicht stattgebe. … Er soll verstehen, dass ich es bin, die in seinem besten Interesse entscheiden wird.“ (97/98)

auf der fahrt in die klinik reflektiert Fiona, dass es entweder um eine Frau am Rande eines Nervenzusammenbruchs (99) geht, nämlich um sie und ihre aktuelle lebenssituation, oder darum, ob ein Junge durch das Einschreiten eines weltlichen Gerichts dem Glaubenssystem seiner Sekte entrissen wird oder nicht. (99) hieran entzündete sich die diskussion, ob das denn noch professionell sei, nicht gar eine art befangenheit, in der sich die richterin aufgrund ihres eheproblems, kinderlosigkeit und untreue des mannes, befinde.

es kommt noch schlimmer, denn wir lesen: Sie spürte die ersten Anzeichen einer umfassenden Menschenfeindlichkeit und zwang sich, wieder an ihre Mission zu denken. (101) kindeswohl und menschenfeindlichkeit passen nicht zusammen!

Fiona erklärt dem Adam, warum sie persönlich erscheint und nicht im gerichtssaal entscheidet: „Manchmal kommt es zu Massentäuschungen. Leute, die einander nicht kennen, können alle derselben falschen Vorstellungen erliegen. In Gerichtsprozessen kann das durchaus passieren.“ (109) im laufe des gespräches mit Adam kommt sie zu der überzeugung, es war die richtige Entscheidung gewesen, hierherzukommen. (110) Seine ganze Art, sein Humor, hatte etwas von der Albernheit, die manchmal mit hoher Intelligenz einhergeht. Und sie diente dem Selbstschutz. Er musste große Angst haben. Zeit, ihm die Leviten zu lesen. (113)

und das tut sie auch. Er hatte die Fassung verloren. (114) und es kommt ihr ein gedanke in den kopf, der auf die rahmenhandlung weist: Den Jungen mit nach Hause nehmen und aufpäppeln. (114) die kinderlose, frustrierte richterin fühlt mütterlich. das spürt Adam offenbar, denn später, als er die bluttransfusion erhalten hat und sich immer besser fühlt, entwickelt er die fantasie, mit ihr eine schiffsfahrt zu unternehmen und sogar den ausdrücklichen wunsch: „Ich möchte bei Ihnen wohnen.“ (175)

Fiona bleibt cool. Mit einem solchen Ansinnen hätte sie nie gerechnet. Aber eigentlich lag es auf der Hand. (175) sie hatte Adam aus den fängen seiner sekte befreit, ihm geht es zusehends besser. aber er muss seine soziale umgebung verlassen, der >Gemeinschaftsentzug< (87), wie es die sekte nennt, tritt ein. das möchte Adam kompensieren.

beim abschied berühren sich versehentlich beider lippen. Sie hätte zurückweichen können. Stattdessen blieb sie, wo sie war, dem Augenblick schutzlos preisgegeben. … Eine flüchtige Berührung, aber mehr als nur ein Hauch, mehr als ein Kuss, den eine Mutter ihrem erwachsenen Sohn geben würde. (178) das haut rein, denn nun merken wir, dass nicht nur die sehnsucht nach mütterlichkeit eine rolle spielte, sondern auch die nach männlicher zuneigung, die ihr der ehemann gerade vorenthält.

aber Fiona ist innerlich mit der situation ihrer ehe befasst - … sie arbeitete an ihrer Beziehung (183) - und weist Adam ab. sie beantwortet seine briefe nicht. sie schilt sich: Was für eine unbedachte Torheit, dass sie nicht sogleich zurückgewichen war. (181) und: Sie neigte sonst nicht zu Unbesonnenheit und begriff nicht, was sie da geritten hatte. Ihr Gefühlswirrwarr enthielt einige Elemente, denen sie sich noch würde stellen müssen, das war ihr klar, … (181)

den letzten brief im blauen Umschlag (188) – im deutschen sprachraum eine metapher für die letzte warnung der schulleitung vor dem drohenden sitzenbleiben – öffnet sie spät und liest ein gedicht Adams, das in der letzten zeile kryptisch endet. man erkennt den rückfall in die religiös verbrämte sektiererei: Ihr Kuss war der des Judas, Verrat und nicht mehr umzuwenden / So soll er (190) alles weitere unleserlich.

während also die rahmengeschichte der ehe von Fiona und Jack Maye wieder in den vordergrund rückt, erleidet Adam im hintergrund einen gesundheitlichen rückfall, seine leukämie bricht wieder durch. nun 18-jährig, lehnt er sektensystemkonform eine erneute bluttransfusion ab. das resultat ist sein tod, der in seinem gedicht avisiert ist. denn als Fiona davon hört, entschlüsselt sie die letzte zeile so: So soll er, der mein Kreuz ertränkt, mit eigner Hand sein Leben enden. (214) Fiona war der Judas, hatte in seiner sicht verrat begangen an ihm und dadurch war er, Adam, seiner sekte, und vermeintlich damit auch Jesus (kreuzsymbol) untreu geworden. es bliebt scheinbar nur die sektensystemkonforme verweigerung der bluttransfusion und damit die säkulare selbsttötung.

spät begreift Fiona, die richterin, im gespräch mit Jack: „Ich glaube …, er hat Gefühle für mich entwickelt.“ (218) und: „Er dachte, ich könnte sein Leben ändern. Ich vermute, er wollte mich zu einer Art Guru machen.(219) aber: „Ich habe ihn weggeschickt.“ (219) fazit: „Er ist für seinen Glauben gestorben.“ (220) erkenntnis: „Ich denke, es war Selbstmord.“ (220)

wir haben die schuldfrage diskutiert. Adam bedurfte einer stabilisierung in der distanz zu den angeblichen wahrheiten seiner sekte, die seine eltern bedingungslos lebten. das erkennt Adam wohl intuitiv und sucht nach einer lösung, dies in einer gefühlsaufwallung von dankbarkeit und hingezogenheit oder gar liebe zu seiner retterin Fiona, die seine mentorin sein sollte. die aber erweist sich als spröde und enttäuscht ihn. er fällt ins alte narrativ zurück.

wer ist schuld an seinem tod? im lesekreis wurde hier die anmerkung gemacht, dass die romanfigur Fiona an dieser stelle versagt, sie hätte die sozialarbeiterin Marina einschalten müssen zwecks maßnahmen für die neue sozialeinbindung des jungen mannes Adam in der „säkularen welt“.

aber es sind auch die eltern im spiel der schuldfrage, die sich irrational einer angeblichen wahrheit verschrieben haben und seinen tod billigend in kauf nehmen wollten für angeblich höheres. auch die ältesten der sektengemeinde, die in dasselbe horn blasen, sind nicht außen vor. da wir alle durch unsere mitwelt sozialisiert werden, ob wir wollen oder nicht, war die einwirkungsdauer dieser personen höher zu bewerten, als die der richterin, die folgende einstellung hatte: Nach meiner Überzeugung ist sein Leben wertvoller als seine Würde. (131)

so hat ihr urteil dazu geführt, dass Adam volljährig werden konnte, um in ähnlicher situation und nunmehr nach kenntnis der alternativen aus frust sich selbst fremd wird. das ist aber das recht eines jeden erwachsenen, über sein leben – und sei es mit dem risiko des todes - zu entscheiden. insofern hat Fiona das getan, was eine aufgeklärte richterin hat tun können: eine chance zum selber denken zu eröffnen! wer das nicht nutzt, ist selber sein opfer.

die diskussionsfreude um das kindeswohl war ein zeichen für die hohe resonanz, die McEwans roman in uns ausgelöst hat. so soll literatur sein.

© 16.11.2018 brmu
Ian McEwan, Kindeswohl, Diogenes TB 2016 (zitate im schrägdruck)

 

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