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Meckels Licht erleuchtet

Vorbemerkung: Die Corona-Krise hat nun auch unseren Brühler Lesekreis bei Brockmann beeinflusst: Wir müssen auf ein Treffen verzichten, um dem Virus kein neues Futter zu liefern. Damit aber die Lust am Lesefutter bleibt, können hier meine Gedanken zu dem ursprünglich am 6.4.2020 geplanten Treffen nachvollzogen werden.

Kommentare im Sinne unserer fruchtbaren Gespräche aus dem Lesekreis sind hier willkommen!

Christoph Meckel (1935-2020) ist ein Besonderer gewesen, Mann der Bilder und der Worte in einem. Diese beiden ästhetischen Aspekte der Anschauung der Welt waren in ihm vereint. Entsprechend poetisch kommt seine Literatur daher. In der Erzählung „Licht“ widmet er sich dem Thema Misstrauen und den daraus erwachsenden Gefühlen der Spaltung und Verunsicherung.

Die Erzählung wird durch eine Rahmenepisode mit dem Stichwort „Brief“ gekennzeichnet. Der Einstieg mit dem ersten Satz ist mehrdeutig: … und wäre jetzt gerne bei Dir. (5) Eine Bekundung des Autors an mich? Bin ich als Leser*in gemeint? Oder wer sonst? Und es geht dann recht eng und vertraulich weiter. Ich brauche kein Glück, ich kann auch ohne Illusion mit Dir lachen.(5) Offenbar kennen sich die Briefpartner sehr gut und nehmen das Leben wie es ist, sie müssen sich nichts vormachen. Und dann die Schlüsselstelle im Brief:

… ich möchte mich immer auf etwas freuen. Ich muß diese Freude empfinden können, wenn ich nicht nur ein Mensch sein soll, der mehr oder weniger einseitig funktioniert. Funktionieren, schon das Wort ist schrecklich. Ich funktioniere nicht. Ich will nichts geschenkt bekommen und ich will nichts auslassen, aber ich will, daß es das jederzeit für mich gibt: Freude, mit oder ohne Grund, mit Dir und allein – vielleicht nur eine Moment lang … (6) - Und gegen Ende: Sag mir, daß wir lebendige Menschen sind. (7)

Wer den Lebenslauf von Chr. Meckel als Multitalent kennt, ahnt, dass sich hier eine autobiographische Lebenshaltung spiegelt. Und wie steht es mit unsriger, die wir das lesen und uns wundern? Ein wirklich nachdenklicher Einstieg.

BU LKB Meckel Licht Plotskizze 200401 brmu

Gil, der Ich-Erzähler, findet eines Tages einen Brief im Laub auf der Terrasse. Seine Enttäuschung ist furchtbar, etwas Verzehrendes. (8) Dieses Verzehrende bis zum bitteren Ende zieht sich durch die ganze Erzählung, eine intensive Beschreibung der Erosion der Liebesbeziehung zwischen ihm und Dole, seiner Lebenspartnerin.

Die Handlung ist weniger spannend als emotional anrührend. Man meint, doch so das eine oder andere mal erlebt zu haben. Der Resonanzfaktor zu uns Leser*innen ist hoch. Hier ein paar solcher Sätze:

Das Wahrnehmen ohne Verdacht, das bejahende Anschaun einer Frau erscheint mir heute als vollkommenes Glück. (14)

Ihr Lächeln setzte mein Vertrauen voraus, aber mein Vertgrauen war nicht mehr das. Sie hat den Bösen Blick noch nicht bemerkt, … (14)

Wer spricht zuerst? Wielange schon hat Dole den Freund verschwiegen? Wird sie je imstand sein, mir etwas zu sagen? Werde ich jemals imstand sein, sie danach zu fragen? Wer zerreißt das falsche Glück? Warum machen wir den Mund nicht auf? (24)

Wir entbehrten nichts, wenn wir allein waren. Nichts fehlt mir von dir und von mir, sagte Dole, falls es das Glück gibt, muß es sowas sein – mühelose Gerechtigkeit für zwei. Unser Alleinsein war unverzichtbar, erste und letzte Voraussetzung für das Glück. Aber wir brauchte nicht Glück, sondern Zeit; nicht Zeit, sondern Freude ohne Betrieb; nicht Freude ohne Betrieb, sondern Unabhängigkeit in nächtlicher Ruhe. … Zeit war nötig, um etwas von ihr zu erfahren, ohne sie danach zu fragen. (32)

In diesem Sinne quälen sich Gil und Dole um das Eigentliche herum: Die Beziehung ist abgekühlt.

Dann kommt die Stelle, die den Titel begründet. Gil erinnert sich:

Ich schlage ihr vor, für ein Wochenende mit mir nach Mauviron zu fahren. (88) Dole ist skeptisch. Ich will das nicht nachträglich verlieren, sagt sie, ich brauche den Sommer noch, das Licht wie es war, unser herrliches Licht - … (88) Camus hat in seinen frühen Erzählungen auch immer von dem mediterranen Licht als Lebensenergie geschwärmt.

Wir wollten ohne Frage und Auskunft allein sein, ohne Begründung allein, uneingeschränkt und restlos uns selbst überlassen, nutzlos und überflüssig und unverwertbar, außerhalb aller Zusammenhänge und nicht zu erreichen. Von Resignation und Hoffnung gleichermaßen entfernt. Wir wollten in Träumerei ohne Inhalte verschwinden und der Zeit überlassen bleiben im Hinblick auf nichts. … Nichts voneinander erfahren zu wollen, setzte voraus, daß wir genug voneinander wußten. Wir waren uns einige ohne Beteuerung. (89/90)

Aber: Die Sorglosigkeit ist nicht mehr da, wir stellen es fest, das ist ein schweigsamer Vorgang. … Unsere Täuschungen sind kein Erfolg. … Dann ist nichts mehr möglich und wir brechen auf. (108) In welche Richtung sich diese Beziehungsgeschichte weiter entwickelt, möge man selber lesen. Das Ende ist nicht offen.

Diese schmale Erzählband ist es wert, mehrfach gelesen zu werden. Er enthält – sagen wir – fast paar-therapeutische Hinweise zur Selbstbeobachtung. In einer absurden Welt ist die absolute Freiheit des einen Individuums die Fessel des anderen. Wie den Ausgleich finden, wenn man keine Fragen stellen kann oder will?

© 01.04.2020 brmu

 

Kommentare 2

Gäste - litbiss am Samstag, 04. April 2020 08:31

Weitergeleiteter Kommentar von Fr. Dr. H. Klein vom 2.4.2020:

Das Buch habe ich vor Jahren gelesen und bin froh, es wieder lesen zu "müssen". Eine wunderschöne Liebesgeschichte, die leider tragisch endet. Ich hätte mich gefreut, mit den anderen darüber zu diskutieren, was sie am Ende gewollt hat. War sie auf dem Weg zum Bahnhof zu ihrem Franzosen nach Hause oder war es ein versuchter Suizid, der ja dann auch klappte oder ein einfacher, tragischer Unfall?

Erklärung: Mit "sie" ist die Protagonistin Julia Schubert gemeint, von Gil "Dole" genannt.

Weitergeleiteter Kommentar von Fr. Dr. H. Klein vom 2.4.2020: Das Buch habe ich vor Jahren gelesen und bin froh, es wieder lesen zu "müssen". Eine wunderschöne Liebesgeschichte, die leider tragisch endet. Ich hätte mich gefreut, mit den anderen darüber zu diskutieren, was sie am Ende gewollt hat. War sie auf dem Weg zum Bahnhof zu ihrem Franzosen nach Hause oder war es ein versuchter Suizid, der ja dann auch klappte oder ein einfacher, tragischer Unfall? Erklärung: Mit "sie" ist die Protagonistin Julia Schubert gemeint, von Gil "Dole" genannt.
Gäste - BRMU am Samstag, 04. April 2020 09:05

Hallo Fr. Dr. Klein, auf Ihre Fragen gibt es im Text einen Hinweis auf S. 118. Dort nimmt der andere Geliebte von Dole = Julia, Stephen Hopkins, für sich in Anspruch: "Ich begreife ihren Tod als Unfall, der verursacht wurde durch Enttäuschung über meine Abwesenheit und schließlich Erschöpfung." Ein beachtliches Ego hat dieser Stephen. Nehmen wir die Textstelle als Hinweis auf eine Melange aus Gründen. Ursachen im Leben sind ja selten eineindeutig.
Mit besten Anti-Corona-Grüßen, BRMU

Hallo Fr. Dr. Klein, auf Ihre Fragen gibt es im Text einen Hinweis auf S. 118. Dort nimmt der andere Geliebte von Dole = Julia, Stephen Hopkins, für sich in Anspruch: "Ich begreife ihren Tod als Unfall, der verursacht wurde durch Enttäuschung über meine Abwesenheit und schließlich Erschöpfung." Ein beachtliches Ego hat dieser Stephen. Nehmen wir die Textstelle als Hinweis auf eine Melange aus Gründen. Ursachen im Leben sind ja selten eineindeutig. Mit besten Anti-Corona-Grüßen, BRMU
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Dienstag, 11. August 2020

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