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Menasses Wienerschmäh

die journalistin Eva Menasse, inzwischen wohl etablierte schriftstellerin, legte 2005 ihr romandebüt vor: Vienna. und schon prasseln die preise: Rolf-Heyne-Debütpreis (2005), Jonathan-Swift-Preis (2015) und der Friedrich-Hölderlin-Preis (2017) für das bisherige gesamtwerk.

in diesem jahr wurde Vienna zum „Buch für die Stadt“ Köln gekürt. ergo wollten wir es bei so viel lob im literaturbetrieb einmal selbst lesen - und wir waren nicht enttäuscht, wenngleich auch kritikpunkte angemerkt werden.

als mühsam und ablenkend wurde empfunden, dass die zentralen figuren, die die basis der romankonstruktion darstellen, namenlos daherkommen. wir haben das als familiären schutz interpretiert. denn dieser roman nimmt sich die geschichte einer familie vor, die offenbar in weiten teilen autobiographisch ist.

die familie liebte die ganze Heimeligkeit dieses familiären Sagengutes, in das wir uns lustvoll einwickelten, weil es unser flüchtiges Zusammensein mit einer kurzen, aber kräftigen Wurzel in der Vergangenheit verankerte. Insbesondere wurden die Toten lebendig gehalten. (372) das ist das weit verbreitete grundmuster von vielen familientreffen, wobei man die ältesten Geschichten am liebsten hat. Sie sind am offensten und am verheißungsvollsten, weil ihr wahrer Kern so verschwindend weit zurück liegt und deshalb fast alles erlaubt ist. (373) flunkerei bis geschichtsklitterung.

das profil der oftmals auch auktorial daherkommenden ich-erzählerin bleibt nebelhaft. sie weiß alles, wir wissen als leser/innen wenig von ihr. Die einzige Person, die man innerhalb dieser neurotischen Strukturen nicht für voll nahm und deshalb Neutralität genoß, war ich. (370) das neutralitätsprinzip des journalismus schimmert hier durch.

„weiters“ fällt die wienerische diktion auf, auch als wiener schmäh tituliert, ein charmant formuliertes und freundlich gesprochenes stilett im ego des gesprächspartners. Doch genau genommen waren die witzigen Passagen immer nur Zwischenspiel zu durchaus ernsteren Überlegungen. (374) hier gibt die ich-erzählerin auktorial auskunft über das bauprinzip des romans. zwischen einer unmenge an heiterkeiten, die die gesprächsbasis der familientreffen darstellen, blitzen ab und an ernstlichkeiten durch von vor, während und nach der nazi-zeit in Österreich.

da kann sich dann einiges aufstauen, was auch im vorletzen kapitel zum eklat in der familie führt. Ich staunte, was sich da über all die Jahre in meinem älteren Vetter an Kränkung und Zorn aufgestaut haben mußte. (386)

so sind die verschiedenen, locker zusammenhängenden kapitel auch unterschiedlich für das familiennarrativ zu gewichten. am beispiel des kapitels „Ende“ sind einige aspekte diskutiert worden. in diesem kapitel lesen wir auch eine nicht leicht verständliche reflexion über das schreiben: Daß zur Schaffung geistiger Meisterwerke ein gewisses Maß an Irrsinn, … gehört, wer würde das ernstlich bestreiten? Und wer wüßte das besser als gerade ich, die Zuschauerin, die ich ja immer nur war,…, alles nachgezählt und nachgeprüft, aber kein Gramm Inspiration. (388) dieser nachsatz ist Eva Menasse in rezensionen einige male hämisch nachgeworfen worden.

die familientreffen zerbrechen, weil letztlich zwei lager entstehen: die „echten juden“ und die „nicht juden“. der glaube als ausschließendes prinzip. wie zeitnah und realistisch doch dieser roman ist.

© 09.10.2018 brmu
Eva Menasse, Vienna, btb Verlag 2007, btb 73253

 

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