litbiss.de

Roman im Dauerregen

Karen Duve legte 1999 ihr Romandebüt „Regenroman“ vor. Der Titel weist nicht nur auf einen Dauerregen hin, sonder auch im alliterativen Anklang auf das Aufregen der Leserschaft. Denn er bietet nicht nur seltsame Figuren, sondern auch heftige Szenen, die viele im Lesekreis als eklig eingestuft haben. Darüber muss man erst einmal hinweglesen, bevor sich die Romanwelt öffnet.

Einen Blick in den Plot gibt die folgende Skizze.

BU LKB Plot Regenroman 200211 brmu

Es agieren die Pärchen. Die Eltern von Roswitha Voss, Mutter Renate und Vater Dieter, sind keine Kuscheleltern. Roswitha fühlt sich nicht gut aufgenommen.

Roswitha lernt den Dichter Leon Ulbricht kennen und verliebt sich in ihn. Leon war der erste Mann, in den Martina sich richtig verliebt hatte, und der erste Mann in ihrem Leben, der kein Geld besaß. (39) Sie heiraten und sie nimmt den Namen Martina Ulbricht an. Und da Leon auch noch ein Dichter war, hatte Roswitha sich auf der Stelle in ihn verliebt und sich von da an Martina genannt. (41)

Martina gelangt wieder nach Hamburg zum Leidwesen von Leon. Martina war weg! Seine letzte Chance. (266) Sie setzt ein Zeichen der Ablösung von allem, sie lässt den Wagen ihrer Demütigung als junge Frau in Flammen aufgehen. Leon verendet im Moor. Wie gut es war, Moder unter Moder zu sein. Leon sank zurück in den Schoß seiner wahren Mutter. (297)

Harry Klammt und Benno Pfitzner sind im Hamburger Reeperbahn-Milieu verortet. Leon glaubt Harry als Freund zu haben. Leon nimmt den Auftrag an, für Benno Pfitzner, den Kiez-Boxer und Kiez-King, eine Biographie zu schreiben. Es gibt einen ansehnlichen Vorschuss: 50.000 DM und einen ausgedienten, schwarzen Mercedes.

Martina und Leon ziehen aus Hamburg weg in eine mitteldeutsche Moorlandschaft (46) nach Schlicknitz. Dort herrscht Dauerregen vor und sumpfiges Gelände. Das Haus ist von unten her feucht und in schlechtem Zustand.

Die Ehe gerät in Krisen und zerbricht. Ihr dämmerte, daß sie nicht besonders viel über Leona wußte oder über die Dinge, die ihm wichtig waren. … Dann stützte sie die Hände auf das Fensterbrett, sah hinaus in den dünnen Regen und wünschte sich in die Stadt zurück. Sie hätte sich gerne erbrochen … (129) Martina litt an Bulimie, verbunden mit dem Spruch: Vater, ich habe gesündigt (69). Am Ende das Bekenntnis: Ich hasse ihn, sagte Martina.(253)

In unmittelbarer Nachbarschaft wohnen zwei Schwestern, Kay Schlei und Isadora Schlei, in einer alten Villa. Im Laufe der Handlungen verguckt sich Kay in Martina und die dicke Isadora hat Sex mit Leon.

Nur der Krämer Kerbel aus Priesnitz ist solo und verdächtig. In seinem Auto findet man ein Kleid, das einer Toten gehört.

Die dünne Rahmenhandlung befasst sich mit einer Frauenleiche und einer Hundeleiche. Er mußte einfach wissen, ob die Haut reißen würde. Sie riß tatsächlich. (299) In der Tat riss die Geduld bei manchen. Die Figuren waren alles andere als aufmunternd und spontan identifikationsfördernd.

Soweit so ernüchternd. Dann ergeben sich im Laufe der Handlung noch zwei Dreiecksverhältnisse besonderer Art. Da Leon wegen eines Bandscheibenvorfalls mit dem Schreiben in Verzug gerät und somit in Streit mit seinem kriminellen Auftraggeber, startet der mit Harry eine Strafexpedition. Pfitzner schlägt Leon zusammen und Harry vergewaltigt Martina auf sein Geheiß. Und Leon macht keine Anstalten, seine Frau zu schützen. Er war ein Niemand, das wußte er nun. Ein formloses Etwas ohne Kern. Ohne Wert. (243)

Das erfährt Kay, die Liebesgefühle für Martina hegt, und rächt sie. Ein Flammenwerfer beendet das Leben der Kiez-Verbrecher. Frauen waren in Wirklichkeit viel härter als Männer. Das hatte er schon immer gewußt. (249)

Alles in allem eine Spiegelung menschlichen Verhaltens in all seiner Bandbreite: von Heldentum bis Feiglings Untergang. Man fragt sich unvermittelt, um welches Genre es sich nun handeln könne. Kriminalroman wegen der Frauenleiche am Anfang und den Ermittlern am Ende? Oder einen Gesellschaftsroman (… darüber sollten Sie schreiben – was aus der DDR geworden ist. So Kerbel an Leon, 200) wegen der Verflechtungen von Stadt und Land und den extremen Spannungen dazwischen? Oder einen Liebesroman, in dem die Liebe erbärmlich und kläglich scheitert? Oder einen Entwicklungsroman, der beispielsweise die Wandlung von Roswitha zu Martina beleuchtet? Oder eine Novelle, in der die Martina eine Krise durchlebt, und nach der Katharsis sich von ihrer Vergangenheit befreit durch das Anzünden des Autos, in dem Sie erniedrigt worden war. Oder einen Abenteuerroman einer Expedition aufs Land, den dortigen Situationen und Problemen und dem schließlichen Scheitern lebt? Am Ende gar ein erotischer Roman, der von extremen Sexsituationen handelt, ummantelt von allerlei Geschichten? Es ließe sich noch weiter spekulieren.

Duves Regenroman fordert die Leserschaft eindeutig heraus, nach dem anfänglichen Schreck und Ekel ihn nochmals zur Hand zu nehmen und nach weiteren Bedeutungsschichten zu suchen. Im Kopf der Leser/innen bilden sich die Tendenzen nach eigenem Erleben und eigenem Wertesystem. Genau das will Literatur bewirken. Keinen erhobenen Zeigefinger, so solle es sein, sondern irritierende Situationen, die uns Lesende zwingen, selber ins Grübeln zu kommen.

Die breite Diskussion im Leserkreis bei Brockmann in Brühl hat uns wieder gemeinsam den Blick erweitert.

© 11.02.2020 brmu
Zitate aus: Karen Duve, Regenroman, RM Buch und Medien Vertrieb GmbH 1999 (Lizenzausgabe)

 

Kommentare

Derzeit gibt es keine Kommentare. Schreibe den ersten Kommentar!
Gäste
Freitag, 03. Juli 2020

Sicherheitscode (Captcha)