litbiss.de

Rothmann lässt sterben

dies buch hat emotional heftig zugegriffen. die rede ist von Ralf Rothmann und seinem schocker „Im Frühling sterben“. je nach eigener emotionaler resonanz zu den diversen szenen in dem roman reichten die reaktionen von „jetzt sei es aber genug!“ bis „davon brauche man in unserer zeit noch mehr mahnendes“.

die rahmengeschichte schickt einen vornamenlosen schriftsteller, sohn des vaters Walter Urban, auf die vergebliche suche nach dem grab seiner eltern. machen einstieg und abschluss nachdenklich, so will man das buch im hauptteil oftmals irritiert zur seite legen, die beschriebenen kriegsgreuel an den zivilisten sind jenseits der vorstellungskraft eines normalen menschen.

es wird die zwangsrekrutierung der beiden freunde Walter Urban (Ata genannt) und Friedrich Caroli (Fiete genannt) in die waffen-ss beschrieben. dann trennen sich die wege der beiden: Fiete an die front, Walter in eine transporteinheit, doch beide finden - höhepunkt der dramatik - wieder zusammen. allerdings anders, als man es sich wünschen würde: in einem ethischen dilemma.

Fiete hatte nach einer verwundung erhebliche Zweifel: Mann, was hab ich hier eigentlich verloren. ... Ich habe keine Feinde, jedenfalls keine, die ich umbringen möchte. Das ist der Krieg von Zynikern, die an gar nichts glauben, außer an das Recht des Stärkeren. (160). Er will desertieren, wird gefasst und inhaftiert. Walter kommt derweil von der vergeblichen suche nach dem grab seines vaters, Alfred Urban, der im selben frontabschnitt gefallen sein soll, und findet sich in der gruppe wieder, die Fiete auf befehl füsilieren soll.

verweigert einer von ihnen den erschießungsbefehl, müssen alle dafür büßen. damit ist der individuelle aspekt der revolte gekappt, denn der verweigerer würde noch zusätzlich schuldig am sicheren tod der kameraden. Walter kämpft beim sturmbannführer verzweifelt mit worten um seinen freund, bietet sich sogar als austausch für den strafeinsatz an der front an.

in dieser situation entspinnt sich ein überaus befremdender disput über den gebrauch des genitivs seitens des offenbar als gebildet charakterisierten unbeugsamen befehlshabers Domberg. Er macht etwas mit uns, dieser Genitiv. Er verändert die Haltung. … Der verfeinert unsere Seelen, junger Mann, und lehrt uns, was geistiger Adel bedeutet. Der Vorsatz, nichts schleifen zu lassen und nicht immer nur den leichtesten Weg zu gehen, das ist der Genitiv! Kapiert? (151) worthülsen sind beliebig füllbar.

unwillkürlich kriecht der gedanke ins bewusstsein, dass bildung ohne ethische aufbereitung völlig versagt, ist erst einmal eine gesellschaft in einer derartig geschichtlichen verluderung angekommen. da schrillt ein eitles grundmuster, unabhängig von den politischen ummantelungen. Goethe als bildungsideal hat das kz Buchenwald nicht verhindern können.

in einem letzten gespräch mit Fiete spendet dieser Walter quasi die absolution. als Walter fragt: … was ist mit dem, der schießen muss? Was vererbt der? (162) antwortet Fiete: Wahrscheinlich eine große Traurigkeit… (163). Hierin mag das tiefe ver/schweigen im ersten satz des romans begründet liegen. Fiete wird füsiliert, Walter ist in der gruppe der erschießenden.

und noch ein typisches verhaltensmuster wird uns beigebracht: nach dem großen trauma des krieges stürzt man sich lieber in den wiederaufbau des zerstörten. wo alles kaputt ist, da kann man sich bewusstlos arbeiten, muss nicht über sich und sein verhalten nachdenken. Jede Knochenarbeit ist besser als Krieg, oder? Was immer du erlebt hast, es reicht für den Rest deiner Zeit, wirst sehen. (203) sagt der väterliche Thamling zu Walter nach dessen rückkehr aus dem krieg.

auf hinweis von Thamling heiraten Walter und Elisabeth, um einen hof übernehmen zu können, eine zweckehe par excelence. das wirtschaftswunder in der jungen Bundesrepublik Deutschland war von dieser art. und dabei entspinnt sich ein anderer krieg auf dem feld der wirtschaft: Keine Milch ohne Krieg, wird es bald heißen. Jeder Hof geht dem anderen an die Gurgel, und am Ende bleiben nur Fabriken übrig. (206) exakte prophezeihung aus wissender position des autors.

und die vom letzten weltkrieg gezeichneten, betroffenen täter und opfer, schwiegen, so wie es schon der eingangssatz als über allem stehendes motto formuliert: Das Schweigen, das tiefe Verschweigen, besonders wenn es Tote meint, ist letztlich ein Vakuum, das das Leben irgendwann von selbst mit Wahrheit füllt. (7) der ganze roman ist eine einzige wahrheitssuche über drei generationen hinweg.

und ganz am ende steht ein stilles Verwehen, … jetzt noch einmal stiller. (234) der autor hütet sich, wahrheiten vorzugeben, er zwingt uns, selber zu reflektieren und unsere wahrheit zu finden, auch wenn der katalysierende stoff aus dem frühjahr 1945 stammt, also für viele schon nur noch geschichte geworden ist. die verhaltensmuster sind so aktuell, wie eh und je. Walter bekennt: Davonkommen wollte ich, …, Einfach nur durchstehen, den Wahnsinn. (222) und für das aufbegehren (desertation) von Fiete findet der gutsverwalter Thamling die worte: der hatte schon immer Flausen im Kopf. Aber was nützt alle Klugheit, wenn man nicht weise ist?“ (202) er meint: ducken, anpassen, durchkommen.

dabei ist Fiete der einzige protagonist in dem roman, der uns die hoffnung auf eine konsequente, innere haltung darlegt, die sich den brutalitäten widersetzt, ganz im sinne der revolte gegen ein menschenverachtendes regime. seine klugheit aus ethischem grunde wäre der weisheit aus opportunismus vorzuziehen.

doch schauen wir uns um, die welt ist voller wahnsinn, ethik ist ein fremdwort. und wir alle wollen doch nur davonkommen. die andere wange hinzuhalten ist nur den wenigsten gegeben.

© 16.01.2018 brmu

 

Kommentare 1

Gäste - W. Linder am Freitag, 19. Januar 2018 15:41

Chapeau, Herr Ulbrich, für diesen Blogbeitrag: treffend, bei allem Reichtum an Aspekten knapp und klar - und erhellend.

Chapeau, Herr Ulbrich, für diesen Blogbeitrag: treffend, bei allem Reichtum an Aspekten knapp und klar - und erhellend.
Gäste
Samstag, 15. Dezember 2018

Sicherheitscode (Captcha)