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Scheuer und Peehs Liebe

BU Peeh Erzählebenen2 180320 brmu

© 20.03.2018 brmu: Grafik der Erzählebenen

Norbert Scheuer verlässt Kall in der Eifel – in seinem roman „Peehs Liebe“, zumindest zeitweise und mit hilfe der fantasie des protagonisten Rosarius.

der ist ein stark pflegebedürftiger mann im altersheim von 74 jahren. er redet ständig vor sich hin. „Manchmal konnte der alte Mann die ganze Nacht nicht schlafen, erzähle und erzähle, als bestünde die Welt aus ruhiger, fließender Erinnerung.“ (76) das ständige memorierende reden hat Rosarius wohl von seiner mutter Kathy übernommen, denn die meinte: „Vielleicht hat das Leben nur den Sinn, dass man am Ende jemandem eine Geschichte erzählt.“ (25)

das nervt seine umgebung im altenheim, bis die pflegerin Annie sich seiner mit verständnis und einfühlungsvermögen annimmt. sie beginnt, seinen erzählstrom zu notieren, weil sie „glaubte, Rosarius zu verstehen und einen Sinn in seinen eigentümlichen Leben zu finden, wo es doch eigentlich für nichts auf der Welt einen ursprünglichen Sinn gibt.“ (39) und: „Annie wusste nicht, warum sie diese Dinge aufschrieb, aber allmählich entstand daraus wie von selbst so etwas wie eine Geschichte, …“ (50)

was wir also in Norbert Scheuers roman „Peehs Liebe“ über das leben des Rosarius in all seinen verästelungen in und um Kall herum erfahren, entstammt dieser kompilationsarbeit. Rosarius als vermeintlicher „ich-erzähler“ liefert das rohmaterial mit seinem gebrabbel, Annie hört sich ein und formt die story im auftrag des auktorialen erzählers.

und der liefert den grund aus ihrem munde: „Vielleicht sterben wir gar nicht und leben in Geschichten weiter, …“ (81) damit bekundet uns der autor Norbert Scheuer das generalthema aller literatur: unsterblichkeit nicht in büchern begraben, sondern in der lebendigen rezeption der leserschaft.

um das robust zu bekräftigen, montiert der autor noch eine weitere ebene ein. er bedient sich der intertextualität mit Hölderlin’s Hyperion aus dem jahren 1797 und 1799. einer nebenfigur und liebhaber der mutter (34), Vincentini, hat das buch im krieg das leben gerettet durch abfangen der kugel. er zitiert ständig daraus ins ohr des mit Aphasie (61) geschlagenen jungen Rosarius, der wiederum eine unerkannte inselbegabung eines unlöschbaren gedächtnisses hatte. „Vielleicht vergaß ich nichts, weil ich mit niemandem reden konnte, vielleicht sprechen die Menschen nur miteinander, um Dinge endlich zu vergessen.“ (54)

darauf basiert die ganze erinnerungsarbeit. alles, was sich im roman auf den verschiedenen erzählebenen abspielt ist ein spiel der erinnerungen von Rosarius, um die gescheiterte liebe zu Petra, genannt Peeh, vergessen zu können. insofern ist der titel des romans irreführend. es handelt sich nicht um Peehs liebe, sondern um die liebe von Rosarius zu seiner Peeh-Petra!

Fiktionen verwoben mit zitaten, zitate verwoben mit erinnerungsinseln. „Rosarius sprach leise von seiner Liebe zu Peeh. … Peeh, murmelte Rosarius, warum erzähle ich dir und wieder mein Leiden und rege die ruhelose Jugend wieder auf in mir? Warum bleib ich im Frieden meines Geistes nicht stille?“ (23) Wer findet die stelle im Hyperion?

und auktorial blitzt es durch mit eingestreuten reflexionen wie diese: „… vielleicht war dies die verschlüsselte Summe seines Lebens, was zuletzt übrig blieb, ein Gespinst aus Erinnerungen, Bildern, Gefühlen und Dingen, die in keinem Buch der Welt zu finden sind.“ (42) also weder in Scheuers romanen noch im Hyperion.

man kann zu dem schluss kommen, dass Scheuers roman eine warmherzige illustration dafür ist, wie menschen schlussendlich um das narrativ ihres lebens ringen. denn Rosarius glaubt, „bestimmte Dinge kann man niemandem sagen, noch nicht einmal sich selbst.“ (68)

© 20.03.2018 brmu
anbei ein autorengespräch mit Norbert Scheuer über seinen Roman "Peehs Liebe" im Domradio.

 

Kommentare 1

Gäste - WL am Donnerstag, 29. März 2018 21:28

Danke, besonders für das Schema zu den Erzählperspektiven und -ebenen. Und für die Links zu dem Autoreninterview.

Danke, besonders für das Schema zu den Erzählperspektiven und -ebenen. Und für die Links zu dem Autoreninterview.
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Samstag, 15. Dezember 2018

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