litbiss.de

Suter wendet Blanks blatt

Lb lkb Sutergrafik2 180515 brmu
 

Als ich in deinem Alter war, wachte ich eines Morgens auf und hatte das Gefühl, mein Leben sei ein einziger riesiger Fehler. … Ich wußte: Alles, was du bisher gemacht hast, hast du falsch gemacht. (30) das meint kollege von Berg zu Urs Blank, beide partner in einer fiktiven wirtschaftskanzlei. überhaupt ist alles fiktiv in dem roman von Martin Suter, betitelt „Die dunkle Seite des Mondes“ – und doch ist alles so beunruhigend real, wenn auch ein wenig anders.

dieser Urs Blank macht eine erschreckende spätentwicklung durch. als kind vom vater geprügelt, in der schule gemobbt, erkämpft er sich mit eiserner disziplin einen beruflichen erfolg als wirtschaftsanwalt und lebt in wohl etablierten verhältnissen, ein schwarzer Jaguar als dessen symbol. der zwielichtige investor Pius Ott denkt über Blank zunächst: Der Mann gefiel ihm. … bei keinem hatte er diesen Killerinstinkt entdeckt, den er bei Blank vermutete. (43) wohl gemerkt: killerinstinkt als anwalt. das sollte sich ändern.

das harte berufsleben aber hinterlässt verdeckte wunden. auktorial kommt der fingerzeig: Aber etwas stimmte wohl nicht in seinem Leben … (7). Und seine geliebte Lucille meint zu ihrer freundin: Er lebt in einer anderen Welt und interessiert sich für die, in der ich lebe. (39) dieses interesse wird letztlich sein verhängnis.

wir erfahren wieder auktorial: Die Veränderung, die Lucille in Urs Blanks Leben brachte, war so tiefgreifend, … Er stand im Begriff, ein anderer Mensch zu werden, und war gespannt, wie sich dieser andere Urs Blank … bewähren würde. (49) wir leser/innen denken nun, er mäßige sich im job und wende sich mehr dem menschlichen zu. doch die einführung in die welt der Lucille mittels eines pilzdrogenrituales legt in der psyche von Blank dermaßen radikal verborgenes frei, dass wir ihn als leser/innen nicht wiedererkennen: er mordet spontan ohne jedes gewissen.

Suter hilft uns zu verstehen, was mit Blank los ist: Was ihn beunruhigte, war weniger, daß er die Kontrolle über das längst domestizierte Tier in ihm zu verlieren schien, als die Tatsache, daß es ihm egal war … weil nichts und niemand wirklich existierte. Daß das Unsinn war, war ihm klar. Aber der Unsinn hatte sich tief in seinem Unterbewußtsein festgesetzt. (91)

und auch Lucille prognostiziert ihm ein Tripp verändert dich nicht. Er holt nur Dinge raus, die immer in dir drin waren. (103) Blank sucht darauf hin hilfe bei seinem freund Wenger, der beruflich phsychologe ist. Ich habe die Kontrolle über mich verloren. Es gibt keine Hemmschwelle mehr. (107) Wengers rat: wiederhole den pilztripp mit der richtigen dosis.

der zweite tripp misslingt. Blank konstatiert Wenger gegenüber: Mein Gewissen ist wieder erwacht, nur am Timing muß ich noch arbeiten. (123) Ich habe … ein schlechtes Gewissen wegen Dingen, die ich vor dem Trip tat, der mich jetzt noch schlimmere Dinge tun lässt. … Neu ist nur, daß ich mich schlecht dabei fühle. (128) und Wenger muss sich eingestehen: Wir haben es nicht geschafft, das Böse in das Gute zu verwandeln. (128)

Urs Blank verschwindet von der bildfläche, täuscht einen selbstmord vor und versteckt sich im wald. Im Wald war er weder gut noch böse, wie jede Kreatur. (157) der wald war seine Intimspäre (160). Suter führt den wald also als metapher für die wandlungsarbeit des Urs Blank an. Urs Blank und der Wald. Was langsam ein und dasselbe wurde. (186) Mit jedem Tag, den er im Wald verbrachte, wuchs in ihm wieder die Gewissheit, daß nichts zählte außer ihm selbst. (209) unsere hoffnung als leserschaft, Blank möge zu einem zivilisierten wesen zurückfinden, schwindet dahin.

was Blank seinem schulfreund Wenger gleich zu beginn des romans vorwarf, Ihr Psychiater helft den Menschen nicht, sich zu verändern. Ihr helft ihnen, sich damit abzufinden, daß sie gleich bleiben. (20) wird nun auch auktorial mit bezug auf den wald als wandlungsmedium wiederholt und damit zur kritik: Der Wald konnte ihn nicht wieder zu dem machen, der er früher war. Er konnte ihm nur helfen, den, der er geworden war, zu ertragen.(225)

nun keimt die spannung auf, wie das wohl enden wird. ein dritter pilztripp wird von Urs Blank durchgeführt, nachdem er auf der Suche nach The Dark Side oft the Moon (304) per zufall den vom autor erfundenen Bläuling findet. wieder laufen die gleichen machtbesessenen waldszenen im kopf des vollgedröhnten Blank ab. Blank löste den Wald in seinen Grundfarben auf und mischte sie neu. … Eine Wald aus Menschen. … Freunde, Feinde, Geliebte, Verflossene, alle, die in seinem Leben etwas bedeutet hatten, und alle, die ihm gleichgültig geblieben oder geworden waren, ließ er antanzen. Wenn die ernste Tanne Wenger nicht gewesen wäre – er hätte sie alle ausgelöscht. Aber die Tanne sagte: „Du kannst den Kurs bestimmen.“ (308)

das ist die wendung (Peripetie), der in einer novelle eine große bedeutung beigemessen wird. Goethe spricht von einer „unerhörten Begebenheit“. diese teilreparatur seiner psyche hindert Blank dann im zweikampf mit dem ihm auflauernden Pius Ott, ihn zu erstechen. Aber etwas hinderte ihn daran zuzustoßen. Blank schüttelte den Kopf und lächelte. (314) der durch freilegung seiner dunklen seite so brutal gewordene spontanmörder Blank hält inne und landet irgendwo zwischen gut und böse. er lässt sich lächelnd von Ott erschießen. Blank fühlte sich gut. Auch noch, als ihn der Schuß traf. (314).

auf der vorletzten seite des romans – oder ist es nicht eher doch eine novelle? – wendet sich das blatt und der autor Martin Suter lässt alles für uns leser/innen offen. warum hat sich Blank erschießen lassen? war es ein souveräner untergang? eine art selbstmord aus verzweiflung? ein racheakt gegenüber Ott, der von der polizei gestellt wurde? eine wiedergutmachung gegenüber seinen mordopfern?

hier beginnen die psychologischen und philosophischen gedankenspiele vor dem hintergrund einer gesellschaftkritischen anspielung auf unsere art zu leben. der text entfaltet seine volle wirkung, der autor tritt nun in den hintergrund, er bleibt der begabte lieferant eines katalysators für die reflektion des eigenen lebens in einer geldbestimmten gesellschaft.

wie viel von „Der dunklen Seite des Mondes“ haben wir in uns? der titel ist als anspielung auf die psychologische verfassung von Urs Blank von einem song der gruppe Pink Floyd entlehnt. der song hat diesen von mir übersetzten text und mag auch als interpretationshilfe dienen:

hirndefekt

das verrückte liegt im kiffen
das verrückte liegt im kiffen
erinnert an spiel und Tausendschön und lach‘n
halte bloß die irren auf dem weg
die verrücktheit ist innen drin
die verrückten innen in mir
die zeitung liegt noch gefaltet auf dem boden
und tag für tag bringt der zeitungsjunge mehr

und falls der damm zerbricht viele jahre zu früh
und falls kein raum wäre auf dem hügel
und falls dein kopf zerplatzt voll dunkler ahnung auch
sind wir auf der dunklen mondrückseite

der irrsinn ist in meinem kopf
der irrsinn ist in meinem kopf
du machst jetzt ernst, du änderst ab
mich krempelst du um bis ich bin heil
verschließt die tür und wirfst den schlüssel weg
einer mir im kopf ist, das bin ich nicht

und wenn der wolkenbruch donnert in dei’m ohr
du schreist und niemand scheinbar hört
und wenn die band in der du bist ganz anders spielt
sind wir auf der dunklen mondrückseite

Martin Suters protagonist Urs Blank hat lächelnd den mond umkreist und fühlte sich gut (314) dabei, ein hauch von existenzialistischer selbstbestimmung.

© 15.05.2018 brmu
zitate im schrägdruck, seitenzahlen in klammern aus: Martin Suter, Die dunkle Seite des Mondes, Diogenes Verlag. TB 2001
song von Pink Floyd, album The Dark Side oft he Moon, 1973, song Brain Damage

 

Kommentare

Derzeit gibt es keine Kommentare. Schreibe den ersten Kommentar!
Gäste
Montag, 28. Mai 2018

Sicherheitscode (Captcha)