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Vor dem Fest und auch danach

Ab und an. Neues, Überraschendes. Wir wünschen das. Im Lese.Kuschel.Kokon. Sonst sind wir traurig. Aber wir sind froh. Da ist was. Das. Buch.

Sasa Stanisic hat "Vor dem Fest" geliefert. In 102 Kapiteln unterschiedlichster Länge wird ein von ihm nachempfundenes Dorfleben in der Uckermark. Es wird so beschrieben: Wenn bei uns irgendwo ein Fenster eingeschlagen wird und offen seht, dann haben wir mehr Angst vor dem, was entkommen sein könnte, als vor dem, der vielleicht eingestiegen ist. (163) Es gilt Vieles unter der Decke des Relativierens und Vergessens zu halten. Da sind uralte Bräuche wie Hexenverbrennungsfeste hilfreich.

Das Dorf wird stroboskopisch beleuchtet, denn es ist die Nacht vor dem Fest mit den Wurzeln bis ins Mittelalter. Die Dorfbewohner sind beschrieben als huschten sie durchs spärliche Licht. Praktisch keine Haupthandlung, nur gesplitterte Einzelaktionen. Wie von einem Beobachter mit variierendem Fokus.

Dann stößt man auf seltsam formulierte kurze Kapitel, die offenbar Transformationen von uralten Dokumenten sein sollen. Symbole der Verwurzelung des Dorflebens im Vergangenen. Verbindung zur vor- oder nachherigen Aktion aber nicht gegeben. Man neigt schnell dazu, sie zu überblättern. Wo nur ist der Faden der Geschichte? Ach ja, das angebliche Archiv, dessen Inhalt niemand kennt, außer Frau Schwermuth, die dem Namen gemäß depressiv ist.

Und noch eine Namenssymbolik. Der Herr Schramm, ehemaliger Oberstleutnant der NVA (25). Er wird in den neun Kapiteln seines Dorflebens immer wieder mit denselben Worten vorgestellt, wie eine militärische Meldung vor der Truppe. Herr Schramm ist ein kritischer Mann mit Haltung und Haltungsschäden. Der Haltungsschaden kommt sicher nicht vom Herumdrucksen. … Der Haltungsschaden kommt davon, dass er lange Zeit vor den eigenen Fehlern auf den Knien gerutscht ist. Kommt davon, dass er zum Schaden anderer die Wahrheit gesagt hat und dass die Wahrheit schwer gewogen hat. (168) Symbol: Im Dorf ist immer alles Dasselbe.

Er schrammt so durch sein alterndes Leben, rammt den Zigarettenautomaten (270) von der Wand, schrammt sein Auto vor den Baum, schrammt an der Selbsttötung vorbei. Er ist lebensmüde. In Wilfrid Schramms Haushalt finden sich im Schnitt mehr Gründe gegen das Lebens gegen das Rauchen. (27) Der Fährmann meint, am Ende brauchst du einen bequemen Sarg. (35) Den hat er offenbar nicht, denn Anna rettet ihn, die mit Abstand sympathischste Figur.

Anna ist im Dorf geboren, hat auswärts studiert, ist weltoffen und nun zurück und rettet Herr Schramm, lässt sich die Knarre aushändigen, wirft diese in ein uraltes Grab unter einer entwurzelten Eiche. Wenn das man nicht symboltriefend ist. So ist sie halt, die Retrospektive eines vor sich hin dümpelnden Lebens ohne aufregende Perspektive: Es wird alles glorifiziert oder mythologisiert, erhält dadurch nachträglich Sinn. Solange die Dörfler in der Kneipe darüber reden und sich kloppen, so lange funktioniert das Dorfleben so halbwegs.

Dieser historisch angehauchte Dorfroman konterkariert das Stadtleben mit seiner Hektik, seiner Zielorientierung, seiner Jetzt-und-Hierbezogenheit. Und dann noch diese Leserveräppelung: All das war Vorgeplänkel. (311) Am Ende erfahren wir, dass wir grad am Anfang stehen. Das Fest mit an die zweihundert Menschen (311) beginnt mit der Auktion eines Bildes, dass die Frau Kranz gemalt hat. Es ähnelt verblüffend dem, was wir vorher in den hundert Kapiteln gelesen haben.

Also gar kein bodenständiger, heimattriefender Dorfroman. Wir sind entschlossen, entspannt, entrückt, Fürstenfelde ist das. (313) Sondern eher entrückt eine üppig-fantasievolle Idylle als Bildinterpretation? Es ist, als würden die Leute, pflanzengleich, überall dort aus dem Wasser sprießen, wohin unser Blick schweift. Fürstenfelde ist das. (314)

Wie auch immer, die Auktion beginnt und endet mit: Wir sind froh, …, wir bieten zwölf. (315) Wohlgemerkt, das „Wir“ im Roman meint nicht uns als Leser*innen. Es meint das diffuse Kollektiv, über Generationen hinweg, aller Dörfler im fiktiven Fürstenfelde in der Uckermark in der Ex-DDR in der nahen und fernen Vergangenheit.

Da auch der bis zuletzt unbekannt bleibende, sporadisch auftretende Adidas-Mann (252) als Einbrecher des Westens in die Idylle des Dorfes für das Bild nicht mehr bietet, bleibt es an uns, höher zu bieten: 19,99!

© 11.12.2019 brmu
Saša Stanišić, Vor dem Fest, btb74989, 2015, 8. Auflage

 

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