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Wie hoch die Wasser steigen

Ein Debüt ist oftmals eine Überraschung. Anja Kampmann debütierte nun zum zweien Mal. Vor vier Jahren mit ihrem Gedichtband „Proben von Stein und Licht“ in Hanser Verlag 2016. Daraus dies Gedichtzitat:

Leichthin / ist der Sommer / Ferne schreibt / die Buchstaben deines Gedächtnisses / mit leichter Hand / Während ein einzelnes Riesenrad / Gondel um Gondel / in die Luft steigen lässt // so ist auch die Nacht / nämlich das Aufsteigen / einer ungefähren Sprache

In dem titellosen Gedicht sind Schlüsselworte angelegt, die uns in dem Debüt-Roman „Wie hoch die Wasser steigen“ weiterhelfen können. So gesehen, scheint der Roman ein Ausbruch in die literarische Welt zwischen Lyrik und Prosa, in die poetische Epik zu sein. Also kein Roman als Einladung, flott dahin zu lesen und sich in einer Geschichte zu aalen! Wahrlich nicht! Es gibt Momente, herausgeschnitten aus jedem Lauf der Zeit (129), die uns als Leser*innen irritieren, weil vieles wie ein zerfleddertes Puzzle entschlüsselt werden muss, um die Rahmengeschichte, um die Protagonisten, um die Symbole in ihrer Bedeutung zu verstehen.

Dieser Roman will offenbar mit Konventionen brechen. Keine auktorialen Hilfen für die Leser*innen. Vieles en bloc, in einem durchgeschrieben. Ein Beispiel: Waclaw weilt auf Malta und hat dort ein lockeres Verhältnis mit einer Irene. Irgendwann fragt sie ihn: Weißt du, woran ich in letzter Zeit manchmal denke? (156) Dann erzählt sie etwas von ihrer Großmutter, die ihr zum Abschied folgenden Satz sagte: Wir leben doch immer in der großen Welt. (157) Und Irene: Ich glaub‘, ich versteh‘ jetzt erst langsam, was sie meint. (157) - Cut. -Waclaw auf der Wendeltreppe mit einem Erinnerungsschub unklarer Verortung. Und man fragt sich: Was soll das? Hat er etwas verstanden wie Irene? Was wäre das?

Der Leserschaft wird also alles abverlangt: Genaues Lesen, Gedächtnis, Geduld, wiederholtes Lesen, Kombinationsgabe und die Liebe zum Erinnerungspuzzlespiel. Kurz vor der Frusthürde ertüchtigt einen dann ein wunderbarer Satz, ein poetischer Gedankensplitter als vages Signal auktorialer Erzählposition.

Waclaw Groszak (26) stammt aus dem Ruhrpott, genauer Bottrop, noch genauer aus dem Umfeld der Zeche Prosper. Diesem engen Milieu unter und über Tage entflieht er mit Milena, seiner ersten Liebe, in ihr polnisches Heimtatdorf. Aber das ist keine Lösung für ihn. Du bist in der ganzen Welt und ich bin in einem Dorf, das geht nicht. (182) Das ist Milenas Analyse seines unsteten Wesens.

Waclaw, auch öfter Wenzel genannt, verdient das Geld für ihren Lebensunterhalt als LKW-Fahrer, das bringt ihn aus dieser Dorfenge etwas hinaus, aber das Geld reicht nicht. Er sattelt um, zunächst zum Hafenarbeiter (157), dann für zwölf Jahre (174) zum Arbeiter auf Ölbohrinseln (Rigs). Aus der Enge in die Weite. Dann trifft er auf Matyas Pasztor (101), ebenfalls Wanderarbeiter wie er, der aus sich selbst heraus zu schwimmen schien, eine Nadel, ein innerer Kompass (234). Es entwickelt sich eine innige Freundschaft, man könnte meinen, dass sie homophile Facetten entwickelt.

Auf den irrlichternden Stationen seines Lebenswegs werden neben den zahlreichen Erinnerungsblitzen an Milena auch andere Frauen erwähnt, die er nach dem Tod seines Freundes Matyas auf der Bohrinsel „Ocean Monarch“ abklappert, das auf der Suche nach etwas, was ihm scheinbar nicht recht klar ist. Wie soll es uns Leser*innen klar werden?

Es bleiben nur die Textanalyse und die Kombinationen aus den intensiv vermischten Erzählebenen aus Aktuellem und Erinnertem. Die Position der auktorialen, also allwissenden Erzählerin wird fast nicht eingenommen. Wir lesen die Dinge als lebten wir im Hirn des Protagonisten Waclaw. Erinnerungssplitter, ausgelöst durch äußere Umstände. Erzählungen aus diesem Mix sind nachträglich konstruierte, korrigierte, vermeintlich erinnerte Geschichten.

Entwurzelung und Zerrissenheit des Protagonisten mögen auch als Zeichen unserer heutigen Zeiten verstanden werden. Der Held Waclaw, der sich bis zum Schluss gegen diese Erosion des in sich ruhenden Menschen wehrt, aber dann doch verliert. Der Romanschluss ist offen und verwirrend. Die Erinnerungen waren ein unruhiges, ziehendes Volk, das nirgendwo ankommen konnte. (335) Noch besser lässt sich Waclaws Lebensgefühl nicht beschreiben und durch die billige Meterware der Vorhänge hatte ein gleichgültiges Licht zu ihm herabgeschienen. (335) Hier klingt die Absurdität des Lebens à la Camus an.

Eine Bedeutungsklärung unterlässt die Autorin Anja Kampmann nicht. Als Lyrikerin setzt sie Wortbilder (Metaphern) ohne erklärenden Rahmen. Rig is a rig is a rig is a rig, so könnte man eine berühmte Verszeile von Gertrude Stein aus ihrem Gedicht „Sacred Emily“ (1913) variieren. Vielleicht ist ihr Roman eigentlich ein Riesengedicht. Das erinnert an Ransmayr’s „Der fliegende Berg“, nur der hat uns wenigstens noch als äußeres Erkennungszeichen den Flattersatz gelassen.

© 09.09.2020 brmu
Gedichtband: Anja Kampmann: Proben von Stein und Licht, Hanser 2016, S. 28
Roman: Anja Kampmann: Wie hoch die Wasser steigen, btb71789, 2020, Seitenangaben

 

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