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Axel Kutsch im Interview

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© foto brmu: Axel Kutsch im Gespräch


Herr Kutsch, die neueste Ausgabe Ihrer Anthologie „Versnetze_13“ liegt wieder in beachtlichem Umfang druckfrisch vor. Immer wieder hört man, die Zahl „dreizehn“ soll keine Glückszahl sein. Haben Sie überlegt, diese Zahl in der Reihe zu überspringen?

Bei Lyrik-Anthologien ist die 13 eine Glückszahl. Ich weiß nicht, ob das schon allgemein bekannt ist. Wenn nicht, sei es hiermit verkündet.

Die regionale Literatur hat es schwer, um einiges schwerer noch die regionale Lyrik. Wie, glauben Sie, kann man diesen seltsamen Trend im Literaturbetrieb verändern?

Wer Wert auf regionale Lyrik legt, sollte nach dem Ende der Coronakrise Lesungen mit einheimischen Autorinnen und Autoren organisieren, im Internet aktiv sein, vielleicht mit anderen zusammen eine Zeitschrift oder Anthologie herausgeben und  diese medienwirksam anbieten. Für meine Sammlungen mit neuer deutschsprachiger Lyrik interessiert mich eher das Gesamtbild, das sich freilich aus vielen Szenen zusammensetzt. Von diesen erwarte ich, dass sie sich am guten Niveau unserer neuen Dichtung insgesamt orientieren und mit ihrer Poesie nicht am nächsten Kirchturm hängenbleiben.

Sie sind selber Autor vieler Bücher. Autorinnen und Autoren empfinden sich oft als Konkurrenten um die Aufmerksamkeit der Leserschaft. Wie kamen Sie auf die Idee, die lyrischen Texte der „Konkurrenten“ zu sammeln, zu sichten, zu bewerten und zu publizieren?

Mir geht es bei meiner Herausgebertätigkeit um die deutschsprachige Lyrik der Gegenwart. Da spielen Konkurrenzdenken oder Eitelkeiten für mich keine Rolle. Ich freue mich, wenn mir „Konkurrenten“ gute Gedichte schicken, die ich dann gerne in meinen Sammelbänden vernetze. Gerade Anthologien sind dazu geeignet, einen weitreichenden Überblick über den Stand der aktuellen Poesie zu vermitteln. Und das ist meine Absicht als Herausgeber.

Was reizt Sie an der Gattung der Lyrik, den enormen Arbeitsaufwand der Sichtung tausender von Gedichten auf sich zu nehmen?

Man kann es Leidenschaft für die Möglichkeiten der Sprache nennen, die gerade Lyrik in konzentrierter Form bietet – Erweiterung, Vertiefung, Erneuerung, auch Aufbrechen von Sprache.

Welchen Anspruch erheben Sie sich selbst gegenüber als Anthologist der Versnetze-Reihe?

Keinen Kitsch, keine naiven Wald- und Wiesenverse, keine verbrauchte Diktion oder ranzigen Metaphern einfließen zu lassen.

Was wünschen Sie sich von den Schreibenden, auf Grund der Erfahrung, die Sie mit den Texten machen?

Manche Gedichte, die ich erhalte, sind mir zu oberflächlich. Man merkt ihnen an, dass sie flüchtig hingeschrieben und dann nicht mehr überarbeitet worden sind. Da wünsche ich mir von den Verfassern mehr Professionalität. Schnellschüsse gehen meistens daneben.

Wenn man von Ihnen ausgewählt worden ist, was darf man sich dann darauf einbilden?

Ich meine, dass man sich freuen darf, gemeinsam mit bekannten und weniger bekannten Kolleginnen und Kollegen in einer seriösen Anthologie zu stehen. Aber sich darauf etwas einbilden? Ach nein.

Was wünschen Sie der Leserschaft bei der Lektüre der neuesten Anthologie Vernetzte_13?

Anregende Stunden, Freude an der Sprache, Nachdenklichkeit, auch das Schwierige nicht zu überblättern, sich auf das unterhaltsame Abenteuer Lyrik der Gegenwart möglichst unbefangen einzulassen.

Wie empfinden Sie die enormen Beschränkungen des kulturellen Lebens momentan aufgrund der Corona-Pandemie?

Ich könnte es mir leicht machen und sagen: Lest mehr, vor allem Gedichte. Ja, das wäre schön. Zeit ist ja momentan für viele genug vorhanden. Aber mir tun die Menschen gerade auch im kulturellen Leben leid, denen der Boden unter den Füßen wegbricht. Es ist tragisch. Wo es nur irgendwie geht, sollten die Beschränkungen angemessen reduziert werden.

Über Sie findet man im Literaturbetrieb wenig, Sie arbeiten zurückgezogen. Das erscheint Ihrer Bedeutung nicht angemessen. Warum diese Scheu?

Es kommt darauf an, was man unter Betrieb versteht. Aus Verbänden bzw. Vereinigungen wie VS und PEN habe ich mich immer herausgehalten. Aus dem Autorenkreis Rhein-Erft, den ich jahrelang leitete, habe ich mich 2005 zurückgezogen, bin aber dort noch Ehrenmitglied. Wichtiger als Mitgliedschaften ist mir beispielsweise ein ausführlicher Artikel, der im renommierten Killy-Literaturlexikon über mich steht. Das hat doch auch etwas mit „Betrieb“ zu tun. Und was heißt hier Scheu? Ich liebe einfach meine Zurückgezogenheit. Die bedarf keiner Rechtfertigung.

An welchem Buchprojekt, außer der nächsten Versnetzte-Edition, arbeiten Sie gerade?

Ich werde nach der vielen Arbeit an den neuen Versnetzen erst einmal durchatmen und vielleicht versuchen, das eine oder andere Gedicht zu schreiben. Ein neues Buchprojekt kann warten.

Können Sie sich vorstellen, Ihr profundes Wissen begabten Lyrikerinnen und Lyrikern an Rhein und Ruhr in hilfreichen Seminaren (z.B. bei Zeit für Wissen in Köln) anzubieten?

Vorerst nicht. Vielleicht später. Ich brauche jetzt Ruhe.

Lieber Herr Kutsch, die Ruhe möge Ihnen vergönnt sein, bis zur nächsten Ausgabe von „Versnetze_14“.
Vielen Dank für dies Interview.

© 03.05.2020 brmu
Ein weiteres Interview mit Axel Kutsch finden Sie in FIXPOETRY.

 

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