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Hope&Koch können's doch!

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© 08.03.2018 foto brmu: Hope&Koch am Paradies

nicht der seelöwe war der star, sondern Ferdinand, der stier1in der langen zugabe des abends. der rezensent2 des Kölner Stadt-Anzeigers musste wohl schnell in die redaktion, denn man hat aufgrund seiner rezension den eindruck, dass er scheinbar nicht bis zum schluss der überaus bewegenden und das publikum von den sitzen reißenden zugabe anwesend war. wäre er doch geblieben.

beide begnadeten künstler, Daniel Hope als geigengenie und Sebastian Koch als meister des spielens und sprechens, haben sich dem geschriebenen wort gewidmet, ohne deren autorenschaften zu benennen. damit haben sie dem publikum die köpfe frei gemacht. etwa anhängender, bewusster oder unbewusster rezeptionsballast zu etwaigen namen entfiel.

ein anderer kritiker, der im berühmten 68er jahr des letzten jahrhunderts hart gegen den biographismus im literaturbetrieb gewettert hatte, hätte seine helle freude gehabt. seine parole war, der autor sei tot3, also unerheblich, sobald er/sie den text geliefert hätten, die leserschaft sei die entscheidende institution. denn in deren köpfen entfalte der text seine wirkung, immer wieder aufs neue.

Hope&Koch reichte es, die quellen nicht zu benennen. sie haben mit großer kunst den ausgewählten texten subtiles, bewegendes, berührendes leben eingehaucht durch angemessenes sprechen und pointiert begleitendes geige spielen und durch das arrangement. welch befreiende erfahrung für das publikum. es war hernach noch gespräch bei der garderobenausgabe.

guten texten wohnt eine sprachmelodie inne, die lyrik speziell soll sogar davon leben. solch eine melodie auf der bühne zu hören, das ist ein genuss. man merkte die resonanz in der direkten sitznachbarschaft. der rezensent saß wohl am rande.

indem beide künstler sich dem üblichen kult der lit.Cologne versagten, war die konzentration auf die texte mit den unterlegten oder begleitenden oder konterkarierenden geigentönen eine neue und belebende erfahrung für eine interessierte leserschaft.

der rezensent fragt, ob dies das paradies sei? ja, sage ich, das ist es! nämlich die befreiung von dem marketing-gedöns des allgegenwärtigen, weltweiten literaturbetriebs! insofern war es keine „gebaute“ veranstaltung, nichts gekünsteltes, sondern eine entbaute, eine befreite und befreidende! und das in dem beeindruckenden bau der renovierten Flora Köln.

möge die darbietung von Hope&Koch am 8. März 2018 mit dem titel „Paradies“ der beginn einer neuen konzentration auf die inhalte der texte in der welt sein. möge sie die leserschaft beflügeln, eigene entdeckungen in der welt der literatur zu machen.

© 09.03.2018 brmu

1 Munro Leaf, Ferdinand, der Stier, Diogenes 2006
2 Martin Oehlen, Dem Paradies fehlte nur noch ein Seelöwe, KSTA v. 9.3.2018
3 Roland Barthes, Der Tot des Autors, in: Fotis Jannidis et al. (Hrsg.), Texte zur Theorie der Autorenschaft, Reclam 2000 (bd.18058), seiten 185-193

 

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