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© 05.09.2019 brmu: leseort in der Kulturkapelle in Bergheim

Kulturkapelle. die St. Georgs-Kapelle an der Bergheimer fußgängerzone verspricht in ihrer funktion als „Kulturkapelle“, die besucher gleichsam heraus aus dem Alltagstrubel vor der Tür1 zu nehmen. das ist gelungen, denn zu beginn der veranstaltung mit dem motto „Wir sind so frei“ war gleich eine panne zu vermelden: einige der lesenden waren im berufsverkehr stecken geblieben. man behielt die versprochene ruhe.

Kay Löffler2 half gekonnt aus der bredouille, erklärte uns das problem und las dann eine passage aus seinem neuen buch über den Jakobsweg, ein werk, das sich heiter und nachdenklich mit der freiheit der selbsterkenntnisse befasst. man kann sich frei machen.

Marius Krämer3, junger vertreter des poetry slam, sprang locker und lässig als nächster ein. „Liebe oder nicht Liebe“, das war sein thema. er las ganz modern vom handy ab, er war fröhlich so frei.

und dann öffnete sich die pforte, die vermissten traten ein und der lyriker Rolf Polander führte uns nun mit wenigen worten durch das abwechslungsreiche programm.

Lars Röcher4, ebenfalls vertreter des poetry slam, befeuerte mit seinen sprachlich-rhythmischen vorträgen. er forderte, frei zu sein. eine ganz andere art, das feld zwischen lyrik und prosa zu beackern. der text „Philosophie“ befasst sich mit der freiheit des denkens.

Margit Hähner5 wählte zunächst das thema „Freiheit“ im kritischen, gesellschaftlich-politischen sinne. die damals hart umkämpfte volkszählung 1987 wurde mit der heutigen unbedenklichkeit der preisgabe persönlicher daten via internet vergleichen. sind wir durch das internet weniger frei? die zweite lesung betraf die freiheit der frauen. frau Hähner eröffnete mit der warnenden bemerkung, dass die folgenden begriffe wahrscheinlich „in diesen Räumen noch nicht ausgesprochen“ worden sind. und dann kam die verblüffung: eine sehr freizügige beschreibung des kaufes eines sex-gerätes und die damit verbundenen gedanken der käuferin. so frei sind wir!

Harald Gröhler6 ließ uns zum schluss teilhaben an gesprächen beim frisör, in der u-bahn, in Berlin, indem die aberwitzigsten selbstverteidigungsstrategien bei vordergründig ganz normalen bürger/innen als unnormale signale der angst vor „Einwandernden“ beschrieben werden. hier kippt die freiheit in neurotische beklemmung und wird wiederum zur bedrohung. wir sind so unfrei.

die zwei dutzend literaturfans in der Kulturkapelle kamen auf ihre kosten, auch wenn die organisation etwas gelitten hatte.

ich bin so frei, einen wunsch zu äußern: am ende wäre ein lockeres gespräch zwischen publikum und autorin und autoren über die stellung der literatur in sachen freiheit, die wir meinen, eine schöne abrundung gewesen.

© 07.09.2019 brmu
1 flyer der Kulturkapelle St. Georg in Bergheim, 2. Halbjahr 2019
2 Kay Löffler (Hrsg.), Die den Weg fanden, Engelsdorfer Verlag 2017
3 keine angaben zur quelle
4 text mit erlaubnis des autors im blog
5 keine angaben zu den quellen
6 Harald Gröhler, In Eile, im Mantel: Neue Stories, Epik 2018

 

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