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Kutsch in allen ehren

Kutsch EMR Lesung 180127

© 27.01.2018 foto brmu: M.H. Freude im Gespräch mit Axel Kutsch

der karneval lauerte bunt befrackt vor der tür des Hauses Löwenstein am Markt in Aachen. das getöne und gedröhne hat ein gutes halbes hundert lyrik-begeisterter aber nicht abgehalten, die ehrwürdigen hallen zu betreten und der veranstaltung des Literaturbüros Euregio Maas-Rhein (EMR) zu folgen.

geehrt wurde Axel Kutsch, ex-bürger von Aachen und jetzt wohnhaft in Bergheim, seines zeichens lyriker und passionierter anthologist für lyrik aus erster hand, jenseits des etablierten literaturbetriebes. neben seinen zahlreichen veröffentlichungen ist sein aktuelles, erfolgreiches konzept namens „Versnetze“, von dem litbiss berichtete, bereits zu zehn bänden angewaschsen.

dieser anlass bewog die EMR zu einer jubiläumsveranstaltung am 27. Januar d. j. einzuladen. das foto zeigt den moderator Manfred H. Freude (stehend) im gespräch mit Axel Kutsch. bevor es in medias res geht, werden lebensdaten und vorstellungen über das schreiben von lyrik ausgetauscht. Dann kommt Kutsch als erster zu worte und präsentiert uns gekonnt drei gedichte. von zeitloser präsenz aus Versnetze_zwei1 sei dieses mit erlaubnis des autors zitiert:

Als wir noch Könige hatten

Früher hatten auch wir Könige.
Sie standen zeitig auf,
um uns das Frühstück zu machen.
Danach putzten sie die Fußböden
unserer Paläste.
Mittags und abends trugen sie
in devoter Haltung die Speisen auf.
Sie trieben das Wild zusammen,
damit wir leichtes Spiel bei der Jagd hatten.
Manchmal steckten wir sie
aus nichtigem Anlaß in den Kerker.
Ihr Flehen und Jammern
konnte uns nicht erweichen.
Wenn das Land uns zu klein wurde,
schickten wir sie in den Krieg.
Sie waren immer für uns da.
Unsere Teller waren stets gut gefüllt,
auch wenn sie Hunger litten.
Wir trauern diesen Zeiten nach.
Wir vermissen unsere Könige.
Nicht mal der Pizzabote
kann sie uns ersetzen.

es folgen 14 autorinnen und autoren aus dem umfeld des Literaturbüros EMR, die sich in unterschiedlichem maße der lyrik verschrieben haben. ihnen ist gemeinsam, dass sie sich herzlich bei Kutsch für die tatsache bedanken, als lyrikfische in seine versnetze gefangen worden zu sein und dadurch eine gute chance der beteiligung am öffentlichen diskurs über lyrik erhalten zu haben. lyrik sei eine nischenkunst, meint Christoph Leisten als einer der vortragenden, in der die vernetzung wie in der versnetzereihe zwischen anerkanntem und neuem im mittelpunkt steht.

spontan szenischen applaus erhielt Jürgen Egyptien für sein gedicht „Hippie-end“ (VN7, 140), mit seiner subtilen erinnerung an vergangene alt-68er-zeiten: ,,, / Jerrys Zeit ist bald herum / er krümelt Shit in seinen Drum / süß umweht ihn der Afghane / hisst die weiße Geisterfahne / abends sinkt er stoned ins Bett / wartet auf den Greateful Dead.

Christoph Danne erzeugt resonanz bei den älteren im publikum mit seinem gedicht „müllers kuh“ (VN10, 118) „… /  fummeln wir an den etiketten der bierflaschen / bässe wummern in unseren bäuchen / und man denkt was / für ein weg bis hierher …“.

Sabine Schiffner gemahnt in ihrem gedicht „schreibschreib“ (VN8, 139) an den subtilen schreibprozess im augenblick der anschauung: mit unverständnis darauf reagiert die eine hand / und fasst mir an den kopf / während die andere fleißig / weiterschreibt. erfassen der welt, diese magisch abzubilden, das ist die kunst der lyrik, die resonanz bei der sensiblen leserschaft erzeugt.

diese drei nur angerissenen beispiele seien stellvertretend für alle genannt.
nur selbst dabei sein ist alles und gibt den vollen genuß.

© 28.01.2018 brmu
1 Axel Kutsch, Vernetze_zwei Deutschsprachige Lyrik der Gegenwart, Verlag Ralf Liebe 2009, s.182; abkürzung für Versnetze (VN, gefolgt von band-nr. und seitenzahl)

Hinweis: Der WDR5 hat Versnetze_zehn ebenfalls gewürdigt!

 

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